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17.12.2020

Serengeti darf nicht sterben

Bernard Grzimek: Zoodirektor, Naturfilmer und Tierschützer
Regie: Bernhard und Michael Grzimek
Deutschland 1959
Dokumentarische Form, 85 Minuten

Szenenbild aus "Serengeti darf nicht sterben" (© OKAPIA)


Die Rettung der Tierwelt und die Sensibilisierung der Menschen für die Bedrohung der Artenvielfalt waren stets Motivation für Bernhard Grzimeks Arbeit. Diese Anliegen werden bis heute von der ihm nahestehenden Stiftung "Hilfe für bedrohte Tiere" weitergeführt. Bereits im Mai 1945 war Grzimek zum Direktor des Zoologischen Gartens in Frankfurt am Main ernannt worden. Er unternahm mit seinem Sohn Michael Expeditionen, zum Beispiel 1954 in den Kongo, um Tiere für seinen Zoo zu fangen, aber auch um ihr Verhalten in freier Wildbahn zu studieren, mit dem Ziel die Gehege im Zoo artgerechter zu gestalten. Dabei entstand der Film "Savannen Erlebnis". Seit dem Zweiten Weltkrieg veränderten sich die Aufgaben der Zoos von der Präsentation von Wildtieren hin zur Züchtung bedrohter Tierarten. 1956 startete Bernhard Grzimek seine beliebte Sendung "Ein Platz für Tiere" im ARD-Fernsehen, die er bis in die 1980er-Jahre moderierte. Er wurde damit neben Heinz Sielmann, Hans Hass und Eugen Schuhmacher zum Botschafter für Tierschutz im neu aufgebauten öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Dr. Bernhard Grzimek in der TV-Sendung “Ein Platz für wilde Tiere." (© OKAPIA)


Mit seinem Sohn Michael gründete er 1954 die Filmproduktionsfirma Okapia. Die Grzimeks realisierten 1956 gemeinsam den Kinofilm "Kein Platz für wilde Tiere", der auf der Berlinale einen Goldenen Bären in der Kategorie langer Dokumentarfilm und den Publikumspreis gewann. Darin zeichneten sie die Entwicklung der Menschheit mit steigenden Bevölkerungszahlen ab 1800 nach. Auch Afrika werde mit Städten und Straßen erschlossen und der Lebensraum für die Wildtiere immer weiter eingeschränkt. Mit den Einnahmen aus dem Film wollten die Grzimeks Teile der Serengeti aufkaufen, was die damalige britische Verwaltung ablehnte. Der Direktor des Nationalparks bot ihnen aber an, die Serengeti wissenschaftlich zu untersuchen. Das war der Startpunkt für das Buch und den Film "Serengeti darf nicht sterben".

Der Film beginnt ikonisch mit dem Flug der beiden mit schwarz-weißen Zebrastreifen bemalten Maschine. Eine animierte Karte zeigt ihre Flugroute. Währenddessen erklärt Bernhard Grzimek mit ruhiger Stimme die Ziele der Expedition: Die Tierbestände der Serengeti sollen erfasst und das besondere Verhalten der Wildtiere in diesem Lebensraum untersucht werden. Für die wissenschaftliche Erforschung der Wanderrouten und die Zählung der großen Wildtiere war Michael Grzimek über ein Jahr vor Ort; die hierbei gesammelten Forschungsergebnisse sollten die Grundlage seiner Dissertation werden, die er aber nie fertigstellen kann, denn Michael Grzimek stirbt während der Expeditionsreise bei einem Flugzeugabsturz. Sein Vater, der ihn begleitet hatte, stellte den Film fertig und macht so die wissenschaftlichen Ergebnisse publik.

Neben den faszinierenden Luft- und Panoramaaufnahmen der Tierbeobachtung und -zählung bietet der Film dramaturgische Höhepunkte wie die Jagd nach Wilddieben, das Fangen von Zebras vom Jeep aus und die Jagd eines Löwenrudels auf ein Zebra – waghalsige Aktionen, bei denen Michael Grzimek nicht nur einmal verletzt wurde. Der einordnende Kommentar seines Vaters steht ganz in der Tradition der Reise- und Expeditionsfilme des frühen Kinos und deren literarischer Vorlagen. Er stilisiert den jungen Grzimek zum Abenteurer und Entdecker und schlägt vereinzelt kolonialistische Töne an, wenn er die Massai als ein "stolzes Volk" bezeichnet, dessen "Übermut" nur durch die Kolonialverwaltung hätte gedämpft werden können.

Die Naturfilmer Michael und Bernhard Grzimek mit Angehörigen der Volksgruppe der Massai. (© OKAPIA)


Die auf Emotion angelegte orchestrale Musik stammt wie schon bei "Kein Platz für wilde Tiere" von Wolfgang Zeller, der in den 1930er- und 1940er-Jahren zu den am besten beschäftigten Komponisten gehörte und auch Propagandafilme wie "Jud Süß" oder "Ewiger Wald" vertonte. Nach dem Krieg arbeitete er für die DEFA.

Im Mittelpunkt des Filmes steht aber eindeutig die wissenschaftliche Erfassung der Tierbestände. Die Grzimeks finden heraus, dass dort nicht – wie damals angenommen – über eine Million Großtiere leben, sondern nur 367.000. Mit farbigen Markierungen der Tiere können sie ihre Routen nachverfolgen und erfassen auch die Grasbestände in der Region. Damit erbringen sie den Beweis, dass die Grenzen des Naturschutzgebiets anders gezogen werden sollten als bis dahin geplant. Deutlich kritisiert "Serengeti darf nicht sterben" zudem den westlichen Safari-Tourismus mit Abschussgarantie: eine Praxis, die bis heute für Kontroversen sorgt.

In dem gleichnamigen Buch, das in hoher Auflage erschien (bis 1978: 835.000 Exemplare) und in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurde, schildert Bernard Grzimek unreflektiert und einseitig die deutsche Kolonialgeschichte in Afrika und verteidigt sie gegen Kritik. Zudem stellt der Kommentator im Film fest, dass sich die afrikanischen Länder über kurz oder lang selbst verwalten würden und deshalb schon vorher Schutzgebiete ausgewiesen werden sollten. Grzimek ging also davon aus, dass unabhängige afrikanische Staaten sich nicht um den Schutz der Natur kümmern würden. Die Serengeti sei ein Naturerbe, das auch deshalb von der internationalen Gemeinschaft geschützt werden müsse.

"Serengeti darf nicht sterben" (1959) wurde als erster deutscher Dokumentarfilm mit einem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet und gewann in dieser Kategorie einen Bundesfilmpreis in Silber. Er gilt bis heute – auch international – als Meilenstein des Tierfilms. Aber gerade durch seine langjährige deutsche Fernsehsendung "Ein Platz für Tiere" wurde Bernhard Grzimek in der Bundesrepublik zu einer Ikone des Natur- und Tierschutzes.

Quellen

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Kay Hoffmann für bpb.de

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Kay Hoffmann

Kay Hoffmann

Kay Hoffmann ist seit 2007 Studienleiter im Bereich Wissenschaft im Haus des Dokumentarfilms. Als freischaffender Filmpublizist arbeitet er seit 1982 unter anderem für die Fachzeitschriften Filmecho/Filmwoche und Film & TV Kamera.


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