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25.6.2012

Ein Schwimmbad ohne Wasser

Der Verein Jugend Architektur Stadt entwickelte mit Kindern und Jugendlichen Ideen und Entwürfe für die Umnutzung eines ehemaligen Schulschwimmbades. Die Entwürfe flossen in die Planungen der Stadt ein, und es entstand ein neuer Treffpunkt und Ort für Kultur- und Freizeitveranstaltungen.

Link zum Methodentext "Jugend Architektur Stadt e.V. – Baukulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche"

Das alte Schulschwimmbad Moosfelde wird ein Ort für Kinder und Jugendliche

Besichtigung des stillgelegten Schwimmbades zu Projektbeginn (© Jugend Architektur Stadt)

Wir verbringen den größten Teil unseres Lebens in einer gebauten Umgebung. Häuser, Straßen und Wege, Plätze und Parks und auch Schwimmbäder sind das gebaute Ergebnis von Planungen und Entscheidungen von Menschen. Und diese Räume haben einen direkten Einfluss auf unser Leben, unser Empfinden und unsere Möglichkeiten. Die Räume und Orte, in denen wir unser Leben verbringen, sind keine passiven Behälter. Sie werden durch unser Handeln direkt und indirekt geschaffen, beeinflusst und unterliegen einer ständigen Veränderung.

In den 1970er-Jahren entsteht vor der Stadt Arnsberg in Nordrhein-Westfalen eine neue Siedlung, um der stetig wachsenden Bevölkerung ein modernes Zuhause zu bieten. Neben dem Einkaufszentrum und einer Grundschule mit diversen Sportmöglichkeiten im Zentrum des neuen Stadtteils wird auch ein Schwimmbad gebaut. Im Jahr 2008, beinahe 40 Jahre später, steht das Einkaufzentrum leer und das Schwimmbad soll aus Kostengründen geschlossen werden.

Gebaute Umwelt mitgestalten

Um diesen Ort mit neuem Leben zu füllen, wollte die Stadt Arnsberg bisherige und auch neue Nutzerinnen und Nutzer mit in die Planungen einbeziehen. Bei einem Aktionstag werden schon im Jahr 2008 die Anwohner/-innen zu ihren Ideen und Wünschen befragt. Was jedoch noch fehlt, ist eine Beteiligung der Kinder und Jugendlichen, die den Ort schon zu diesem Zeitpunkt maßgeblich prägen.

Im direkten Umfeld sind eine Grundschule, ein Jugendtreff, ein Kindergarten sowie viele Spiel- und Sportmöglichkeiten zu finden, so dass Kinder in allen Altersklassen das Gelände täglich nutzen. Diese wichtige Nutzergruppe sollte nun mit ihren Ideen und Wünschen an der Umgestaltung mitwirken, damit hier - auch ohne Wasser - ein lebenswerter Ort entstehen kann.

Eine Werkstatt für Ideen

Im Jahr 2009 hat JAS - Jugend Architektur Stadt e.V. - den Auftrag bekommen, die jüngeren Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils mit in die Ideenfindung einzubeziehen. Zusammen mit über 60 Kindern und Jugendlichen wurde in verschiedenen Workshops geforscht und entworfen. An zwei Tagen haben die Kinder und Jugendlichen das Schwimmbad und die Umgebung erkundet, die eigenen Gewohnheiten, Schulwege, Lieblingsbeschäftigungen und Empfindungen kartiert und dargestellt, um dann daraus Ideen und Entwürfe zu entwickeln. Die Ergebnisse wurden in Form von Karten, Zeichnungen und Modellen dargestellt und am Ende der Öffentlichkeit präsentiert. Hierbei ging es um Funktionen wie Spiel- und Sportmöglichkeiten, eine Bühne, Proberäume, gemütliche Rückzugsmöglichkeiten, aber auch um die Erreichbarkeit von Angeboten und die Qualität und Atmosphäre von vorhandenen Orten.

Da sich die Notwendigkeit zeigte, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit eigenen Methoden und klaren Perspektiven in die Planungen mit einzubeziehen, gab es noch eine Abendveranstaltung im Jugendtreff. Vielmehr als um Ideen und Wünsche ging es hier um konkrete Perspektiven, die von den Jugendlichen auch hinterfragt und kritisiert wurden.

Abriss des Gebäudes (© Jugend Architektur Stadt)

Nachdem die Stadt Arnsberg die Ergebnisse der Workshops vorliegen hatte, wurden zusammen mit dem Quartiersmanagement Moosfelde die erarbeiteten Wünsche der Kinder und Jugendlichen mit den bestehenden Angeboten und Möglichkeiten verglichen. Es wurde so eine Strategie für den ganzen Stadtteil entwickelt, die die Zugänglichkeit und die Information über Angebote berücksichtigte. An der Stelle des Hallenbades sollte nun eine Freifläche entstehen, die die vorhandenen Strukturen ergänzt und verbindet.

Nachdem der Abriss des Gebäudes beschlossen war, wurde in einem weiteren Workshop die Situation noch einmal mit den Kindern und Jugendlichen diskutiert und die bisherigen Ergebnisse hinterfragt und weiterbearbeitet.

Ideen realisieren

Die Resultate wurden dann von JAS e.V. dokumentiert und der Stadt Arnsberg und den mit der Entwurfsarbeit beauftragten Planern als Grundlage zur Verfügung gestellt. In der darauf folgenden zweiten Phase konnten die nun zu verschiedenen Vorentwürfen weiterentwickelten Ideen noch einmal gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen diskutiert werden. Es wurden Verbesserungsvorschläge erarbeitet, damit diese in einer endgültigen Entwurfsversion berücksichtigt und die Realisierung von der Stadt Arnsberg in Angriff genommen werden konnte.

Willkommen in der Bucht

Einweihungsfest des neuen Begegnungsortes "Die Bucht“ im Juli 2011. (© Jugend Architektur Stadt)

Mit vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen wurde im Juli 2011 der fertiggestellte neue Treffpunkt für Moosfelde eröffnet. Im direkten Umfeld von Grundschule, Kindergarten, Sportanlagen, Jugendtreff und Ganztagsbetreuung ist ein Ort entstanden, der mit vielen Ideen einen Ersatz für das alte Lehrschwimmbecken Moosfelde bildet. In seiner Eröffnungsrede betonte Herr Vogel, Bürgermeister der Stadt Arnsberg, die Wichtigkeit der außerschulischen Orte als Orte des Lernens in Ergänzung zu den Schulräumen. Auf der neu gebauten Bühne im „Schwimmbad ohne Wasser“ spielte eine Band der Jugendlichen, und es sollen im Sommer noch Kinoveranstaltungen und weitere Konzerte und Theateraufführungen folgen. Dies soll nicht nur von Kindern und Jugendlichen genutzt werden, sondern Moosfeldern aller Generationen einen Mehrwert bieten.

In einem Wettbewerb wurde auch ein neuer Name für den Treffpunkt Moosfelde gefunden. Als erster Platz wurde unter vielen kreativen Vorschlägen der Name "Die Bucht" ausgewählt. Ein erstes Zeichen dafür, dass diese Bucht ein guter Ankerplatz für alle Moosfelder sein wird.

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Info

JAS – Jugend Architektur Stadt e.V.

Link zum Projekt:
http://www.jugend-architektur-stadt.de/index.php/nrw/ruhr/123-schwimmbad-ohne-wasser
http://www.arnsberg.de/stadtentwicklung/stadtumbau-west/lsb-moosfelde.php

Ablauf

Workshops: April bis Juni 2009
Eröffnung: 16. Juli 2011
Projektrahmen: Stadt Arnsberg, Stadtumbau West
Konzeption und Durchführung der Workshops: JAS – Jugend Architektur Stadt e.V.
Entwurfsplanung: Anne Jonderko, Landschaftsarchitektin AKNW & Sebastian Schlecht, Architekt AKNW

JAS – Jugend Architektur Stadt e.V. ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der baukulturellen Bildung von Kindern und Jugendlichen. JAS möchte Kindern und Jugendlichen Kreativität und Verantwortung im Umgang mit Stadt und Raum zu vermitteln, damit sie sich heute und als künftige Erwachsene aktiv in deren Gestaltung einbringen können.

Der Verein konzipiert und realisiert Workshops und Projekte für und mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam mit verschiedenen Partnern, darunter private und baukulturelle Initiativen, Schulen, Städte, Kommunen, diverse Institutionen, Bundesministerien sowie Unternehmen. Der Verein führt zudem Veranstaltungen und Fortbildungen für die (Fach-)Öffentlichkeit durch und versteht sich als Forum für Aktivitäten im Bereich der baukulturellen Bildung.

Sebastian Schlecht

Sebastian Schlecht

Sebastian Schlecht

Architekt AKNW, hat Architektur und Städtebau studiert. Er arbeitet bei der Stadt Essen als Projektleiter und engagiert sich im Vorstand von JAS - Jugend Architektur Stadt e.V. - für die baukulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen. Er vermittelt die baukulturellen Themen von JAS auch mit Vorträgen und Workshops an Erwachsene.


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