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23.11.2016

Abschlusspodium: Philosophieunterricht ab der Primarstufe — Eine Chance des frühen Austauschs von Wertevielfalt in der Einwanderungsgesellschaft?

Ein Beitrag zum Abschlusspodium "Konsequenzen für die Bildungspolitik"



Podiumsgäste:
Dr. Norbert Reichel (Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW)
Dr. Roland Henke (Fachverband Philosophie Nordrhein-Westfalen, unterrichtet Religion und Philosophie)
Prof. Dr. Michael Quante (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)
Dr. Christa Runtenberg (Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Gebiet: Philosophie in der Primarstufe)
Moderation: Thomas Krüger (Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb)

Jürgen Wiebicke und Thomas Krüger (© Ast/Jürgens)


Die phil.cologne hat 2016 neue Wege beschritten. Am 24. Mai 2016 fand die erste Fachtagung zum Thema "Philosophieren in Grund- und weiterführenden Schulen" statt. Geladen hatten der phil e.V. - Verein zur Förderung der Philosophie und die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb alle Interessierten, Pädagog/innen, Vermittler/innen, Eltern und Vertreter/innen aus der Bildungspolitik, um gemeinsam Potentiale des Philosophieunterrichts in Grund- und weiterführenden Schulen auszuloten.
Zum Abschlusspodium begrüßten Jürgen Wiebicke und Thomas Krüger, Präsident der bpb, Vertreter aus Politik, Philosophie und Wissenschaft, um zukünftigen Fragen und Thesen innerhalb des Komplexes Philosophie und Schule nachzugehen. Daneben waren aber auch die Teilnehmer/innen der Fachtagung eingeladen, sich aktiv am Dialog zu beteiligen.

Vorab stellte Krüger heraus, dass die Kooperationspartner phil e.V. und bpb ihr Engagement zu Stärkung der Philosophie als Unterrichtsfach und auch als Forum für kulturelle Bildung intensivieren möchten. Über die diesjährige phil.cologne hinaus ist aktuell im Online Dossier der bpb, unter http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/kulturelle-bildung/, ein erstes Modul eines Unterrichtsmaterials zum Philosophieren in der Grundschule für Lehrer/innen als Download verfügbar. Anhand kreativer Beispiele werden junge Menschen an komplexe Themen wie Zugehörigkeit und Gemeinsamkeit herangeführt. So hat z.B. der mexikanische Künstler Gabriel Orozco im öffentlichen Raum Fundstücke gesammelt, arrangiert und durch Kategorisierungen die ‚Ordnung der Dinge‘ abgeleitet. Auf diese Weise wird Philosophie praktisch erfahrbar. "Wir möchten einen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung junger Menschen leisten und verfolgen damit das Ziel einer nachhaltigen Bildung, die Philosophie als Reflexion der Welt auffasst." sagte Krüger.

Das von Krüger moderierte Podiumsgespräch begann mit folgenden Eingangsfragen:
"Über 2.600 Schüler/innen haben allein in diesem Jahr die Kinder- und Jugendveranstaltungen der phil.cologne besucht. Auch innerhalb der Schulpolitik sind Entwicklungen für den Philosophieunterricht wahrnehmbar – befindet sich Philosophie in einer Konjunktursituation? Wenn ja, worauf führen Sie dies zurück? Bestehen hier Zusammenhänge zu den allgemeinen politischen Veränderungsprozessen, zum Beispiel innerhalb der Flüchtlingsbewegung und der Frage nach Neuorientierung und Kontingenzbewältigungen?"

Runtenberg bejahte dies. Sie führt neben ihrer Tätigkeit an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ein Philosophisches Café und nimmt in diesem Kontext ein wachsendes Interesse an einer angewandten Philosophie wahr, die sich mit aktuellen Zeit- und Gesellschaftsfragen auseinandersetzt. Der Bedarf an Lernorten jenseits abgeschlossener elitärer Räume, in denen drängende Fragen diskutiert werden, sei riesig. Das Interesse sei generationenübergreifend, angefangen von dem ersten spielerischen Ausprobieren von kleinen Kindern bis zu reflektierten Auseinandersetzungen bei Erwachsenen. Unterstützend fügt Quante an, dass innerhalb gesellschaftlicher Orientierungsphasen die Philosophie neben anderen Sinnstiftungsanbietern gefordert wird. Gleichzeitig öffnet sich das Fach u.a. für interdisziplinäre Bereiche . Relevant in der gegenwärtigen Situation könnte beispielsweise die Vermittlung praktischer ‚Ethical literacy‘ sein, die es Menschen ermöglicht, Widersprüchlichkeiten zu integrieren, bei gleichzeitigem Verzicht auf Krisendenken oder Gewalt. "Philosophie ist hier eine Chance des friedlichen Streitens und Verhandelns". Zurückblickend auf die in den 1970er Jahren etablieren Praktiken innerhalb der gesellschaftswissenschaftlichen und insbesondere der sozialwissenschaftlichen Diskurse akzentuiert er, dass es hierbei um offene Prozesse und nicht um die Vorstellung, Philosophie müsse problemlösungsorientiert sein, gehen sollte. "Die Geisteswissenschaft und die Philosophie offerierten jeweils Angebote aber nicht konkrete Handlungsanweisungen", so Quante. Gerade im Umgang mit der Schuldenkrise oder Ressentiments gegenüber Zuwanderern sei Philosophie nicht unter Effizienzgesichtspunkten zu betrachten oder als Heilmittel zu verklären.

Thomas Krüger (© Ast/Jürgens)

"Ist Philosophie als vierte elementare Kulturtechnik, neben Lesen, Schreiben und Rechnen, anzusehen?" fragt Krüger nach.
Henke führt zurückblickend auf die letzten 20 Jahre an, dass sich junge Menschen weiterhin mit metaphysischen und praktisch ethischen Fragen beschäftigten. Geändert habe sich, dass die bisherigen "Antwortgeber", z.B. Kirchen und Politiker, von den Jugendlichen nicht mehr als ausreichend wahrgenommen würden. Philosophie stelle hier eine Alternative dar, da sie dem Wunsch nach partizipativem, aktivem Selberdenken mit Anregungen bestehender theoretischer Denkweisen entspreche.
Dass diese Ansätze recht verschieden sein können, sei an gegenwärtigen Philosophen wie Sloterdijk, Precht und Welzer deutlich zu erkennen, so Reichel. Hervorzuheben sei, dass trotz der vielen unterschiedlichen Denkansätze Philosophie Prozesse des aktiven Selberdenkens initiiere und nicht passiver Konsum sei. Es sei jedoch ein Irrtum anzunehmen, dass Philosophie automatisch Demokratie impliziere. Für die Schule präferiert er fächerübergreifenden Unterricht, um Denken aus verschiedenen Perspektiven zu fördern.

"Konkret auf die Schule bezogen: Gibt es spezielle Themen die von der Primarstufe bis hin zur Oberstufe mit Philosophie angesprochen werden könnten?"
Runtenberg nimmt an dieser Stelle noch einmal Bezug auf Philosophie als elementare Kulturtechnik und verweist methodisch auf den ‚Baum der Erkenntnis‘, der sich bereits ab der Grundschule einsetzen ließe. Zusammengesetzt aus einzelnen Erkenntnisstufen werden Reflexions- und Argumentationskompetenzen bis hin zum Erlernen von Deutungskompetenzen erworben. In NRW findet aktuell noch kein Philosophieunterricht in der Primarstufe statt. Thematisch stehen aber die Leitlinien ‚Ich und andere‘, ‚Tun und Lassen‘, ‚Rätselhaftes in der Welt‘ und der ‚Sinn des Lebens‘ zur Diskussion, die sich an Immanuel Kant orientieren. Insgesamt seien diese vier Oberthemen in den Leitlinien sehr offen formuliert, enthielten aber Vorschläge zur Ausgestaltung im Unterricht für die Lehrer/innen.
In den höheren Altersstufen, reichten die Themen von der Erkenntnistheorie über die Wissenschaftstheorie bis hin zur Ethik. Damit sei ein Großteil der Philosophie abgedeckt.

In Hinblick auf gewaltfreie Konfliktlösungen sei das Einüben elementarer Kulturtechniken so früh wie möglich notwendig, postulierte Quante. Für ihn sind weniger die Themen entscheidend, da sie sich flexibel an der Gegenwart ausrichten sollten. Resultierend daraus stellt er die Messbarkeit von Abschlüssen anhand festgelegter Curricula infrage. Nach seiner Argumentation gehe es beim Lernen am Beispiel der Philosophie um eine Art "diskursive Lebensform". Erfahrungen wie z.B. das Staunen, Argumentieren, Zweifeln und die eigene Sinnsuche schließen sich fundamentalen anthropologischen Fragen zur Lebensform an. Entscheidend seien Erfahrungen, die auf der Grundlage eines zwar ernsthaften, aber auch lustvollen Umgangs mit schwierigen Gegenständen und Phänomenen generiert werden können. Insgesamt stärkt er die Position des aktiven Selberdenkens. Wenig hält er von der Festlegung auf eine philosophische Denkschule, bspw. die Kants oder Poppers. Anliegen muss es sein, den Schüler/innen Wissen und Kulturkompetenzen durch Spaß zu vermitteln und sich selbst und die Umwelt kritisch zu hinterfragen.

Henke fügt an dieser Stelle aus schulpraktischer Sicht hinzu, dass beim Lehrplan innerhalb des Faches ‚praktische Philosophie‘ nicht von Themen gesprochen werde, vielmehr sei von ‚Fragenkreisen’ die Rede. Autor/innen bzw. bestimmte Philosoph/innen seien in Bezug auf Leistungsüberprüfungen nicht vorgegeben, ausgenommen bei zentralen Prüfungen. Inhaltlich gehe es im Vergleich zum Unterrichtsfach Ethik zusätzlich um Fragen der Metaphysik, um Wahrheit, Wirklichkeit und die Rolle der Medien — also um erkenntnistheoretische Fragen.

Daran anknüpfend spricht sich Runtenberg für sogenannte Lernziele aus. Unabhängig von dem Diskurs über Sinn und Unsinn gerechter Leistungsbewertungen der Schüler/innen, hält sie Kriterien, die Auskunft über den aktuellen Lernprozess geben, für sinnvoll. Weniger gehe es dabei um einen verbindlichen Lernkanon, als um ein ‚Zwischen‘ aus kulturell-historischem Wissen und einer engen Anbindung an die Gegenwart. Demnach sind neben der Vermittlung von Fachwissen genauso Kompetenzen wie beispielsweise Flexibilität, sprachliche Fähigkeiten in Ausdruck und Argumentation, analytisches Verständnis und emphatische Fähigkeiten für eine kritische Betrachtungsweise, kurzum die Reflexions- und Urteilsfähigkeit, gefragt.

"Wie kann man verhindern, dass Philosophie ein Fach der sogenannten Bildungseliten wird?"

Prof. Dr. Michael Quante und Dr. Roland Henke (© Ast/Jürgens)

Das Fach Philosophie richtet sich an alle Schüler/innen, so Reichel. Philosophie könnte als die Schnittstelle interdisziplinären Lernens fungieren, da die Fähigkeit zur Reflexion in jedem Fach gefragt ist. Zur Voraussetzung könne man diese Methodik bei den Lehrer/innen nicht machen, aber es wäre begrüßenswert, wenn möglichst viele Pädagog/innen philosophische Methoden auch in anderen Disziplinen anwenden würden. Hier könne man viel von anderen Ländern lernen.
Henke fasst dieses unter dem Leitgedanken "praktische Philosophie als Unterrichtsprinzip" zusammen. Aktuell werden Philosophiegrundkenntnisse innerhalb der Fachdidaktik vermittelt. Sinnvoll sei allerdings ein eigenständiger Bereich indem Lehrer/innen aller Fächer integriert werden, z.B. durch die Rückkehr zum Philosophicum. Besagte Praxis eines fächerübergreifenden Unterrichts entspreche der Alltagsrealität innerhalb der Gesellschaft, fügte Reichel an: "Gerade bei innovativen Projekten, in denen fächerübergreifende Projekte stattfinden, wird Gesellschaft zur Praxiserfahrung. Ich denke da beispielsweise an Veranstaltungen der historisch-politischen Bildung und der Erinnerungsarbeit."

Quante spricht sich darüber hinaus für einen dualen Weg des Philosophieunterrichts aus. Neben dem fächerübergreifenden Philosophieren sei die Expertise fachlicher Philosophielehrer/innen in einem eigenständigen Fach Philosophie notwendig. Er warne vor einer fachlichen Oberflächlichkeit. Vielmehr gehe es darum, durch klare Problemanalyse differenzierte, prägnante Ausdrucksmöglichkeiten zu fördern. Dies benötige Zeit und verlange daher ein eigenes Unterrichtsfach, das diesen Raum für Entwicklung bereithalte. Nur so könne aus pädagogischer und aus fachlicher Sicht Philosophie in Schule, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik ernstgenommen werden.

"Gibt es Auseinandersetzungen über den Alternativunterricht Religion oder Philosophie, die so in Konkurrenz zueinander gestellt werden? Sollte nicht von Seiten der Bildungspolitik die Belegung beider Fächer möglich sein? Ich verweise hier gedanklich auf Paul Feyerabend und seine kulturrelativistische Position. In diesem Sinne könnte Philosophie als Universalfach stehen, dass für Offenheit stehe und alle Schüler/innen unabhängig der Konfession und Identität zusammenbringt."
Aktuell gibt es hierzu keine Planungen von Seiten der Bildungspolitik, die eine Änderung vorsieht, teilt Reichel mit.

Dr. Norbert Reichel, Dr. Christa Runtenberg, Prof. Dr. Michael Quante, Dr. Roland Henkel, Thomas Krüger (© Ast/Jürgens)

Runtenberg stärkt hier die Position für Philosophie als Grundschulfach, solange weiterhin das Konzept Fachunterricht praktiziert werde. Konkret fordert sie Ressourcen für Philosophie als Alternativfach bereitzustellen und nicht als Ersatzfach für den Religionsunterricht. Das bedeutet, dass das Lehramtsstudium an den Universitäten flexibler gestaltet werden müsse, in Hinblick auf Austausch mit den Schulen aber auch innerhalb der Fachdisziplinen. Kurze Kommunikationswege zwischen Politik, Schule und Universität sind hier gefragt um eine Anbindung zwischen Theorie und Praxis zu gewährleisten, fügt Quante an.

Krüger wendet sich diesbezüglich an Reichel, als bildungspolitischen Stellvertreter der Runde. Er fragt danach, wie Strukturen durchlässiger miteinander arbeiten können.
Reichel antwortet, dass seit dem Hochschulfreiheitsgesetz der Legislaturperiode 2005/2010 die Universität ein selbständiges System ist. Ab der zweiten Phase der Lehrerausbildung, also die Zeit nach dem Studium und bei der Fortbildung, habe das Ministerium für Schule und Weiterbildung einen Einfluss. Innerhalb der Fortbildung ist aktuell ein Programm für historisch-politische Bildung mit zwei Schwerpunkten in der Vorbereitung. Ein Schwerpunkt liegt bei der Erinnerungskultur. Hier werden Bündnisse mit außerschulischen Bildungspartnern und Gedenkstätten eingegangen. Der zweite Schwerpunkt heißt "Schulkultur entwickeln – Demokratie gestalten". Dieser Komplex befasst sich mit Vielfalt bzw. Verschiedenheit. Projekte wie Schule ohne Rassismus, Schule der Vielfalt oder Schule gegen Homophobie seien hier zu nennen. Philosophische Auseinandersetzungen sind hier erwünscht. Auch wenn einige Konzepte noch in der Planung sind, so zeigten die Schulen bereits ein sehr großes Interesse. Ziel sei eine nachhaltige Implementierung. So sähen das auch die Schulen und wollten über den Stundenplan hinaus einen Mehrwert schaffen.

Der Themenkomplex Interkultur und Inklusion sei weiterhin in der Fortbildung ein großes Feld und werde in den nächsten Jahren an Bedeutung hinzugewinnen. Mit Verweis auf Helmut Schmidt, der sagte "Wir können die Welt nicht missionieren", sei die Schnittstelle aus Wertepluralität und verbindlichen Werten für ein respektvolles Zusammenleben stets zu hinterfragen. Die Fähigkeit, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, sei hier der erste Baustein und als philosophischer Akt zu beschreiben. Krüger hält fest, dass kulturelle Vielfalt und die dazugehörigen verschiedenen ethischen Denkens- und Glaubensfragen, aktueller denn je Räume der Reflexion benötigen. Bereits ab der Grundschule kann Philosophie hier einer der möglichen Denkräume sein.

Stina Freund
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