zurück 
19.3.2015

Porträt: Wolfgang Hilligen

Hunger, Unterdrückung und Vernichtung als existenzielle Erfahrungen können als Beweggrund für die Didaktik Wolfgang Hilligens (1916 – 2003) verstanden werden. Aus seiner Sicht beginnt politisches Lernen bei der Auseinandersetzung mit fundamentalen Problemen menschlichen Daseins. Hilligen gilt entsprechend als Stichwortgeber für das didaktische Prinzip der Problemorientierung.

Wolfgang Hilligen (© Privatfoto (siehe Redaktion))

Wolfgang Hilligen wählte schon 1971 den Unterrichtsgegenstand "Müll" (George/ Hilligen 1971, S. 7-16), als das Problem der Umweltzerstörung in Gesellschaft und Politik der Bundesrepublik noch kaum als bedeutsam erkannt wurde. Wie lässt ich diese Weitsicht verstehen?

Hilligen war 1916 geboren worden und gehörte – so seine eigenen Worte – zum "Ausblutejahrgang" (Hilligen/ Grammes, Gespräch 2001, S. 13). Von den 28 Abiturienten seiner Klasse waren nur 11 aus dem zweiten Weltkrieg zurückgekommen. Er selbst verbrachte neuneinhalb Jahre als Soldat und wurde mehrfach verwundet. Nach dem Abitur konnte Hilligen, der in einem Lehrerhaus aufgewachsen war, nur kurze zwei Semester studieren und eine Unterrichtserlaubnis erwerben, die eine Basis für seine späteren Lehr-, Forschungs- und Schulaufsichtstätigkeiten war.

Die Wucht der existenziellen Erfahrungen von Hunger, Unterdrückung und Vernichtung kann als Motor für Hilligens didaktisches Denken verstanden werden. Er suchte Lerninhalte, die wegen ihrer allgemeinen Bedeutung für das Leben der Menschen fundamental sind, die also für Überleben im Sinne der physischen Existenz und für gutes Leben im Sinne menschenwürdigen Lebens entscheidend sind und sein werden. Zentrale Gefährdungen und Herausforderungen sah Hilligen in der Interdependenz, der Massenproduktion, den Massenvernichtungsmitteln, der Umweltzerstörung und den medialen Erfahrungen. Herausforderungen stellen, so Hilligen, Aufforderungen zum Handeln dar, sie bergen also nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen für ihre Bewältigung (Hilligen 1985).

Solche fundamentalen Probleme, deren genauere Formulierungen sich mit der Zeit ändern, sind für Hilligen die bevorzugten Lerngegenstände. Auf ihre Bearbeitung komme es im Unterricht an. Normativ wird diese Bearbeitung von drei Optionen geleitet, die das Ziel des menschenwürdigen Lebens ausfalten: Optiert wird für die Wahrung der personalen Grundrechte, für die Überwindung sozialer Ungleichheiten und für die Möglichkeiten von Alternativen. Diese Optionen sind Leitlinien, deren Konkretisierungen jeweils umstritten sein können.

Hilligens Antworten auf seine didaktischen Fragen nach dem Was? und dem Wozu? der politischen Bildung sind von ihm selbst ausführlich erläutert und weithin rezipiert worden. Seine Antwort nach dem Wie? des Unterrichts ist erst allmählich zu einer Unterrichtsmethode zugespitzt worden. Der der Problemorientierung zuzuordnende Lernweg der Problemstudie wird in seinen Schulbüchern zwar seit 1971 angedeutet, bleibt aber in seiner Didaktik undeutlich oder beiläufig. Erst Walter Gagel hat die Andeutungen zu einem "Methodenkasten" für den Unterricht geklärt (Gagel 1991). Die Schritte in dem Lernweg sind: 1. Worin besteht das Problem? 2. Wie ist das Problem entstanden? 3. Wessen Interessen werden durch das Problem berührt? 4. Welche Lösungen des Problems sind denkbar/möglich? 5. Welche Bedeutung haben die Lösungen für ...? Diese Methode der "Problemstudie" ist inzwischen vielfach erprobt und kann als bewährt gelten.

Die vierte "grundlegende Frage" in Hilligens Didaktik ist die nach dem Kommunikationsstil. (Anm. 5) Zwei Quellen der Erfahrung haben ihn stark beeinflusst: die Beobachtung und Beschreibung von ca. 700 Unterrichtsstunden und die Erfahrung als Kind, wie sein Vater, ein Gaudig-Schüler, unterrichtete (Hilligen/ Grammes 2001, S. 19). Das oftmals zentrale Defizit im Unterricht sei das übliche Erarbeitungsmuster, bei dem "der Lehrer redet und fragt". Bei diesem "Totreden der Schüler" werde den Schülern nichts "in die Hand" gegeben, "was sie weiterführen könnte". Ganz anders Hilligens Vater, der "es verstand, Lernende zum Sprechen zu bringen". Hilligens methodische Hinweise lesen sich wie eine moderne Anleitung für guten Unterricht : 1. Nicht an Begriffen, sondern an Gegenständen arbeiten! 2. Klare, ergiebige Arbeitsaufträge erteilen! 3. Arbeitstechniken, Denkanstöße, kategoriale Fragen einüben und Kooperationen fördern! 4. Zeit lassen! 5. Fehler nicht zu schnell korrigieren! 6. Kontroversen aufgreifen (und nicht wegwischen)! 7. Den Grad der Schwierigkeit differenzieren! (Hilligen 1985, S. 216).

Wolfgang Hilligen hat alle zentralen Fragen (Warum? Was? Wie? Welche Kommunikation?) gestellt und auf dem Hintergrund systematisierter Erfahrungen so beantwortet, dass seine Didaktik wichtig bleiben wird. Sie steht für das fachdidaktische Prinzip der Problemorientierung mit der Problemstudie als Methode für den Unterricht.

Der Text wurde übernommen aus dem Band: Wolfgang Sander / Peter Steinbach, Politische Bildung in Deutschland. Profile, Personen, Institutionen, Bonn 2014. Erschienen in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 1449.
http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/187102/politische-bildung-in-deutschland

Literatur

Walter Gagel, Drei didaktische Konzeptionen: Giesecke, Hilligen, Schmiederer, Schwalbach/Ts. 1991.

Siegfried George/ Wolfgang Hilligen, sehen – beurteilen – handeln, 5./6. Schuljahr, Frankfurt/M. 1971.

Wolfgang Hilligen, Zur Didaktik des politischen Unterrichts, Opladen 1985.

Wolfgang Hilligen/ Tilman Grammes, Gespräch am 7.7.2000, Marburger Lehrkunst-Werkstattbriefe, Sonderheft 2001, Herausgegeben von Hans Christoph Berg und Tilman Grammes.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Sibylle Reinhardt für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Sibylle Reinhardt

Sibylle Reinhardt

Dr. Sibylle Reinhardt, Studium der Soziologie, Politologie, Germanistik und anderer Fächer hauptsächlich in Frankfurt am Main. Forschungs- und Lehrtätigkeiten an verschiedenen Schulen und Universitäten. 1994-2006 Professorin für Didaktik der Sozialkunde im Institut für Politikwissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Mit-Herausgeberin der Zeitschrift "Gesellschaft - Wirtschaft - Politik“


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln