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9.9.2013

Herausforderung: Heterogenität

In unseren Bildungseinrichtungen lernen Mädchen und Jungen mit unterschiedlichen Leistungsmöglichkeiten, aus unterschiedlichen Schichten und Ländern, Menschen mit Behinderungen, Jüngere und Ältere. Wie kann Unterricht dieser Vielfalt besser gerecht werden?

Erstklässler in NRW (© dpa)


Die inklusive Schule als Gegenmodell zum gegliederten Schulsystem



In Schulen, Kindertageseinrichtungen und anderen pädagogischen Arbeitsfeldern macht das Modell der Inklusion ein Angebot, in dem die Gleichheit und die Freiheit der verschiedenen Lernenden solidarisch berücksichtigt werden sollen. Es geht dabei nicht "nur", wie vielfach angenommen, um das Einbeziehen von Menschen mit Behinderungen in die Regelschule. Betont wird vielmehr die Individualität jeder Person, unabhängig vom Geschlecht, vom kulturellen Hintergrund oder von der sozialen Schicht. Alle Kinder und Jugendlichen besuchen in diesem Modell gemeinsam ihre wohnortnahe Kita und Schule. In den inklusiven Gruppen und Schulklassen wird ein individualisierendes pädagogisches Angebot bereitgestellt.

Die inklusive Schule mit ihren heterogenen Lerngruppen bildet das Gegenmodell zum in Deutschland vorherrschenden gegliederten Schulsystem, in dem Lernende frühzeitig auf unterschiedliche Schulformen aufgeteilt werden (dazu gehören die Hauptschule, die Realschule, das Gymnasium sowie elf Sonderschularten). Mit dieser Aufteilung der Lernenden soll Heterogenität gerade vermieden werden: Im gegliederten Schulsystem werden "homogene Lerngruppen" angestrebt, in denen die Schülerinnen und Schüler jeweils als Gleiche angesprochen werden und auf gleichem Niveau das Gleiche lernen sollen. Hinzu kommen weitere "sortierende" Maßnahmen": Zurückstellungen am Schulanfang, Sitzenbleiben, Abschulungen und die Bildung von Leistungsniveaukursen.

Die Idee, dass Kinder eine früh feststehende Begabung haben (etwa eine eher praktische oder theoretische) und für einen bestimmten Bildungs- und Lebensweg bestimmt sind, entstammt der vordemokratischen Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts, in der unser Schulsystem entstand.[1] Hier dienten die Schulen dazu, Kinder für das Leben in dem Stand zu erziehen, in den sie hineingeboren worden waren. Die Vorstellung feststehender Begabungen wirkt in Deutschland bis heute nach und viele einflussreiche Gruppen sind vom Lernen im dreigliedrigen (um die Sonderschule einzubeziehen besser gesagt: im viergliedrigen) Schulsystem nach wie vor überzeugt.

In der Geschichte hat es international schon früh die Vorstellung gegeben, dass alle Kinder gemeinsam in einer Schule lernen sollten. Zwar führten entsprechende Forderungen in der ersten Demokratie auf deutschem Boden, der Weimarer Republik, zur Einführung der Grundschule als gemeinsame Schule für fast alle Kinder während der ersten vier (in machen Bundesländern sechs) Schuljahre. Darüber hinausgehende Forderungen konnten sich jedoch auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht durchsetzen. Auch in anderen Industrienationen – etwa in Russland, England, Schweden oder Finnland – gab es lange ständisch gegliederte Schulen. Doch im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden fast überall integrativere Bildungssysteme eingerichtet (die man in Deutschland vor allem unter der Bezeichnung "Einheitsschule" kennt). Mit der sehr frühen Aufteilung der Kinder auf ungleiche Schulformen stellt Deutschland heute international eine Ausnahme dar.[2] Dieser "deutsche Sonderweg" wird seit Jahrzehnten immer wieder kritisiert, nicht zuletzt weil Bildungserfolg und soziale Herkunft hier besonders stark zusammenhängen.

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Infobox

Die Kritik am gegliederten Schulsystem

Die Argumente gegen das gegliederte Schulsystem mit seinen gleichschrittig lernenden, homogen gedachten Schulklassen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:[1]
  • Es ist grundsätzlich nicht möglich, homogene Lerngruppen zu bilden, weil sich die Lernenden stets unterscheiden: Der gleichschrittig geführte Unterricht verfehlt gleichermaßen die schneller und die langsamer lernenden Schülerinnen und Schüler. Maßnahmen wie Zurückstellung, Sitzenbleiben, Abschulung und Überspringen von Klassen lassen außer Acht, dass Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Fächern unterschiedliche Leistungsstände aufweisen.
  • Das gegliederte Schulsystem verzichtet weitgehend auf individuelle Förderung und produziert daher eine große Zahl von "Bildungsverlierern". Da es Lernrückstände von Kindern aus weniger privilegierten Elternhäusern nicht ausgleicht, reproduziert es unter dem "Deckmantel der Leistungsgerechtigkeit" die bestehende soziale Schichtung. Im Lehrerhandeln zeigen sich nicht selten Vorurteile über die Leistungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern, sodass es an objektiven Leistungsbeurteilungen vor allem bei den Übergangsempfehlungen fehlt.
  • Die Zuweisung zu einer bestimmten Schulform führt dazu, dass die Lernenden ihr Selbstbild danach ausrichten und so entmutigt oder ermutigt werden, je nachdem auf welche Schulform sie überwiesen werden. Die Vorstellung, es gebe den "schlechten Schüler" ist kinderfeindlich und schädlich für die psychosoziale und kognitive Entwicklung.
  • Das gegliederte Schulsystem widerspricht unserer demokratischen Verfassung und den Menschenrechten, weil es die Verwirklichung von Chancengleichheit und die Einlösung des Rechts auf Bildung beeinträchtigt. Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die 2009 in Deutschland in Kraft getreten ist, fordert inklusive Bildung (Artikel 24) und steht damit im Gegensatz zum gegliederten Schulsystem.


Fußnoten

  1. Solga, Heike (2005): Ohne Abschluss in die Bildungsgesellschaft. Die Erwerbschancen gering qualifizierter Personen aus soziologischer und ökonomischer Perspektive. Opladen: Barbara Budrich. Klemm, Klaus / Preuss-Lausitz, Ulf (2011): Auf dem Weg zur schulischen Inklusion in Nordrhein-Westfalen. Empfehlungen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Bereich der allgemeinen Schulen. Essen und Berlin. URL: http://www.bug-nrw.de/cms/upload/pdf/NRW_Inklusionskonzept_2011__-_neue_Version_08_07_11.pdf (letzter Zugriff: 19.3.2013).

Möglichkeiten der inklusiven Schule



Skandinavische Länder mit ihren Einheitsschulsystemen schneiden bei internationalen Schuluntersuchungen wie PISA gut ab und verdeutlichen damit, dass individuelle Förderung in heterogenen Lerngruppen die Bildungsungleichheit zwischen den Schichten verringern und den einzelnen Kindern und Jugendlichen bessere Schulleistungen ermöglichen kann. Allerdings führt inklusive Pädagogik nicht dazu und strebt es auch nicht an, dass alle Lernenden den gleichen Leistungsstand erreichen. Es geht vielmehr darum, dass jede Schülerin und jeder Schüler in seiner Einzigartigkeit anerkannt wird, dass jeder individuell bestmögliche Leistungen erreicht, dass niemand als "schlechter Schüler" abgestempelt wird, dass jeder Mitglied der Schulgemeinschaft ist und dass niemand Angst haben muss, in eine andere Schule überwiesen zu werden. Vor diesem Hintergrund müssen sich alle damit auseinandersetzen, dass es Leistungshierarchien gibt, dass also in bestimmten Bereichen einige mehr und andere weniger können und dass dies beim Übergang in die Ausbildung und ins Berufsleben auch Folgen hat. In der Sprache der Wissenschaft formuliert: Die Sozialisations- und die Qualifikationsleistungen der Schule werden im inklusiven Modell verbessert, die Selektionsfunktion der Schule wird aber nicht außer Kraft gesetzt. Die destruktive, kinder- und leistungsfeindliche Form der Selektion, die wir in unserem gegliederten Schulsystem erleben, wird jedoch durch einen humaneren und demokratischeren Umgang mit Leistungsdifferenzen ersetzt. Jedes Kind, jeder Jugendliche soll erleben, dass alle gleichermaßen in ihrer Würde anerkannt werden, dass alle gleichermaßen gefördert werden, auch wenn sie unterschiedliche Kompetenzen erreichen.[3]

Inklusive Schulentwicklung in Deutschland



In jüngster Zeit wurden in vielen Bundesländern verschiedene Ansätze entwickelt, die zwar nicht flächendeckend, aber punktuell umgesetzt werden und in eine integrativere Richtung weisen: Bei der Einschulung werden die Kinder eines Jahrgangs ohne Tests und Zurückstellungen ins erste Schuljahr aufgenommen. Haupt- und Realschulen werden unter verschiedenen Namen wie zum Beispiel Gemeinschaftsschulen oder Oberschulen zusammengelegt. Sitzenbleiben und Abschulungen sollen reduziert werden. Der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung breitet sich langsam aus; während deutschlandweit heute durchschnittlich 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit Behinderung eine Regelschule besuchen, sind es in Schleswig-Holstein inzwischen ca. 50 Prozent. Diese Ansätze sind umstritten und stellen das herrschende Modell der schulischen Selektion bisher nicht grundlegend infrage. Doch in allen Bundesländern gibt es einzelne Schulen, die sich erfolgreich der individuellen Förderung und der Partizipation der Kinder und Jugendlichen widmen. Solche Schulen sind oft Preisträger, zum Beispiel des "Deutschen Schulpreises", des "Jakob Muth-Preises für inklusive Schule" oder des "Cornelsen Stiftungspreises Zukunft Schule"[4], und erhalten in Schulvisitationen gute Bewertungen.

Unterricht in heterogenen Lerngruppen



Formen und Möglichkeiten des binnendifferenzierenden Unterrichts werden seit Langem erfolgreich entwickelt und erprobt. Die schon in der Reformpädagogik seit Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen didaktischen Methoden der Freiarbeit und der Projektarbeit dienen dazu, dass jede und jeder einen passenden Lernweg finden kann. Dabei sind für heterogene Lerngruppen zwei Lernziele besonders wichtig: Zum einen sollen von Erwachsenen verbindlich festgelegte Kompetenzen in wichtigen Kulturtechniken (wie Lesen, Schreiben, Rechnen und andere) erworben werden. Dazu müssen die Aufgaben und Lernmaterialien von den elementarsten Stufen an so aufgefächert werden, dass ausnahmslos jeder Schülerin und jedem Schüler entsprechend seiner individuellen Lernausgangslage ein angemessener Zugang zu den Kulturtechniken ermöglicht wird. Zum anderen sollen eigene, für die Erwachsenen zunächst unbekannte, Themen und Interessen der Kinder und Jugendlichen bearbeitet werden. Dazu werden den Lernenden zeitliche Freiräume eröffnet, in denen sie sich mit selbstgestellten Fragen auseinandersetzen können.

Wenn alle Kinder gemeinsam die heterogenen Lerngruppen in inklusiven Einrichtungen und Schulen besuchen, sollen sie schließlich auch lernen, sich selbst und andere zu achten und für die eigenen Rechte und die Rechte der anderen einzutreten. Organisationen und Initiativen, die diesem Ziel verpflichtet sind, zeigen das häufig in Bildmaterialien, welche die Verschiedenheit und Gemeinsamkeit der Kinder betonen. So zeigen entsprechende Kitas und Schulen häufig Fotos aller Kinder in den Gruppen- oder Klassenräumen, im Eingangsbereich finden sich Begrüßungsformeln in allen Herkunftssprachen der Kinder.

Für die Aus- und Fortbildung von Lehrern und pädagogischen Fachkräften wurden Anleitungen mit Bausteinen aus theoretischen Grundlagen und praxisnahen Übungen erarbeitet, die eine Einführung in das komplexe Thema Heterogenität ermöglichen.[5] Gleichwohl gibt es immer noch viele Pädagoginnen und Pädagogen in schulischen und außerschulischen Arbeitsfeldern, bildungspolitische Entscheidungsträger und Eltern, die der inklusiven Pädagogik skeptisch gegenüberstehen und sich nicht vorstellen können, wie Lernen in heterogenen Gruppen funktionieren kann. Darum sind wissenschaftliche Untersuchungen zu den Möglichkeiten von flächendeckenden Unterrichtsreformen sowie Aufklärung und Fortbildung erforderlich. Dokumentarfilme geben Einblicke in den Alltag des Lernens in heterogenen Lerngruppen.[6] Sie zeigen, dass zahlreiche Kitas und Schulen erfolgreiche Modelle entwickelt haben, die Heterogenität beachten und wertschätzen. Sie bilden zwar keine heile Welt, denn auch hier arbeiten und lernen Menschen mit Stärken und Schwächen, aber es gelingt ihnen, in vielen Schritten zur Demokratisierung des Lernens beizutragen.

Heterogenität als Herausforderung für demokratische Gesellschaften

Der Begriff "Heterogenität" taucht in vielen gesellschaftlichen Debatten auf, etwa wenn über unterschiedliche Lebensweisen und Milieus, über Zuwanderung und Integration oder über Herausforderungen im Bildungswesen diskutiert wird. Politiker, Medien, Wissenschaftler, Bürgerrechtler und vielen andere verwenden den Begriff allgemein, um auf die die Unterschiedlichkeit der Menschen aufmerksam zu machen, die in unserer pluralistischen Gesellschaft zusammenleben. Doch was genau heißt eigentlich "Heterogenität"? Wodurch zeichnen sich heterogene Gruppen aus und was haben sie mit sozialen Bewegungen zu tun?
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Autor: Annedore Prengel für bpb.de
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Fußnoten

1.
Kuhlemann, Frank-Michael (1992): Modernisierung und Disziplinierung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
2.
Susanne Wiborg (2010): Why is there no comprehensive education in Germany? A historical explanation. In: History of Education: Journal oft he History of Education Socielty, 39:4, S. 539-556.
3.
Prengel, Annedore (2002): "»Ohne Angst verschieden sein?« – Mehrperspektivistische Anerkennung von Schulleistungen in einer Pädagogik der Vielfalt." In: Hafeneger, Benno / Henkenborg, Peter / Scherr, Albert (Hg.): Pädagogik der Anerkennung – Grundlagen, Konzepte, Praxisfelder. Schwalbach/Taunus: Wochenschauverlag, S. 203-221.
4.
Der deutsche Schulpreis, http://schulpreis.bosch-stiftung.de/content/language1/html/index.asp , Jakob Muth-Preis für inklusive Schule, http://www.jakobmuthpreis.de/, Cornelsen Stiftungspreis Zukunft Schule, http://www.stiftungspreis-zukunft-schule.de/wettbewerb/ (abgerufen 1.3.2013).
5.
Vgl. zum Beispiel: Uwe Sielert, Katrin Jaenecke et al. (2009): Kompetenztraining "Pädagogik der Vielfalt" Grundlagen und Praxismaterialien zu Differenzverhältnissen, Selbstreflexion und Anerkennung. Weinheim.
6.
Siegert, Hubertus (2004): Klassenleben – Dokumentarfilm Flämingschule Berlin; Wenders, Hella (2012): Berg Fidel – Eine Schule für Alle. Dokumentarfilm Schule Berg Fidel Münster.

Annedore Prengel

Annedore Prengel

Annedore Prengel

Prof. Dr. Annedore Prengel, emeritiert, Universität Potsdam. Schwerpunkte: Heterogenität in der Bildung, Menschenrechtsbildung, Lehrer-Schüler-Beziehungen, Pädagogische Diagnostik, Inklusion in Kita und Schule, Qualitative Forschungsmethoden. In Kürze erscheint von ihr "Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz", Verlag Barbara Budrich Opladen/Farmington Hills 2013. (Foto: Karla Fritze)


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