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3.5.2013

Individuelle Förderung:
Gestaltungsmöglichkeiten

Wie lässt sich der Anspruch auf Individuelle Förderung einlösen? Welche Ziele, Strategien und Maßnahmen gibt es? Welche Schwierigkeiten treten bei der Umsetzung auf und was kann man daraus für die Gestaltung der Individuellen Förderung an Schulen lernen?

Einer von Vielen. Dieser Viertklässler meldet sich im Unterricht. (© picture alliance/ ZB)


Grundsätzliche Herausforderungen für Individuelle Förderung in der Schule



Zwar gehört es zum Kernanliegen von Schule und von Lehrkräften, Schülerinnen und Schüler optimal zu fördern. Dass diese Förderung aber individuell, also im Idealfall auf jeden Einzelnen zugeschnitten sein soll, steht im Widerspruch zur jetzigen Organisation der Schule. Lernen findet hier in der Regel in größeren Gruppen und nicht als Einzelunterricht statt, was auf eine erste Herausforderung verweist, nämlich auf die vorhandenen Kapazitäten: Wie viel Aufmerksamkeit für den Einzelnen lässt sich überhaupt leisten? Oder allgemeiner: Wie viel Förderung ist in einer Institution möglich, in der Massenlernprozesse zu organisieren sind? Wie viele Personen mit welchen Kompetenzen, welche Lehrmittel, welche Zeiten, welche Räume stehen zur Verfügung?

Eine zweite zentrale Herausforderung ergibt sich aus der Frage, wie sich die Förderstrategien und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Lernenden miteinander in Einklang bringen lassen. Es geht ja nicht einfach um mehr Förderung. Die Grundidee besteht vielmehr darin, die Lern- und Unterstützungsangebote passgenau auf den einzelnen Schüler abzustimmen. Dies setzt kontinuierliche Diagnosen voraus, die den jeweiligen Lernstand erfassen.

Inzwischen gibt es viele Instrumente für solche Diagnosen sowie zahlreiche Empfehlungen für Methoden und Konzepte, um Unterrichtsprozesse im Sinne Individueller Förderung zu gestalten (Siehe etwa hier: http://www.foerdern-individuell.de oder hier: http://www.zukunftsschulen-nrw.de). Klieme und Warwas (2011) unterscheiden grundsätzlich: Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, den Anspruch auf Individuelle Förderung allein an die einzelne Lehrkraft zu delegieren oder nur auf den Unterricht als Handlungsebene zu setzen. Zum einen reicht die zur Verfügung stehende und durch den Lehrplan strukturierte Unterrichtszeit keineswegs aus, um die vielfältigen Facetten und Formen von Förderung angemessen abzudecken. Denn Förderung kann: Zum anderen werden die Handlungsspielräume für Individuelle Förderung durch äußere Vorgaben (wie 45-Minuten-Takt, Einsatz von Fachlehrern mit nur jeweils wenigen Stunden in vielen Klassen, Klassengröße) beeinflusst und begrenzt, und zwar bis weit in die Unterrichtsgestaltung hinein. Grundsätzlicher formuliert: Da die Organisation der Schule eine Berücksichtung individueller Bedürfnisse bislang eher verhindert, müssen auch die organisatorischen Bedingungen geändert werden, um Strategien für Individuelle Förderung überhaupt zu ermöglichen und abzusichern.

Die Einzelschule als Gestaltungsebene für Individuelle Förderung



Mit Blick auf die genannten Herausforderungen ist es folgerichtig, dass die aktuellen Reformstrategien bei der Einzelschule ansetzen und Individuelle Förderung als eine Leitidee für eine umfassende Schul- und Unterrichtsentwicklung ausweisen. Für die in vielen Bundesländern mittlerweile verankerten Reformansätze ist dabei zweierlei entscheidend: Die Entwicklung einer entsprechenden Förderkultur wird unter solchen Vorzeichen zu einem anspruchsvollen Vorhaben: Auf der Programmebene können zwar weit gespannte und vielfältige Empfehlungen ausgesprochen werden, jede Schule muss daraus aber ihr eigenes Konzept entwickeln. Auch Best-Practice-Beispiele von Schulen, die bereits über eine in sich stimmige und erfolgreiche Förderpraxis verfügen[1], sind nicht einfach übertragbar, weil hinter jeder Schule spezifische Konstellationen und eine eigene Geschichte stehen.

Dennoch lassen sich einige zentrale Elemente aufzeigen, die im Förderkonzept einer Schule nicht fehlen dürfen. Dazu gehören:

Fallstricke bei der Entwicklung individueller Förderkonzepte



Aktuelle schulische Förderkonzepte enthalten in der Regel vielfältige Bausteine für Individuelle Förderung, die insgesamt ein überaus breites Spektrum abstecken: AG-Angebote im musisch-künstlerischen Bereich, Kompetenztrainings, Angleichungsförderung, Streitschlichterprogramme, Berufsberatung und Profilklassen gehören ebenso dazu wie kooperatives und tutorielles Lernen, Freiarbeit, Hausaufgabenbetreuung, Entwicklungsberichte, Lernbüros, Drehtürmodelle, Sprachförderung oder Jungen-Mädchen-Konferenzen – um nur einige zu nennen. Doch eine solche Vielfalt darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hierbei etliche Fallstricke gibt und sich grundsätzliche Probleme eröffnen, auf die nur exemplarisch aufmerksam gemacht werden kann[2]:

Ein erster Problembereich betrifft Komplexitätsfragen: Bereits die Idee einer auf den einzelnen Schüler abgestimmten Förderung berücksichtigt zahlreiche (und beliebig erweiterbare) Kriterien – wie Leistungsfähigkeit, fachspezifisches Vorwissen, sozialer Hintergrund oder Lernkompetenzen –, die überdies noch jeweils individuell kombiniert auftreten. Auch die vielfältigen Optionen und Bausteine für Individuelle Förderung können zur Komplexitätsfalle werden und zur Beliebigkeit verführen. So besteht die Gefahr, dass eine Schule möglichst viele Bausteine in das eigene Konzept übernimmt, ohne sie aufeinander abzustimmen und eine Förderstrategie zu entwickeln. Zudem ist auch vorstellbar, dass Schulen sich zwar in der Außendarstellung als willig und innovationsbereit präsentieren (indem man alle bisherigen Aktivitäten als Individuelle Förderung umdeklariert), in der konkreten Praxis aber alles beim Alten bleibt. Gerade angesichts der mit Individueller Förderung verbundenen hohen Anforderungen sowie dem hohen Erwartungsdruck von Seiten der Bildungspolitik und der Eltern liegt eine solche oberflächliche Umsetzung durchaus nahe!

Ein zweiter Problembereich betrifft Verteilungsfragen: Ressourcen für Förderung im weiteren Sinne (Personal, Ausstattung, individuelle Lernzeit von Schülern) sind immer begrenzt, was zur Auswahl zwingt. Auf unterschiedlichen Ebenen müssen regelmäßig Prioritäten gesetzt werden, wofür diese Ressourcen verwendet werden und worauf verzichtet werden kann beziehungsweise muss: Soll in zusätzliche Sprachförderstunden investiert werden oder eher in ein Hochbegabtenprogramm, oder in beides? Spätestens solche konkreten Fragen lassen erahnen, dass sich der hohe Konsens, der auf der Konzeptebene erzielt wurde, schnell wieder auflösen kann.

In diesem Sinne gehört auch eine Reflexion von Grenzen, Problemen und unerwünschten Nebenwirkungen Individueller Förderung zur Schul- und Unterrichtsentwicklung dazu, um auf diesem Wege die eigenen Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten auszuloten.


Literatur:



Klieme, E./Warwas, J. (2011): Konzepte der Individuellen Förderung. In: Zeitschrift f. Pädagogik, 57. Jahrgang 2011, Heft 6, S. 805-818
Kunze, I./Solzbacher, C. (Hrsg.) (2008). Individuelle Förderung in der Schule. Hohengehren.
Schratz, M./Pant, H.A./Wischer, B. (2012). Was für Schulen!: Vom Umgang mit Vielfalt - Beispiele guter Praxis. Klett/Kallmeyer
Trautmann, M./Wischer, B. (2011): Heterogenität in der Schule. Eine kritische Einführung. Wiesbaden.
Wischer, B.: Individuelle Förderung als Herausforderung für Schulentwicklung. Schultheoretische Perspektiven zu Konzepten und Fallstricken. In: Solzbacher, C. /Müller-Using, S./Doll, I. (Hrsg.) (2012). Ressourcen stärken. Individuelle Förderung als Herausforderung für die Grundschule. Köln: Wolters und Kluwer, S. 51-63
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Autoren: Beate Wischer, Matthias Trautmann für bpb.de
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Fußnoten

1.
vgl. Beispiele in Schratz/Pant/Wischer 2012
2.
vgl. weiterführend Trautmann/Wischer 2011; Wischer 2012

Beate Wischer, Matthias Trautmann

Beate Wischer

Beate Wischer

Prof. Dr. Beate Wischer, geb. 1969, ist Professorin für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Schultheorie und Schulforschung an der Universität Osnabrück. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen im Bereich Heterogenität, Lehrerprofessionalität und Schultheorie.

In jüngster Zeit erschien von dem Autor und der Autorin: Trautmann, M./Wischer, B. (2011): Heterogenität in der Schule. Eine kritische Einführung. Wiesbaden.


Matthias Trautmann

Matthias Trautmann

Prof. Dr. Matthias Trautmann, geb. 1968, ist Inhaber einer Professur für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik mit dem Schwerpunkt Sekundarstufe I an der Universität Siegen. Die Schwerpunkte seiner Arbeit liegen im Bereich Heterogenität und Innere Differenzierung.

In jüngster Zeit erschien von dem Autor und der Autorin: Trautmann, M./Wischer, B. (2011): Heterogenität in der Schule. Eine kritische Einführung. Wiesbaden.


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