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31.1.2020

Besser als ihr Ruf: Übergangsmaßnahmen erhöhen Ausbildungschancen bei leistungsschwachen Jugendlichen

Etwa die Hälfte der Jugendlichen ohne Mittleren Schulabschluss beginnt nach der Schule eine Maßnahme des Übergangssystems. Ob solche Maßnahmen Jugendlichen helfen, ihre Ausbildungschancen zu verbessern oder eher ungünstige Warteschleifen darstellen, ist umstritten. Mit den Daten aus dem Nationalen Bildungspanel (NEPS) lässt sich zeigen, welche Maßnahmen dabei besonders wirksam sind und bei welchen Jugendlichen sie die Ausbildungschancen tatsächlich verbessern. Ein Beitrag aus dem Forschungsmagazin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung WZB Mitteilungen.

Berufsschüler/innen verteilen Schultüten und Infomaterial an Neuanfänger/innen des Berufsvorbereitungsjahrs. Knapp 300.000 Jugendliche begannen 2016 nach der Schule nicht eine Ausbildung oder ein Studium, sondern nahmen an einer Maßnahme im sogenannten Übergangssystem zwischen Schule und Berufsausbildung teil. (© picture-alliance/dpa)


Laut dem neuesten nationalen Bildungsbericht begannen 2016 knapp 300.000 Jugendliche nach der Schule nicht eine Ausbildung oder ein Studium, sondern nahmen an einer Maßnahme im sogenannten Übergangssystem zwischen Schule und Berufsausbildung teil. Dazu gehören ganz unterschiedliche Maßnahmen, die beispielsweise das Nachholen eines Schulabschlusses ermöglichen, in denen die Jugendlichen praktische Erfahrungen im Betrieb sammeln, sich beruflich orientieren und ihre Bewerbungskompetenzen verbessern: das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), das Berufsgrundbildungsjahr (BGJ), berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit (BvB), die betriebliche Einstiegsqualifizierung oder teilqualifizierende Lehrgänge an Berufsfachschulen. Diese Maßnahmen führen weder zu einem voll qualifizierenden Ausbildungsabschluss noch zu einem (Fach­)Abitur. Gemein ist ihnen, dass sie die Ausbildungschancen der Jugendlichen verbessern sollen.

Jährlich wenden die Länder, der Bund und die Bundesagentur für Arbeit mehrere Millionen Euro für Maßnahmen des Übergangssystems auf – doch über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahmen wird seit Jahren gestritten. Die einen sehen in ihnen Warteschleifen, mit denen die Jugendlichen nur von der Straße geholt werden, um die Statistik zu schönen, während sich die Chancen dieser Jugendlichen für einen Ausbildungsplatz nicht erhöhen. Die anderen glauben, dass diese Maßnahmen die Chancen der Jugendlichen verbessern. Empirisch fundiert ist diese Debatte – aufgrund bislang fehlender Daten – wenig.

Mit dem Nationalen Bildungspanel (NEPS) steht erstmals eine repräsentative, längsschnittliche und zahlenmäßig ausreichende Datenbasis zur Verfügung, um unsere Leitfrage zu beantworten. Im Rahmen des NEPS wurden Schülerinnen und Schüler seit 2010 mindestens einmal jährlich interviewt, und zwar von der 9. Klasse an. Die regelmäßigen Befragungen wurden auch nach dem Verlassen der Schule fortgesetzt, in der Phase also, in der die Jugendlichen eine Ausbildung oder ein Studium beginnen oder zunächst ins Übergangssystem wechseln.

Wir haben unsere Analyse auf junge Menschen konzentriert, die die Schule mit niedrigem Bildungsabschluss verlassen haben. Konkret: Sie haben maximal einen qualifizierenden/erweiterten Hauptschulabschluss. Zu dieser Gruppe gehören auch junge Menschen, die die Schule ohne Abschluss verlassen haben, und solche, die eine Förderschule für Lernbehinderung besucht haben. 8 von 10 Jugendlichen ohne Schulabschluss starteten 2016 eine Übergangsmaßnahme. Aber auch bei Jugendlichen, die die Schule mit einem Hauptschulabschluss verlassen, ist die Teilnahme an solchen Maßnahmen weiterhin sehr hoch (4 von 10). Es liegen NEPS-Daten von 3.400 dieser Jugendlichen vor, von denen 1.316 nach der Schule an Übergangsmaßnahmen teilnahmen. Diese Datengrundlage ermöglicht es uns, unterschiedliche Typen von Maßnahmen im Vergleich zu betrachten und eine Differenzierung nach Schulabschlussniveau vorzunehmen.

Wie lässt sich bestimmen, ob die Teilnahme an einer Maßnahme die Chancen erhöht, im Anschluss in eine Ausbildung zu kommen? Wir vergleichen die Ausbildungschancen nach der Teilnahme an einer Maßnahme mit den Ausbildungschancen direkt nach der Schule. Da beispielsweise eher Schüler und Schülerinnen mit schlechteren Noten und Schulabschlüssen in eine Maßnahme des Übergangssystems gehen, beziehen wir nur vergleichbare Jugendliche mit ein:

Wie sehen die Ausbildungschancen der Jugendlichen nach der Teilnahme aus im Vergleich zu denen einer vergleichbaren Gruppe von Jugendlichen direkt nach der Schule?

Die gute Nachricht ist: Die Ausbildungschancen haben sich durch die Maßnahmen verbessert. Aber es gibt deutliche Unterschiede, je nachdem, mit welchen Voraussetzungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer in das Übergangssystem eingetreten sind. Am deutlichsten verbessern sich die Chancen für die Schulabgänger und ­-abgängerinnen, die die Schule ohne Schulabschluss verlassen haben (um 32 Prozentpunkte). Werden Jugendliche von Förderschulen bei der Berechnung außen vor gelassen, sind die Werte für die Gruppe der Jugendlichen ohne Schulabschluss von Regelschulen etwas geringer (22 Prozentpunkte). Für Jugendliche von Förderschulen ist der Zuwachs also stärker als für jene von Regelschulen. Für Jugendliche, die die Schule mit einem Hauptschulabschluss verlassen haben, verbessern sich die Ausbildungschancen um 15 Prozentpunkte. Die geringste Verbesserung hatten im Durchschnitt Jugendliche mit qualifizierendem/erweitertem Hauptschulabschluss (8 Prozentpunkte).

Welche Rolle spielte dabei, was die Jugendlichen in der Maßnahme gemacht haben? Ein Viertel der Teilnehmer und ­Teilnehmerinnen konnte einen höheren Schulabschluss durch die Maßnahme erlangen. Ein weiteres Drittel nahm an einer Maßnahme mit starker Betriebsanbindung teil: Mehr als 50 Prozent der Zeit waren sie in einem Betrieb. Beide Faktoren sind für die Ausbildungschancen von großer Bedeutung, wie zahlreiche Studien gezeigt haben. Rund 40 Prozent haben jedoch weder einen höheren Schulabschluss erworben noch haben sie viel Zeit im Betrieb verbracht.

Ein nachgeholter höherer Schulabschluss hat vor allem die Ausbildungschancen von Jugendlichen verbessert, die die Schule ohne Abschluss verlassen haben (um 40 Prozentpunkte). Bei jenen Jugendlichen, die vor der Maßnahme schon einen einfachen oder erweiterten Hauptschulabschluss erreicht hatten, fiel die Erhöhung der Ausbildungschancen zwar deutlich geringer aus, ist aber immer noch erheblich (um 19 bzw. 10 Prozentpunkte). Eine Maßnahme mit starker Betriebsanbindung führte gleichfalls zu einer deutlichen Erhöhung der Ausbildungschancen: um 37 Prozentpunkte bei Jugendlichen ohne Schulabschluss, um 21 Prozentpunkte für jene mit Hauptschulabschluss und um 10 Prozentpunkte für jene mit erweitertem Hauptschulabschluss.

Doch auch für jene, die weder einen höheren Schulabschluss erworben haben noch an einer Maßnahme mit starker Betriebsanbindung teilgenommen haben, haben sich die Ausbildungschancen verbessert – allerdings nur für jene ohne Schulabschluss (um 22 Prozentpunkte) und mit einfachem Hauptschulabschluss (10 Prozentpunkte). Gründe für diese Verbesserung könnten sein: eine bessere Berufsorientierung, ein besseres Bewerbungsverhalten oder der Umstand, dass Betriebe diese um ein Jahr älteren Bewerberinnen und Bewerber als reifer und motivierter wahrnehmen. Für jene, die die Schule bereits mit einem erweiterten Hauptschulabschluss verlassen haben, haben sich die Chancen dagegen nicht verbessert. Für sie stellte die Teilnahme an einer berufsvorbereitenden Maßnahme eher eine Warteschleife dar, allerdings verschlechterte die Teilnahme auch nicht – wie oft angenommen – die Ausbildungschancen.

Nicht nur das Erlangen irgendeines Ausbildungsplatzes ist für die Jugendlichen und deren Lebensweg wichtig, sondern auch die Art der Ausbildung. Kann die Teilnahme an einer berufsvorbereitenden Maßnahme auch die Chancen verbessern, in attraktivere Ausbildungsberufe zu gelangen? Die Antwort ist: Ja, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Wir haben dafür den sozioökonomischen Status der Ausbildungsberufe von Jugendlichen nach der Teilnahme an einer Übergangsmaßnahme verglichen mit dem von vergleichbaren Jugendlichen, die direkt nach dem Verlassen der Schule in eine Ausbildung übergegangen sind. Unsere Analysen zeigen: Nur der nachträgliche Erwerb eines höheren Schulabschlusses während einer Übergangsmaßnahme führt dazu, einen Ausbildungsplatz mit etwas höherem Status zu erlangen. Mehr Jugendlichen gelingt es dadurch, Berufe im mittleren Segment des Ausbildungsmarkts zu erlernen.

Maßnahmen mit starker Betriebsanbindung verbessern dagegen die allgemeinen Ausbildungschancen zwar deutlich, aber sie tragen nicht dazu bei, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer attraktivere Ausbildungsberufe erreichen können. Keinerlei Verbesserung hinsichtlich des sozioökonomischen Status der Ausbildungsberufe zeigt sich auch für jene, die in ihrer Maßnahme weder ihren Schulabschluss erhöhen konnten noch viel Zeit im Betrieb verbracht haben.

In der Zusammenschau dieser Befunde lässt sich die Leitfrage dieses Artikels beantworten: Für viele der Jugendlichen verbessert die Teilnahme an einer Maßnahme des Übergangsbereichs die Ausbildungschancen deutlich. Dabei zeichnet sich das Nachholen eines höheren Schulabschlusses als besonders vorteilhaft aus: Dieser verbessert nicht nur allgemein die Ausbildungschancen, sondern auch den Zugang zu attraktiveren Ausbildungsberufen. Auch Maßnahmen mit einer starken Betriebsanbindung führen zu einer erheblichen Verbesserung der Ausbildungschancen, allerdings nur im unteren Ausbildungsmarktsegment.

Maßnahmen dieser beiden Kategorien verbesserten vor allem die Chance der am geringsten qualifizierten Schulabgänger und abgängerinnen, nämlich jener, die die Schule ohne Schulabschluss verlassen haben. Für jene, die beim Verlassen der Schule bereits einen qualifizierenden (oder erweiterten) Hauptschulabschluss hatten, verbessern sie die Ausbildungschancen deutlich weniger und teilweise gar nicht. Für sie stellt die Maßnahme häufiger eine Warteschleife dar.

Trotz dieser größtenteils positiven Befunde müssen wir allerdings auch festhalten, dass die Teilnahme an einer Maßnahme des Übergangssystems für die Hälfte der Jugendlichen nicht zum gewünschten Erfolg führt. Für etwa jeden zweiten gering qualifizierten teilnehmenden Jugendlichen führt der Weg auch nach der Maßnahme nicht in eine Ausbildung, sondern in eine weitere Maßnahme des Übergangsbereichs oder in die Arbeitslosigkeit beziehungsweise gering qualifizierte Erwerbstätigkeit.

Die Frage "Warteschleife oder sinnvoll verbrachte Zeit?" kann damit nicht einheitlich, sondern muss beantwortet werden mit "je nach Bildungsvoraussetzungen und nach Art der Maßnahme". Für etwa die Hälfte der teilnehmenden Jugendlichen verbessern sich die Chancen zum Teil deutlich. Dies sind vor allem Jugendliche mit besonders schlechten Chancen vor Beginn der Maßnahme. Für die andere Hälfte erhöhen sich die Chancen allerdings nicht. Unsere Analysen weisen darauf hin, dass es zwei sinnvolle Wege zur Verbesserung ihrer Ausbildungschancen gibt: zum einen die Qualität solcher Maßnahmen des Übergangsbereichs zu verbessern, die die Möglichkeit des Nachholens oder Erwerbs eines höheren Schulabschlusses bieten. Zum anderen könnte eine deutliche Erhöhung des Anteils der Maßnahmen mit einer starken Betriebsanbindung die Ausbildungschancen von Jugendlichen verbessern.

Literatur

Holtmann, Anne Christine/Menze, Laura/Solga, Heike: Unentdeckte Kompetenzen. Jugendliche ohne Mittleren Schulabschluss finden schwer einen Ausbildungsplatz. WZBrief Bildung 36/September 2018. Berlin: WZB 2018.

Die Forschung, auf der dieser Beitrag basiert, wurde durch eine Sachbeihilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG, Förderkennzeichen: SO 430/8-1) für das Projekt "New opportunities or reinforced disadvantages? Variation in returns to low-achieving school leavers’ participation in pre-vocational training measures" unterstützt.

Diese Arbeit nutzt Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS): Startkohorte Klasse 9, doi:10.5157/NEPS:SC4:9.0.0. Die Daten des NEPS wurden von 2008 bis 2013 als Teil des Rahmenprogramms zur Förderung der empirischen Bildungsforschung erhoben, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wurde. Seit 2014 wird NEPS vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. (LIfBi) an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg in Kooperation mit einem deutschlandweiten Netzwerk weitergeführt.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Forschungsmagazin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung WZB Mitteilungen, H.162, Dez. 2018, S.41-43.

Martin Ehlert, Anne Christine Holtmann, Laura Menze, Heike Solga

Martin Ehlert

Martin Ehlert

Martin Ehlert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt und Themenbereichsleiter des Promotionskollegs "Gute Arbeit": Ansätze zur Gestaltung der Arbeitswelt von morgen. martin.ehlert@wzb.eu


Anne Christine Holtmann

Anne Christine Holtmann

Anne Christine Holtmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt. Sie wurde von der Körber Stiftung mit dem Deutschen Studienpreis 2018, 1. Preis Sozialwissenschaften, ausgezeichnet. anne.holtmann@wzb.eu


Laura Menze

Laura Menze

Laura Menze ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Etappe 6: "Berufliche Bildung und Übergänge in den Arbeitsmarkt" der Projektgruppe Nationales Bildungspanel: Berufsbildung und lebenslanges Lernen. Laura.menze@wzb.eu


Heike Solga

Heike Solga ist Direktorin der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt am WZB und Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Arbeit, Arbeitsmarkt und Beschäftigung an der Freien Universität Berlin. heike.solga@wzb.eu


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