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10.10.2012

Die Wikipedianer des 18. Jahrhunderts

Wikipedia als Erbin der Enzyklopädiegeschichte

"Alles Wissen für Alle" – schon bei den frühen Enzyklopädien zeigen sich Bezüge zu dieser Vorstellung. Sie bezogen Leserwünsche ein, während die junge Wissensarbeiter hinter den Inhalten zurücktraten: Waren die frühen Lexika-Redakteure etwa die "Wikipedianer des 18. Jahrhunderts"?

Zedlers Universal Lexikon - ein früher Vorläufer der Wikipedia? (© Public Domain)


Man mag die Wikipedianer sympathisch finden, weil sie zwischen der Expertenkultur und der öffentlichen Neugier vermitteln. Darüber hinaus vermag dieser Aspekt ihrer Arbeit aber auch Aufklärung darüber verschaffen, welchen Platz die Wikipedia in der Enzyklopädiegeschichte, als Geschichte der Wissensvermittlung, einnimmt. In ihr birgt sich die Überzeugung, dass die Öffentlichkeit ein Interesse daran hat, für komplizierte Inhalte eine allen zugängliche Sprache zu finden. Damit Wissen zu Wissen im eigentlichen Sinne wird, muss es aus den Expertenzirkeln emanzipiert und allgemeinverständlich werden – so lautet die Erkenntnis aus der europäischen Kulturgeschichte des Wissens.

Enzyklopädien gibt es schon seit der Antike, im Grunde seitdem es eine schriftliche Kommunikation über das Wissen gibt. Aber erst in der europäischen Neuzeit ist die enzyklopädische Vermittlungsaufgabe zu einer zentralen gesellschaftlichen Aktivität geworden. Sie wurde eingeleitet durch Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert, ging weiter über das Nachrichtenwesen des 16. Jahrhunderts, das durch die fortschreitende Drucktechnik erstarkte, genauso wie es sich in den Akademiegründungen im 17. Jahrhundert und ihren wissenschaftlichen Zeitschriften zeigte. Im 18. Jahrhundert schließlich gab es eine Blüte von Privatgelehrsamkeit, und im 19. Jahrhundert wuchs die Bedeutung der Universitäten. Sie alle sind Formen und Institutionen der Wissensvermittlung.

Auf der Suche, inwieweit die Wikipedia zu ihren Nachkommen zählt, finden sich erste Spuren im 18. Jahrhundert – der Blütezeit der europäischen Enzyklopädietradition. Damals gab es eine aktive Kultur rund um gedruckte Texte, die über Buchhandlungen und private Zirkel im Umlauf gesetzt wurden, natürlich auch über Universitäten und Akademien. Das in diesen gelehrten Kreisen umfassend vorhandene Expertenwissen machten sich viele Verleger zunutze und organisierten im großen Stile lexikalische Nachschlagewerke, deren guter Absatz uns heute Beleg dafür ist, dass ein großes Bedürfnis nach Wissen und Wissensaustausch vorhanden war. Ohne die Hilfe vieler kundiger Köpfe und fleißiger Abschreiberhände konnten die Leipziger Verlagshäuser wie Gleditsch, Fritsch und Zedler nicht so schnell produzieren, wie es die Nachfrage erforderte. Um die kurz nacheinander auf den Markt geworfenen Enzyklopädien herstellen zu können, waren schon damals Mitarbeiter wichtig, die wir heute vielleicht Wikipedianer nennen würden: Junge Menschen mit guter Schulbildung, meist studiert, gelegentlich ohne Abschluss, interessiert am Fachwissen und zugleich engagiert für den öffentlichen Diskurs. Damals nannte man diese Menschen Enzyklopädisten, ohne dass man heute noch Namen und Adresse hätte. Es waren junge Gelehrte im Dienste der Verleger.

Während Professoren und Akademiemitglieder höchstens dafür zu gewinnen waren, ein Vorwort oder ihren Namen für die Titelseiten beizusteuern, setzten sich die jungen Wissensarbeiter daran, das bekannte Wissen in gut lesbare und leicht auffindbare Artikel zu formen. Diese Arbeit hat historisch keine eigenen Spuren hinterlassen, und kein Archiv spricht von den bezahlten Schreibern der verlegerischen Bestseller. Und doch ist es nicht anders denkbar: Wer konnte in großen Mengen abschreiben, umformulieren, redigieren und korrigieren, wenn nicht engagierte Enzyklopädisten, die für die Sache brannten und sich ein wenig Geld verdienen wollten?

Ihre Existenz verweist auf eine zentrale Eigenschaft der Enzyklopädien: Sie werden erstellt von einer Redaktion, einem Kollektiv an Wissensarbeitern. Mit dieser Gemeinsamkeit zur heutigen Wikipedia stellt sich aber auch eine zentrale Frage im Vergleich zur Aufklärungszeit: Was zählt die Vermutung, dass schon im 18. Jahrhundert "Wikipedianer" tätig waren, wenn der entscheidende Unterschied besteht, dass die online und kostenlos zugängliche Wikipedia das Gegenteil der verlegergesteuerten Arbeit darstellt? Ist nicht der von Verlegern regulierte Markt der Wissensbücher damit aufgekündigt? Man kommt hier weiter, wenn man von den Werken selbst ausgeht und untersucht, welche Eigenschaften sie als Enzyklopädien kennzeichnet. Danach lässt sich etwas genauer sehen, was die Wikipedia mit früheren Enzyklopädien gemein hat und worin sie davon abweicht.

Eigenschaft der Enzyklopädien: Alles Wissen für alle

Ein Blick zurück zeigt uns eine große Komplexität enzyklopädischer Bücher, die man grob in zwei verschiedene Arten einteilen kann: Einmal gab es (und gibt es bis heute) fachwissenschaftliche Enzyklopädien, die Spezialkenntnisse zugänglich machen. Hier geht um die Vermittlung von Expertenwissen, wie man es beispielsweise auf der Universität und in Forschungszusammenhängen pflegt. So gab es Fachenzyklopädien für Gärtner und Apotheker, Lexika über Personen und zur Geschichte. Viele dieser Werke stehen in einer gewissen Nähe zur akademischen Welt: Von ihren Artikeln erwartet man neben Verständlichkeit auch hohe Genauigkeit, und ihre Sprache ist nicht immer frei von erklärungsbedürftigen Fachausdrücken. Solche Werke gibt es heute auch in Hülle und Fülle zu allen Problembereichen des Lebens, von der Gesundheit über Motorräder bis zur Nanotechnologie. Eine ganz andere Art von Enzyklopädien ist dagegen fachübergreifend und richtet sich an ein allgemeines Publikum. Beispiele für solche Enzyklopädien mit gemischten Inhalten finden sich bereits kurz vor 1700 in Frankreich: Es waren Wörterbücher, die sowohl Wörter erläuterten, als auch Sachen erklärten. Sprachwörterbücher sind so bis heute zu einem gewissen Teil enzyklopädisch – weil kaum ein Wort erklärt werden kann, ohne etwas an der Sache selbst zu erläutern. Wer also heute das Oxford English Dictionary in die Hand nimmt, oder den Grand Robert, wer Grimms Wörterbuch konsultiert, der wird oft mit einer Auskunft in der Sache belohnt, selbst wenn eigentlich die Worterklärung im Vordergrund steht.

Nach 1700 treffen wir dann zahlreiche solche Lexika an, die Sacherklärungen aller Art für ein allgemeines Publikum bieten. Das 1704 erstmalig im Leipziger Verlag Gleditsch erschienene Konversationslexikon liefert beispielweise zahlreiche Informationen über Personen, geschichtliche Ereignisse und Geographie. Es eignete sich als Hilfe beim Zeitungslesen, und so ist es wohl ursprünglich konzipiert worden. Im Gegensatz zum komplementären Produkt desselben Verlages: das Reallexikon (1712), das Sachartikel aus den Bereichen Technik und Naturwissenschaft zum Thema hatte – aber eben nicht nur aus der Mechanik oder Physik, sondern interdisziplinär auch aus der Chemie bis zur Botanik.

Mit diesen beiden Lexikontypen, den Fachenzyklopädien und den fachübergreifenden Konversationslexika und Reallexika haben wir die Keimzelle der großen Enzyklopädien der späteren Zeit und der heutigen Wikipedia identifiziert: Auch sie protokolliert sowohl historische, politische und im weitesten Sinne zeitgeschichtliche Ereignisse, genauso wie technische Entwicklungen und naturwissenschaftliche Entdeckungen. Wenn eine Revolution ausbricht, wird es in der Wikipedia verzeichnet. Wenn ein neues Produkt auf einer Fachmesse lanciert wird, ebenfalls.

Außerdem lässt sich ein weiteres hilfreiches Merkmal für unseren Vergleich feststellen: Man kann schon im 18. Jahrhundert sehen, dass es nicht so leicht ist, Fachartikel so zu redigieren, dass sie als Sachartikel allgemein verständlich werden – und so in gewisser Weise auch allgemeine Akzeptanz erlangen. Außerdem kann sich der Autor nicht auf eine Fachrichtung konzentrieren. Beispielsweise muss er einen botanischen Heilpflanzentext über >Vanille< mit Informationen über die Wachstumsregionen der Pflanze oder sogar Rezepte für "Schokolade mit Vanille" ergänzen, um den Übergang vom Fach- zum Sachartikel zu schaffen. Oder er verändert den Artikel >Amsterdam aus einem Handelslexikon, indem er historische und kulturelle Informationen hinzufügt. Das enzyklopädische Schreiben für ein allgemeines Publikum ist nicht nur eine Montage von Fachkenntnissen, sondern ein Umschreiben in Richtung Verständlichkeit – damals wie heute.

Das interaktive Lexikon des 18. Jahrhunderts

Bis hierher haben wir drei Kriterien der Vergleichbarkeit alter gedruckter und neuer, online verfügbarer Enzyklopädien definiert:
  1. Die kollektive Arbeitsform durch unterschiedliche "Wissensarbeiter"
  2. Der gemischte Inhalt für ein möglichst großes Publikum
  3. Ein Umschreiben in Richtung größtmöglicher Verständlichkeit.
Es kommt noch ein viertes Kriterium dazu, das benötigt wird, um eine echte Parallele der enzyklopädischen Arbeit zur Wikipedia aufzuzeigen: Interaktivität und das mitwirkende Schreiben. Eine zentrale Eigenschaft der Wikipedia ist es schließlich, dass jeder mitarbeiten kann, der Talent und Interesse hat.

Erstaunlicherweise gab es so etwas auch schon in der Aufklärungszeit – was bislang aber nur wenige sehen konnten, weil es in der größten damaligen Enzyklopädie versteckt liegt. Ihre Geschichte zeigt möglicherweise noch weitere Parallelen auf – was ihr Streben nach Größe angeht, genauso wie die Kritik an diesem Vorhaben.

Gemeint ist das Universal-Lexicon des Leipziger Verlegers Johann Heinrich Zedler. Es war das erste große, kollektiv erstellte Lexikon überhaupt, das für ein neugieriges Publikum sämtliche Bereiche des Wissens zusammennahm. Zedler war 24 Jahre alt und recht neu in Leipzig, als er im Jahre 1730 den Plan seiner Enzyklopädie öffentlich bekannt gab. Alle Leipziger Verleger protestierten umgehend, weil sie ihre eigenen Lexika in Gefahr sahen. Zedler schien große Projekte offenbar besonders leicht umsetzen zu können: Er hatte damals schon eine 22-bändige Ausgabe der Werke Martin Luthers gedruckt und nahm gleichzeitig mit dem Lexikon die Allgemeine Staats- Kriegs- Kirchen- und Gelehrten-Chronik (am Ende 20 Bände) in Angriff. So blieb er hartnäckig bei seinen Enzyklopädieplänen und konnte 1732 den ersten von angekündigten acht Bänden präsentieren. Die konkurrierenden Verleger in Leipzig verdächtigten Zedler des Plagiats und verfolgten ihn gerichtlich. Als dieser dann auf den Druckort Halle im benachbarten Preußen auswich und sein Universal-Lexicon in regelmäßigen Lieferungen veröffentlichte, verebbte die Kritik – wohl auch, weil allen klar wurde, dass hier etwas gänzlich Neues entstand. In der Tat: Es waren nicht acht Bände, in denen Zedler das Alphabet durchging, sondern 64 großformatige Bände (mit 4 Supplementbänden sogar 68), die in knapp zwanzig Jahren das gesamte Wissen der damaligen Zeit in deutscher Sprache zusammenfassten.

Das Unwahrscheinliche am Universal-Lexicon ist seine Größe: Es überragt alle zeitgenössischen Produkte und wurde von der Menge der Artikel (ca. 284.000) als auch des Umfangs an Seiten (ca. 63.000 Folioseiten) wohl erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts übertroffen. Auch die Wikipedia hatte ihren kommerziellen Konkurrenten rasch den Vorteil der Größe voraus, weil sie immer schon da war, wo andere erst hinwollten. Entscheidend am Universal-Lexicon war zugleich, dass sämtliche Wissensarten vereint wurden, wie das vorher in ungleich kleinerem Maßstab die Konversationslexika taten. Im Universal-Lexicon werden mehr als 72 Wissensbereiche berücksichtigt, wie eine nachträgliche Sachgliederung ergeben hat, die auch online zugänglich ist. Dieses Lexikon hat keinen Bereich des Wissens für so geringfügig erachtet, ihn außen vor zu lassen. Wie bei der Wikipedia heute wird ein wirklich erfolgreiches Abdecken aller Wissensbereiche dadurch erleichtert, die Relevanzschwelle möglichst niedrig zu halten.

Den Leser im Kopf

Bis hierhin erfüllt das Universal-Lexicon also bereits drei der genannten Vergleichskriterien für eine Wikipedia-ähnliche enzyklopädische Arbeit. Es ist (1) in einer kollektiven Arbeitsform realisiert, und es bietet (2) die bis dahin breiteste Mischung von Inhalten. Zudem ist das dritte Kriterium erfüllt, nämlich (3) die Bemühung um Verständlichkeit. Fehlt nur noch die angekündigte "Interaktivität": Im Unterschied zu allen zeitgenössischen Enzyklopädien auf Deutsch, Englisch oder Französisch haben sich die von Zedler bestellten Herausgeber und Redakteure darum bemüht, in erster Linie für die Interessen der Leser zu schreiben und in deren Interesse auch inhaltliche Veränderungen vorzunehmen. Zwei Beispiele illustrieren, wie zum einen der "mitgedachte" Leser die Artikel beeinflusste, zum anderen wie die Leser selbst an der Enzyklopädie mitschrieben:

Der Artikel 'Aderlass':

Wenn man auf damalige medizinische Fachenzyklopädien schaut, konzentrieren diese sich eindeutig auf die ärztliche Perspektive. Der Schnitt in eine Ader wird als chirurgisches Unglück angesehen. Die gesundheitsstärkenden Wirkungen, welche eine kontrollierte Blutabnahme haben kann, werden vom Facharzt-Lexikon nur am Rande erwähnt. Anders im Universal-Lexicon: Es beschreibt den Aderlass als ein therapeutisches Verfahren, das die Abwehrkräfte des Körpers verbessert. Es nimmt so erkennbar den Standpunkt der Leser als möglicher Patienten ein. Und es geht sogar noch weiter: Während beispielsweise in der Encyclopédie steht, dass die Blutabnahmestelle am Körper vom Arzt bestimmt werden soll (es ist überall im Körper dasselbe Blut), geht das Universal-Lexicon auf Wissensstand und Ängste der Leser ein. So waren im 18. Jahrhundert noch viele Patienten im Glauben, bestimmte Krankheiten könnten durch die Entnahmestelle (am Arm, an der Hand, am Fuß, im Gesicht) beeinflusst werden. Hier heißt es also, dass zwar der Arzt bestimmen könne, wo das Blut abgenommen werde. Dass aber, falls der Patient es wünsche, man durchaus ihn entscheiden lassen könne: "Zuweilen kann man auch wohl dem gemeinen Mann zu gefallen und damit sie ihr Vertrauen auf den Aderlass nicht ganz und gar verwerfen, andere [Stellen] nehmen." Die Mitwirkung der Patienten (der "gemeine Mann" ist jedermann) soll der Heilung helfen, auch wenn altertümliche Vorstellungen im Spiel sind. Für die Leser zu schreiben bedeutet also hier, Rücksicht auf ihre Vorstellungen zu nehmen und sie nicht zu bevormunden. Die französische Encyclopédie hat im Grunde noch das Expertentum des Arztes unterstrichen. Das deutsche Universal-Lexicon relativiert auch dieses und verhält sich selbst therapeutisch: Heilung ist wichtig, Wissen nur ein Mittel dazu.

Was das zweite Charakteristikum angeht, die Leser direkt an der Erstellung der Enzyklopädie zu beteiligen, so findet man im Universal-Lexicon tatsächlich Hinweise, dass man Leser als Schreiber gewinnen wollte. An mehreren Stellen wird in Vorreden betont, dass man sehr gerne Artikel von Lesern aufnehmen würde. So etwa in der Vorrede zu Band 23, wo man um "Einschickungen ausführlicher und richtiger Nachrichten" bittet. Man wünscht sich ganze Artikel über Städte und Gesellschaften, sowie über adlige Familien. Diese Ansprache an die Leser und das Einwerben von Artikeln aus der Leserschaft ist so ungewöhnlich wie die redaktionelle Entscheidung, im Universal-Lexicon auch lebende Personen zu verzeichnen. Hinter der gewaltigen Größe der Enzyklopädie steckt also tatsächlich auch ein etwas anderes Programm. Im Universal-Lexicon soll ein Wissen dokumentiert werden, das als geteiltes Wissen aufgefasst wird. Darum konnten im Prinzip die Leser daran mitschreiben.

Unter Kollegen: Probleme der Redaktion

Leider haben wir keine Dokumente, die uns über die Redaktionsarbeit am Universal-Lexicon informieren, so dass wir nicht wissen, wie weit tatsächlich Leserzuschriften abgedruckt wurden. Bei zwei Familienartikeln jedoch ist das wahrscheinlich, und auch der Artikel über >Wurzen (eine Kleinstadt bei Leipzig) wurde wohl von einem Stadthistoriker geschrieben und könnte ein eingesandter Artikel sein. Es ist also eher eine Frage des Prinzips. Und hier sollte das Universal-Lexicon als Vorläufer der Wikipedia gewürdigt werden. Oder umgekehrt: Die Wikipedianer können in ihrem Bemühen um die Aktivierung der Öffentlichkeit für die lexikographische Kommunikation des Wissens die Macher des Universal-Lexicons als Kollegen betrachten.

Die Enzyklopädiegeschichte steckt noch voller Entdeckungen, und manch andere Parallele zur Gegenwart ließe sich finden. Beispielsweise sind die ersten drei Auflagen der Encyclopaedia Britannica (zuerst 1768) in der Anlage der Artikel stark unterschiedlich, weil es Differenzen der Redakteure über die richtige Länge der Texte gab. Neben der Relevanz und der Gliederung ist sicher die Textlänge ein Hauptkriterium für die beabsichtigte Verständlichkeit der Enzyklopädien. Und auch bei der Wikipedia ist dies Thema, wie der rege Austausch auf ihren Diskussionsseiten beweist. Zentrales Element in der Wikipedia ist schließlich – unabhängig von der Gesamtlänge der Beiträge – die nur wenige Zeilen umfassende erste Kurzbeschreibung.

Oder man denke an manche gescheiterte Enzyklopädie wie beispielsweise die Deutsche Encyclopädie (ab 1778), die keine biographischen Artikel aufnehmen wollte und damit beim Publikum wenig Anklang fand. Sie musste 1807 mit Band 23 – beim Buchstaben K – abgebrochen werden. Dies droht der Wikipedia bisher nicht. Weil die Geschichte der Enzyklopädien eine Geschichte der Wissensvermittlung ist, darf sie niemals nur vor Publikum stattfinden, sondern muss mit Publikum organisiert werden, bis hin zur Einladung an das Publikum mitzuschreiben. Zedler hat das unter den Bedingungen des 18. Jahrhunderts nur unzureichend realisieren können. Mögen es den Wikipedianer gelingen, ihre Leser immer wieder zu Schreibern werden zu lassen!
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ulrich Johannes Schneider für bpb.de

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Ulrich Johannes Schneider

Ulrich Johannes Schneider

ist Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig und außerplanmäßiger Professor für Philosophie am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig. Er ist Experte für Enzyklopädien, Philosophiegeschichte, historische Wissenskulturen sowie für Michel Foucault. Darüber hinaus forscht er zur Geschichte von Universitäten im Zeitalter der Aufklärung, zur französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts und zur Bibliotheksgeschichte.


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