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4.9.2007

Damenfußball in der Verbotszeit

Ende der 50er Jahre kommt es zur Gründung der ersten Damenfußballverbände. Die konkurrierenden Organisationen veranstalten Auswahlspiele gegen ausländische Mannschaften, sogar eine erste Frauenfußball-Europameisterschaft findet im November 1957 in Berlin statt.

Programmheft des Pfingstspiels gegen Nordholland in Ulm 1957 (© Privatarchiv Nendza/Hoffmann)

In der Folgezeit finden zahlreiche "Länderrepräsentativspiele" statt. Organisiert werden sie vom Westdeutschen Damen-Fußball-Verband unter Leitung von Willi Ruppert bzw. von der dem WDFV angegliederten "Abteilung Süddeutschland", geleitet von Josef Floritz. Oftmals sind die Tore zu den Plätzen verriegelt und die Polizei schickt den Bus mit den Spielerinnen zurück. "Dat war damals 'ne furchtbare Zeit gewesen", erinnert sich Lore Barnhusen, geb. Karlowski. Sie spielt bei Kickers Essen und ist bei mehreren Länderspielen dabei. "Wir hatten manchmal Tränen in die Augen, wir waren ja jetzt heiß gewesen, wir wollten Fußball spielen. Und dann hörten wir nur, seid ruhig, seid ruhig, wir fahren eine Runde, und dann war die Polizei weg gewesen, dann war das Tor los, der Bus ist reingefahren, wir ausgestiegen, dann in ne Kabine rein, umgezogen, ja und dann haben wir Fußball gespielt."

Am Pfingstmontag 1957 werden sogar zwei Auswahlspiele gleichzeitig durchgeführt. Während in Ulm vor 9000 Zuschauern die deutsche Auswahl gegen DCO Haarlem mit 7:0 gewinnt, verliert eine zweite deutsche Auswahl am gleichen Tag in Utrecht gegen das Team von Herbido mit 6:0. Am 28. Juli 1957 findet im Stuttgarter Neckarstadion ein Länderspiel gegen England statt. "Nun haben also die unaufhaltsamen Wogen der Gleichberechtigung auch das Fußballfeld "beleckt" und selbst die Opposition des gestrengen DFB wie einen morschen Damm hinweggespült", kommentiert die Stuttgarter Zeitung vom 26.7.1957 im Vorfeld des Spiels. Damenfußball ist nach wie vor umstritten, und so erwartet man "Skeptiker", "Schaulustige" und "Befürworter des Damenfußballs". Vor 11.000 Zuschauern trennen sich die beiden Frauenteams bei strömendem Regen mit 1:1. Das englische Team wird von keinem geringeren als Bert Trautmann betreut, dem deutschen Torhüter und Europapokalhalbfinalisten von Manchester City. Die UFA-Wochenschau indes beurteilt Damenfußball als eine Art Sport nach Hausfrauenart und beklagt "den Ausverkauf holder Weiblichkeit."

"Ball paradox"

"Bert Trautmann gab den Anstoß und das Stuttgarter Neckarstadion wurde zum Tummelplatz von 22 Fußballbräuten. Deutschland gegen England hieß der neueste Schlager im unaufhaltsamen Ausverkauf holder Weiblichkeit. Englands Damenelf besann sich von Anfang an auf eine ruhmreiche Fußballtradition und ging mit 1:0 in Führung. Unermüdlich drängten sich die Insel-Damen im gegnerischen Strafraum, aber angestachelt durch echte Hausfraueninstinkte hielten die Deutschen ihr Nest sauber. Der Ausgleich erfolgte nach dem Prinzip der Gleichberechtigung, und der stürmische Beifall der Männerwelt trieb die Amazonen zu immer neuen Taten an. Die Zeit ist um. Der Spielstand hat sich nicht geändert. Gesiegt hat der Frauenfußball. Aber gewonnen hat keine der Damen." (Quelle: UFA-Wochenschau vom 31.7.1957)


Der DFV Nürnberg reist nach Jugoslawien



Ende 1957 gründet sich ein weiterer Club in Süddeutschland. Mit ihren fußballbegeisterten Freundinnen ruft die damals 21-jährige Helga Faul den DFV, den Damenfußball Verein Nürnberg ins Leben. Zur Gründungsversammlung des DFV laden Helga Faul und ihre Freundinnen mit kleinen Flugblättern ein. Die Freundin der Tante besitzt eine Druckerei und ist behilflich.15 Frauen kommen zusammen. Sie wählen einen Vorstand und verabschieden die Vereinssatzung.

Einen Trainingsplatz finden die engagierten Sportlerinnen im Nürnberger Vorort Ziegelstein, dort wo auch Helga Faul mit Mutter und Schwester wohnt. Die Akkordarbeiterin in der Metall- und Elektroindustrie fragt bei einem Betrieb nach, und die Geschäftsleitung stellt großzügig den firmeneigenen Platz zur Verfügung. Als Umkleidekabine, so erzählt Helga Faul, habe das mütterliche Schlafzimmer, zehn Minuten vom Trainingsplatz entfernt, herhalten müssen.

Ein Jahr lang wird "jeder Groschen auf die Seite gelegt", für die gelb-schwarzen Trikots. Zum ersten Spiel treten die DFV-Spielerinnen am 9. November 1957 in Ulm an. Gemeinsam mit Spielerinnen aus München bilden die Nürnbergerinnen eine Auswahl, die gegen das Team von Fortuna Dortmund antritt. Gegen die eingespielten und international erprobten Dortmunderinnen hat die fränkisch-bayerische Elf keine Chance und verliert 0:7.

Knapp zwei Jahre später, am 6. September 1959 läuft erneut ein Team aus Münchener und Nürnberger Spielerinnen auf. In Pfaffenhofen springen die süddeutschen Kickerinnen kurzfristig für eine verhinderte Elf aus Holland ein, die gegen eine westdeutsche Auswahl hatte antreten sollen. Die Fußballerinnen aus München und Nürnberg unterliegen 0:4. In der lokalen Presse ist anschließend zu lesen.: "Damenfußball! Als wir das Wort zum ersten Mal hörten, dachten wir unwillkürlich an Damenringkämpfe und ähnlichen Zirkus, welcher in erster Linie auf die billige Sensationsgier und den erotisch angehauchten Nervenkitzel spekuliert. Am Sonntag musste man seine Meinung revidieren. Das Spiel war von der ersten bis zur letzten Minute fair und in Grenzen, die nun einmal für Frauen gezogen sind. Man hatte in keiner Phase den Eindruck, im ästhetischen Gefühl verletzt worden zu sein".

Eine Woche später reisen die Nürnberger Fußballerinnen ins ehemalige Jugoslawien. Durch eine Urlaubsbekanntschaft kommen die Gastspiele zustanden. Für den Schriftverkehr müssen Helga Faul und ihre Vorstandskolleginnen immer wieder ein Übersetzungsbüro am Bahnhof aufsuchen. Schließlich ist es soweit und in aller Herrgottsfrühe machen sich die DFV-Frauen mit der Bahn auf den Weg. Als Reiseproviant muss ein wenig Brot, mit Wasser verdünnter Himbeersaft und ein paar Zigaretten reichen.

Zweimal tritt der DFV gegen die Frauen von Roter Stern Belgrad an, am 12. September 1959 in Zagreb und bereits einen Tag später, am 13. September, in Sarajewo. Beide Spiele werden hoch verloren, einmal 2:11 und einmal 3:13. Die jugoslawischen Frauen kicken schon länger und ganz offiziell. Nürnberger Spielerinnen stehen auch immer wieder in der vom Münchener Josef Floritz aufgestellten Nationalelf. Am 19. April 1958 in Mannheim und am 20. April im Stuttgarter Neckarstadion laufen Renate Zeh, Natalie Erdmann und Helga Faul vom DFV gegen Holland auf.

Willi Ruppert wird als 1. Vorsitzender des W.D.F.V. abgesetzt



Am 17.08.1957 findet um 19.00 Uhr im Lokal Schneider, Essen, Bredeneyerstr. 116, eine ordentliche Verbandstagung des Westdeutschen-Damen-Fußball-Verbandes e.V. statt. Vertreten sind die Vereine 1. D.F.C. Mönchen-Gladbach, Grünweiß Dortmund, Kickers Essen, 1. D.F.C. Duisburg-Hamborn, Fortuna Dortmund, Rhenania Essen und Gruga Essen. Nicht erschienen sind D.F.C. Essen, D.F.C. Bochum und Schiri Essen. Ordnungsgemäß einberufen hatte die Sitzung der 1. Vorsitzende Willi Ruppert.

Laut einer persönlichen Aufstellung von Willi Franz (1. D.F.C. Duisburg-Hamborn) wurden zwischen dem 08.10.1955 und dem 04.08.1957 insgesamt "23 Spiele verbands- und vereinsseitig ausgetragen" (Protokoll d. Verbandstagung vom 17.08.57). "Insgesamt sind dabei (geschätzt) 181.000 Zuschauer zu den Spielen erschienen. Es müssten demnach ca. 164.000 DM an Einnahmen gebucht sein. (20% von diesen Zahlen können abgezogen werden) An Verbandsabgaben waren zu entrichten 5% der Einnahme von Verbandsspielen und 10% von Vereinsspielen. Abgaben von Verbandsspielen ca. 7.270 DM, Von Vereinsspielen 970 DM...."

Der bisherige 1. Vorsitzende Willi Ruppert, der ohne Entschuldigung nicht erschienen ist, wird abgesetzt. Ruppert hatte auch keine Unterlagen vorgelegt, weder eine Tagesordnung noch einen Kassenbericht. Ferner ist laut Protokoll "Herrn Ruppert die Mitteilung zu machen, sich nicht mehr unter dem Namen W.D.F.V. e.V. zu betätigen oder im Verbandsbereich Spiele durchzuführen. Laut Versammlungsbeschluss wurde Herr Rechtsanwalt Dr. Schulte beauftragt, Herrn Ruppert aufzufordern, sämtliche Verbandsunterlagen und das gesamte Verbandseigentum dem neuen Vorstand innerhalb 14 Tagen zu übergeben." Zum neuen 1. Vorsitzenden des Westdeutschen-Damen-Fußball-Verbandes e.V. wird Hans Thessenow vom 1. D.F.C. Mönchen-Gladbach gewählt. Ferner wird im Protokol vermerkt, dass nochmals versucht werden soll "in den D.F.B. und in den D.S.B. aufgenommen zu werden." (Zitate: Sitzungprotokoll 17.8.1957)

"International Ladies Football Association"options



Am 1. November 1957 berichtet der Berliner Telegraf von insgesamt 28 "Damenfußballvereinen" in Deutschland, "die vermutlich im kommenden Jahr sogar mit einer Deutschen Meisterschaft beginnen (werden)". Dazu kommt es allerdings nicht. Ferner erwähnt der Telegraf die Gründung der "ILFA", der "International Ladies Football Association" und die geplante Konstituierung des "DFB", des "Damen-Fußballverbandes Berlin". In Essen hat der vom WDFV entmachtete Willi Ruppert inzwischen einen neuen Dachverband gegründet, den "Deutschen Damen-Fußball-Bund", kurz DDFB.

Die ILFA war am 28. August 1957 in Nürnberg ins Leben gerufen worden und hat ihren Sitz in Luxemburg. Mitglieder sind England, Österreich, Holland und Deutschland. Generalsekretär ist der Jurist Dr. Gert Bernats. "Die UNESCO wurde angeschrieben und um Unterstützung gebeten", weiß der Tagesspiegel am 02. Nov. 1957 zu berichten.

Indes kommt es zwischen den verschiedenen Damenfußball-Verbänden zu Kompetenzstreitigkeiten und Interessenkonflikten. Im Oktober wird im Berliner Mommsenstadion vor 7.000 Zuschauern das Länderspiel Deutschland gegen Holland (2:0) angepfiffen. Veranstalter ist vermutlich der WDFV. Die Frauen demonstrieren, "daß sie durchaus Fußball spielen können, ohne dabei etwas von ihrer Weiblichkeit einzubüßen oder gar zum Gespött der neugierigen Männerwelt zu werden" (Der Tagesspiegel, 16.10.1957). Allerdings kommt es gegen die Austragung dieses Länderspiels zu heftigen Einsprüchen seitens der ILFA-Vertreter beim verantwortlichen Charlottenburger Sportamt. Die "International Ladies Football Association" steckt in den Vorbereitungen zu einer "Europameisterschaft der Damen", die Anfang November in Berlin stattfinden soll. Mitveranstalter dieser angeblichen Europameisterschaft ist auch der DDFB in Person von Willi Ruppert, der zusammen mit Dr. Bernats von der ILFA die Fäden zieht. Willi Ruppert erhebt Alleinvertretungsanspruch für den "Damenfußball" in Deutschland. Der Berliner Tagesspiegel berichtet von der "Spaltung in zwei Verbände (Anmerkung: Gemeint sind der WDFV und DDFB), die getrennt auftreten und einander kräftig befehden". (Der Tagesspiegel, 02.11.1957)

Inoffizielle Europameisterschaft - DFB droht Berlin



Eine Frauenfußball-Europameisterschaft wird tatsächlich am 2. und 3. November 1957 von der "International Ladies Football Association" in Berlin ausgerichtet. Teilnehmer sind die Teams der Verbandsmitglieder. Während das deutsche und holländische Team mit dem Bus nach Berlin anreist, werden die Fußballerinnen aus England und Österreich von London bzw. Wien eingeflogen.

"Die Schülerin van de Breul aus Utrecht, Tochter der holländischen ILFA-Vizepräsidentin, die Stenotypistin Busty Hilton aus Manchester und die Schülerin Doris Tlauke aus Oberhausen sind mit jeweils 14 Jahren die jüngsten, Englands Doris Ashley (33), Hollands Verteidigerin Been (35) und Deutschlands Läuferin Waltraud Wittke (25) die ältesten Spielerinnen." (Der Tagesspiegel, 02.11.1957)

Der Internationalen Frauenfußballvereinigung gelingt es, für die Austragung der EM-Spiele das Poststadion zu erhalten, was zu heftigen Diskussionen führt. "Damen-Fußball verwirrt die Männer" titelt am 29. Oktober das Berliner Boulevardblatt BZ. Wegen dieser Veranstaltung muss das Berliner Spitzenspiel zwischen Tennis Borussia und Viktoria 89 ins Olympiastadion verlegt werden. "Soweit ist es schon gekommen, dass die Frauen die Männer vom Spielfeld verdrängen", beklagt sich VBB Geschäftsführer Kluge. (Berliner Zeitung, 29.10.1957)

Soviel umstrittener Damenfußball ruft wiederum den DFB auf den Plan. "Berlins Fußballfreunde stehen am Scheideweg", meldet die Berliner Morgenpost am 30.10.1957 und berichtet von einem erneuten DFB-Junktim (vgl. versuchte Einflussnahme auf Damenfußball-Länderspiel in Frankfurt/Städtetag 1957 in Berlin) nach dem Motto: Frauenfußball oder Herren-Länderspiele: "Die Funktionäre der männlichen Fußballwelt sind verärgert: Die Berliner können wählen – wenn sich der Frauen-Fussball dort stärker konzentriert, müssen sie eben auf unsere Großveranstaltungen verzichten, sagt man beim DFB, der sich bisher mit der Vergebung von Länderspielen nach Berlin nicht strapazierte. Der Geschäftsführer des Verbandes Berliner Ballspielvereine (VBB) Kluge meinte dazu: Natürlich, das würde die Folge sein." (Berliner Morgenpost, 30.10.1957)

Das Spandauer Volksblatt schreibt im Vorfeld der sogenannten Frauenfußball-EM: "Es ist an der Zeit, sich mit dem Fußball der Damen zu beschäftigen. man mag zu diesem Problem stehen, wie man will – Tatsache ist, dass es inzwischen international anerkannte Verbände und in Europa etwa 5000 aktive Spielerinnen gibt!... Natürlich gibt es genügend Stimmen. die meinen, man sollte den Damen das Fußballspielen rundweg verbieten. Auch der DFB ist über die Entwicklung nicht erfreut. DFB-Präsident Bauwens wollte sogar alle Stadien und Plätze sperren. Aber mit großer Beharrlichkeit haben die Verfechter der neuen Idee die Sache durchgeboxt und verweisen heute auf 28 Vereine, die allerdings vornehmlich im nordrhein-westfälischen Raum beheimatet sind. Ab 1958 wird es vermutlich auch eine Deutsche Meisterschaft geben. ... Nach Mitteilung des neugegründeten Damen-Fußballvereins Berlin (DFB) melden sich täglich fußballbegeisterte Damen, die in Kürze mit dem Spielbetrieb beginnen wollen. ... Die Dinge sind also im Fluß, und vielleicht sollte sich der DFB doch einige Gedanken machen, wie er die Entwicklung beeinflussen kann. Sonst wird der Tag kommen, da man zwei gleichwertige Verbände hat. Nach dem Grundgesetz, und das kennen die Manager der Damen-Fußballclubs sehr genau, ist das absolut möglich." (Spandauer Volksblatt, 02.11.1957)

EM-Turnier im Zwielicht



Das EM-Turnier indes erweist sich als zwielichtiges Unterfangen. Mit 40.000 Zuschauern kalkulieren die Veranstalter bei der großspurig angekündigten "Europameisterschaft", allein 20.000 DM sollen die Kosten betragen. Doch nur rund 8.000 Zuschauer kommen an beiden Tagen ins Poststadion, die Einnahmen betragen lediglich 8.200 DM. Finanzielle Deckungslücken tun sich auf, Hotels stehen vor unbezahlten Rechnungen. Wegen "dringenden Verdachts des Betruges" (Der Tagesspiegel, 14.11.1957) wird gegen die Turnier-Verantwortlichen Willi Ruppert und Dr. Gert Bernats Haftbefehl erlassen.

Auch sportlich wird das Turnier für den deutschen Frauenfußball zum Bumerang. Die deutschen Frauen spielen schlecht und verlieren das Endspiel mit 4:0 gegen England. Es ist eine ganz andere Elf als jene, die drei Wochen zuvor gegen Holland ansehnlichen Fußball geboten hatte. Die Berliner Morgenpost: "Uns mißfielen nicht allein die mäßigen Leistungen (die Engländerinnen ausgenommen), sondern vielmehr die allzu große Geschäftstüchtigkeit der Manager. Dieses Turnier mit vier Mannschaften /.../ als "Europameisterschaft" anzukündigen, war unfair. Daß die deutsche Mannschaft sich aus den `absolut besten Spielerinnen´ zusammensetzt, haben wir geglaubt – bis wir die deutsche Elf spielen sahen! /../ Die deutsche Elf, die kürzlich hier gegen Holland (2:0) spielte, (war) weitaus besser." (Berliner Morgenpost 5.11.1957). Rund 3.000 Zuschauer sehen das Finale und das Spiel um den dritten Platz, dass die Holländerinnen mit 8:1 gegen Österreichs Damenauswahl gewinnen.

Trotz Skandal: Anerkennung für Damenfußball



Trotz finanzieller Ungereimtheiten und vermeintlicher Betrügereien bei der sogenannten "Europameisterschaft" ist die Fußballeuphorie bei Frauen und Mädchen ungebrochen, auch wenn das große Zuschauerinteresse allmählich nachlässt. "Es war wirklich Sport", resümiert die Berliner Tageszeitung Der Tag. Nichts von Zirkusveranstaltungen á la "Frauen-Ringkampf oder Frauen-Catchen..., wo man sich lustig in die Locken greift, ganz gleich ob sie naturverwachsen oder nur angesteckt sind. ... Es ging in den Spielen um die "Europa-Meisterschaft" der Frauen im Poststadion durchaus sportlich und ästhetisch zu. ... Der Deutsche Städtetag, der es abgelehnt hat, den Frauen die Fußballplätze zu sperren, die in öffentlichem Besitz sind, weil das gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung verstößt, braucht sich dieser Entscheidung nicht zu schämen. Die Frauen bemühen sich um Sport und erregen keinen Anstoß". (Der Tag, 5.11.1957)

Und wenn die Fußballerinnen von dubiosen Geschäftemachern übervorteilt werden, hat das auch mit der strikten Ablehnung des DFB zu tun – meint der Berliner Tagesspiegel: "Das kategorische Nein des DFB zum Frauen-Fussball wäre besser nicht gesprochen worden. Stattdessen hätte er seinen Vereinen raten sollen, bei Bedarf Frauen-Fußball-Abteilungen zuzulassen. Ihm wäre dieser Sport nicht entglitten, die gewiß nicht positiven Erscheinungen des Frauen-Fußballs hätten sich vermeiden lassen, die ganze Geschichte sähe heute sicher ganz anders aus." (Der Tagesspiegel 16.10.1957)

Oberhausen: Stadt erlaubt Damenfußball



Auch in Oberhausen führt das Pro und Kontra in Sachen Damenfußball zu hitzigen Debatten. Doch die Stadt zeigt sich sehr tolerant. Nachdem der Sportausschuss den Fußballerinnen vom FC Kickers Oberhausen die Bereitstellung eines städtischen Sportsplatzes zu "Trainingszwecken" bereits gestattet hatte, debattiert er im November 1958 darüber, ob die Stadt den Damen Platzanlagen auch zu Wettkämpfen freigeben soll, bei denen Eintrittgeld verlangt werde. Selbst anfängliche Widersacher des Frauenfußballs votieren für die Damen: Sie hatten sich davon überzeugen lassen, dass der "FC Kickers /.../ seinen Sport ernst nehme und keinen Rummel daraus machen wolle." Allerdings werden Auflagen erlassen. So müssen sich alle Damen 1) einer sportärztlichen Untersuchung unterziehen, 2) sich versichern und 3) "dürfen sich keine Beanstandungen seitens der Bevölkerung ergeben". (WAZ, 21.11.1958) Sportausschussmitglied Dr. Hunter stellt fest: "Aus Gründen der Gleichberechtigung müssen wir unseren Sportlerinnen die gleichen Chancen bieten wie den Männern." (NRZ, 21.11.1958) Eine anfangs aufgestellte vierte Auflage für die Damen wird indes gestrichen. Die besagte nämlich , dass die Damen sich dem Deutschen Fußball-Bund anschließen sollen. Ein "illusorisches" Unterfangen, wie man sich angesichts des DFB-Damenfußballverbots schließlich eingestehen musste.

Bis 1965 rund 150 Damenfußballländerspiele



In Jahre 1958 verlieren sich mehr und mehr die Spuren von WDFV und DDFB. Für dieses Jahr und die Jahre danach sind nur wenig durchgeführte Länderspiele dieser Verbände nachweisbar. Der WDFV wird 1961 aus dem Vereinsregister gestrichen, der DDFB sogar erst 1966. Dennoch kommt es bis 1965 zu annähernd 150 Länderspielen vor allem im süddeutschen Raum, organisiert von der Deutschen Damen-Fußball Vereinigung, die sich 1958 unter dem Vorsitz von Josef Floritz gegründet hat. Es sind vor allem Spielerinnen von Fortuna Dortmund, die das Herzstück dieser kontinuierlich trainierenden und öffentlich spielenden Damen-Nationalelf ausmachen. Gespielt wird u.a. in folgenden Städten und Gemeinden: Stuttgart, München, Ulm, Schwenningen, Limburg, Marburg, Mainz, Durlach, Augsburg, Geislingen, Regensburg, Aalen, Bremen, Coburg, Erlangen, Kulmbach, Calw, Ravensburg, Fellbach, Hechingen, Crailsheim, Fürth, Eislingen, Haßfurt, Heidenheim, Nürtingen. In viele Städte und Gemeinden werden die Fußball-Damen gleich zwei oder drei Mal eingeladen. Hinzu kommen Begegnungen in Österreich, Luxemburg, Frankreich, Italien und Holland. Aufgrund der weiten und langen Anreise wird häufig im Doppelpack gekickt, d.h. es an einem Wochenende häufig zwei Spiele an benachbarten Orten absolviert. So spielen die Damen am 8.5.1957 in Schwenningen und am 10.5.1957 in Ulm, bevor sie dann einen Tag später wieder pünktlich an ihrem Arbeitsplatz erscheinen müssen.

Kuriositäten und erste Lehrgänge



Auch nach der Auflösung der Damenelf von Fortuna Dortmund und dem Wegfall repräsentativer "Werbespiele" ist die Fußballbegeisterung unter dem weiblichen Geschlecht ungebrochen. Teilsweise kicken sie bereits "inkognito" in DFB-Vereinen mit. Doch Frauen lassen sich schwer in männliche Kategorien fassen. So gründet im Januar 1966 in Karlsruhe der Fußball-Verein Daxlanden eine "Damenmannschaft". Trainiert werden die Kickerinnen (Durchschnittsalter: 35 Jahre) von einem Daxlandener Jugendtrainer. Im Februar kickt die Elf vor 600 Zuschauern gegen ein Damenteam des Fußball-Clubs Albsiedlung. Spielzeit: 2x20 Minuten. Doch zu welcher Abteilung soll man(n) die Daxlandener Fußballerinnen vereinsmäßig zuordnen? Es kommt, wie die Badischen Neuesten Nachrichten berichten, zu einem "Kuriosum": "Die Fußballfrauen des FV Daxlanden werden als "Alte Herren" geführt." (Badische Neueste Nachrichten, 21.2.1966)

Kurios auch der 1963 eingerichtete Fußball-Lehrgang für Frauen, genauer: für (angehende) Lehrerinnen in Barsinghausen bei Hannover. 19 Studentinnen und Lehrerinnen trainieren auf Einladung des Niedersächsischen Fußball-Verbandes und des Schulfußballausschusses des DFB Doppel- und Flachpässe, barfüßiges Ballgefühl, Regelkunde und Fachausdrücke. "Doch sollte damit nicht der Damenfußball hoffähig gemacht, sondern lediglich sichergestellt werden, daß Jungen auch an kleinen Schulen das Fußballspielen erlernen können." (Hannoversche Allgemeine Zeitung, 10.01.1995). Dem erfolgreichen Pilotlehrgang folgen weitere, und so wird manches "Fräulein" Lehrerin an den Volksschulen als Fußball-Lehrerin und Multiplikatorin für den vermeintlichen Männersport eingesetzt.
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Autor: Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza für bpb.de
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