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15.7.2005

"Warum machen die das?"

Fragen zum Krieg

Der Kinderkanal von ARD und ZDF nimmt seine Zuschauer ernst, so Frank Beckmann. Er "beschützt" sie nicht vor dramatischen Ereignissen, sondern bietet kindgerechte Erklärungen und Foren, in denen die Kinder selbst sprechen und so ihre erfahrene Ohnmacht überwinden können.

In Sendungen wie "Kikania" diskutieren Kinder zu aktuellen Tagesthemen mit. (© KIKA)



"Warum machen die das?" – "Kann das hier auch passieren?" – "Wie kann ich helfen?" – Fragen von Kindern, die wir immer wieder hören, wenn Kriege ausbrechen. So war es im Kosovo-Krieg, im Golfkrieg und auch beim Angriff auf das World Trade Center.

Der Kinderkanal von ARD und ZDF hat stets versucht, Antworten zu finden, wenn Kinder von dramatischen Ereignissen in der Welt emotional betroffen sind. Wir haben unsere Programmabläufe geändert und mit Sonderberichten reagiert. Und auch wenn wir nicht auf alle Fragen eine Antwort geben konnten, war es wichtig, mit unseren Zuschauern ins Gespräch zu kommen. Krisensituationen sind für Kinder emotionale Ausnahmezustände. Sie haben teils reale, teils irrationale Ängste. Wenn sie in den Erwachsenenpro-
grammen sehen, dass beispielsweise im Kosovo – nur wenige hundert Kilometer von Deutschland entfernt – Raketen explodieren, dann ist aus Kindersicht die Betroffenheit groß. Sie fragen sich: "Wie weiß ich, ob unser Keller die Raketen aushält?"

Kinderfernsehen kann in diesen Situationen relativierend wirken und auch beruhigen. Nicht das Schüren von Ängsten, sondern die kindgerechte Erläuterung der Zusammenhänge ist unsere Aufgabe. Kinderfernsehen muss zur Meinungsbildung beitragen. Kinder haben völlig andere Fragen als Erwachsene. Ihre Fragen bleiben trotz zahlreicher Sondersendungen in den Programmen für Erwachsene unbeantwortet, weil niemand sie stellt. In einem Kinderprogramm aber müssen die Fragen der Kinder einen Platz finden.


Wolkenkratzer und Flugzeuge erinnern mehr an Bilder von New York als von Bagdad. (© IZI 2005)

Krisen lösen nicht nur Fragen aus, sie erzeugen zugleich ein Gefühl der Ohnmacht. Kinder haben den Eindruck, dass Tragisches passiert, ohne dass sie etwas dagegen unternehmen können. Es besteht die große Gefahr, dass tragische Ereignisse Kinder sprachlos zurücklassen. Daher ist es notwendig, mit den Kindern direkt das Gespräch zu suchen.

Kinderfernsehen kann ein Forum sein für die Sorgen und Nöte der jungen Zuschauer. Fernsehen kann aktivieren, zum Mitmachen auffordern und Kinder aus der Passivität herausreißen. Die Ängste der Kinder werden verstärkt von den Sorgen der Eltern, die nicht wissen, wie sie mit solchen Ereignissen umgehen sollen. Allgemein gültige Regeln gibt es nicht. Niemand hätte die Grausamkeit der Anschläge vom 11. September ahnen und ihnen im Vorfeld mit einem "Kriterienkatalog" begegnen können – zu unmenschlich und unvorstellbar war das, was auch unsere Kinder an diesem Tag mit ansehen mussten.

Als erster Reflex ist es für Eltern nur natürlich, die Kinder vor allem Unglück beschützen zu wollen und sie von den Medien fernzuhalten. Von vielen Eltern wurde daher anfangs auch die Berichterstattung im KI.KA vom 11. September kritisiert. Sie waren irrtümlich der Auffassung, sie könnten tatsächlich den Kindern die Bilder des Anschlags vorenthalten.

Bereits nach den ersten Stunden änderte sich das Bild, am nächsten Tag waren die kritischen Stimmen nur noch sehr leise zu hören. Die Eltern dankten uns vielmehr dafür, dass wir ihnen die Chance gaben, über angemessene Informationen mit ihren Kindern ins Gespräch kommen zu können.

Es wurde deutlich, Kinder werden mit Anschlägen, Krisen und Kriegen konfrontiert, ob es die Eltern wollen oder nicht. Wenn in den Sendern für Erwachsene auf allen Kanälen das Programm geändert wird, dann müssen wir davon ausgehen, dass Kinder sich den Bildern nicht entziehen können. Selbst wenn Eltern sie noch vom Fernsehen abhalten können, werden sie spätestens am nächsten Tag in der Schule damit konfrontiert.

Für den Kinderkanal von ARD und ZDF ist es daher ein wichtiger Teil unseres Programmauftrags, auf aktuelle Ereignisse vorbereitet zu sein. Wir haben Strukturen aufgebaut, die es uns ermöglichen, auf dramatische Ereignisse ad hoc zu reagieren. Für den KI.KA gelten bei der Berichterstattung über Krisen mehrere Grundsätze: Zahlreiche Fernsehsender (ZDF, NDR, SWR, BR, MDR, ARTE, DW, SAT.1, N24) produzierten redaktionelle Beiträge zu diesem Thema bzw. fragten Interviews an. In 75 Artikeln – zum Beispiel in der SZ, FAZ, taz, DIE ZEIT, Die Welt – wurde über unsere Sondersendungen geschrieben. "Als Erwachsener hat man nach einem Tagesbesuch beim KI.KA das Gefühl, mehr über den Krieg erfahren zu haben als nach drei Abenden CNN live." (SZ v. 26.3.2003) "Ein – Sprachrohr für die Sorgen der Kinder." (Thüringer Landeszeitung vom 16.1.2003) – "Gut: es gibt 'logo!' im KI.KA. Die Redaktion leistet Vorbildliches." (Fernsehdienst 18/03) – "Im Bildersturm dieser Tage bewährt sich vor allem der Kinderkanal mit ausgeruhter Ausgewogenheit." (tageszeitung vom 1.4.2003)

Wir haben Programme geändert, Hintergründe beleuchtet und ein Forum für den Meinungsaustausch geliefert. Verschweigen nützt nichts, Heile-Welt-Fernsehen ist in Krisenzeiten weltfremd. Ein Kinderprogramm, das seine Zuschauer ernst nimmt, kann nicht an deren Sorgen und Nöten "vorbeisenden". Wenn Fernsehen tatsächlich das wichtigste Orientierungsmedium für Kinder ist, dann hat es gerade in Zeiten völliger Desorientierung die Aufgabe, Richtungen aufzuzeigen, zuzuhören und Ansprechpartner zu sein.

Frank Beckmann

Zur Person

Frank Beckmann

Frank Beckmann ist Programmgeschäftsführer des KI.KA Kinderkanals von ARD und ZDF in Erfurt.


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