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1.10.2011

Kriegsformen

Die Ursachen, die eine Rolle beim Ausbruch von Kriegen spielen, sind sehr verschieden. Ebenso unterschiedlich sind auch die Kriegsformen.

"Live"-Bilder des Irakkriegs - Tagesschau vom 20.03.2003 (© ARD)



Der Irakkrieg im Jahr 2003 gilt als zwischenstaatlicher Krieg. Der Tagesschaubericht vom 20.03.2003 übernimmt "Live"-Bilder des amerikanischen Fernsehens und zeigt die Ereignisse des offiziellen Kriegsbeginns, bei denen die Amerikaner gezielte Bombardements in Bagdad durchführten. Der Ausschnitt der Tagesschau findet sich auf der DVD "Der Krieg in den Medien" in E1 – Live dabei? / Wissen im Detail / Der Krieg/ Kriegsformen. In unserem heutigen Kriegsverständnis spielt der Staat die entscheidende Rolle. Das liegt daran, dass im 18. und 19. Jahrhundert die klassischen Kriege zwischen Staaten in Europa der Normalfall waren.

Krieg diente ihnen als ein Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen oder, wie General von Clausewitz (1780–1831) es formulierte: "Die politische Absicht ist der Zweck, der Krieg das Mittel." Kriege, die zwischen den Streitkräften zweier (oder mehrerer) Staaten stattfinden, bezeichnet man als zwischenstaatliche Kriege. In ihnen gelten bestimmte Regeln, die zum Beispiel die Zivilbevölkerung und gefangene Soldaten schützen sollen, was allerdings spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg kaum noch beachtet wurde. Trotzdem haben zwischenstaatliche Kriege lange Zeit unser Bild vom Krieg bestimmt, inzwischen sind sie jedoch eher die Ausnahme.

Bei Bürgerkriegen wird der Krieg innerhalb eines Staates, teilweise aber auch über Staatsgrenzen hinaus ausgefochten. Bürgerkriege können zwischen verschiedenen organisierten Gruppen eines Landes, aber auch gegen die Armee der eigenen Staatsregierung geführt werden. Viele dieser Konflikte bleiben innerhalb eines Landes regional beschränkt. Bürgerkriege haben in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen und die "zwischenstaatlichen Kriege" als dominierende Kriegsform abgelöst.

Seit 1945 ist die Anzahl der Bürgerkriege stark angestiegen. Die Grafik zeigt laufende innerstaatliche (in der Grafik gelb) und zwischenstaatliche (in der Grafik orange-rot) Konflikte hoher Intensität von 1945 bis 2010.



Bürgerkriegsformen



Die Gründe bzw. Ursachen, die dazu führen, dass Menschen militärische Gewalt anwenden, sind vielfältig. Diese können beispielsweise sein: Gebietsansprüche und Konkurrenz um Ressourcen, Kampf um die Vormachtstellung in einem Gebiet, Nationalismus, soziale Ungerechtigkeit etc. Abhängig von den Ursachen des Krieges und der Art und Weise der Kriegsführung wird zwischen folgenden Bürgerkriegsformen unterschieden: Autonomie- und Sezessionskriege, Antiregimekriege, Guerillakriege sowie Kolonisations- und Dekolonisationskriege.

Autonomie- und Sezessionskriege

In Autonomie- und Sezessionskriegen geht es um die Durchsetzung der Interessen einzelner Gruppen innerhalb eines Staates. Diese kämpfen für mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung (Autonomie) oder für die Loslösung eines eigenen Gebiets vom Staatsverband (Sezession). Die meisten der Konflikte entstehen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppierungen, die häufig mit sehr unterschiedlichen Rechten innerhalb eines Staates leben und deren jeweilige Interessen aufeinanderprallen, beispielsweise im ehemaligen Jugoslawien ab 1991 oder seit Mitte der Achtzigerjahre in Sri Lanka. Ethnische Kriege traten in den letzten Jahrzehnten insbesondere dann auf, wenn der Staat nicht mehr in der Lage war, einen wirtschaftlichen Ausgleich zwischen den Bevölkerungsteilen zu schaffen.

Antiregimekriege

In Antiregimekriegen geht es um den Kampf um die Regierungsmacht und letztlich um die Veränderung des gesellschaftlichen oder politischen Systems. Ein Beispiel für einen Antiregimekrieg ist der Kampf der Gruppierung "Sendero Luminoso" ("Leuchtender Pfad") gegen die Regierung in Peru. Die Bewegung setzte sich zunächst friedlich für die verarmte Bevölkerung in den ländlichen Regionen der ärmsten peruanischen Provinz ein. In den Achtzigerjahren entschied man sich dann allerdings für den gewaltsamen Weg zum Sturz der Regierung. Dies löste für zehn Jahre bürgerkriegsähnliche Zustände im Land aus, die mehr als 30.000 Menschen das Leben kosteten.

Guerillakriege

Schwarz-Weiß-Fotografie von Ernesto "Che" Guevara, argentinischem Arzt und rechter Hand des kubanischen Revolutionärs Fidel Castro. (© AP)



In Kuba kämpfte in den Fünfzigerjahren der Guerillaführer Ernesto "Che" Guevara gegen die Truppen des Diktators Fulgencio Batista. Nach dreijährigem Kampf errangen die Guerilleros den Sieg über das Terrorregime Batistas und ersetzten es durch eine neue Regierung.

Der Guerillakrieg ist eine Form des Krieges, bei der irreguläre Kampfverbände eines Landes gegen die Truppen der eigenen Regierung, gegen Eroberer und Besatzer oder gegen andere irreguläre Truppen kämpfen. In vielen Fällen soll gewaltsam ein politischer Umsturz oder die staatliche Unabhängigkeit herbeigeführt werden. Das Besondere an Guerillakriegen ist, dass die Truppen- und Waffenstärke der Kriegsparteien in der Regel sehr ungleich verteilt ist. Die leicht bewaffneten Guerillatruppen stehen oftmals technisch hochgerüsteten Armeen mit Panzern, Kampfflugzeugen und anderem schwerem Kriegsgerät gegenüber. Da sie in offenem Kampf hoffnungslos unterlegen wären, operieren sie aus einem schwer zugänglichen Terrain heraus oder mit dem Schutz der Zivilbevölkerung. So greifen kleinere militärische Verbände an oder begehen Anschläge, bei denen auch die Zivilbevölkerung nicht verschont bleibt.

Kolonisations- und Dekolonisationskriege

Die europäischen Kolonialmächte (u. a. England, Frankreich, Portugal, Spanien, die Niederlande und das Deutsche Reich) haben im 19. und 20. Jahrhundert in vielen Teilen der Erde (Afrika, Asien, arabische Welt) lang andauernde und brutale Kriege zur Durchsetzung und Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft geführt. Dekolonisationskriege wurden seit dem Zweiten Weltkrieg mit dem Ziel der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht geführt. So lehnte beispielsweise Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg als Kolonialmacht weiterhin die Unabhängigkeit Algeriens ab. 1954 begann die algerische Befreiungsfront (FLN) mit dem bewaffneten Kampf, der siebeneinhalb Jahre andauerte und mindestens 300.000 Menschenleben kostete.

Die sogenannten "neuen Kriege"



Im 20. und 21. Jahrhundert gab und gibt es neben zwischenstaatlichen und Bürgerkriegen auch Kriege, die sich nur schwer in die klassischen Kategorien einordnen lassen. Gemeinsam ist diesen eine große Ungleichheit (Asymmetrie) bezüglich Kräfteverteilung, Kampfmethoden und -mittel sowie Motivationen der beteiligten Parteien. Zu den von einigen Wissenschaftlern als "neue Kriege" (im Gegensatz zu den klassischen "alten Kriegen") bezeichneten Formen zählen:

Ressourcenkriege

Kindersoldaten (© AP)



In Ressourcenkriegen kämpfen Warlords (lokale Kriegsherren), Milizen und Rebellen um die Macht über rohstoffreiche Gebiete und beziehen dabei gezielt die Zivilbevölkerung mit ein. Beispiele hierfür sind die fortwährenden Auseinandersetzungen in Zaire, Sudan, Somalia oder im Kongo. Bestandteil vieler sogenannter "neuer Kriege" um Ressourcen sind Kindersoldaten. Sie sind kostengünstig und können leicht angeworben oder zwangsrekrutiert werden. Weltweit werden schätzungsweise rund 250.000 Kindersoldaten im Krieg eingesetzt.

Befriedungskriege

Bei Befriedungskriegen wie im Kosovo 1999, greifen militärisch hochtechnisierte internationale Truppen oder Staaten ein, um eine kriegerische Auseinandersetzung in einer Region zu beenden.

Der moderne Terrorismus

Auch der moderne Terrorismus gegen westliche Staaten, wie er zum Beispiel bei den Anschlägen am 11.9.2001 in New York oder am 7.7.2005 in London zutage trat, und seine Bekämpfung mittels militärischer Gewalt zählen zu den Formen der "neuen Kriege".

Seit Ende 2001 war die Bundeswehr in Afghanistan "im Einsatz" – oder "im Krieg"? Die Kampfhandlungen wurden von manchen Politikern und Fachleuten als Krieg bezeichnet, damit sie nicht verharmlost werden. Andere vermeiden den Begriff Krieg, weil er in Deutschland zu sehr mit den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert verbunden ist und die kriegerischen Handlungen in Afghanistan eine andere Dimension haben.

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der den Begriff der "neuen Kriege" propagiert, antwortet auf die Frage, ob es sich bei dem Geschehen in Afghanistan um Krieg handele: "Man kann es als Kleinkrieg bezeichnen – in unterschiedlichen Gebieten und mit unterschiedlicher Intensität. In meinem Sinn wäre es ein neuer Krieg, aber kein klassischer Krieg, wie man ihn in Deutschland versteht. Wenn wir uns aber darauf einigen, dass Krieg eine Form des Aufeinandertreffens von bewaffneten Akteuren ist, die vom Hinterhalt bis zur großen Schlacht reichen kann, dann kann man auch hier von Krieg sprechen." [1]

Fußnoten

1.
Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/
texte/anzeigen/478976
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