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29.2.2012

Vergessene Themen

Einblick: Defizite und Initiativen

Die Gesellschaft hat viele Gesichter. Kommen sie alle in der Lokalberichterstattung vor? Oder wird der Blick für die relevanten Themen durch Terminjournalismus verstellt? Wie lassen sich thematische Leerstellen verhindern?

Vier junge Türkinnen in Köln. (© picture-alliance, JOKER)


Als die tägliche Zeitung im Briefkasten noch konkurrenzlos war, gestaltete sich die Informationslage eindeutig: Wer wissen wollte, was in seiner Stadt oder im Nachbardorf passierte, musste in die Lokalzeitung schauen. Im schlechtesten Fall bedeutete das: Was der Redakteur vor Ort nicht schrieb, das fand öffentlich nicht statt. Heute hat sich die Gruppe derer, die Themen öffentlich machen und Debatten anstoßen, vergrößert. Überall posten, twittern und bloggen Menschen, die sich in ihrem Fachgebiet oder ihrem Stadtviertel auskennen - manchmal besser als der noch so gut vernetzte Journalist.

Sie bieten ihren Lesern, was diese (nach Ansicht der Blogbetreiber) von den etablierten lokalen Medien nicht bekommen: Unabhängige Recherche, Kritik und Themen, die zu kurz kommen. Im Prinzip also genau das, was – Leserbefragungen untermauern das – ein Lokalblatt leisten soll und allzu oft tatsächlich nicht leistet: Es gibt diese Exemplare, gefüllt mit austauschbaren Berichten über Vereinsversammlungen inklusive akribisch geführter Liste der Geehrten, Pressemitteilungen aus dem Rathaus und Ergebnisberichten aus der Kreisliga. Allesamt verpackt in eine eintönige Berichtsform und statische Fotomotive, während man nach Kommentaren und Features lange suchen muss. Woran es neben der Darstellungsvielfalt mangelt, sind die schwierigen und sperrigen Themen. Geboten wird, was die Termine hergeben, eine langweilige Mischung aus Hofberichterstattung und "Bratwurstjournalismus", wie Lokalblogger Hardy Prothmann 2009 einen Journalismus titulierte, der sich lediglich auf die Chronistenpflicht versteife.

Keine Recherche, kein Bericht

Der Vorwurf hinter dem Begriff ist wesentlich älter. Seit den 60er Jahren analysiert die Kommunikationsforschung die lokalen Inhalte von Zeitungen, die Ergebnisse wiederholen sich: Es dominiere Termin- und Verlautbarungsjournalismus, die lokalen Eliten seien überrepräsentiert, Hintergründe und Zusammenhänge würden zu wenig erklärt, der Lokalteil sei zu unkritisch und unpolitisch. Themen, die mehr Recherche erfordern, als brisant oder unbequem eingeschätzt werden, kämen zu kurz. Daraus kann ein folgenschwerer Kreislauf entstehen: Keine Recherche, kein Bericht; und weil nicht berichtet wird, bleiben Probleme in der Öffentlichkeit lange unbekannt, die man frühzeitig hätte bearbeiten können, bevor sie gravierende Folgen provoziert haben. Die Frage etwa nach gleichen Bildungschancen für alle wurde erst zum Top-Thema, als Pisa-Studien bereits grobe Defizite im Bildungsbereich dokumentieren mussten. Der Medienwissenschaftler Horst Pöttker nennt diesen Effekt eine Art Schweigespirale und konstatiert: "Öffentliche Vernachlässigung bringt sich selbst hervor."

Dass manche Themen so schwer Eingang in die Berichterstattung finden, hat wesentlich damit zu tun, wie Lokalredakteure Themen auswählen. Wie bei allen Journalisten spielen dabei klassische Nachrichtenfaktoren eine Rolle, etwa Aktualität, geografische Nähe, Neuigkeitswert – und Lesernähe. Oft haben Lokaljournalisten dabei allerdings diejenigen vor Augen, mit denen sie tagtäglich zu tun haben. Und das sind in der Regel: die lokalen Eliten wie Kommunalpolitiker, Sportfunktionäre, Kulturarbeiter, Vereinsvertreter, Unternehmer und nicht zuletzt die eigenen Kollegen in der Redaktion. Ihre Themen sind es dann auch, die in den Spalten vieler Lokalzeitungen dominieren.

Initiativen gegen blinde Flecken

Wohlgemerkt: Sie alle sind Gestalter des Gemeinwesens und damit wichtige Informanten. Problematisch, aus journalistischer und demokratischer Sicht, wird es, wenn deren Sichtweisen zu viel Raum einnehmen und unreflektiert und unkritisch in der Zeitung abgebildet werden. Wenn Themen der Menschen, die nicht qua Funktion im öffentlichen Leben stehen, in der Zeitung nicht stattfinden.

Titel der drehscheibe zum Thema "Migration" (© bpb)

So betrifft das Thema Integration vordergründig nur eine Minderheit, die noch dazu mangels Sprachkenntnissen kaum deutsche Lokalzeitungen liest bzw. weniger Möglichkeiten hat, ihre Anliegen in die Redaktionen zu tragen. Die Folge: Meist wird über sie gesprochen, nicht mit ihnen, die Berichterstattung kratzt an der Oberfläche. Mit der Serie "Lebenswelt(en) LU" ist die Rheinpfalz in Ludwigshafen, eine Stadt mit rund 20 Prozent Ausländeranteil, 2008 und 2009 von vornherein einen anderen Weg gegangen. Denn der Anlass wog schwer: Das Konzept hat die Redaktion gemeinsam mit ausländischen Mitbürgern entwickelt, Themen waren unter anderen: Bildung, Vereine, Apotheken, Sprachförderung, Arbeitsleben, ausdrücklich auch aus Sicht von Migranten betrachtet. Parallel ließ die Zeitung eine wissenschaftliche Studie zum Stand der Integration erstellen. Aufgrund der großen Resonanz wurden alle Artikel in einem Sonderdruck zusammengefasst, der Schulen für Projektarbeit angeboten wurde – so kann eine Tageszeitung Wirkung über den Tag hinaus entfalten.

Journalisten müssen einen unverstellten Blick für diese Informationen haben und sie publizieren. Das ist ihr Auftrag, der sich aus Artikel 5 des Grundgesetzes ergibt, in dem die Presse- und Meinungsfreiheit garantiert ist. Dass es gerade im lokalen Bereich so schwer fällt, diesen Auftrag adäquat zu erfüllen, liegt auch an den besonderen Rahmenbedingungen, unter denen Journalisten arbeiten. So brauchen zum Beispiel fundierte Recherchen Zeit, die bei der Arbeitsbelastung in dünn besetzten Redaktionen fehlt.

Spezialisten für umfassende Themen

Ein blinder Fleck in der lokalen Berichterstattung blieb bisher vielfach das Thema Rechtsextremismus. Berichtet wird meist aus aktuellem Anlass. Seltener verfolgen Lokalredaktionen extremistische Umtriebe vor der eigenen Haustür kontinuierlich – aus Angst vor Beschimpfungen oder Gewalttaten und aus Furcht, den Extremisten ein öffentliches Forum zu bieten. Dem liegt ein echtes Defizit zugrunde: Es fehlt an Fachwissen, Strukturen der rechten Szene zu erkennen und extremistische Argumentationsmuster inhaltlich widerlegen zu können. Zeitungen wie die Sächsische Zeitung in Dresden, die Freie Presse in Chemnitz und die Westfälische Rundschau aus Dortmund beispielsweise haben sich schon vor Jahren dafür entschieden, das Thema nicht totzuschweigen, sondern bewusst sachlich, unaufgeregt, aber offensiv anzugehen. Sie recherchieren Hintergründe (Wie dringen Rechte in Vereine und Feuerwehren ein? Was steckt hinter harmlos klingenden Phrasen?) und unterstützen Gegeninitiativen. Das funktioniert nur, weil sich Redakteure auf das Thema spezialisiert und über die Jahre Kontakte zu Experten und Insidern aufgebaut haben.

Dass der Rückzug aufs risikoarme Dokumentieren von Terminen sich auf lange Sicht nicht eignet, um zahlende Leser einer Qualitätszeitung zu finden, haben Lokalzeitungsmacher mit Weitblick erkannt. Das Killerargument "Das will doch keiner lesen" in der Redaktionskonferenz aufzuhebeln, heißt auch, dem Leser mehr zuzutrauen. Beispiel Soziales: Kaum eine Redaktion, die nicht über das Engagement der örtlichen "Tafel" berichtet, das Schicksal eines Obdachlosen aufzeichnet oder Personalmangel in den Altenheimen der Stadt thematisiert. Solche Beiträge sind wichtig, weil sie Leser emotional berühren und Interesse für die Themen wecken. Journalisten müssen darüber hinaus deutlich machen, dass soziale Schieflagen auch strukturelle Ursachen haben, die auch den "normalen" Leser betreffen. Dass dies nicht in einer trockenen Pflichtaufgabe münden muss, hat die Münchener tz 2001 mit einer Serie über den Alltag in Pflege- und Altenheimen bewiesen. Unter dem Titel "die tz kämpft für die Würde unserer Senioren" hat sie gute und schlechte Pflegebeispiele vorgestellt, Politiker, Sozialverbände, Heimleitungen, Altenpfleger, betroffene Senioren und Angehörige zu Wort kommen lassen und mit praktischen Tipps ergänzt – und das Thema "Pflegenotstand" so aus der Tabu-Ecke geholt.

Eigene Themen zu setzen kann viele Formen annehmen. Die Initiative "Franken 2020", die 2008 von jungen Journalisten des Fränkischen Tags, der Bayerischen Rundschau und des Coburger Tageblatts konzipiert wurde, hat es sich beispielsweise zur Aufgabe gemacht, das Thema demographischer Wandel aus verschiedensten Perspektiven zu beleuchten und nicht nur das Grundproblem zu skizzieren. Stattdessen wurden durch Themenseiten zu Familienleben, Leben im Alter, Wertewandel, täglicher Berichterstattung, einem Online-Dossier und einer öffentlichen Podiumsdiskussion bewusst Lösungen und Chancen gesucht. Veränderungen und ihre Möglichkeiten die für Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur entstehen, wenn sich die Bevölkerungsstruktur in der Region ändert.

Die Geschichten hinter den Terminen zu suchen, über Menschen zu berichten, die sonst nie zu Wort kommen, nicht zu verkünden, sondern zu erklären. Solcher Qualitätsjournalismus entsteht nicht durch Zufall. Er muss geplant werden, dafür sind die Lokalredaktionen verantwortlich – und sie sind nicht auf sich allein gestellt, wenn es gilt, vernachlässigte Themen aus dem Schatten zu holen. So weist zum Beispiel die Initiative Nachrichtenaufklärung regelmäßig auf ihrer Einschätzung nach blinde Flecken in der Berichterstattung hin (z.B. 2011 auf Schadstoffe an Schulen in Nordrhein-Westfalen oder mangelhafte ärztliche Versorgung in Altenheimen). Die gemeinnützige Initiative step21 regt mit dem Projekt "Weiße Flecken" Jugendliche aus Deutschland, Österreich, Polen und Tschechien an, selbst journalistisch aktiv zu werden und verschwiegene Themen und Falschmeldungen von Lokalzeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus aufzudecken.

Journalistenwettbewerbe wie der Deutsche Lokaljournalistenpreis, ausgerichtet von der Konrad-Adenauer-Stiftung, oder der Wahl-Award der Bundeszentrale für politische Bildung für gelungene Wahlberichterstattung zeichnen die besten Arbeiten lokaler Medien aus, dokumentieren sie und bieten so einen Fundus an Anregungen zum Nachmachen. Sie greifen damit das Motto der "drehscheibe" auf, die Lokaljournalisten seit 30 Jahren als Planungsinstrument zur Verfügung steht: Der Pressedienst sammelt gute Ideen aus den Lokalredaktionen, um sie weiter zu tragen. Hier erklären Lokalzeitungsmacher, wie sich Themen wie Rechtsradikalismus, Wahlen, Mauerfall, Umwelt, Integration oder Energie lokal aufbereiten lassen. Daraus ist ein bundesweites Netzwerk unter dem Dach der Bundeszentrale für politische Bildung entstanden. Denn: Was Menschen in einer heterogenen Gesellschaft miteinander verbindet, das finden sie am ehesten in ihrem direkten Lebensumfeld. Hier haben sie auch die größten Möglichkeiten, das politische und gesellschaftliche Leben selbst mitzugestalten. Indem die Lokalzeitung Themen aus dieser Lebenswelt auf die öffentliche Agenda setzt, Debatten anstößt und das Tagesgespräch bestimmt, stiftet sie Gemeinschaft und ermöglicht bürgerschaftliche Teilhabe. Wenn die Lokalzeitung diese Aufgabe nicht erfüllt – wer sollte es sonst tun?
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Heike Groll für bpb.de

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Heike Groll

Heike Groll

Heike Groll

Heike Groll ist leitende Redakteurin in der Chefredaktion der Volksstimme in Magedeburg, zuvor war sie leitende Redakteurin in der Chefredaktion des Fränkischen Tags. Von 2000 bis 2006 leitete sie die Redaktion der drehscheibe und war Projektleiterin bei der Initiative Tageszeitung (ITZ).


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