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27.11.2012

Klingen Nachrichten im Radio noch zeitgemäß?

Nachrichten zählen zur wichtigsten Darstellungsform im Radio. Sie gehören wie selbstverständlich zu einem Radio-Vollprogramm. Beständig wird in Praxis und Forschung an ihrer Optimierung hinsichtlich Inhalt, Schreibstil und Sprache gefeilt Doch längst nicht alle Redaktionen setzen die Erkenntnisse aus Hörerstudien in der Praxis um.

Experten fordern: Mehr Alltagssprache in die Nachrichten.

Obwohl sich Hörfunknachrichten in den letzten Jahren hinsichtlich ihrer Inhalte, ihres Sprachstils und ihrer Präsentationsformen durchaus verändert haben, herrscht oft der Eindruck vor, Radionachrichten klängen seit 100 Jahren gleich. "Stimmt nicht", sagt die Sprechwissenschaftlerin Ines Bose von der Universität Halle, "in den Nachrichtenredaktionen ist zurzeit eine verstärkte Bemühung um Verständlichkeit und Attraktivität zu verzeichnen und damit eine Tendenz zur Mündlichkeit, zu alltagsnahem, natürlichem Sprach- und Sprechstil." In einem noch immer laufendenProjekt zur Hörverständlichkeit von Radionachrichten hat sie gemeinsam mit Nachrichtenchefs öffentlich-rechtlicher Hörfunksender das Zusammenwirken von redaktionellen, sprachlichen und sprecherischen Faktoren bei der Nachrichtenproduktion und -rezeption untersucht. Zusammen mit Dietz Schwiesau, Autor des HandbuchesDie Nachricht und Chef Nachrichten/Zeitgeschehen beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) hat die Sprechwissenschaftlerin erste Forschungsergebnisse unter dem Titel Nachrichten schreiben, sprechen, hören veröffentlicht.

Nachrichten auf Augenhöhe

Eher amüsiert angesichts der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit solcher Forschungsprojekte zeigt sich mancher Radiopraktiker: "Von einer unmittelbar hörverständlichen Nachrichtensprache sind wir im Radio oft noch meilenweit entfernt - zumindest bei den Vertretern des Anstaltfunks", meint beispielsweise Norbert Linke. Der Direktor der FFH-Academy ist Trainer, Coach und Berater für Radio-Nachrichtenredaktionen und leitete von 1992 bis 2009 die Nachrichtenredaktion des Privatsenders Hitradio FFH in Bad Vilbel. "Wir haben viel zu selten den Hörer in seiner Hörsituation im Blick", meint Linke, "solange in den Funkhäusern der Mut fehlt, aus der richtigen Erkenntnis die notwendigen Folgen zu ziehen, sehe ich keinen Fortschritt".

Aber auch die Nachrichtenredaktionen der Privatradios reproduzieren nach Linkes Beobachtungen noch viel zu oft den "alten" Nachrichtenstil, dabei sei die klassische Diktion längst nicht mehr zeitgemäß. Linke empfiehlt, öfters den Nachrichtenpräsentator als Redaktionsexperten zu nutzen, um damit die Kompetenz des Senders zu unterstreichen: "Nachrichten sollten Kommunikation sein. Zwei Menschen sprechen miteinander, ohne Manuskript. In freien Worten unterhält sich der Moderator mit dem Nachrichtenfachmann. Auf Augenhöhe, in der Alltagssprache, erreicht man die Hörer besser."

Mehr Blaulicht, weniger Politik?

Polizei- und Katastrophenmeldungen in den Lokalnachrichten fesseln den Zuhörer mehr als Politik. "Das ist ganz logisch", sagt Nachrichtenfachmann Linke, "Politik ist weniger attraktiv, weil hier hauptsächlich debattiert und gestritten wird. Manchmal zieht sich die Debatte um eine Ortsumgehung oder Gewerbeansiedlung über Jahrzehnte hinweg. Dennoch sind Politikmeldungen unverzichtbar, sie sollten einfach attraktiver, beispielsweise mit O-Tönen Betroffener, präsentiert werden."

Auch für den Einwand, dass O-Töne in den Nachrichten laut Hörerstudien selten gut ankommen, hat Linke eine Erklärung. Grund dafür seien schlechter Schnitt, leere Floskeln und Alibi-O-Töne wie Redaktionsaufsager.

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Norbert Linke, Nachrichtencoach und Autor des Buches "Moderne Radionachrichten", hat ein Blog speziell für Nachrichtenredakteure im Radio eingerichtet.

Weltnachrichten und Lokalnachrichten gehören zusammen

Aufräumen will Linke auch mit der Praxis, dass Lokalradios ihre Weltnachrichten in der Regel zur vollen Stunde ausstrahlen und die Lokalnachrichten meistens zur halben Stunde. Der Hörer dagegen möchte am Morgen am liebsten halbstündlich eine Mischung aus beidem. Das bestätigt eine erst kürzlich veröffentliche Positionierungsstudie der BLM für Morgensendungen im bayerischen Lokalradio. Demnach sollten regionale Meldungen selbstverständlicher Bestandteil jeder Nachrichtensendung sein.

"Es gibt keinen vernünftigen Grund für die bisherige Praxis, Lokalnachrichten in ein Reservat zur halben Stunde zu verlegen", meint Linke. Voll- und Halb-Blöcke empfiehlt er als gleichwertige Premium-Produkte zu positionieren, und nicht als Güteklasse A bzw. B. Da die volle Stunde traditionsgemäß höher gerankt sei, könnte man aus der bisherigen Trennungspraxis schließen, die Redaktion vertraue ihren eigenen Lokalnachrichten nicht.

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Die Nachrichtenarche der ARD

Nachrichtenarchiv der ARD.

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Kommunikationsforschung mit dem Thema Nachrichten im Radio, ihrer Hörverständlichkeit und ihrer Wirkung auf die Zuhörer. Um eine systematische Archivierung von Nachrichtensendungen hat sich allerdings lange niemand gekümmert. Genauer gesagt: bis zum Jahr 2003. Bis dahin blieb es mehr dem Zufall überlassen, ob Nachrichten oder zumindest ihre Manuskripte bei den öffentlich-rechtlichen Stationen aufbewahrt wurden. Den Grund dafür sieht Dietz Schwiesau, Leiter der Nachrichtenredaktion des MDR, in der Vergänglichkeit der Nachricht: "Nach der Ausstrahlung hat die Nachricht ihren Wert verloren, nicht nur für den Hörer. Der Nachrichtenredakteur arbeitet längst an neuen Nachrichten für die neue Sendung." Aber auch wenn der journalistische Wert von Radionachrichten verfällt, so bleiben sie wertvolle Zeitdokumente. Aus diesem Grund beschlossen die ARD-Nachrichtenchefs am 29. Oktober 2003 bei einem Treffen in Nürnberg, jedes Jahr die 13-Uhr-Nachrichten vom 11. November inklusive Texte und Begleitmaterial zu archivieren. Gesammelt wird das Material bis auf weiteres beim MDR in Magdeburg unter dem Stichwort Nachrichtenarche der ARD. Der 11. November wurde gewählt, weil an diesem Tag die Berliner Funkstunde die ersten Nachrichten des deutschen Rundfunks ausgestrahlt haben soll.

Die Marke muss auch Online Nachrichtenkompetenz anbieten

Moderne Radionachrichten brauchen auch eine prominente Online-Präsenz. Viele Radiosender, so Linke, hätten noch nicht verstanden, den Hörer auf der Suche nach Updates zu aktuellen Informationen an die eigene Radio-Website zu binden. Vor allem vermisst er ausgewiesene, leicht auffindbare Flächen für starke und gut bebilderte News. Damit zwinge man den Hörer geradezu, sich anderen Angeboten zuzuwenden . Und das sei paradox: "Auf Radio-Konferenzen und -podien dreht sich alles um die Zukunft des Radios und um seine Rolle im Medienmix. Zugleich geben viele Programme ihr wichtigstes Pfund aus der Hand, Tagesaktualität und Regionalität - jedenfalls auf ihren Online-Präsenzen", sagt Linke. Online first gelte daher auch für Radioredaktionen.

Inge Seibel-Müller

bio_Inge Seibel-Mueller Zur Person

Inge Seibel-Müller

Inge Seibel-Müller ist freie Journalistin und Radioberaterin. Sie arbeitete zuvor als Moderatorin, Chefredakteurin und Programmchefin bei Radio Charivari München und Antenne Thüringen in Weimar. 2003 bis 2010 gehört sie zum Projektteam Hörfunk der bpb. Sie ist Mitglied der Grimmejury für den Deutschen Radiopreis.


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