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3.11.2009

"Das Politische war Nebensache"

Auch in der DDR gab es Radiopiraten. Zum Beispiel in den 60er Jahren im Leipziger Stadtteil Paunsdorf. Vier Jahre lang brachte damals der "Sender Freies Paunsdorf" das, was offiziell zu Zeiten Walter Ulbrichts nicht nur unerwünscht -, sondern sogar streng verboten war: "Dekadente westliche Beat-Musik". Den DDR-Behörden ist es trotz großer Anstrengungen nie gelungen, den Sender ausfindig zu machen und die Radiopiraten festzusetzen. Für den Chemnitzer Dieter Schaal war die Radiopiraterie der Start zur Berufskarriere. Ende der 50er Jahre verbreitete er in seinem "Ried-Funk" die offiziell verpönte "Westmusik". Der Mittweidaer Medienstudent Florian Tillack hat für Hörfunker.de den Radiopionier im Chemnitzer Stadtteil Rabenstein besucht.

Was bis heute kaum jemand weiß: in der DDR gab's nicht nur den staatlichen Rundfunk für die heimische Bevölkerung und Propagandasender mit Sendungsbewusstsein gen Westen. Die Zensur im Äther durchbrachen hin und wieder Radiopiraten, so wie der Chemnitzer Dieter Schaal. Ende der 50er Jahre verbreitete er in seinem "Ried-Funk" die offiziell verpönte "Westmusik". Der Mittweidaer Medienstudent Florian Tillack hat für Hörfunker.de den Radiopionier im Chemnitzer Stadtteil Rabenstein besucht.

Es ist ein kühler Herbsttag, als ich mich auf den Weg zu Dieter Schaal mache. Der 66-Jährige bittet mich über die Gegensprechanlage freundlich, ihn gleich in seine Werkstatt auf der Rückseite des Reihenhauses zu begleiten. Der winzige Raum ist voll gestellt mit allerlei Technik, so dass kaum zwei Menschen darin Platz finden. Neben uralt wirkenden Sendeanlagen, entdecke ich auch moderne Fernsehgeräte, Lautsprecherboxen und Telefone. Von Kindstagen an ist Dieter Schaal ein begeisterter Technik-Liebhaber.

In den folgenden knapp eineinhalb Stunden erzählt er mir seine Geschichte. Kaum so spektakulär, wie jene im diesjährigen Kinofilm "Radio Rock Revolution", der von wilden Radio-Rebellen der 60er handelt. Dieter Schaals Geschichte hat dem fiktiven "Radio Rock", das sich sehr vage an die Entstehung eines britischen Piratensenders anlehnt, aber mehr als eines voraus: Sie ist unmittelbar greifbar. Zum Beispiel in Form der Aufzeichnungen seiner "Ried-Funk"-Sendungen Ende der 50er Jahre.

In dieses Mikrofon sprach Dieter Schaal seine Ansagen für den Piratensender. (© Florian Tillack)

Als Schaal erstmals auf Sendung geht, ist er ganze 15 Jahre alt. Mit dem Geld seiner Jugendweihe beschafft er sich die Bauteile für das erste Tonband und ein Radiogerät. Auf dem Dach installiert er eine drehbare Antenne und im August 1958 startet sein "Ried-Funk", benannt nach seiner Straße im Stadtteil Rabenstein im damaligen Karl-Marx-Stadt. "Gedacht war es zunächst nur für unsere Hausgemeinschaft", erzählt Dieter Schaal. Bald stellt er allerdings fest, dass sein Programm auf der Mittelwellenfrequenz 800 kHz je nach Wetterlage fast den gesamten Stadtteil erreicht. "Immer öfter hörte ich dann Leute über den Sender sprechen, die auch außerhalb unserer Straße wohnten. Die Mädels in der Schule fanden es total befremdlich, plötzlich meine Stimme im Radio zu hören", erinnert sich der damalige Radiomacher amüsiert. Manchmal ist er am Sonntag auch mit dem Rad durch Rabenstein gefahren und hat gelauscht, wer sein Programm empfängt.

Die Musik spielte die entscheidende Rolle

Dieter Schaal sendet neun Monate lang immer sonntags zwischen 9 und 14 Uhr, wenn die Rundfunkanstalten Kirchenmusik ausstrahlten. Schlager suchte man vergebens. Mitte 1958 wurde in der DDR auch noch eine Quote im Hörfunk festgeschrieben: 60 Prozent DDR-Musik, 40 Prozent West-Titel. Ab 1959 durfte man dann öffentlich keine Westsender mehr hören. Sein Programm besteht daher vor allem aus Schlagern, die er beim Bayerischen-, Hessischen- und Norddeutschen Rundfunk aufzeichnet. "Die Leute wollten das gerne hören und so habe ich angefangen. An sich nur Musik, ab und zu mal eine Ansage. Wenn jemand Geburtstag hatte, gab es auch schon mal Glückwünsche. Sehr beliebt war auch das Wunschkonzert. Die Leute sagten mir, was sie hören wollen und am Sonntag liefen dann diese Lieder im Radio."

So klang es aus Dieter Schaals Piratenstudio


Die Verbreitung politischer Botschaften hatte Schaal dagegen nie im Sinn: "Die Musik spielte die entscheidende Rolle in unserer Zeit. Das Politische war erst einmal Nebensache", sagt er heute. So gab es für den damals ambitionierten Radiomacher auch keine Konsequenzen, als der "Abschnittsbevollmächtigte" der Volkspolizei im Mai 1959 die Ausstrahlung weiterer Sendungen verbot: "Für mich war es ein Spaß und die Leute hatten Gefallen daran. Außerdem war ich mit 15 Jahren noch nicht strafmündig."

Vom Radiopiraten zum Funkmechaniker

Für seine anschließende Berufskarriere war die "Radiopiraterie" sogar eher ein Sprungbrett. "Der 'Ried-Funk' war quasi Startschuss für eine staatliche Förderung", erinnert sich Schaal, "ich kam plötzlich an Technik heran, zu der ich als Laie nie Zugang gefunden hätte. Die Leute kannten mich nun und so kamen sie zu mir, wenn mal ein Radio kaputt war." Nach einer Ausbildung zum Funkmechaniker arbeitet Schaal zunächst als Tontechniker beim "Stadtfunk" in Karl-Marx-Stadt. Ab Mitte der 60er Jahre ist er dann für die Beschallung des Kulturpalastes und der Freilichtbühne in seiner Heimatstadt zuständig. Als in den 70er und 80er Jahren immer häufiger Stars aus dem Westen Gastspiele in der DDR geben, sorgt Dieter Schaal bei Auftritten damaliger Schlagergrößen wie Katja Ebstein, Rex Gildo, Chris Roberts und Marianne Rosenberg für den guten Ton.

Eine Studiobandmaschine aus der Sammlung von Dieter Schaal. Foto: Florian Tillack

Heute blickt der 66-Jährige auf ein erfülltes und erfolgreiches Berufsleben zurück. Nur, dass er damals nie in den Westen reisen durfte, ärgert Dieter Schaal bis heute. So hatte ihn Jürgen Drews 1981 nach einer DDR-Tournee zu sich nach München eingeladen - Schaal musste dankend ablehnen

Das Thema "Piratenradio" war für Dieter Schaal jedoch bereits nach dem Verbot durch den Volkspolizisten im Mai 1959 erledigt. Später hat er nie wieder daran gedacht, noch einmal mit einem illegalen Sender in den Äther zu gehen. "Das alles ist jetzt 50 Jahre her und so verbissen war das damals alles noch gar nicht. Man ließ mich ja machen", gibt mir der äußerst höfliche ältere Herr noch mit auf den Weg. So verlasse ich die Straße "Am Ried", die dem Piratensender seinen Name gab. In Erinnerung bleiben wird mir eine äußerst lebhafte Geschichtsstunde, die mit Hollywood wenig zu tun hat, jedoch die Welt von vor 50 Jahren für mich ein klein wenig greifbarer macht.



Florian Tillack

Florian Tillack Zur Person

Florian Tillack

Florian Tillack studiert Medienmanagement an der Hochschule Mittweida (Sachsen). Zum 20. Jahrestag des "Mauerfalls" haben Studierende an der Fakultät Medien der Hochschule Mittweida Dinge, die heute in den neuen Bundesländern allgegenwärtig und selbstverständlich sind, mit Gegebenheiten in der früheren DDR verglichen. Beispielsweise, dass in den 60erJahren in Leipzig ein Piratensender "Beatmusik" ausstrahlte oder ein Magazin mit Aktbild erschien, das über französische Mode schrieb, über Städte wie Rom, London und New York. "Gab's in der DDR...?" ist eine etwas andere Sicht auf den Fall der Mauer. Nachzulesen bei www.medien-mittweida.de


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