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11.4.2011

Morgens im Radio

Auf der Suche nach dem "gebauten" Beitrag

Das Wichtigste im Radio ist der Morgen - weil der Hörer am Morgen wissen will, was in der Welt los ist. Und dazu bedarf es auch der klassischen Beitragsform in der Themenpräsentation. Das ist zumindest das Fazit einer Studie, die von der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien in Auftrag gegeben wurde. "Den Usern oder Hörern sind Beitragsformen und Inhalte zunächst völlig egal. Sie wollen 'was Spannendes' hören. Und das möglichst lebendig", meint dagegen Patrick Lynen, Moderator und Radiocoach.

Mal bunt, mal sachlich, abwechslungsreich, informierend und unterhaltend - so stellt man sich allgemein ein gutes Radioprogramm vor. Für den richtigen Mix sorgt nicht nur die Themenauswahl, sondern auch die Präsentation. So kommt kein Radiovolontär umhin, sich im Laufe seiner Ausbildung mit den Grundformen des Radiojournalismus zu beschäftigen. Die "Bibel" dafür ist seit Langem das bereits in 9. Auflage erschienene Lehrbuch "Radio-Journalismus", herausgegeben von Walther von La Roche und Axel Buchholz.

BLM-Forum: Morningshows zwischen Information und Personality.

Mittlerweile fragt man sich allerdings, welche der hier so zahlreich und ausführlich beschriebenen Darstellungsformen in den populären Radiosendern mit überwiegendem Unterhaltungscharakter überhaupt noch zum Einsatz kommen. Wer beherrscht wirklich das Radiofeature, die Glosse, den Kommentar, das Live-Interview? Gängigste Form im modernen Hörfunk waren lange Zeit die vorproduzierten und aus einem Wechsel von Autorentext und O-Tönen "gebauten" Beiträge, in denen die unterschiedlichsten Elemente zum Einsatz kamen: Ausschnitte aus Interviews, Expertenstatements, Umfragen, teilweise unterlegt mit Atmo, usw.

Wer intensiv Radio hört, kann heute leicht zu dem Schluss kommen, im zeitgemäßen Radio erschöpften sich die Darstellungsformen in sogenannten "Kollegengesprächen" und moderierten O-Tönen. Vorbei mit der Vielfalt.

Diese These war auch der Ausgangspunkt für eine Studie, die die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) im vergangenen Herbst in Auftrag gab und jetzt Anfang April in München vorstellte. Wie sehr die BLM mit diesem Thema offensichtlich bei vielen Radiomitarbeitern "ins Schwarze" traf, zeigte sich nicht nur an der hohen Zahl der Teilnehmer - rund 150 laut Veranstalter - sondern auch daran, dass einige Gäste einen weiten Weg auf sich genommen hatten. Neben dem Bayerischen Rundfunk, Antenne Bayern und den bayerischen Lokalradios kamen auch Gäste aus Berlin, Hessen, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und gar Österreich.

BLM-Präsident Prof. Wolf-Dieter Ring

"Anstoß zur Studie gab eine heftige Diskussion im regelmäßig tagenden Hörfunkausschuss", sagt BLM-Präsident Prof. Wolf-Dieter Ring. "Ein Gast versuchte die Mitglieder des Hörfunkausschusses davon zu überzeugen, dass die Radiohörer heutzutage keine gebauten Beiträge mehr im Programm hören wollen. Es sei durch viele Berater belegt, dass der Moderator der Sendung alle Informationen und Themen transportieren müsse. Wir wollten also wissen, ob es empirische Belege dafür gibt, dass der journalistische, klassische Informationsbeitrag aus der Mode gekommen sei." Und etwas zweifelnd fügt Ring hinzu: "Aufstehen, Frühling, Vogelgezwitscher, Wetter, Verkehr und natürlich die beste Musik. Wollen es die Hörer nur so?"

Michael Spohrer

Michael Spohrer, Geschäftsführer des MS Medienbüros, beantwortete nach den Ergebnissen der Studie die Frage so: "Insbesondere bei hoch relevanten "sachlichen" oder "politischen" Themen steht der klassische, vorproduzierte Radiobeitrag bei den Hörern nach wie vor hoch im Kurs. Da führt auch in der Morningshow kein Weg dran vorbei. Radiohörer bevorzugen Darstellungsformen, die zur Relevanz des behandelten Themas passen."

Für die Studie, angelegt als Gruppendiskussionen, wurden 35 Personen zwischen 30 und 59 Jahren befragt, denen Beiträge der Lokalsender Radio Alpenwelle und Radio IN zu politischen, sachlichen und bunten Themen in unterschiedlichen Längen und Präsentationsformen vorgespielt wurden. Generell gab es nur wenige Probanden, die "Informationen" außerhalb der Nachrichten im Radio grundsätzlich ablehnen. Mehrheitlich war man sich einig, in der Morgensendung unterhalten und informiert werden zu wollen

Dass die Meinungen, wie die Balance "zwischen Information und Personality" austariert werden solle, nach wie vor auseinandergehen, bewies auch das Impulsreferat des Medienberaters Patrick Lynen, bekannt durch sein "Wunderbares Radiobuch". Lynen bestätigte den Eindruck, dass traditionelle Präsentationsformen im Radio wie Kommentar oder Reportage auf dem Rückzug seien. Sie seien zu statisch und passten nicht zur modernen Rolle des Moderators als "Navigator und Leuchtturm". Er setzte damit den Ausgangspunkt für eine Podiums-Diskussion der Vertreter von Lokalradiostationen bis hin zu privaten und öffentlich-rechtlichen landesweiten Angeboten. "Was wollen die Hörer heute und in Zukunft?" beschäftigte dabei alle Teilnehmer. Die Suche nach der Lösung blieb indessen häufig von Vermutungen geprägt. So dass die BLM-Studie nur der Auftakt sein kann, weiter zu fragen. Und Antworten zu finden.

Statements aus dem Podium

Patrick Lynen, Moderator und Coach


Patrick Lynen

Wenn nichts "besonderes" passiert, sind Nachrichten für mich Hygienefaktor. Dass Nachrichten sein müssen, kommt aus einer Tradition, die wir irgendwann einmal gelernt haben. Mittlerweile empfehle ich einigen Jugendsendern: ' Lasst das mit den Nachrichten. Bindet die relevanten Themen in die Moderation ein, wenn sie passieren, dann sind sie auch schneller auf der Antenne.' Für Nachrichten, die mich persönlich interessieren, gibt es mittlerweile andere Kanäle. Zum Beispiel Facebook.

Gerd Penninger, Geschäftsführer Funkhaus Regensburg

Gerd Penninger

Vom Mond betrachtet, sind alle unsere Sender identisch, sie haben lediglich einen unterschiedlichen Professionalisierungsgrad. Das ist unser Problem. Über neue Formen im Radio sollte man nachdenken und da engagierter rangehen. Für Morningshows ist der Live-Charakter unabdingbar. Ein gebauter Beitrag hat immer was Vergangenes.



Valerie Weber, Programmgeschäftsführerin Antenne Bayern

Valerie Weber

Die Leute lesen ihre Lokalzeitung morgens nicht mehr, es wird mehr kommuniziert als früher. Die Schüler schauen vielleicht noch mal schnell bei Schüler-VZ vorbei. Es ändert sich gerade die ganze Kommunikationssituation in den Familien. Da können wir dann ein Problem haben, wenn wir als Radiosender auch noch dazwischen labern. Es ist eine Frage des Zeitgeistes. Wir müssen was ändern, nur was? Verpackungselemente? Wie "laut" dürfen wir sein? Wie viele Moderatoren?

Mike Thiel, Morgenmoderator bei Radio Gong München

Mike Thiel

Wie man die Menschen berührt, hat mit Handwerk und Arbeitsweisen zu tun. Ich feile so lange an jeder Kleinigkeit, bis ich der Meinung bin: das ist es. Ich lese nichts ab, höchstens den Verkehrsfunk. Sobald ein Moderator anfängt abzulesen, ist es vorbei mit der Karriere. Authentizität und Ehrlichkeit sind für mich das Wichtigste.




Daniel Lutz, Programmleiter und Morgenmoderator beim Augsburger hitradio.rt1

Daniel Lutz

Wir wollen die Hörer ins Programm ziehen und dort halten. Die Dinge besprechen, die gerade in die allererste Lebenswirklichkeit der Hörer eindringen. Finger weg von Themen, die für Hörer abgehoben sind. Lokale Informationen sind eine spitze Waffe. Wir hatten zum Beispiel das Thema: DNA-Tests für Hunde, um Hundehaufen zurückzuverfolgen. Tolles Thema, Telefon hat nicht still gestanden. Thema, das den Leuten unter den Nägeln brennt. Potential, im Büro weiter diskutiert zu werden.


Bernd Diestel, stellvertretender Redaktionsleiter Bayern 1

Bernd Diestel

Unser Motto ist Verlässlichkeit, erwachsene Ansprache. Keine Attitüden, wie sie sich in der Journalistenlandschaft gerne einschleichen. Wir schätzen und stärken den Rückkanal, indem wir die Hörer gezielt ins Programm einbinden.





Die Studie "Darstellungspräferenzen in der Prime Time von Radioprogrammen" wird vorerst nicht veröffentlicht. Aufgrund der niedrigen Zahl an Probanden, die in telefonischen Interviews ausgewählt wurden, kann sie nur Tendenzen aufzeigen, ohne repräsentativ zu sein. Eine Zusammenfassung des Vortrags von Michael Spohrer und der Impulsvortrag von Patrick Lynen über die zentrale Rolle des Moderators in der Morgensendung stehen als pdf-Dateien auf den Seiten der BLM zur Verfügung.

Inge Seibel-Müller

bio_Inge Seibel-Mueller Zur Person

Inge Seibel-Müller

Inge Seibel-Müller ist freie Journalistin und Radioberaterin. Sie arbeitete zuvor als Moderatorin, Chefredakteurin und Programmchefin bei Radio Charivari München und Antenne Thüringen in Weimar. 2003 bis 2010 gehört sie zum Projektteam Hörfunk der bpb. Sie ist Mitglied der Grimmejury für den Deutschen Radiopreis.


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