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19.12.2018

"Mit Comicreportagen den Horizont erweitern"

In nur einem Tag entstanden bei einem Workshop des Deutschen Comicvereins in der bpb sechs Comicreportagen über lokale Geschichten aus Bonn. Im Interview spricht die Workshop-Leiterin Lilian Pithan über das Potenzial von Comicreportagen für den Lokaljournalismus und die Herausforderungen in der Zusammenarbeit zwischen Journalisten und Comiczeichnern.

Lilian Pithan arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Seit 2014 leitet sie regelmäßig internationale Reportageprojekte. (© Deutscher Comicverein e.V., Foto: Roser Corella)


bpb.de: Welches Potenzial haben lokale Comicreportagen?

Lilian Pithan: Ich denke, im Lokalen ist das Potenzial von Comicreportagen sehr groß. Wenn wir uns zum Beispiel die Reportage über die Besetzung der iranischen Botschaft in Bonn anschauen, die während des Comicworkshops entstanden ist: Die Vorgehensweise war für Inga Dreyer und Julia Zeyn ziemlich klar – man geht dahin, spricht mit den Leuten, läuft durch das Gebäude. Das Thema ist eingegrenzt und die Umsetzung nah an dem, was man während der halben Stunde in der ehemaligen Botschaft erlebt und erfahren hat. Die meisten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben für ihre Recherche nur ungefähr zwei Stunden gebraucht, obwohl sie an die entsprechenden Orte gefahren sind und Interviews geführt haben. Diese schnelle Form der journalistischen Umsetzung ist bei vielen Lokalthemen möglich. Die künstlerische Gestaltung der Comicreportagen hat allerdings wesentlich länger gedauert. Der Großteil der Zeichnerinnen und Zeichner hat dafür ungefähr eine Woche gebraucht – aber auch das ist im Vergleich zur Entstehung eines normalen Comics sehr kurz.

Sie sprechen aus der Perspektive der Comiczeichnerinnen und Comiczeichner, Journalisten und Journalistinnen. Wie sieht es aus mit den Leserinnen und Lesern? Wodurch unterscheiden sich Comicreportagen für sie von gewöhnlichen Reportagen?

Für Leserinnen und Leser ist diese Art der Berichterstattung interessant, weil es eine ganz andere Form der Erzählung ist. Die Comicreportage holt sie aus ihren gewöhnlichen Rezeptionsgewohnheiten heraus und das kann dabei helfen, sie für Themen zu begeistern, mit denen sie sich sonst gar nicht beschäftigen würden. Das geht mir selber auch so: Ich interessiere mich zum Beispiel überhaupt nicht für Sportthemen. Bei meiner gewöhnlichen Zeitungslektüre überblättere ich das einfach. Eine der besten Comicreportagen, die ich je gelesen habe, war aber eine Geschichte zur Tour de France. Die Reportage, die in der französischen Zeitschrift La Revue dessinée erschienen ist, habe ich an einem Stück gelesen, weil sie einfach so toll gemacht war. Ich hoffe, dass Leserinnen und Leser mit Comicreportagen ihren eigenen Horizont erweitern: Dass sie zum einen eine neue Leseart lernen und zum anderen Themen entdecken, mit denen sie sich normalerweise nicht beschäftigen würden.

Sechs Mini-Comicreportagen an einem Tag zu entwickeln ist ein ambitioniertes Ziel. Wie ist ein solcher Workshop aufgebaut?

Zu Beginn des Workshops haben Sascha Hommer und ich eine Einführung geben und erklärt, was Comicjournalismus überhaupt ist, weil viele der Teilnehmenden mit dem Thema noch nie so richtig in Berührung gekommen waren. Hier haben wir viele verschiedene Beispiele gezeigt, sowohl auf Papier als auch Online. Nach der Mittagspause sind sie dann losgezogen und haben zu ihrem Thema Interviews geführt und recherchiert. Gearbeitet wurde immer in einem Team aus Journalist und Comiczeichner. Anschließend haben die Teams gemeinsam das Storyboard entworfen und dann wurde auch schon mit dem Zeichnen begonnen. Am Abend stand ein grobes Layout fest: Aufbau der Seiten und Verlauf der Narration. Danach habe ich die Texte lektoriert, Sascha Hommer hat die künstlerische Umsetzung kommentiert und die Zeichnerinnen und Zeichner haben sich an die Ausarbeitung gesetzt.

Die Teilnehmenden kannten sich vorher nicht. Wie haben sie sich in den Teams zusammengefunden? Und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?

Das Zusammenfinden läuft meistens ganz schnell, weil sich verschiedene Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das gleiche interessierten oder sich sympathisch fanden. Die Journalistinnen und Journalisten haben bei dem Workshop in Bonn jeweils drei Themen vorgeschlagen und die Comiczeichnerinnen und -zeichner haben sich dazugesellt. Die Journalistin Susanne Braun wollte zum Beispiel in das Rechenmaschinenmuseum "Arithmeum" in Bonn. Dann kam heraus, dass Daniel Herrmann unheimlich gerne Maschinen zeichnet. Diese Voraussetzung muss natürlich für die Umsetzung eines Comics mit einem technischen Thema gegeben sein. Nicht jeder Zeichner möchte und kann alles zeichnen. Im Fall der Comicreportage "Lady Ada Lovelace im Arithmeum in Bonn" waren das super Grundvoraussetzungen.

Worin bestanden die besonderen Herausforderungen des Workshops?

Es kann passieren, dass man die Recherche abgeschlossen hat und merkt, dass das Thema als Comicreportage doch nicht so gut funktioniert. Ein Problem kann zum Beispiel sein, dass es für die künstlerische Umsetzung nicht genügend Aktion gibt und die Geschichte langweilig ist. Oder dass es schwierig ist, das Thema in Bildern zu vermitteln und man viel Text braucht, was in einem Comic grundsätzlich unelegant ist. Eine Lösung zu finden, ist dann oft sehr schwierig - vor allem, weil Journalisten und Comiczeichner unterschiedliche Herangehensweisen haben. Journalisten befolgen gewisse Regeln, z.B. wie eine Reportage aufgebaut sein soll, und müssen hier umdenken. Im Gegenzug kann es für Comiczeicher, die vorher vor allem fiktional gearbeitet haben, eine Herausforderung sein, dass sie sich bei einem journalistischen Comic nicht so viele künstlerische Freiheiten nehmen können. Dieses Abwägen zwischen künstlerischer Freiheit und Darstellung des korrekten journalistischen Inhalts ist häufig die größte Herausforderung.

Das Interview führte Katharina Lipowsky
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Autor: Katharina Lipowsky Lilian Pithan für bpb.de
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Lilian Pithan, Katharina Lipowsky

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