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12.1.2021

Landlust oder Landfrust? Wenn Städter*innen ins Dorf ziehen

Integration wird häufig in Zusammenhang mit Zuwanderung aus dem Ausland diskutiert und als konflikthaft erachtet. Dabei lassen sich Integrationskonflikte auch bei Wanderungsbewegungen innerhalb eines Nationalstaates beobachten, wie sich anhand des Zuzugs von Städter*innen in die Uckermark zeigt.

Blick auf ein Dorf und Felder in der Uckermark (© picture-alliance/dpa, Zentralbild | Patrick Pleul)


Der Traum vom guten Leben auf dem Land

Den Begriff "Migration" verbinden die meisten Menschen zunächst mit Wanderungen zwischen verschiedenen Nationalstaaten. Dabei gibt es Wanderungsprozesse auch innerhalb eines Nationalstaates: die sogenannte Binnenmigration. Mit dieser Form der Migration hat sich eine empirische Studie in der Uckermark im Nordosten Brandenburgs befasst [1].

Die Uckermark zählt zu den am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Ihre Bevölkerungszahl sinkt seit dem Mauerfall kontinuierlich (vgl. Abbildung 1) – und das ist zu großen Teilen auf Abwanderungsbewegungen vor allem junger Menschen zurückzuführen [2]. Dennoch gibt es auch Zuwanderung, die sich etwa im Jahr 2018 auf rund 5.600 Personen belief [3] – darunter Menschen, die aus Städten in die schrumpfende Region umziehen, weil sie dort ein besseres Leben finden möchten.

Bevölkerungsentwicklung in der Uckermark 1991-2018 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



Von der Stadt aufs Land

Ländliche Regionen sind im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs Sorgenkind und Sehnsuchtsort zugleich. Obwohl einige Regionen hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Entwicklung gar als "abgehängt" bezeichnet werden, gilt Vielen das Leben auf dem Land als erstrebenswert und idyllisch. Das zeigt nicht zuletzt die Beliebtheit von Landzeitschriften wie Landlust [4] oder von Romanen über das Landleben [5].

Wer sich für einen Umzug von der Stadt aufs Land entscheidet, kann dabei nicht auf die üblichen Pull-Faktoren für Migrationsprozesse wie ein gutes Arbeits- und Ausbildungsplatzangebot oder ein hohes Lohnniveau setzen. Niedrige Immobilienpreise und das große Platzangebot spielen zwar eine Rolle, aber die wirtschaftlichen Nachteile durch die Aufgabe des bisherigen Arbeitsverhältnisses oder sehr weite Pendelstrecken überwiegen. Wer in die Uckermark zuzieht, muss sich in den meisten Fällen zunächst eine neue berufliche Perspektive schaffen. Das geschieht hier meist durch berufliche Selbstständigkeit. Zukünftig soll Landleben – wie zum Beispiel im Projekt KoDorf Wiesenburg [6] geplant – mit städtischer Infrastruktur vereint werden und es sollen bessere Rahmenbedingungen für ortsungebundene digitale Arbeit geschaffen werden.

Die Gruppe der Zugezogenen in der Uckermark ist sehr heterogen in Bezug auf Alter, Familienstand und Beruf. Was diese Menschen aber miteinander teilen, ist der Wunsch nach einem besseren Leben: "Die Lebensqualität, [...] da sind natürlich Dimensionen dazwischen, zwischen Stadt und Land" (IP5 [7]).

Alle in der Studie befragten Zugezogenen lebten zuvor in Städten und stammen nicht aus der Uckermark. Sie sehen dort jedoch die Möglichkeit, eigene Wünsche und Ziele zu verfolgen: "Jeder kann [in der Uckermark] [...] seine Gabe [finden] oder [das] womit er sich einfach richtig gut fühlt" (IP22). Ein anderer Interviewpartner gibt an: "Für mich war diese Leere etwas, das ich füllen kann" (IP12). Die Migration steht im Rahmen einer Suche nach persönlicher Freiheit und Selbstbestimmtheit. Die Zugezogenen in der Uckermark bewerten ihr Leben dort als gut und das vor allem in Abgrenzung zu ihrem vorherigen Leben in der Stadt. Zentrale Kategorien für das gute Leben auf dem Land sind für diese Menschen Naturnähe, Zeit und Ruhe, Gemeinschaft, Freiheit, Kapitalismuskritik und Einfachheit.

Alltag auf dem Land – Chancen und Konflikte

Die Dörfer in der Uckermark verändern sich durch den Zuzug, selbst wenn es sich nur um eine einzelne Person handelt, die neu in das Dorf kommt. Die Zugezogenen kaufen alte Gebäude und sanieren diese mit hohem persönlichen Arbeitsaufwand. Durch ihre berufliche Neuorientierung schaffen sie teilweise Arbeitsplätze und neue Impulse (Ateliers, Baustoffbranche, Cafés, Glashütte, Freie Schule u. a.). Sie beleben alte Traditionen in den Dörfern und veranstalten kulturelle Events, die einen hohen Bekanntheitsgrad erreichen, wie zum Beispiel die Ausstellungen der Künstler*innengruppe umKunst [8]. Ihr Engagement zieht Tagestourist*innen, Ferienhausbesitz*innen und weitere Zuzugswillige in die Orte.

Das Zusammenleben in den Dörfern gestaltet sich im Alltag jedoch mitunter problematisch, besonders dort, wo die Gruppe der Zugezogenen im Verhältnis zu den Alteingesessenen groß ist. Deren Vorstellung vom Landleben unterscheidet sich deutlich von jenem der Alteingesessenen, wie ein Interviewpartner betont: "Mit den Einheimischen war das erstmal schwierig [...], die haben das Leben, was die Zugezogenen geführt haben, halt abgelehnt. Die hohen Brennnesseln im Vorgarten, wie die angezogen sind" (IP17). Dieser Interviewpartner sieht allerdings auch die Zugezogenen in der Pflicht, sich in die bestehende Dorfgesellschaft einzufügen: "Also wenn man in so ein Dorf zieht, dann sollte man im Vorgarten die Brennnesseln nicht zwei Meter hoch wachsen lassen. Das kann man ahnen, dass das nicht in die Kultur hier passt." Zum Teil sind äußere Merkmale maßgeblich für das gegenseitige Unverständnis: die Gestaltung von Garten und Haus oder die Wahl der Kleidung. In anderen Fällen handelt es sich um Auseinandersetzungen in Bezug auf Werte und Haltungen: "Es ist ein ganz schön schwieriges Verhältnis hier, zwischen den Alten und den Neuen, und in der allerersten Zeit gab es tierisch Krieg. [...] Klassisches Beispiel: die Alteingesessenen wollten das Kopfsteinpflaster endlich weg [haben]. Das war so eine schöne Allee, man kann es jetzt noch erahnen, weil die Bäume und so sind ja noch da. [...] Aber die dachten dann, mein Auto geht ja kaputt, und die Zugezogenen, die da auch wohnen, deren Autos genauso kaputt gehen, die haben gesagt, nein, also ihr könnt doch nicht das Kopfsteinpflaster wegmachen [...]" (IP4). Das gegenseitige Unverständnis drückt sich hier in der Bewertung der Ästhetik aus. Die gepflasterte Allee mit den alten Baumbeständen trifft die Imagination der ländlichen Idylle, die die Zugezogenen in der Uckermark sehen. Für die Alteingesessenen symbolisiert sie scheinbar viel mehr technische und infrastrukturelle Rückständigkeit.

Gemeinsame Aktivitäten werden von Seiten der Zugezogenen als Möglichkeit gesehen, das gegenseitige Unverständnis zu überwinden – sei es das gemeinsame Engagement für Schule, Kita oder Dorfladen oder die Organisation von Konzerten oder Festen. Trotzdem empfinden die Zugezogenen eine Trennung zwischen Alteingesessenen und den Neuen, selbst in der nächsten Generationen, die bereits in der Uckermark aufgewachsen ist: "[Es gibt] kaum [Kontakt]. Das ist verrückt, das ist die Jugend, die hier alle geboren sind" (IP23).

Landlust oder Landfrust?

Es bleibt festzuhalten, dass wir hier im Kleinen sehen, was wir von internationalen Migrationsbewegungen kennen: Integrationsprobleme, die auf Unverständnis auf beiden Seiten beruhen. Die Trennung zwischen "den Alten" und "den Neuen" wird im Fall der hier beschriebenen Zuwanderung von Menschen gleicher Nationalität nicht überwunden. Ein Zugezogener formuliert treffend: "Eigentlich fast egal, wo auf der Welt, es ist immer so, wenn irgendwie "Fremde" dazukommen, ist es problematisch" (IP12). Dem zugrunde liegen in der Uckermark unterschiedliche Vorstellungen vom guten Leben, die sich sowohl auf der Ebene des Äußeren als auch auf der Ebene der inneren Werte und Haltungen zeigen. Das gegenseitige Verständnis für unterschiedliche Werte und Lebensweisen herzustellen, ist ein langwieriger und schwieriger, aber kein aussichtsloser Prozess. Gemeinsame Aktivitäten können ein erster Schritt sein.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Migration in städtischen und ländlichen Räumen.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Julia van Lessen für bpb.de

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Fußnoten

1.
Ausführlich bei Rössel, Julia (2014): Unterwegs zum guten Leben? Raumproduktionen durch Zugezogene in der Uckermark. Bielefeld: transcript Verlag. Die empirische Untersuchung wurde in den Jahren 2010 bis 2014 in 13 Dörfern des Landkreises Uckermark durchgeführt. Es wurden 26 Zugezogene verschiedener Altersgruppen und Geschlechter interviewt. Zur Anonymisierung wird nur in der männlichen Form von Zugezogenen gesprochen.
2.
Landesamt für Bauen und Verkehr (Hrsg.) (2018): Kreisprofil Uckermark Berichtsjahr 2015. Hoppegarten: 2. https://lbv.brandenburg.de/dateien/stadt_wohnen/_KP17_73_UM.pdf (Zugriff: 19.7.2020).
3.
Landkreis Uckermark: Bevölkerungsbewegung im Landkreis Uckermark von 1990 bis 2018. https://www.uckermark.de/index.phtml?La=1&sNavID=1897.106&mNavID=1897.106&object=tx,1897.172.1&kat=&kuo=2&sub=0 (Zugriff: 15.9.2020).
4.
Reichweite pro Auflage etwa 4 Mio. nach Institut für Demoskopie Allensbach – Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse, 2020. https://www.ifd-allensbach.de/awa/medien/printmedien.html (Zugriff: 21.7.2020).
5.
Zum Beispiel Juli Zeh (2017) "Unterleuten", Saša Stanišić (2014) "Vor dem Fest" oder Mariana Leky (2017) "Was man von hier aus sehen kann".
6.
VielLeben eG – Kodorf Wiesenburg. Neues Leben und Arbeiten auf dem Land, 2020. https://www.kodorf-wiesenburg.de/ (Zugriff: 20.7.2020).
7.
IP wird als Abkürzung für Interviewpartner*in verwendet.
8.
Künstlergruppe umKunst – http://www.umkunst-uckermark.de/ (Zugriff 20.7.2020).

Julia van Lessen

Julia van Lessen

Dr. Julia van Lessen (geb. Rössel) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Geographischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie forscht und lehrt im Bereich Sozialgeographie zu den Themenschwerpunkten Geographien des Ländlichen, Produktion von Raum, Medien, Nachbarschaft und Alltagsleben.


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