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1.7.2010

Deutschland: Zuwanderung bleibt auf niedrigem Niveau

Rückgänge bei verschiedenen Kategorien der Zuwanderung haben im Jahr 2008 zu einem negativen Wanderungssaldo beigetragen. Erstmals seit 25 Jahren überstieg die Anzahl der Fortzüge die der Zuzüge. Bei der Aufnahme von jüdischen Zuwanderern sowie bei Spätaussiedlern setzte sich der rückläufige Trend der letzten Jahre fort.

Familiennachzug

Der Familiennachzug hat von 85.305 Personen im Jahr 2002 auf 39.717 im Jahr 2008 (-53,4 %) kontinuierlich abgenommen. Der Rückgang ist u. a. darauf zurückzuführen, dass infolge der EU-Erweiterung zahlreiche vormals visumpflichtige Staatsangehörige nunmehr Freizügigkeit genießen und nicht mehr in die Familiennachzugsstatistik eingehen. Auch die Tatsache, dass ausländische Ehepartner von in Deutschland lebenden Drittstaatsangehörigen seit September 2007 vor der Einreise einfache Sprachkenntnisse nachweisen müssen, dürfte sich negativ auf die Anzahl der erteilten Visa ausgewirkt haben (vgl. MuB6/07, 5/08). Mit 42.756 Erteilungen gab es 2009 erstmals wieder eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr (+7,7 %).

Jüdische Zuwanderung

Bei jüdischen Zuwanderern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion setzte sich der Trend der letzten Jahre fort. Nach 1.436 Zuzügen im Jahr 2008 waren es im vergangenen Jahr nur noch 1.088 (-24,2 %). Verglichen mit dem Jahr 2005 (5.968) betrug der Rückgang sogar -81,8 %. Dieser ist neben der sinkenden Zahl an potenziellen jüdischen Zuwanderern in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion auch auf das im Jahr 2005 neu geregelte Aufnahmeverfahren zurückzuführen (vgl. MuB 4/08, 6/05). Die Steuerung der Zuwanderung orientiert sich seitdem stärker an den Integrationsmöglichkeiten, wobei die Aufnahme u. a. von der eigenständigen Sicherung des Lebensunterhaltes, deutschen Sprachkenntnissen sowie der Möglichkeit zur Aufnahme in eine jüdische Gemeinde abhängig gemacht wird.

Spätaussiedler

Ein ähnlich rückläufiger Trend ergibt sich bei der Zuwanderung von Spätaussiedlern und ihren Familienangehörigen. Während im Jahr 2005 noch 35.522 Spätaussiedler registriert wurden, waren es 2008 nur 4.362 und 2009 nur noch 3.360 (-23 % gegenüber 2008; -90,5 % im Vergleich zu 2005). Auch hier gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Zum einen ist ein stetig sinkendes Zuwanderungspotenzial in den Herkunftsländern bzw. ein Wegfall der Auswanderungsursachen festzustellen. Nur noch wenige leiden unter einem Kriegsfolgeschicksal oder sind als deutsche Volkszugehörige Diskriminierungen ausgesetzt. Zum anderen wirken sich Änderungen bei den Aufnahmebedingungen restriktiv aus, nicht zuletzt die Einführung von Spracherfordernissen.

Irreguläre Migration

Über die Anzahl der illegal nach Deutschland eingereisten Ausländer können allenfalls die festgestellten unerlaubten Einreisen an den Grenzen sowie die Aufgriffe von Ausländern mit illegalem Aufenthalt Aufschluss geben. 2008 stieg die Zahl der unerlaubten Einreisen im Vergleich zum Vorjahr wieder leicht auf knapp 18.000 an (+16 %), blieb jedoch verglichen mit den 1990er Jahren auf relativ niedrigem Niveau. Der zwischenzeitliche Höchststand wurde 1993 mit über 50.000 Aufgriffen verzeichnet. Die Zahl der aufgegriffenen Personen mit illegalem Aufenthalt war 2008 weiter rückläufig. Vom Höchststand im Jahr 1998 (140.779) sank sie kontinuierlich auf 58.899 (2007) bzw. 51.154 (2008). Schätzungen über die tatsächliche Zahl der illegal Aufhältigen in Deutschland bewegen sich im Bereich von 200.000 bis 460.000 Menschen zum Jahresende 2007. Die Schätzung für 2005 hatte noch bei 280.000 bis 680.000 gelegen. Insgesamt zeichnet sich auch hier ein Rückgang ab, der nicht zuletzt auf die EU-Erweiterungsrunden 2004 und 2007 zurückzuführen ist, da die neuen Mitgliedstaaten Polen, Rumänien und Bulgarien wichtige Herkunftsländer irregulärer Migranten waren.

Rückführungen

Die Zahl der Abschiebungen ist in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen, von über 35.000 im Jahr 2000 auf 7.830 im Jahr 2009 (-78 %). Dies hängt damit zusammen, dass die Zahl der ausreisepflichtigen Ausländer ebenfalls deutlich geschrumpft ist – von 453.306 im Jahr 2003 auf 136.432 im Jahr 2008. Hier machen sich verschiedene Faktoren wie etwa die niedrigen Asylbewerberzahlen, die in den letzten Jahren höhere Schutzquote sowie die Bleiberechtsregelung für langfristig Geduldete bemerkbar (vgl. MuB 4/08).

Dagegen stieg 2008 die Zahl der Zurückschiebungen, also der Rückführung nach illegaler Einreise innerhalb von sechs Monaten, erstmals seit über zehn Jahren wieder an, im Vergleich zu 2007 um gut 50 % (2007: 3.818; 2008: 5.745). Für 2009 war ein weiterer Anstieg um 70 % auf 9.782 zu verzeichnen. Überdurchschnittliche Zuwächse gab es bei den Zurückschiebungen auf dem Luftweg nach China, in die Türkei und nach Russland, die 2009 die Hauptzielstaaten waren.

Freiwillige Ausreis

Der Umfang der "freiwilligen Rückkehr" ist bis 2008 kontinuierlich gesunken – von 9.961 im Jahr 2004 auf nur noch 2.799 im Jahr 2008 (-72 %). Die Rückkehrer erhalten finanzielle Unterstützung durch Bund und Länder. Die fünf Gruppen mit den meisten Rückkehrern in diesem Zeitraum waren Staatsangehörige des ehemaligen Serbien und Montenegro (inkl. Republik Kosovo), die 24,2 % der Rückkehrer ausmachten, türkische (9,7 %), irakische (8,7 %), russische (6,8 %) sowie iranische Staatsangehörige (4,8 %). Im Jahr 2009 ergab sich mit rund 3.100 Rückkehrern erstmals seit sieben Jahren wieder eine leichte Steigerung (+11 %).

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Info

Erneut Wanderungsdefizit

2009 sind wie im Jahr zuvor mehr Personen aus Deutschland fortgezogen als zugewandert. Dies teilte das Statistische Bundesamt Ende Mai mit. 734.000 Personen zogen weg, 721.000 Zuwanderer kamen ins Land. Allerdings verringerte sich das Wanderungsdefizit auf -13.000 Personen (2008: 737.889 Fortzüge, 682.146 Zuzüge, Saldo -55.743; vgl. MuB http://5/10). Die Hauptzielländer der Auswanderer 2009 waren Polen (123.000), Rumänien (44.000), die Türkei (40.000), die USA (36.000) und die Schweiz (30.000). Mehr als die Hälfte der zugezogenen Ausländer kam aus EU-Staaten (58 %). Die Zahl der zu- oder zurückgewanderten Deutschen stieg um rund 6.000 auf 115.000 (+6 %). Darunter waren knapp 3.400 Spätaussiedler.
www.destatis.de

Die Entwicklung der Wanderungsstatistiken der Jahre 2008 bzw. 2009 verdeutlicht insgesamt, dass eine Reihe von unterschiedlichen Faktoren Einfluss auf den Migrationssaldo in Deutschland nehmen. Dazu gehören im Einzelfall Effekte migrationssteuernder Maßnahmen auf gesetzlicher Ebene oder die Auswirkungen struktureller Entwicklungen in den Herkunftsländern. Dagegen scheinen sich Änderungen der ökonomischen Rahmenbedingungen, wie z. B. die jüngste Wirtschafts- und Finanzkrise, nicht klar messbar auf Wanderungsbewegungen über die deutschen Grenzen auszuwirken.
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