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1.3.2010

Im Rückblick: 50. Jahrestag der Anwerbeabkommen mit Spanien und Griechenland

Ende März 2010 jähren sich die "Gastarbeiter"-Anwerbeabkommen der Bundesrepublik mit Spanien (29. März) und Griechenland (30. März) zum 50. Mal.

Bereits seit 1954 hatte es den Wunsch zahlreicher Länder gegeben, mit der Bundesrepublik Anwerbeabkommen zu schließen. Im Dezember 1955 war das erste Abkommen mit Italien besiegelt worden. Es führte zu einem quantitativ überschaubaren Zuzug italienischer Arbeitskräfte, die vorwiegend saisonal und in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Die Zahl der ausländischen Beschäftigten aus Italien stieg so von 18.600 im Jahr 1956 auf 48.800 im Jahr 1959.

Für das Doppelabkommen des Jahres 1960 waren verschiedene außen- und arbeitsmarktpolitische Gründe verantwortlich. Auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt wurden verstärkt Dauerarbeitskräfte für den schnell wachsenden Industriesektor gesucht. Mit den Abkommen des Jahres 1960 stieg die Zahl der ausländischen Beschäftigten stark an. Waren beispielsweise 1959 nur knapp 85.000 Arbeitserlaubnisse erstmals an ausländische Arbeitnehmer in der Bundesrepublik erteilt worden, so verdreifachte sich diese Zahl 1960 auf knapp 260.000 Personen. Weitere vier Jahre später, nach dem Anwerbeabkommen mit Portugal (1964), wurde bereits der "millionste Gastarbeiter" (ein Portugiese) bei seiner Ankunft in Köln-Deutz durch den Bundesverband der Deutschen Arbeitgeber begrüßt.

Die wirtschaftliche und politische Entwicklung in Spanien erzeugte einen Auswanderungsdruck. Die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft setzte Arbeitskräfte frei, die der spanische Staat in Bahnen kontrollierter Auswanderung nach West- und Nordeuropa lenkte. Während auch Griechenland zu Beginn der 1960er Jahre von Modernisierung und erhöhter räumlicher Mobilität geprägt war, wurde dieses Abkommen von der deutschen Außenpolitik auch im Kontext der Wiedergutmachung für die Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gesehen. Sowohl für Spanien (Franco-Regime) als auch für Griechenland (Obristen-Putsch 1967) kann außerdem von einer teilweise politisch motivierten Emigration unter Nutzung der Arbeitskräfteanwerbung ausgegangen werden.

Im Jahr des Anwerbestopps 1973 lebten etwa 600.000 spanische und 400.000 griechische Staatsangehörige in Deutschland. Diese Zahlen sanken seit den 1980er Jahren – im Fall Spaniens insbesondere durch Remigration nach dem Ende des Franco-Regimes – später zu einem geringeren Teil auch durch Einbürgerung. Ende der 1980er Jahre gab es noch 130.000 spanische und 270.000 griechische Staatsangehörige in der Bundesrepublik. Im Jahr 2009 betrug die Zahl der nicht eingebürgerten Spanier noch knapp über 100.000 Personen, jene der Griechen lag bei 280.000 Personen. Die Griechen stellen damit die viertgrößte Nationalitätengruppe in Deutschland, die Gruppe der Spanier zählt nunmehr zu den kleineren Einwanderergruppen.

Spanische Migranten zeichneten sich durch verschiedene Besonderheiten aus. Die Angehörigen dieser Gruppe engagierten sich überdurchschnittlich stark in Gewerkschaften, was teils auf den Einfluss von Emigranten zurückzuführen war, die das autoritäre Regime aus politischen Gründen verlassen hatten. Auch schufen die Spanier in Deutschland starke und dauerhafte Strukturen der Selbstorganisation, z. B. durch den im Jahr 1973 gegründeten "Bund spanischer Elternvereine in der Bundesrepublik Deutschland". Dieser Dachverband umfasste zeitweise 125 Mitgliedsvereine und über 10.000 Mitgliedsfamilien. Der vergleichsweise hohe Bildungserfolg der "zweiten Generation" ist eine Folge dieser Selbstorganisation und der Bildung sozialer Netzwerke. Auch weist keine andere Gruppe von Arbeitsmigranten eine solch hohe Zahl binationaler Ehen auf. Das Pendant dieser Selbstorganisation auf griechischer Seite sind die griechischen Gemeinden die aber keinen so unmittelbaren Effekt für die Integration der Arbeitsmigranten hatten.

Durch die Abkommen mit Spanien und Griechenland begann eine neue Phase der Migration in die Bundesrepublik. Die beiden Verträge bildeten politisch den Durchbruch für weitere Abkommen, u. a. mit der Türkei (1961), Portugal (1964) und Jugoslawien (1968). Allerdings führte die Anwerbung von Arbeitskräften noch nicht zur politischen Ausgestaltung des Einwanderungslandes durch eine begleitende Integrationspolitik.

Jan Motte und Rainer Ohliger (beide Netzwerk Migration in Europa e. V.)
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