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1.9.2009

Deutschland: Bilanz der Integrationskurse

Die Bundesregierung hat im Juni eine positive Bilanz der seit 2005 bundesweit durchgeführten Integrationskurse gezogen. Die Zahl der Kursteilnehmer und Absolventen steigt seit Beginn stetig, die der erfolgreichen Prüfungsteilnehmer sinkt jedoch.

Anfang Juni zog das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine erste Gesamtbilanz der bundesweiten Sprach- und Orientierungskurse. Wie die im April vorgelegte Integrationskurs-Geschäftsstatistik 2008 zeigt, haben sich seit 2005 insgesamt 484.322 Migranten an über 37.000 Integrationskursen beteiligt. Teilnahmeberechtigt waren insgesamt 656.142 Personen.

Zwischen Januar 2005 und Dezember 2008 haben 248.488 der Kursteilnehmer einen vollständigen Integrationskurs absolviert. Davon haben 173.312 an einer Abschlussprüfung teilgenommen, 115.732 Migranten haben die Prüfung erfolgreich bestanden. Das entspricht im Durchschnitt zwei Dritteln aller Prüfungsteilnehmer (67 %), aber weniger als der Hälfte aller Absolventen (46,6 %) und weniger als einem Viertel aller Teilnehmer (23,9 %).

Seit Beginn der Integrationskurse sank die jährliche Bestehensquote von 71,2 % (2005/2006) zunächst auf 67,4 % (2007) und jetzt auf 61,3 % im Jahr 2008. Ursächlich für diesen Trend könnte sein, dass Integrationskurse zunehmend von Migranten mit besonders schlechten Ausgangsbedingungen besucht werden. Ferner ist denkbar, dass die deutlich stärkere Teilnahme der Kursabsolventen an der Abschlussprüfung im vergangenen Jahr ausschlaggebend dafür war (2008: 83 %; 2007: 65,4 %).

Derzeit bieten bundesweit etwa 1.700 Kursträger, von Volkshochschulen über Bildungsstätten bis hin zu kirchlichen Trägern, Integrationskurse an.

60 % der Teilnehmer leben nach Angaben des BAMF schon länger in Deutschland. Die Kurse seien damit auch ein wichtiger Baustein für die so genannte "nachholende Integration", heißt es im BAMF. Zwei Drittel aller bisherigen Teilnehmer waren Frauen. Warum bisher deutlich mehr Frauen als Männer an den Integrationskursen teilgenommen haben, ist noch ungeklärt. Die Möglichkeit der Kinderbetreuung im Rahmen des Eltern- und Frauenintegrationskurses kann zu dem hohen Anteil von Teilnehmerinnen beigetragen haben, da die Betreuung der Kinder den Frauen oft erst eine Teilnahme an den meist ganztägigen Kursen ermöglicht.

Insbesondere die rechtlichen Veränderungen der Integrationskurs-Verordnung Ende 2007 haben nach Angaben des BAMF zum Erfolg der Kurse beigetragen (vgl. MuB 2/07, 3/07, 6/07, 10/07). Mit der Verordnungsnovelle wurde u. a. die Stundenzahl der Integrationskurse für spezielle Zielgruppen wie Jugendliche, Eltern, Frauen oder Analphabeten erhöht. Seither besuchen nach Angaben des BAMF mehr Migranten diese verlängerten Kurse. Außerdem wurde ein finanzieller Anreiz geschaffen, der schnelles Lernen belohnt. Momentan bezahlen die Kursteilnehmer durchschnittlich einen Euro pro Kursstunde selbst, der Rest wird aus Bundesmitteln finanziert. Jene, die innerhalb von zwei Jahren die Kursabschlussprüfung erfolgreich bestehen, erhalten die Hälfte des gezahlten Betrags zurück.

Seit Juli gibt es eine neue Sprachprüfung, die die Erfolgsquote der Kurse erhöhen soll. Der vom Goethe-Institut entwickelte "Deutsch-Test für Zuwanderer" (DTZ) orientiert sich am konkreten Sprachbedarf der Migranten. In einem zweistufigen Verfahren sollen die Kursteilnehmer an ein Sprachniveau (B1) herangeführt werden, auf dem sie das Wichtigste verstehen, wenn in einfacher Sprache gesprochen wird.

"Die Integrationskurse haben sich als unverzichtbares Förderinstrument etabliert", sagte im Juni der Präsident des Bundesamtes Albert Schmid. "Gute Deutschkenntnisse sind Voraussetzung dafür, im gesellschaftlichen Leben und auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen." In den Augen von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) waren geringe Deutschkenntnisse das Hauptproblem, das einer erfolgreichen Integration lange Zeit im Wege stand: "Deshalb haben wir gefordert, dass ein Minimum an Sprachkenntnissen vorliegen muss. Gleichzeitig haben wir jede Menge Angebote dazu gemacht", sagte Schäuble.

Die Bundestagsfraktion der Linkspartei bezweifelt den Erfolg der Integrationskurse und reichte Mitte August im Bundestag eine Kleine Anfrage zu den "schlechten Erfolgsquoten und unzumutbaren Arbeitsbedingungen in Integrationskursen" ein (Drucksache 16/13910). Darin kritisierte sie insbesondere die Kostenerstattungspauschale für die Kursträger, die sie als zu niedrig ansieht. Momentan zahlt die Bundesregierung 2,35 Euro pro Teilnehmer und Stunde an die Träger. Die Linkspartei verlangt eine Erhöhung dieser Pauschale auf mindestens 3 Euro. Die Träger entlohnen die Lehrkräfte pro Unterrichtseinheit mit 17,63 Euro bzw. 15,28 Euro brutto in den alten bzw. neuen Bundesländern. Bei einer durchschnittlichen Teilnehmerzahl von 15 Personen je Kurs heißt das, dass die Träger circa 50 % der erhaltenen Gelder einbehalten. Das BMI will den Kursträgern bislang keine Auflagen zur Lehrkräftevergütung machen. Dies sei ein "Eingriff in die unternehmerische Freiheit" und würde "die Vertragsfreiheit zwischen Kursträger und Kursleiter beeinträchtigen", hieß es in einer früheren Antwort an die Linkspartei aus dem vergangenen Jahr. Die Linkspartei sieht dies jedoch dringend geboten, denn die nicht-adäquate Bezahlung der hoch qualifizierten Lehrkräfte beeinträchtige die Qualität der Kurse, heißt es in dem Papier der Linksfraktion. Sie schließt sich daher Forderungen nach einem Mindesthonorar für Sprachdozenten von 25 Euro pro Stunde an, wie es beispielsweise auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert.
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