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5.12.2005

Paraguay

Mit einer ordentlichen Bilanz von acht Siegen, vier Unentschieden und sechs Niederlagen (Torverhältnis 23:23) qualifizierte sich die Fußball-Nationalmannschaft von Paraguay für die WM-Endrunde. Hinter Brasilien, Argentinien und Ecuador belegte sie in der Südamerika-Gruppe den vierten Platz und erreichte damit dasselbe Ergebnis wie 2002.

Landesflagge Paraguay

Die "Albirroja", wie die Nationalmannschaft wegen ihrer weiß-roten Trikots genannt wird, steht in Paraguay bei den Fußball-Enthusiasten noch vor den Vereinsteams an erster Stelle. Das ist in Südamerika (und Europa) ungewöhnlich, normalerweise ist jedem Fan sein Verein wichtiger als die nationale Auswahl.


In Paraguay wurde der Albirroja schon vor dem WM-Beginn ein Denkmal gesetzt. Nahe der Hauptstadt Asunción liegt das Städtchen Ypané, dort wurde eine Straße umbenannt in "Paraguayische Nationalmannschaft - Deutschland 2006". Bürgermeister Juan Carlos Pereira, der die Idee für die Initiative hatte, überreichte das neue Straßenschild dem Kapitän der Nationalelf, Carlos Gamarra. Entlang der drei Kilometer langen Asphaltstraße liegt das neue Ausbildungszentrum für den Fußballnachwuchs und die Frauenmannschaften, das der paraguayische Fußballverband, Asociación Paraguaya de Futbol (APF) mit Unterstützung der Fifa baute und Anfang des Jahres einweihte.

Qualifikation mit Höhen und Tiefen

Der Glaube der einheimischen Presse an die "Guaraníes", wie das Team in Anlehnung an die einheimische Urbevölkerung auch genannt wird, blieb stets ungebrochen. Dabei waren Zweifel in mancher Phase der WM-Qualifikation durchaus angebracht. Gleich am ersten Spieltag im September 2003 verlor die Mannschaft gegen die überraschend starke peruanische Konkurrenz mit 1:4. Das Team erholte sich von diesem Rückschlag jedoch rasch. Zuhause gewannen die Guaraníes sieben Partien, auswärts gelang ihnen jedoch nur gegen Chile ein Sieg. Die übrigen Auswärtsspiele endeten entweder unentschieden (vier Mal) oder gingen verloren (sechs Mal). Beim Gruppenersten Brasilien ging die Albirroja mit 1:4 vom Platz und gegen die starken Ecuadorianer, die in der Abschlusstabelle der Südamerikagruppe vor Paraguay lagen, kassierten die Guaraníes sogar die heftigste Niederlage (2:5). Das Manko der Paraguayer in der zweijährigen Qualifikationsphase – in Südamerika gibt es nur eine Gruppe, alle spielen gegen alle - war die mangelnde Konstanz ihrer Leistungen. Erst im vorletzten Spiel gegen die noch nie für eine WM qualifizierten Venezolaner konnte das direkte Ticket nach Deutschland gelöst werden. Insgesamt holte Paraguay 28 Punkteund qualifizierte sich als Gruppenvierter zum dritten Mal in Folge für eine Weltmeisterschaft.

Alter schützt vor Torheit nicht

Der bekannteste Spieler Paraguays José Luis Chilavert (40 Jahre) ist nicht mehr dabei. Der Koloss (1,92 m, 94 kg) mit dem explosiven Temperament, gibt inzwischen heftigst und gerne den Kritiker. An Nationaltrainer Aníbal Ruiz gerichtet, nörgelte er: "Seit einem halben Jahr weise ich darauf hin, dass man zu einer WM nicht mit 35-Jährigen fährt." Gemeint sind seine ehemaligen Teamkollegen Carlos Gamarra, Roberto Acuña und José Cardozo. "Ich habe nichts gegen sie, aber das Alter spricht gegen sie".

Bei der vergangenen WM in Japan und Korea (2002) hatte er diese von ihm kritisierte Altersgrenze längst überschritten, und diese Tatsache hinderte ihn genauso wenig daran, sich selbst großspurig als "Prototypen des Torhüters des dritten Jahrtausends" anzupreisen. Wobei man zugute halten muss, dass Chilaverts offensive und risikoreiche Spielweise tatsächlich zukunftweisend war .

2003 entschied sich der uruguayische Coach Aníbal Ruiz, nach einer Niederlage bei einem Freundschaftsspiel in Costa Rica gegen den "alten" Schlussmann, der darauf pikiert das Handtuch warf und seinen Rücktritt aus dem Nationalteam erklärte. Hintergrund der beständigen Attacken gegen Ruiz ist neben dieser "Kränkung" auch der offensichtliche Wunsch des "Volkshelden" , Nationaltrainer Paraguays zu werden.

Trainer "Liebling" Aníbal Ruiz

Der Uruguayer Aníbal Ruiz, Spitzname "El Maño", was soviel heißt wie "Liebling", übernahm den Posten vom Italiener Cesare Maldini. Zunächst nur als Zwischenlösung vorgesehen, wurde er im April 2003 im Amt bestätigt und ist einer von nur drei Nationaltrainern, an denen während der Südamerika-Qualifikation vom jeweiligen Verband her durchgehend festgehalten wurde. Im April wurde er von der uruguayischen Zeitschrift "El País" zum besten südamerikanischen Trainer 2005 gewählt. Bevor er das Nationalteam trainierte, kümmerte er sich um die paraguayische Jugendmannschaft und war Trainer bei Vereinen in der Primera División Paraguays.

Guaraníes – eine gute Mischung aus Alt und Jung

Die "Guaraníes" haben den Ruf, einen zu defensiven Stil zu pflegen. In einem Interview mit Albigol, einer Internetseite über den paraguayischen Fußball, relativiert Nationaltrainer Ruiz den Vorwurf des destruktiven Spiels: "Der Lebensstil und die Wesensart jedes Volkes korreliert mit seiner Spielweise. [...] Jeder spielt seinen Möglichkeiten entsprechend. Die Mittel von Griechenland waren legitim, genauso wie es diejenigen von Paraguay sind. Was Fußball angeht, halte ich Ausgeglichenheit für das Wichtigste. Ebenso wie im Leben muss man im Fußball ausgeglichen sein, um dadurch Großes anstreben zu können."

Die wichtigste Aufgabe des umgänglichen und aufgeschlossenen Ruiz bestand zunächst im Umbau der Nationalmannschaft. Er schuf eine gelungene Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern. Justo Villar hat sich als würdiger Nachfolger des großen José Luis Chilavert im Tor erwiesen. In der Abwehr gibt der erfahrene Kapitän Carlos Gamarra den Ton an. Im Mittelfeld spielen die jungen Silbermedaillengewinner des Olympischen Fußball-Turniers von Athen 2004, Julio Dos Santos und Edgar Barreto. Im Angriff stehen, der unverwüstliche José Cardozo und die beiden Bundesligisten Nelson Valdez und Roque Santa Cruz.

Santa Cruz, der "Chico" (Junge) genannt wird, ist der populärste Fußballer in seiner Heimat. Der Dortmunder Nelson Valdez hingegen ist für viele Paraguayer die große Neuentdeckung. Aníbal Ruiz hatte ihn, als dieser noch in Paraguay kickte, nicht nominiert. Erst durch seine Erfolge mit Werder Bremen spielte er sich in das Team.

Sein Namensvetter Nelson Cuevas ist die Überraschung in den Reihen der paraguayischen Nationalelf. Der Stürmer mit dem Spitznamen "Pipino" sicherte mit seinem Treffer gegen Slowenien bei der WM 2002 seinem Team den Einzug ins Achtelfinale. Ähnlich wie David Odonkor bei den Deutschen ist er sehr sprintstark. "Ich habe mich für Nelson entschieden, da er ein schneller Mann ist, der auf der Außenbahn Löcher reißt und immer eine ausgezeichnete Alternative darstellt. Durch ihn ergeben sich eine Vielzahl nützlicher Spielvarianten", kommentiert der Nationaltrainer seine Entscheidung.

Über das Achtelfinale hinaus

Die Paraguayer haben sich für 2006 vorgenommen, das Viertelfinale zu erreichen. 1986, 1998 und 2002 schieden sie jeweils im Achtelfinale aus. In Mexiko gegen England waren sie mit 0:3 noch klar unterlegen, aber in Frankreich und Japan/Korea unterlagen sie den späteren Turnierfinalisten im Achtelfinale nur jeweils knapp. 1998 sicherte erst das Golden Goal Laurent Blancs in der 113. Minute Frankreich den Sieg. Im Spiel gegen Deutschland bei der WM vor vier Jahren gelang Oliver Neuville in der 88. Minute der entscheidende Treffer. Welttorhüter Oliver Kahn wollte damals seinen Kollegen Chilavert trösten. Doch der hatte den Trost nicht nötig, er sei über die Niederlage schon hinweg. Später gab er seinen Berufskollegen mit auf den Weg: "Im Fußball gibt es keinen Druck. Druck haben nur die Armen, die nichts zu essen haben. Man sollte das Ambiente des Fußball nicht sinnlos dramatisieren."

Fußball in Paraguay ist exportorientiert

Das dünnbesiedelte südamerikanische Land umfasst mit ca. 400.000 km² die Fläche der alten Bundesrepublik, aber mit rund sechs Millionen weniger Einwohnern, als der Deutsche-Fußball-Bund Mitglieder zählt. Das Agrarland ist zweisprachig. Spanisch und Guaraní sind die Landessprachen. Guaraní ist die Sprache der Ureinwohner, und obwohl der Anteil der Indigenen im Vergleich zu Ländern wie Bolivien, Peru oder Ecuador gering ausfällt, ist deren Kultur stark verwurzelt. Das Nationalteam hat nicht nur seinen Namen Guaraní von den Ureinwohnern, sondern nutzt auf dem Platz auch deren Sprache, um sich untereinander zu verständigen und dem Gegner zumindest in der Kommunikation keine Vorlage zu liefern. Nur vier Spieler des aktuellen Nationalteams (davon zwei Ersatztorhüter) spielen in der ersten paraguayischen Liga. Von zehn Klubs kommen sechs aus der Hauptstadt Asunción. Auf die ewigen Rivalen Cerro Porteño und Olimpia Asunción entfallen mehr als Zweidrittel aller Titel.

Die Gehälter, die in der Liga gezahlt werden, sind bescheiden. Lediglich in den großen Klubs verdienen die besten Spieler monatlich zwischen 2.500 und 3.000 US-Dollar. Bescheiden ist auch der Zuschauerzuspruch, es gibt kaum zahlende Gäste auf den Rängen. Der Schnitt bewegt sich zwischen 500 und 1.500 Besuchern – bei Eintrittspreisen von zwei bis fünf US-Dollars. Spitzenklubs wie Cerro Porteño verfügen gerade mal über ein Budget von 2,2 Millionen US-Dollar pro Jahr. Die Einnahmen aus Ticketverkäufen, Sponsorenbeiträgen und Übertragungsrechten belaufen sich aber nur auf rund 800.000 US-Dollar. Um zu überleben, sind die Klubs auf Transfers mit hohen Ablösesummen angewiesen. Im Durchschnitt muss ein Verein zwei bis drei Akteure pro Jahr ins Ausland verkaufen. (Bayern-Manager Uli Hoeneß, der kürzlich auf Einkaufstour in Paraguay war und Julio dos Santos "erwarb", stöhnte: "Die Leute dort haben zum Teil derart unrealistische Vorstellungen, dass man fast die Lust an diesen Verhandlungen verliert").

Auch in Paraguay sind die Vereine mitunter "Spielzeug" finanzstarker Präsidenten. Als der Sponsor und Vereinpräsident Osvaldo Dominguez Dibb den Traditionsklub Olimpia, international erfolgreich als mehrmaliger Gewinner der Copa Libertadores (Südamerikas Pendant zur Champions League), 2004 verließ, fand sich dieser kurz darauf am Tabellenende der nationalen Liga wieder.

Fußballschulen mit großem Zulauf

Laut Expertenmeinung werden gut 30 Millionen US-Dollar im paraguayischen Fußball bewegt. Darin enthalten sind die Umsätze der zahlreichen Fußballschulen - in und um Asunción rund 80 Stück - in denen 50.000 bis 70.000 Nachwuchstalente zwischen 6 und 14 Jahren gefördert werden. Diese "Ausbildungsmaßnahmen" scheinen Erfolg zu haben, denn Spieler aus Paraguay erfreuen sich zunehmender "Nachfrage". Die Teilnahme der "Albirroja" an der WM ist daher auch unter finanziellen Aspekten attraktiv: Präsentiert sich das Team gut, steigt die Aussicht auf Einnahmen aus künftigen Transfers. Die direkten Nachbarn Argentinien und Brasilien bleiben bevorzugte Abnehmer, aber zunehmend werden auch Vereine der großen europäischen Ligen auf die paraguayischen Spieler aufmerksam.

Gunda Wienke

empty-image Zur Person

Gunda Wienke

Gunda Wienke ist Redakteurin bei Matices, einer Zeitschrift zu Lateinamerika, Spanien und Portugal und arbeitet als freie Autorin für Radio, Print und Online.


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