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7.7.2006

Presseschau vom 07.07.2006

Im Mittelpunkt der Presseschau steht die Mannschaft Frankreichs, ihre Leistung im Halbfinale wird von der Presse gelobt, die Chancen für das Finale recht hoch eingeschätzt. Daneben wird weiter über den Verbleib von Bundestrainer Klinsmann spekuliert. Ferner werden die satirischen Fußball-Sendungen von ARD und ZDF kritisiert.

Im Mittelpunkt der Presseschau steht die Mannschaft Frankreichs, ihre Leistung im Halbfinale wird von der Presse gelobt, die Chancen für das Finale recht hoch eingeschätzt. Daneben wird weiter über den Verbleib von Bundestrainer Klinsmann spekuliert. Ferner werden die satirischen Fußball-Sendungen von ARD und ZDF kritisiert.

Deutsche Elf

Sonderling

Jan Christian Müller (FR) leistet Abbitte am Bundestrainer:
"Sogar die eher Klinsmann-kritische FR hat sich bekehren lassen. Wir stellen nüchtern fest: St. Jürgen hat sich mittels tadellosem Offensivfußball in eine Sache hineinmanövriert, aus der er nun nur noch ganz, ganz schwer wieder rauskommt. Vor ein paar Monaten hätten wir ihn nur allzu gern gemeinsam geteert und gefedert und durch den Frankfurter Stadtwald zum Flughafen getrieben, damit dieser komische Sonderling uns nie wieder unter die Augen kommen möge. Und jetzt: Hängen wir unser Deutschland-Fähnchen in den Wind, liegen dem Reformator des ganzen großen Landes wimmernd zu Füßen und bitten ihn inständig, sich nicht durch den Hinterausgang zu verkrümeln."
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bildblog: Eine sehr lesenswerte Dokumentation über die Kreidefresser der Bild-Zeitung, die Klinsmann nun zum Bleiben überreden wollen, nachdem sie monatelang eine Kampagne gegen ihn geführt haben
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Geistig-moralische Elite

Peter Heß (FAZ) kommentiert die Entscheidung der Mannschaft, sich am Sonntag von ihren Fans in Berlin zu verabschieden:
"Die Forderung, den Fans etwas zurückgeben zu dürfen, macht die Nationalmannschaft zu einer geistig-moralischen Elite des deutschen Fußballs. Diese Feststellung soll weniger als Lob für die Klinsmänner verstanden werden, sondern eher als Kritik an den sonst herrschenden Verhältnissen. Wenn in vier Jahren sich die Nationalmannschaft wieder ein Abschlußbad in der Menge verordnet und kein Kommentar dazu erscheint, ist der deutsche Fußball einen Schritt weiter gekommen."
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Rückfall ins Mittelalter

Freddie Röckenhaus (SZ) betet, dass Klinsmann weitermacht und malt tausend Teufel an die Wand:
"Das Pandämonium, mit dem uns der deutsche Fußball permanent droht, besteht aus Menschen wie Matthäus, Breitner, Sammer, Effenberg, Littbarski oder – jawohl – Berti Vogts. Dazu kommen Honoratioren im Pensionisten-Alter (wie Hitzfeld und Rehhagel) und ewig Irrlichternde wie Daum. War nicht, auf den Schwingen dieser deutschen WM, beinahe schon vergessen worden, welches Wachsfigurenkabinett jahrzehntelang den Spaß an 'La Mannschaft' nahm? Diese Sorte würde sofort nach Klinsmanns Abgang unaufhaltsam und zerstörerisch· in das Vakuum drängen, das die Demission hinterließe. Ein Rückfall in die Zeiten des Rumpelfußballs, des Mittelalters, des meterdicken Mauerns. Ein Wechsel wie von Willy Brandt zu Helmut Kohl. Die Abschaffung der Moderne."

Primitive Mannschaft

Nachgereicht – ein böser Spielbericht übers Halbfinale aus der spanischen Presse: "Die italienische Auswahl war besser als das extrem zurückhaltende Deutschland. (...) Die Begegnung vermittelt einen Eindruck vom Niveau, auf dem sich der Fußball in letzter Zeit bewegt. Es sind Mannschaften wie die meisten, die am Turnier teilgenommen haben: lauter Spieler, die laufen, hinfallen, wieder aufstehen, weiterlaufen und wieder hinfallen, während sie mit Litern von Schweiß den Rasen bewässern. Daher ist es normal, daß es zur Verlängerung kommt. Erst in dieser setzt Italien auf Qualität und fährt einen Sieg ein, den das primitive Deutschland niemals verdient gehabt hätte. Deutschland ist eine Mannschaft, die übertriebene Lobreden erhalten hat und an die man sich als eine der schlechtesten Mannschaften erinnern wird, die dieses Land je bei einer WM repräsentiert hat. Die Schlagkraft, mit der sie an noch primitiveren Mannschaften vorbeigezogen ist, hat ein falsches Bild ihrer eigentlichen Qualität hinterlassen. (...) Wahrscheinlich ist sich niemand der Schwächen des Teams mehr bewußt als Klinsmann, und deshalb beschloß er, Schweinsteiger auf der Bank zu lassen und auf die Kilos und Zentimeter von Borowski zu setzen. Aber Borowski auf der linken Seite aufzustellen ist wie eine Ampel in der Wüste zu plazieren, die zwar da ist, aber keiner weiß so recht, wozu. So konnte Klinsmann nicht anders, als seinen Fehler zu korrigieren und Schweinsteiger für den schwerfälligen Borowski einzuwechseln. Aber der Großteil des Übels war schon geschehen. Als sie das Mittelfeld und den Ball preisgegeben hatten, war Deutschlands Antwort, hinter den Italienern und dem Ball herzurennen; und wenn sie die Gelegenheit hatten, mit Zustimmung des mexikanischen Schiedsrichters zu foulen, der im Zweifel immer die Gastgeber bevorzugt hat. Und so verging die erste Halbzeit – die beste Nachricht für Klinsmann war, daß sie kein Tor kassierten. Kehl gewann keine Bälle und kreierte keine Angriffe; Ballack war sehr langsam und glänzte wenig; Klose betrat kaum den Strafraum, ebenso wie Podolski, ein weiterer überschätzter Stürmer; sie alle verloren sich in der Mittelmäßigkeit."

FR-Interview mit Joachim Löw
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Welt: Fußballentwicklungsland Deutschland – selbst Ecuadors Vereine sind in Sachen Fitness weiter als deutsche Klubs
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Bild-Interview mit Torsten Frings: "Die Fifa hat mich aus politischen Gründen gesperrt"
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Es muss etwas Neues passieren

Sehr lesenswert! DFB-Chefscout Urs Siegenthaler (SZ) zieht die Lehre aus dem Turnier und aus dem Primat der Defensive: "Dieses Turnier ist eine Aufforderung an die Trainer, sich Gedanken zu machen, wie man die Offensive wieder fördern kann. Die Trainer müssen sich überlegen: Wollen wir wieder Fußball spielen? Ich denke, dass der Fußball keineswegs ausgereizt ist, wie manchmal behauptet wird. Eher das Gegenteil ist der Fall: Ich bin überzeugt, dass der Fußball in seiner taktischen Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt. Inzwischen haben wir es geschafft, im Spiel gut organisiert zu sein, und schon sagen alle: Oh, Super-Taktik! Das Problem ist aber: Es gibt noch überhaupt keine Lösung, diese gute Organisation des Gegners zu überwinden. Man spielt mal hintenrum oder mal vertikal oder der Stürmer kommt entgegen und lässt prallen, aber das ist alles nach dem bekannten Schema. Echte Alternativen gibt es nicht. Der Fußball hat jetzt eine Phase erreicht, in der mal wieder was Neues passieren muss." Den Grund, warum Brasilien auf seine satten Stars gesetzt hat, kann Siegenthaler nur andeuten: "Aber man darf natürlich eines auch nicht vergessen: Manchmal sind den Trainern einfach die Hände gebunden. Es kann ja keine sinnvolle WM-Vorbereitung sein, wenn Brasilien 15 Trainings an Sponsoren verkauft und jede Einheit zum Volksfest wird. Oder Costa Rica, die tingeln durch halb Europa, spielen heute in Kiew, morgen in Barcelona und wieder zwei Tage später in London. Manchmal gibt es wirtschaftliche Aspekte, die einem Trainer die Arbeit erschweren, und das wirkt natürlich aufs Niveau einer WM. Als Fan frage ich mich ja: Warum spielt Ronaldo? Der hat zehn Kilo Übergewicht, und auf der Bank sitzen zehn schlanke Ronaldos. Oder rechts hinten, da spielt Cafu, der ist 36, und auf der Bank sitzt eine Granate wie Cicinho. Da habe ich als Laie nur diese Antwort: Vielleicht hat der Trainer irgendwelche Auflagen, von denen der Siegenthaler nichts weiß."

Siegenthaler glaubt, dass vielen Fußballprofis der Weg ins Traineramt zu leicht geebnet werde: "Viele Profis beenden ihre Karriere, wollen Trainer werden und kriegen zum Üben erst mal eine Jugendmannschaft. Aber das sind Berufsanfänger. Ich hatte als Profi in der Schweiz auch Trainer, und die mit den Länderspielen haben gerne gesagt: Folgt eurem Gegner bis aufs Klo! Ich habe damals schon gedacht: Hast du keine andere Lösung? Ich denke, dass der Trainerjob im Nachwuchs total unterschätzt wird, dabei sind das genau die Trainer, die uns sagen werden, wie man bei der nächsten WM wieder offensiver spielen kann." Siegenthaler empfiehlt das kleine ABC der koordinativen Fähigkeiten: "Die Spieler können nicht mehr so flanken wie früher. Was glauben Sie, warum Raymond Domenech mit seinen Spielern tanzen üben wollte? Das ist überhaupt nichts Lächerliches, da geht es um Beweglichkeit und Rhythmisierung, um Koordination bei hohem Tempo, alles Eigenschaften, die ein bisschen verloren gegangen sind. Vielleicht hat man sich im Fußball in den letzten Jahren einfach zu sehr auf die gute Organisation im Spiel konzentriert. Dabei ist die Demut vor den kleinen Formen wie der Flanke etwas verloren gegangen."

Wir müssen den Optimismus und den Schwung der WM nutzen

Siegenthaler mahnt die Verantwortlichen des deutschen Fußballs dazu, die Arbeitsweise Jürgen Klinsmanns zu übernehmen: "Ich fürchte, dass jetzt die Meinung aufkommt, mit sechs Wochen Handauflegen sei alles geregelt. Es kann aber nicht so sein, dass die Bundesliga jetzt weiterwurstelt und im Mai 2010 holt der DFB dann wieder sein Turnierteam, den Klinsmann, den Löw, den Verstegen und den Siegenthaler. Uns kann man dann buchen, wir sind dann wie die vier Tenöre, und so geht das von Turnier zu Turnier. Also, das war jetzt natürlich Sarkasmus pur, ich will damit nur sagen: Das kann's nicht sein. Wir müssen den Optimismus und den Schwung der WM nutzen, um Teile der Arbeit in die Liga hineinzutragen. Wir müssen erreichen, dass die Liga sich fragt: Machen wir alles richtig? Das ist das, was im deutschen Fußball grundsätzlich fehlt: die Bereitschaft, sich zu hinterfragen. Das wirkt sich auch in der Trainerausbildung aus, und am Ende ist es dann halt so, dass die Italiener uns taktisch weit voraus sind."

Gefragt, warum Eckbälle und Freistöße an dieser WM so erfolglos gewesen sind, antwortet er: "Das war in der Tat auffällig, ich glaube, dass es da einen einfachen Grund gibt: mangelndes Training. Und da landen wir automatisch wieder bei der Taktik. Nehmen Sie mal Italien: Die haben bei dieser WM am meisten Tore aus diesen ruhenden Bällen gemacht. Warum? Weil sie das trainieren konnten. Und warum konnten sie das trainieren? Weil sie viele andere Dinge schon intus hatten. Was Klinsmann und Löw sechs Wochen akribisch einstudiert haben, können die Argentinier seit sechs Jahren. Und die Italiener seit sechzig. Einem Cannavaro muss keiner mehr erklären, was Viererkette ist.

Halbfinale

Ermüdendes Grundlinienduell

Michael Eder (FAZ) findet zwei Vergleiche aus anderen Sportarten für den 1:0-Sieg Frankreichs gegen Portugal: "Die Begegnung bot eine vorläufige Zusammenfassung dieser WM, die vor allem eines ist: ein Festival der Defensive. Die Grundregel im aktuellen Verteidigungsfußball lautet: Wer das erste Tor schießt, gewinnt, wer den ersten Fehler macht, fährt nach Hause. Fast könnte man meinen, die Fußballstrategen von heute hätten die Schachtheorien von Steinitz studiert, der die Intuitiven und Kombinationsspieler mit der Lehre verschreckte, daß ein Angriff nur dann sinnvoll sei, wenn das ursprüngliche Gleichgewicht der Stellung gestört ist. Da dieses Gleichgewicht aber nur durch einen Fehler gestört werden könne, bliebe die Stellung so lange ausgeglichen, wie beide Parteien korrekt verteidigten. (...) Die Zuschauer sahen ein ermüdendes Grundlinienduell des Fußballs, weil auch die Portugiesen über eine erstklassige Defensive verfügen. Jeder Angriff, jede noch so gut gemeinte Attacke wurden abgewehrt und weggelaufen."

Macher

Vereinigung des Schönen und Wahren – Christian Eichlers (FAZ) Hommage an Zinédine Zidane:
"Er ist nicht der beste Spieler der WM 2006 – doch er ist der Spieler der WM 2006. Die Fußballwelt des 21. Jahrhunderts schwärmt für die leichtfüßigen Tricks, die schwebende Ballkunst, die oft nur Illusion bleibt. Zidane war schon im letzten Jahrhundert deren Meister. Doch am Ende, in den letzten zwei, drei Jahren, schien von Zidanes Kunst nur dieses Kunsthandwerk übrigzubleiben: die schwebenden Drehungen, die kleinen Gewichtsverlagerungen, die Verteidiger wie Säulen aussehen ließen. Kleine Feuerwerke großer Kunst – letzte Fingerübungen eines Virtuosen, der da und dort noch brillieren, aber nicht mehr dominieren kann? Die WM 2006 erlebt den alten Zidane. Das bedeutet: den ganzen Zidane. Und der hatte immer auch eine andere Seite: ein Macher, ein Entscheider, einer, der ein Spiel grimmig an der Gurgel packt und nicht mehr losläßt. Man sah es ihm oft nicht an, weil er immer so melancholisch und verletzlich dreinblickte. Aber er hatte und hat die Eigenschaft des wahren Weltstars, für die es in diesem Spiel nur ein unschönes, martialisches Wort gibt: den Killerinstinkt."

Blick für das Spiel wiedergefunden

Christian Zaschke (SZ) beschreibt Zidanes Wandlung:
"Gegen Portugal war Zidane nicht so effektiv wie gegen Brasilien, als er sein bestes Spiel seit Jahren zeigte. Erneut fiel jedoch auf, wie agil er sich über den Platz bewegte, und im Vergleich zu seinen müden Vorstellungen bei Real Madrid wirkte er wie Popeye nach dem Genuss von zwei Dosen Spinat. Oder war es das bisschen Höhentraining, das die Franzosen vor dem Turnier absolviert haben? Irgendwie hat er seinen Körper in kurzer Zeit in eine blendende Verfassung gebracht, was ihm auch das Denken auf dem Platz erleichtert. Er hat seinen Blick für das Spiel wiedergefunden, das er lenkt und dessen Rhythmus er bestimmt. Die Mitspieler suchen ihn nun wieder und liefern die Bälle pflichtschuldig bei ihm ab, auf dass der Meister sie über das Feld verteile." Benjamin Henrichs (SZ) hofft auf Zidanes Krönung: "Nachdem nun die Wunderkinder und Märchenprinzen des Fußballs allesamt verschwunden sind (Robinho und Messi, Poldi und Schweini, der Kampfhund Rooney und der Tänzer Cristiano Ronaldo), gibt es nur eine Schlusspointe, die aus dieser hochstrapaziösen, manchmal begeisternden, oft nervenden Weltmeisterschaft doch noch eine Glücksgeschichte machen könnte: Zizous zweite Krönung. Es wäre ein Märchen. Ein altes Märchen zwar, aber immerhin ein Märchen. Denn wie kein anderer Spieler unserer Epoche hat uns Zinedine Zidane immer wieder daran erinnert, dass der Fußball eine dramatische Kunst ist, keine Party und erst recht kein patriotisches Hochamt. Dass die Fußballer die legitimen Erben von Aischylos, Shakespeare und Tschechow sind, nicht nur Entertainer und Popstars. Niemals werden wir Zidane als jämmerlichen Sänger in der ZDF-Arena erleben (wie soeben Pelé), niemals wird er auf der Tribüne herumtanzen und heulen wie gerade noch der Gockel Maradona. Zidane wird aufhören, und dann wird er weg sein. 'Schön ist nur, was ernst ist', heißt es in der traurigen Komödie Die Möwe. Wenn das wahr ist, dann war Zidanes Fußball der schönste."
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Zurechtgewiesen

Die Welt wirft ein:
"Als Zidane seinen Elfmeter verwandelt hatte, liefen Patrick Vieira und Claude Makelele auf ihn zu. Um zu gratulieren? Sie bauten sich vor ihm auf. Furchteinflößend der Hüne Vieira, mit dem Finger auf Zidanes Brust der kleine Makelele. 'Wir haben ihm gesagt', erklärt Vieira hinterher, 'daß er sich besser in die Defensivarbeit einordnen muß. Die Portugiesen hatten zuviel Platz.' Zidane, der beste Fußballspieler der vergangenen fünfzehn Jahre – zurechtgewiesen wie ein Schuljunge, unterworfen dem Diktat des Resultatsfußballs. Er trägt die Kapitänsbinde und gilt nach außen als Anführer der wiedergeborenen 'Bleus'. Deren Chefs sind freilich Vieira und Makelele. Zwei Giganten im defensiven Mittelfeld, mit brillanter Technik und famoser Spielintelligenz. Aber eben Defensivspieler."
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SZ: Das letzte Duell der alten Herren – zum Abschied tauschen Finalist Zinédine Zidane und Verlierer Luis Figo die Hemden
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Keinen Torjäger

Peter Burghardt (SZ) vermisst portugiesische Durchschlagskraft:
"Zu wenig versuchte Portugal in der Offensive. Zu oft sanken Scolaris Spieler wie vom Blitz getroffen ins Gras, statt sich aufrecht dem Ziel zu nähern, sie trugen erheblich bei zu einem einschläfernden Duell. Außerdem zeigte sich ein weiteres Mal, dass Deco und Figo kein Gespann bilden, obwohl die beiden technisch und taktisch dazu in der Lage sein sollten."
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Thomas Kilchenstein (FR) ergänzt: "Warum schafft es eine Nation, die derart brillante Fußballer hervorbringt, nicht, einen Torjäger auszubilden? Seit Jahrzehnten krankt der portugiesische Fußball am Fehlen eines klassischen Knipsers. Ihr letzter echter Torjäger saß auf der Tribüne, wie immer ein weißes Handtuch um die Schultern: Eusebio."
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Felix Reidhaar (NZZ) blickt sechs Jahre zurück:
"Im EM-Halbfinal 2000 von Brüssel hatte die génération dorée (Juniorenweltmeister 1989 und 1991) dem Team aus dem Hexagon letztmals wirklich auf den Zahn gefühlt, war aber von der Spielleitung krass benachteiligt worden. Das hat die ohnehin schwermütigen Lusitaner in ihrem Defaitismus noch gestärkt. Und diese mentale Stimmung stutzte ihnen auch gegen die Franzosen sichtlich die Flügel."
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BLZ: Portugal ärgert sich über die Wiederholung von Elfmeter-Geschichte
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BLZ: Luiz Scolari, der schlechter Verlierer
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Finale

Lautloser Chef

Richard Leipold (FAZ) stellt Andrea Pirlo als intovertierten Spielmacher vor:
"Francesco Totti mag der mediale Frontmann sein, Pirlo füllt die Rolle des Hintermanns so tatkräftig aus, daß frühere Koryphäen ihn zum Ritter schlagen. Pirlo vereinigt brasilianische Ballbeherrschung mit der seit Generationen geübten Philosophie, wonach die Grundlagen des Fußballspiels in der eigenen Hälfte liegen. Aber auch weit vorn weiß Pirlo, worauf es ankommt. (...) Pirlo steht längst im Wettbewerb mit großen Figuren der Fußballgeschichte. Aber er scheint weit davon entfernt, sich deshalb zu ändern und seinen Stammplatz vor der Abwehr zu verlassen. Dazu hatten italienische Medien ihn nach einer schwachen Rückrunde aufgefordert. Doch Lippi gewährte ihm einen üppigen Vertrauensvorschuß und bekommt den Kredit bei der WM mit Zinsen zurückgezahlt, von einem Pirlo, der in Bestform spielt. Der Regisseur fühlt sich wohl im Hintergrund, nicht nur auf dem Fußballplatz; das weite Feld der bunten Blätter überläßt er anderen. Statt ein Model nach dem anderen als Schmuckstück zu präsentieren, widmet er sich Frau und Kind. Als Mann von außergewöhnlicher Klasse hat Pirlo das zentrale Mittelfeld lautlos in Besitz genommen. Längst ist er dort der heimliche Chef – den Gegnern wird er allmählich unheimlich."

Der schottische Italiener

Ronny Blaschke (BLZ) porträtiert Gennaro Gattuso:
"Der klassische Catenaccio ist ein Fall fürs Museum, es gibt ihn nicht mehr. Die Italiener sind verdient ins WM-Finale vorgedrungen, sie haben sich gesteigert von Spiel zu Spiel. Gegen Deutschland erreichten sie die vorerst höchste Stufe. Trainer Marcello Lippi plante den Erfolg bis ins Detail, sein Team lieferte eine taktische Meisterleistung. Mit rustikalem Abwehrhandwerk hatte das nichts zu tun. Und so illustriert Gattuso doch die Entwicklung der italienischen Mannschaft. Sie spielt nicht schöner und filigraner als früher, sie spielt kontrollierter und reifer. Die entscheidenden Fortschritte: Effizienz und Erfolg. Er gehört zu den besten Spielern der WM trotz einer Muskelverletzung vor Beginn des Turniers. Sein Stellungsspiel und seine Technik haben sich stark verbessert. Im italienischen Team erfüllt er eine der wichtigsten Aufgaben: Er schließt die Räume im defensiven Mittelfeld und hält den kreativen Geistern der Mannschaft, Francesco Totti und Andrea Pirlo, den Rücken frei. Gattuso hat die Kondition eines Rennpferdes, brutale Grätschen sind von ihm kaum noch zu sehen. (...) So möchte er sein, Gennaro Gattuso, der Knurrer: hart, kritisch und gerecht. Das hat ihn der schottische Fußball gelehrt, am liebsten würde er seine Ideale dem italienischen Fußball überstülpen."
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BLZ: Frankreich und Italien, zwei klischeebeladene Fußballstile
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BLZ: Lilian Thuram hatte seine Karriere im französischen Team bereits beendet - nun steht er im WM-Finale
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taz: Acht Jahre nach dem letzten großen Fußballerfolg gibt es kaum noch Politiker, die versuchen, die "Black-blanc-beur" für ihre Zwecke zu vereinnahmen
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FR: Die Equipe Tricolore führt die Franzosen aus dem schon länger im Lande währenden Stimmungstief
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Verschwörungstheorie (zeit.de): Die Mafia im Finale – Vorsicht, Satire!
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Ball und Buchstabe

Triumph des modernen Catenaccios

Thomas Kistner (SZ) resümiert den Taktik-Trend der WM:
"Traumwetter, Dauerparty, die neue Freude an der flächendeckenden Zurschaustellung nationaler Symbole sowie eine subtile Politisierung des Sportmassenevents, in dessen Schatten ein hübscher Strauß unpopulärer Reformen gewickelt wurde – das sind die Eckpunkte des Ereignisses. Der Fußball selbst ist dabei keinen Zentimeter vorwärts gerollt, weshalb im Finale fast ein halbes Dutzend Akteure stehen, die man dort schon 1998 bewundern durfte. Sogar einen wie den stets zu Kapriolen neigenden Barthez im Tor kann sich ein potentieller Weltmeister heute leisten, weil Gegners Teams sowieso nur darauf hoffen, dass ihnen vorne der Schiedsrichter hilft, ein Fehler der anderen oder das Elfmeterschießen. Die deutsche Elf darf man hier ausnehmen. Sie war stets bemüht, Tore zu schießen. Sie wollte Fußball spielen, musste es auch, und gewiss fällt vieles leichter, wenn einen das Vaterland auf allen Kanälen vorantreibt. Der Rest hat Beton angerührt. Die Null musste stehen. Das war der Grundgedanke, der sich wie ein Virus ins Turnier geschlichen hat. Diese WM ist der Triumph des modernen Catenaccios, und ein ironisches Schicksal hat es gewollt, dass am Ende just Italien um den Titel spielt. Die Elf, die gegen Deutschland spektakulär zeigte, was rasantes Angriffsspiel bewirken kann. Am Sonntag bleibt eine letzte Chance, dass sie auf die stürmische Art alles vorherige ad absurdum führt und so die große Trendumkehr vorbereitet."
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FAZ: WM-Analyse Taktik – Dürre vor dem Tor
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Ein Waldi wäscht den anderen

Oskar Beck (StZ) ärgert sich über Fußballfernsehen:
"Kerner hat neulich brühwarm darauf hingewiesen, dass man die Geschichte mit Lehmanns Elfmeterspickzettel nachlesen kann, 'die BamS macht das auch'. So wird eine ZDF-Fußballsendung zur Verkaufsveranstaltung für die Bild am Sonntag – und flankierend hat dieser Tage in 'Waldis WM-Club' auch noch der ARD-Sportskamerad Hartmann den BamS-Chefredakteur eingeladen und unter tatkräftiger Erwähnung seiner Zeitung so lange geduzt, dass der fast nicht mehr anders kann, als Waldi demnächst als besten Fernsehjournalisten dieser Weltmeisterschaft zu loben. So wäscht ein Waldi den anderen. Wobei wir Johannes B. Kerner an dieser Stelle in einem Punkt gratulieren wollen: Sein Experte Klopp war klasse – ein Schwabe halt, zeitgemäß und auf Ballhöhe. Was der vier Wochen lang gesagt hat, hatte mehr Hand und Fuß als so manches, was man sonst von den Heerscharen von TV-Sachverständigen vernahm, bis hin zum Vollblutexperten Peter Neururer, der angedeutet hat, dass er das eine oder andere von dem, wofür Jürgen Klinsmann jetzt gelobt wird, schon vor Jahren wieder in seine Schublade der alten Hüte gesteckt hat. Kommt das Wort Fachsimpelei eigentlich von Simpel?"

Lebenslanges Studioverbot

Auch Marcus Jauer (SZ) wendet sich ab:
"Ingolf Lück betreibt für das ZDF ein Studio, in dem Nachgetreten wird. Bei den Gästen hat Lück sich darum für eine Stammformation übler Bolzer entschieden, so kommen Mike Krüger, Hans Werner Olm und Lou Richter doch noch zu einem Einsatz. Sie sind Vertreter einer Zunft humoristischer Tagelöhner, die sich jedem Sender andienen, der ihnen einen halbrunden Tisch anbietet, an dem sie schlechte Witze vorlesen können, die ihnen noch nicht einmal selbst eingefallen sind. Keiner wird dem ZDF vorwerfen, dass nach dem Kauf der Fußballübertragungsrechte das Geld für ein anständiges Programm knapp wird, bevor man aber nach den besten Spielern der Welt die schlechtesten Komiker des Landes auftreten lässt, macht man vielleicht besser gar kein Programm. Nach den Leistungen, die Lück und seine Luschen hier geliefert haben, müsste es jedenfalls lebenslanges Studioverbot geben, aber mit so etwas beschäftigt sich die Fifa ja nicht."

BLZ: Gunter Gebauer über weinende Fußballer
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SZ: eine kleine Schuhkunde
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freistoss des monats

Heute ausschließlich mit Franz Beckenbauer
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