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5.7.2006

Presseschau vom 05.07.2006

Das verlorene Habfinalspiel Deutschlands gegen Italien steht heute im Mittelpunkt der Presseschau. Außerdem wird weiterhin die Sperre von Thorsten Frings diskutiert. Und: Foulspiele unter der Lupe.

Heute in der Presseschau: Das verlorene Duell Deutschlands gegen Italien. Außerdem wird weiterhin die Sperre von Thorsten Frings diskutiert. Und: Foulspiele unter der Lupe.

Deutsche Elf

An Leichtigkeit und Perspektive gewonnen

Nach der Niederlage gegen Italien – Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) unterstreicht die Leistung Jürgen Klinsmanns:
"Daß offensiver und leidenschaftlicher Fußball in diesen Wochen den Deutschen so viel Freude gebracht und die professionellen Bedenkenträger in die Defensive gedrängt hat, ist ein Gewinn, der Jürgen Klinsmann auch durch die Niederlage so leicht nicht mehr zu nehmen sein wird. Es ist nun am Bundestrainer, seinem Anspruch von kontinuierlicher Arbeit auch seine persönliche Entscheidung folgen zu lassen. Der deutsche Fußball hat in diesen Wochen dank Klinsmann eine nicht zu erwartende Leichtigkeit und auch eine neue Perspektive gewonnen. Sie nicht zu nutzen und das entfachte Feuer wieder verlöschen zu lassen, wäre ein weit größerer Verlust als die Niederlage in einem WM-Halbfinale – ob mit oder ohne Klinsmann."
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Das Optimale gemacht

Sven Goldmann (Tagesspiegel) betont dieses Urteil durch den Hinweis auf den starken Gegner:
"Jürgen Klinsmann hat aus den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln das Optimale gemacht, aber diese Mittel sind nun mal begrenzt. Berauscht von der Unterstützung im Land, begünstigt von ein wenig Glück bei der Auslosung und ausgestattet mit einem überraschenden Schuss Kreativität haben es die Deutschen bis ins Halbfinale geschafft. Sie haben mit einem nicht für möglich gehaltenen Kraftakt den WM-Favoriten Argentinien ausgeschaltet und damit viel zurückgewonnen von dem Ansehen, das in den vergangenen Jahren verloren gegangen ist. Auf Dauer aber setzt sich individuelle Klasse durch, und Italien ist nun mal auf so gut wie jeder Position besser besetzt."
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Ralf Köttker (Die Welt) zieht begeistert ein Fazit:
"Unter dem Strich bleibt die deutsche Mannschaft die positivste Überraschung der WM. Sie hat im Gegensatz zu vielen anderen Teams mit ihrer offensiven Art zu spielen begeistert und einer an spielerischen Höhepunkten armen Weltmeisterschaft einige unvergeßliche Momente gegeben."
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Halbfinale auf Weltklasseniveau

Moritz Müller-Wirth (zeit.de) schreibt verzückt:
"Die Enttäuschung über das Ausscheiden schien grenzenlos. Bei den Spielern, im Stadion, auch in der Stadt. Dies ist das größte Kompliment – man verlor nicht als Mickey-Mouse-Gegner, der durch eine Volte des Schicksals in dieses Semifinale vorgedrungen war. Dann hätten Spieler, Betreuer und Fans schnell das Positive in der Niederlage gesucht und gefunden. Nein, dieses deutsche Team war Teil des vielleicht besten Spiels der WM. Es bot einer italienischen Mannschaft Paroli, die gleichermaßen überraschte: Selbst in der Verlängerung zogen die Italiener sich nicht zurück, um auf Konter zu lauern, sondern drückten und drängten in Richtung des Strafraums von Jens Lehmann. So wurde es ein Halbfinale auf Weltklasseniveau und mit zwei Mannschaften, die sich auf Augenhöhe begegneten. Mit einem verdienten Sieger und einer unterlegenen deutschen Mannschaft, die nun auch die letzten Zweifler davon überzeugt haben dürfte, dass sie in der Weltspitze wieder fest verankert ist. Wer dies nach dem Ausscheiden bei den Europameisterschaften vor zwei Jahren, ja, wer dies vor nicht einmal vier Wochen zu prognostizieren gewagt hätte, wäre verspottet worden."
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Das System muss bleiben

Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) pocht auf eine Fortführung der Methoden Klinsmanns, auch in der Bundesliga:
"Allerdings reichen dreieinhalb Wochen Imagewandel noch nicht, um das Bild des deutschen Fußballs auf Dauer zu ändern. Deshalb gilt es jetzt, die Chance zu nutzen und alle Anstrengungen darauf zu verwenden, dass das Modell Spiel, Spaß und Erfolg auch in Zukunft von allen bewundert wird. Dazu muss der Ball, der von der Nationalmannschaft so wunderschön gepasst wurde, vom DFB, von den Bundesligavereinen, aber auch von den kleinen Klubs an der Basis aufgenommen werden. Andernfalls könnten die mitreißenden Spiele der Klinsmänner ein süßer, aber kurzer Sommertraum gewesen sein. Jürgen Klinsmann hat mit der Nationalmannschaft gezeigt, wie man verkrustete Strukturen ändern kann und muss, um die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Fußballspiel zu schaffen. Die Niederlage schmälert nicht die Leistung des Bundestrainers. In seinen zwei Amtsjahren hat er mehr in die richtige Richtung bewegt als mancher seiner Vorgänger. Die Namen der Spieler können ausgetauscht werden, das System aber muss bleiben – in der Nationalmannschaft und im Verein."

Verantwortung und Versprechen

Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung) nimmt Klinsmann beim Wort und fordert ihn auf, sein Werk zu vollenden:
"Das Publikum in Deutschland hat sich binnen vier Wochen verwandelt und vereint: Radikale Idealisten und gemäßigte Realisten bilden nun eine große Koalition. Das ist das Verdienst von Jürgen Klinsmann und seinem Kabinett. Der Bundestrainer hat mit seinem Stab und seinen Fußballern Erstaunliches geleistet. Sie haben ein großes Turnier gespielt. Die deutsche Mannschaft hat durch ihre Auftritte begeistert wie seit dem Titelgewinn 1990 nicht mehr. Sie hatte ein klares Programm für ihr Spiel, und sie arbeitete es nicht pflichtgemäß ab, sondern erfüllte es mit Fantasie und Leben. (...) Aus diesem Sommer und der wundersamen Auferstehung der Nationalelf sollten die Akteure im deutschen Fußball ihre Lehren ziehen. Eine dieser Lehren muss wohl sein, dass Klinsmanns Denkschule nicht gleich wieder geschlossen werden darf. Nicht alles, was punktgenau für das Turnier geschaffen wurde, lässt sich dauerhaft in die Post-WM-Zeit übertragen. Aber vieles, von der offensiven Orientierung des Spiels bis zur Individualisierung des Trainings, von der Kommunikation bis zur persönlichkeitsstiftenden Pädagogik, könnte auch in der Bundesliga nützlich sein. Klinsmann hat durch seine erfolgreiche Arbeit bewiesen, was sich im deutschen Fußball bewegen lässt. Daraus ergibt sich für ihn aber auch Verantwortung. Schließlich hat er ein Versprechen gegeben, das noch einzulösen ist."

Antipathie verflogen

Ralf Wiegand (Süddeutsche Zeitung) sieht seine Sorgen um eine feindliche Stimmung im Stadion allenfalls teilweise begründet:
"Die deutschen Fans sind von ihrem Stammplatz im siebten Himmel jäh vertrieben worden. Italien, besser über die gesamten 120 Minuten, entschied den Kampf auf Biegen und Brechen erst ganz am Schluss, gegen zermalmte Deutsche. Die wurden trotzdem gefeiert wie ein Weltmeister. (...) Es war, wie nicht anders zu erwarten gewesen ist, ein zähes Ringen von Anfang an um das eine Tor, von dem viele erwarteten, dass es dieses Spiel entscheiden würde. Aber es war immerhin ein Ringen mit Stil, ein gepflegter Kampf um die eine, die beste Gelegenheit. Die Fairness in der Partie war so nicht unbedingt zu erwarten gewesen, denn es stecken eine Menge Emotionen im deutsch-italienischen Verhältnis dieser Tage, da je ein Prominenter beider Nationalitäten aus dem Spiel genommen wurde, der Bär Bruno und der dreitage-bärtige Torsten Frings. Aber in der monströsen, vereinenden Spannung verflog bald jede Antipathie unter den Zuschauern."

Das Ereignis war größer als die Sperre
Jens Weinreich (Berliner Zeitung) sieht das ähnlich:
"Es ging dann doch einigermaßen gesittet zu in diesem ganz speziellen Kulturtempel. Ganz ehrlich, man hatte die Atmosphäre viel giftiger erwartet nach dieser rasanten Vorgeschichte dieses Klassikers der WM-Geschichte. Nachdem zahlreiche deutsche Medien, allen voran das Zentralorgan Bild, die Italiener beschuldigt hatten, die Spielsperre für Torsten Frings gewissermaßen im Doppelpass mit der Fifa-Disziplinarkommission organisiert zu haben." In der FAZ liest man: "Die nachträgliche Sperre von Frings riß ein zuletzt perfekt funktionierendes Team auseinander, das sich von Spiel zu Spiel gesteigert hatte und dem Land einen unvergeßlichen Fußball-Sommer schenkte – aber sie vergiftete nicht die Atmosphäre, weil sich die Legendenbildung, die Italiener hätten den Ausschluß von Frings betrieben, im Stimmungsbild nicht durchsetzen konnte."

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) ergänzt:
"Vor ein paar Tagen hätte sich noch niemand Gedanken über die Lautstärke von Pfeifkonzerten gemacht, aber seit Montagabend ist ja alles anders. Am Montagabend wurde öffentlich, dass die Italiener den Deutschen ihren Heldenfußballer Torsten Frings weggenommen haben, zumindest war dies die Version, die so manche Schlagzeile nahe legte. Die Wahrheit war das natürlich nicht; in Wahrheit waren es natürlich offizielle Fifa-Kameras gewesen, die Frings' Handwischer eingefangen hatten, aber es blieb die spannende Frage, ob das deutsche Publikum den Italienern die Sperre nachtragen würde – und das in diesem Westfalensignaliduna-WM-Stadion, in dem angeblich das beste Publikum dieser Welt wohnt. Die Antwort auf die spannende Frage: Ja, die Deutschen haben nachgetragen, anfangs zumindest. Zumindest eine hörbare Minderheit pfiff, als die Hymne der Italiener zum Vortrag kam – das hatte es bisher noch nicht gegeben bei dieser WM. Das Stadion war geladen, aber im Laufe des Spiels verlagerte sich die Stimmung immer mehr weg von den Italienern und hin zum eigentlichen Ereignis: dem WM-Halbfinale. Es knisterte, wie es in einem WM-Halbfinale knistert, das Ereignis war größer als die Sperre von Torsten Frings."

Lehmann super

Drei Spieler in der Einzelkritik:
"Vor allem Christoph Metzelder lieferte in seinem Heimstadion eine sensationell starke Partie, die an seine besten Zeiten der WM 2002 erinnerte", lobt die Süddeutsche Zeitung. "Jens Lehmann super", schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, und der Tagesspiegel pflichtet bei: "Steht im deutschen Tor, weil er ein mitspielender Torhüter ist. Gegen Italien konnte er dies zum ersten Mal so richtig zeigen. Sehr umsichtig und aufmerksam, wenn die Italiener mit langen Pässen die deutsche Abwehr überspielten, dazu majestätisch bei hohen Bällen und reaktionsschnell. Bei den Toren ohne Chance." Die Süddeutsche Zeitung schaut auf den Frings-Ersatz: "Sebastian Kehl hat Frings kaum vermissen lassen und seine Sache ebenso gut gemacht wie Tim Borowski. Beeindruckende Leistung."
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Frankfurter Rundschau Porträt Roland Eitels, Berater von Jürgen Klinsmann
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Frankfurter Rundschau Porträt Georg Behlaus, Berater von Oliver Bierhoff
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faz.net Bildstrecke: Deutschland trauert
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Berliner Zeitung Porträt Fabio Cannavaros
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Neue Zürcher Zeitung Porträt Gianluigi Buffons
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Pressestimmen aus dem Ausland

Ein großartiges Duell
Felix Reidhaar (Neue Zürcher Zeitung) würdigt die Leistung beider Teams und kennzeichnet den Unterschied:
"Ein grossartiges Duell – es wurde ein weiteres Mal in der langen Geschichte dieser umstrittenen Classique offensichtlich, wie nahe sich die beiden Auswahlen leistungsmässig sind. Obwohl konzeptionell wie individuell in keiner Weise vergleichbar, lieferten sich beide Teams einen faszinierenden, mehrheitlich ausgeglichenen Match, sehr kampfbetont, physisch engagiert und in hohem Rhythmus. Die Azzurri standen mit ihrer stupenden Ballbehandlung und der imponierenden Spielorganisation dem Erfolg klar näher. Die Deutschen versuchten es in eher bekannter Manier, mit Kraft, unbeeinträchtigtem Siegeswillen, aber wenig Einfallsreichtum und in der Angriffsauslösung zu gleichförmig, als dass die glänzend antizipierenden Italiener dadurch in Bedrängnis zu bringen gewesen wären. Was in diesen Tagen in deutschen Landen zu lesen war und in Klinsmanns Team hineininterpretiert wurde, erfuhr die notwendigen Korrekturen. Die spielerischen Grenzen blieben eng."
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So viel Zweifel wie Inspiration
Die englische Presse ist geteilter Meinung. Bei dieser WM fällt auf, dass englische Zeitungen das "Kraut-Bashing" spätestens seit dem Achtelfinale aus ihrem Repertoire gestrichen haben. Kein Gerede mehr von Stechschritt oder anderer Kriegsmetaphorik. Sogar die Sun titelt nur "Magnifi-KO". Der Independent stellt jedoch fest, dass Glauben und Selbstvertrauen doch nicht genügen, um in ein Finale vorzustoßen:
"Für eine mächtige Fußballnation wie Deutschland, die sieben WM-Finale erreicht hat und, wie es scheint, eine erfolgreiche Mannschaft aus bescheidenen Ressourcen machen kann, war es eine rauhe Lektion: Bis gestern hat Deutschland nie in Dortmund verloren. Jürgen Klinsmann konnte das Momentum, das sein Land erwartete, nicht aufrechterhalten. Den Glauben des deutschen Teams ließen die Italiener unglaublich zerbrechlich ausschauen." Die Times stellt der deutschen Mannschaft ein gutes WM-Zeugnis aus: "Es war ein zutiefst unteutonischer Abschied – sie kassierten zwei Tore in der Verlängerung. Aber Klinsmanns Team hat sich bei der WM über Stereotypen hingweggesetzt. Die Nationalmannschaft wurde neu zusammengesetzt als ein Team, das offensiv spielt. Das Land hat seine Flagge wieder entdeckt." Der Guardian widmet sich dem italienischen Spiel: "Bei den Italienern war genau soviel Zweifel wie Inspiration zu spüren, bei diesem verdientem Sieg. Mit den beiden Toren in der letzten Minute der Verlängerung entkamen sie der schrecklichen Aussicht des Elfmeterschießens."
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Italia irresistibile

(sh) "Italien geht ins Paradies, und Klinsmanns kalifornischer Traum endet ausgerechnet in Dortmund. Die Festung fällt, und die Kanzlerin kann nichts mehr tun, um das zu verhindern. 'Bellissimo, bellissimo', sagt Prodi am Ende des Spiels, 'wo ich der Kanzlerin gerade gesagt hatte, daß ich Elfmeter hasse!', schreibt der Corriere della Sera in einem ausführlichen Bericht über die VIP-Tribüne."

Zwei Themen beherrschen die ersten Seiten aller italienischen Tageszeitungen: der italienische WM-Triumph und der heimische Fußball-Sumpf. "Vom Tribunal auf den deutschen Rasen", schreibt dazu La Repubblica: "Der verrückteste Fußballtag". Denn es traf sich, dass die Beförderung der Azzurri ins Paradies mit den beinharten Plädoyers der Staatsanwaltschaft beim Sportgericht zusammenfielen. Die Forderungen nach Herabstufungen von Vereinen und Sperrungen ehemaliger Star-Akteuren des italienischen Fußballs durch Chefermittler Borelli wurden vom Ex-Ministerpräsidenten und AC Mailand-Besitzer Berlusconi umgehend als "späte Rache Borellis" kommentiert, der aus der Zeit des "Mani-pulite"-Skandals noch eine Rechnung mit ihm offen habe. In Berlusconis Augen handele es sich ohnehin um nichts als einen politischen Prozess – die Argumentation ist bekannt.

Doch eindeutig überwiegt die Freude über den als "historisch" betrachteten Sieg in letzter Minute. "Historisches Italien, wir sind im Finale" titelt La Repubblica: "Es ist sehr hart gewesen, aber es war schön anzusehen und am Rande mitzuerleben. Italien hat ein großartiges Spiel geboten mit all seinen Abwehrspielern, die Deutschland sehr wenig zugestanden haben. An einem gewissen Punkt war zu fürchten, daß das Glück erneut auf Deutschlands Seite sein könnte. Nach 90 auch von deutscher Seite sehr vorsichtig gespielten Minuten, in denen mehr darauf geachtet worden ist, kein Tor zu gestatten als eins zu schießen, hat sich Italien als die Mannschaft mit der besseren Kondition, der größeren Überzeugung und dem stärkeren Willen erwiesen." "L´Italia più bella" (Italien, wie es am schönsten ist) ist das Motto des WM-Teils von La Repubblica. In dem Bericht "120 Wahnsinnsminuten" heißt es: "Der längste Tag des italienischen Fußballs endet im Triumph. Aus der Hölle des Westfalenstadions ist die Nationalmannschaft wie bei Dante ins Paradies des Finales aufgestiegen, durch das Fegefeuer eines langen und schwierigen Spieles hindurch: zum mehr als verdienten Sieg kam es erst am Ende der Verlängerung."

"Der Corriere della sera sieht das ähnlich:
"Der plötzliche Stolz im Stadion der Pfiffe. Italia irresistibile" (Italien unwiderstehlich) ist der Titel und Tenor des WM-Teils des Mailänder Blattes. Kommentator Mario Sconcerti: "Wir sind da, wo wir nie dachten, nie glaubten zu sein, uns nicht einmal für würdig erachteten zu sein. Wir sind wieder auf dem Dach der Welt wie vor zwölf Jahren, weil dieser Sport des Zubehörs und des Gleichgewichts, von Leuten von überall her, aller Rassen, weil dieser Sport unser Sport ist, ein plumpes Spiel, das wir zu spielen in der Lage sind wie niemand sonst. Deutschland war schwächer, und das wußte es. Die Italiener sind nicht die richtigen Gegner für die Deutschen. Zu ordentlich, zu gut eingerichtet in ihrem Ur-Chaos. Das ist der echte Fußball. Der Fußball des Instinktes und des Herzens. Es ist an der Zeit wieder zu siegen."

Am Grünen Tisch

Wenig zu rütteln

Eine Sportrecht-Expertise in Sachen Frings-Sperre – Thomas Kistner (Süddeutsche Zeitung) seziert die Argumentation und den Einspruch des DFB:
"Für Sportjuristen wie den Marburger Strafrechtsprofessor Dieter Rössner wackelt die Position des DFB schon dort, wo er auf eine Tatsachenentscheidung des Referees Lubos Michel abhebt. Tatsache ist ja, dass Michel die Szene nach dem Spielende nicht sanktioniert hat, es liegt insofern eben keine Entscheidung vor. Dies aber setzt nicht automatisch alle ungeahndeten Vorgänge ins Recht – sonst gäbe es all die nachträglichen Verfahren mit Hilfe von TV-Bildern nicht, wie die jüngsten Sanktionen nach der WM-Qualifikationspartie Türkei–Schweiz. Beispielhaft für den Sinn der Tatsachenentscheidung ist auch das WM-Viertelfinale Italien–Spanien 1994, als Italiens Tassotti seinem Gegenspieler Luis Enrique per Ellbogenhieb das Nasenbein zertrümmerte, um einen Torerfolg zu verhindern. Statt des Führungstors für Spanien fiel im Gegenzug das 2:1 für Italien, gleich darauf war das Spiel vorbei. Die Fifa sperrte Tassotti für acht Spiele, der Ausgang der Partie blieb davon unberührt, obwohl er sichtlich durch das Foul beeinflusst war. Dies zeigt: Die Tatsachenentscheidung dient vor allem als Konstrukt, um den Spielausgang zu sichern. Die persönliche Verantwortung einzelner Spieler für individuelle Entgleisungen, die dem Referee entgehen, berührt sie nicht. Bleibt die spannende Frage, ob der DFB stärker auf andere Sachverhalte hätte zielen können? Dies legt die zerknirschte Reaktion der Fifa nahe. Inwieweit war die erste Mitteilung der Disziplinarkommission am Sonntag bindend? Rössner meint, dass solche offiziellen Feststellungen 'normalerweise Rechtskraft' erlangen. Wie verhält es sich da mit dem Vertrauensgrundsatz? Oder war die Fifa-Erklärung, dass deutsche Spieler aus dem Schneider seien, nur Interpretation der Medienabteilung? Ein Feld, in das nicht vorgestoßen worden ist; das hätte den Fall ins Trudeln bringen können. Die Fifa, überrumpelt, will nun nachbessern. In der Uefa wirkt die Verfahrensordnung klarer, sie hat auch eine Anklage-Instanz. Für die mit medialer Unterstützung in Wallung gebrachte Fußballvolksseele gilt aber: Am milden Urteil für eine Tätlichkeit gibt es wenig zu rütteln. Wenn sich der Sport vor Tumulten schützen will, braucht er einen Sanktionsrahmen. Den muss er auch anwenden, sonst wird er unglaubwürdig."

Tragische Zufälle

Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) fordert eine Änderung der Gelbsperrenregel:
"Man will bei Weltmeisterschaften die besten Spieler der Welt auch wirklich sehen. Doch nach dem Halbfinale zwischen Frankreich und Portugal könnte es nun durchaus sein, dass das Endspiel ohne Patrick Vieira, Lilian Thuram oder Zinédine Zidane angepfiffen wird. Oder es fehlen bei Portugal Luis Figo, Ricardo Carvalho, Nuno Valente und Torhüter Ricardo, weil sie die zweite Verwarnung gesehen haben. Angesichts der vielen gelben Karten für leichte Vergehen besteht die Gefahr, dass im größten Fußballspiel, das es nur alle vier Jahre gibt, die größten Spieler wegen einer Lappalie nicht dabei sind [of: Man denke an Michael Ballacks erste Verwarnung im Achtelfinale der WM 2002]. Daher sollte sich die Fifa für ihre kommenden Turniere einen neuen Modus überlegen, nach dem es Sperren etwa erst nach der vierten gelben Karte im gesamten Turnier gibt. Das würde tragische Zufälle ausschließen."

Halbfinale

Banditen gehören zum Fußball, Engel in den Himmel

Thomas Klemm (Frankfurter Allgemeine Zeitung) kommentiert den Stilwechsel der Portugiesen:
"Was ist bloß aus den Portugiesen geworden? Wo sind sie hin, die Fußballkünstler, die sich am eigenen Können berauscht und die Welt mit ihren Kabinettstückchen begeistert haben, aber immer, wenn es wirklich darauf ankam, in ihrer Schönheit gescheitert sind? Einen Spieler wie Cristiano Ronaldo, der viel für sich und das Publikum und ein bißchen für die Mannschaft spielt, kann sich die Selecão noch immer leisten. (...) Die meisten Angriffe werden von fünf Offensivspielern inszeniert, die das gewohnte Kurzpaßspiel pflegen, während der Rest des Teams vorwiegend mit der Sicherung nach hinten beschäftigt ist. Wenn sich doch einmal mehr Spieler in die Offensive einschalten, werden sie von Scolari zurechtgewiesen."

Peter Burghardt (Süddeutsche Zeitung) fügt hinzu:
"Kaum jemand verliebt sich in diesen Stil, wirklich mitreißend wie zwischenzeitlich Argentinien oder einst die Brasilien spielt das Ensemble selten. Scolari war selbst kein sonderlich begabter Freund des Balles, sondern ein eisenharter Verteidiger, Grätschen und Bodychecks findet er bei Bedarf so gut wie einen Hackentrick oder Pass mit dem Außenrist. 'Banditen gehören zum Fußball, Engel in den Himmel', dozierte er einmal – er hat keine Lust, den Erfolg in Schönheit sterben zu lassen. Zu seinen Leitfäden gehört kein Beitrag von Konfuzius, sondern das Werk 'Die Kunst des Krieges'. Nach der Schlacht gegen Holland mit den vier Platzverweisen verwies Scolari genüsslich auf Umgangsformen auf südamerikanischen Plätzen. Beim Üben lässt er schon mal Rugby spielen."

Respektabstand

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) zeigt, wo man doch noch was zu sehen bekommt:
"Das Publikum ist beglückt, daß es jenseits der manchmal allzu ernsthaft geführten Systemdebatten noch einmal Spieler zu sehen bekommt, für die niemand den Fußball studiert haben muß. Die Extraqualität des Pirouettenkönigs Zidane setzt sich in jedem System und unter jedem Trainer – auch dem umstrittenen Raymond Domenech – durch; der Sonderklasse des Aufreißers Figo, der den rechten Flügel der Portugiesen mit seinem Raffinement stark macht, kann auch sein Alter noch nichts Entscheidendes anhaben. Beide genießen zudem oft genug den Respektsabstand ihrer Gegenspieler, die ihnen nur selten so in die Quere kommen, daß es ihnen weh tut."

Es war prächtig und elegant

Tabubruch – Thomas Kilchenstein (Frankfurter Rundschau) beschönigt das grobe Foul Decos gegen den Holländer Johnny Heitinga im Achtelfinale:

"In dem bislang hässlichsten Spiel dieser WM hat es eine Szene gegeben, die viel aussagte über den Spieler Anderson Luis de Souza. Heitinga hatte den Ball nach einer Unterbrechung nicht, wie es mittlerweile in solchen Fällen üblich ist, zurück an die Portugiesen gespielt, sondern einen eigenen Angriff eingeleitet. Da hat Deco, ein Zeichen gesetzt, und den Holländer mittels Blutgrätsche an ein gewisses Maß an Fairness erinnert. Deco sah dafür gelb, dunkelgelb eigentlich, aber es zeigte eines: Deco, der filigrane Spielmacher des portugiesischen Halbfinalisten, kann – anders etwa als Ronaldinho oder der mittlerweile weise gewordene Zidane –, wenn es sein muss, auch zum Säbel greifen. Und unangenehme Jobs erledigen."
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Auch Ronald Reng (Financial Times Deutschland) verfasst eine Ästhetik des Fouls:

"Die Wahrheit, die sich fast niemand auszusprechen traut, ist diese: Es war prächtig, es war elegant, es war mitreißend. Und es war ein Foul. Gut zehn gelbe Karten waren schon verteilt, die Auseinandersetzung wurde immer niederträchtiger mit Ellenbogenchecks und Kopfnüssen, als Deco die Ehre des Foulspiels rettete. Heitinga brach einen Ehrenkodex des Fußballs, als er den Ball nicht zurückspielte, nachdem Portugal ihn ins Aus getreten hatte, damit ein Spieler behandelt werden konnte. Deco jagte Heitinga über den halben Platz, um ihn schließlich mit einem fliegenden Tackling von den Beinen zu holen. Deco hatte Glück, dass der Schiedsrichter es bei einer Verwarnung beließ, schon klar; aber wer war, wenn er ehrlich ist, nicht angetan von der Schönheit der Unfairness? Dieses Foul war so kraftvoll, so elektrisch. Deco macht aus einfachen Dingen Schönheit."

Nehmen wir mal an, der Italiener Gattuso hätte so ein Foul begangen: Was hätte er alles zu lesen bekommen? Und ob Zidane tatsächlich nicht grätschen kann ...?

Berliner Zeitung: Luis Felipe Scolari hat Entertainer-Qualitäten
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Frankfurter Rundschau: Scolaris Zukunft ist noch offen
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Die Welt: Porträt Luis Figos
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Berliner Zeitung: Porträt Decos
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Das Zentralmassiv des Fußballs

Christian Eichler (Frankfurter Allgemeine Zeitung) würdigt den unauffälligen Arbeiter im Mittelfeld der Franzosen, Claude Makelele:
"Er wurde nie ein großer Star. Aber etwas viel Besseres: einer, dessen Name zum Begriff wurde, für die beispielhafte Klasse auf einer bestimmten Position. So sagte Thierry Henry einmal über den Arsenal-Kollegen Gilberto: 'Er ist unser Makelele.' Und Trainer in England fordern gern: 'Wir brauchen einen Makelele.' (...) Claude Makelele ist der WM-Star mit der Tarnkappe. Der Mann, der unsichtbar alles zusammenhält. Wieviel das wert ist, sahen sie in Madrid – aber erst, als er weg war. Mit ihm gewann Real Titel in Serie, auch die Champions League. Dann war er nicht mehr mit einem Viertel des Salärs der großen Stars zufrieden. Real-Präsident Perez schickte ihn weg, Chelsea nahm ihn mit Kußhand. Es war, neben Reals Kauf von Beckham anstelle von Ronaldinho im selben Sommer 2003, die dämlichste Personalentscheidung des Jahrzehnts in Europas Top-Fußball. Man hatte den einzigen, der den 'Galaktischen' noch Bodenkontakt gegeben hatte, abserviert. Seitdem hat Real nichts mehr gewonnen."

Für Oliver Trust (Stuttgarter Zeitung) darf man das Mittelfeld der Franzosen nur im Kollektiv betrachten:
"Es ist ein wenig verwegen zu behaupten, Patrick Vieira wäre alleine gar nicht zu beschreiben. Trotzdem stimmt es, zumindest bei dieser WM. Vieira ist nicht allein, er gehört zu einem Trio, das als Kraftwerk der Equipe tricolore gilt. Zinedine Zidane gehört dazu. Dann ist da Claude Makelele. Und mittendrin Vieira, der mit Makelele das Zentralmassiv des Fußballs in Frankreich bildet. Oder anders ausgedrückt: die beiden gehören zu den besten Mittelfeldformationen, die die Branche zurzeit zu bieten hat. Und sie bilden die Grundlage dafür, dass der Zauberer 'Zizou' weiter vorn seine Festspiele veranstalten kann."

Frankfurter Rundschau: Porträt Claude Makeleles
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Frankfurter Rundschau: Porträt Fabien Barthez'
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Neue Zürcher Zeitung: Porträt Zinedine Zidanes
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Die Welt: Porträt Zinedine Zidanes
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Ascheplatz

Neudeutsch

Dirk Peitz (Süddeutsche Zeitung) langweilen die Fußball-Werbespots im Fernsehen:
"Ein bisschen fad war es also bislang im Werbeblock. Der hat zwar keinen Bildungsauftrag, auch nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen, aber einen gewissen Unterhaltungswert erwartet man schon als Konsument, wenigstens einen Grund, seinen Flüssigkeitsaustausch nicht während der Halbzeitwerbung zu erledigen. Ziemlich neudeutsch waren die Spots, nicht nur von der Besetzung, sondern auch vom Ansatz her: Selbstironie, die neueste aller deutschen Tugenden, musste unbedingt drin sein. Doch leider gilt Selbstironie nicht umsonst als eine erlernbare Fähigkeit und eben nicht als eine, die genetisch vererbbar oder gar einer nationalen Prägung zuzurechnen sei."

Allerdings entdeckt er auf youtube.com eine Ausnahme und bedauert, dass dieser Sport nicht im deutschen Fernsehen gesendet wird:
"Es ist zumindest vorstellbar, dass dieser Film deshalb nicht im deutschen Fernsehen läuft, weil Pepsi den Vorwurf fürchtete, überkommene nationale Stereotypisierungen zu verbreiten. Aber ist bei der WM-Eröffnungs-Feier nicht ein ganzes Rudel deutscher Männer freiwillig in vollem Trachtenstaat im Münchner Stadion herumgehüpft? Gewinnen am Ende im Spot nicht die Richtigen? Beweist der Spot nicht eine prophetische Ahnung, weil doch Ronaldinho, Roberto Carlos und David Beckham längst mit ihren Mannschaften aus dem Turnier ausgeschieden sind, während die Deutschen überraschend schön und erfolgreich spielten? Und würde dieses Fußballvolk nicht eben genau jene Selbstironie beweisen, die man ihm neuerdings nachsagt, wenn es über diesen sehr, sehr komischen Werbespot herzlich lachen würde? Mensch, Pepsi: Habt ihr denn überhaupt keinen Humor?"
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freistösse des tages

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