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3.7.2006

Presseschau vom 03.07.2006

Immer noch begeistert das gewonnene Viertelfinale gegen Argentinien die Sportjournalisten, im Mittelpunkt der Presseschau steht aber auch der nächste Gegner der deutschen Mannschaft: Italien. Daneben ein Blick nach England, wo die Sportpresse die Leistung von Nationaltrainer Eriksson sehr kritisch betracht.

Immer noch begeistert das gewonnen Viertelfinale gegen Argentinien die Sportjournalisten, im Mittelpunkt der Presseschau steht aber auch der nächste Gegner der deutschen Mannschaft: Italien. Daneben ein Blick nach England, wo die Sportpresse die Leistung von Nationaltrainer Eriksson sehr kritisch betracht.

Deutsche Elf

Ständiger Wechsel von Regeln und Freiheit

Klaus Brinkbäumer und Jörg Kramer (Spiegel) würdigen die Menschenführung Jürgen Klinsmanns:
"Es stimmt ja nicht, was Kritiker diesem Klinsmann unterstellten: dass er nur Unmündige ertrüge. Sein Geheimnis ist dieser ständige Wechsel von Regeln und Freiheit, von Befehl und Diskussion, von Schemata und der Aufforderung zum Ausbruch aus jedem Schema. Es hat wohl selten einen Bundestrainer gegeben, der derart konsequent Lehren aus der eigenen Profizeit zieht wie dieser: Den Stürmer Klinsmann störte einst diese verdammte deutsche Passivität, und darum lässt der Trainer Klinsmann seine Deutschen stürmen; den Stürmer Klinsmann ereilte der Lagerkoller, darum gewährt der Trainer Klinsmann freie Zeit. Jedoch: Viele seiner Jünger wollen lieber trainieren. Die wenigen Konflikte verstand Klinsmann zu moderieren. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Trainern und Michael Ballack, der mehr taktische Vorsicht forderte, führten dazu, dass sich der Kapitän selbst in die Pflicht nahm und verteidigt – das war der Schlüssel zu bislang fünf deutschen Siegen. Als Oliver Kahn sagte, er habe nie eine Erklärung erhalten, warum er nicht spiele, reagierte der Trainer sehr gelassen und sagte: 'Es ist okay. Er fühlt sich noch immer als Nummer 1.' Und nachdem Miroslav Klose seinen Angriffspartner Lukas Podolski zu mehr Bewegung aufgefordert hatte, bewegte sich der gegen Schweden und bekam Pässe von Klose und schoss auf einmal Tore. Der Lukas, bilanzierte Klinsmann, habe halt 'versucht, seine Arbeit zu verrichten'. Es kam zu einer Kommunikation zwischen Spielern und Publikum, wie es sie bei der Nationalelf kaum je gegeben hatte. Vier Tore gegen Costa Rica – patriotischer Karneval in München. Das späte Tor gegen Polen – Ekstase in Dortmund. Und diesmal, gegen Argentinien, spielte die Mannschaft abgeklärt, lauernd, und die Anhänger trällerten nicht, sie waren natürlich laut, doch vor allem gebannt."

Radikalaufstieg

Markus Völker (taz) fordert Klinsmann auf, seinen Vertrag zu verlängern:
"Klinsmann, der Chef-Guide, hat den wackeren 23 die Wegbeschreibung zugesteckt, er hat sie fit gemacht und im Glauben an das Große bestärkt. Und siehe da: Das junge Team, das die WM als Gipfelsturm begreift, hat seine erste große Reifeprüfung in luftiger Höhe bestanden. Die Frage ist nun allerdings: Was wird aus dem Bergführer Klinsmann und seinem Projekt des Radikalaufstiegs, der Umgestaltung auf hohem Niveau? Hat sein Projekt eine Zukunft? Hat Klinsmann eine Zukunft? Alles hängt von seiner Vertragsverlängerung ab. Der sture Schwabe steht in der Pflicht. Er hat sich selbst mit markigen Sprüchen exponiert. Er und seine Mitstreiter, Joachim Löw und Oliver Bierhoff, könnten den deutschen Fußball entrumpeln, den Laden auseinander nehmen und einheitliche Strukturen schaffen. Aber ist so eine Umgestaltung ohne Klinsmann überhaupt möglich? Noch braucht die Nationalmannschaft, dieser Staat im Staate des Fußball-Bundes, einen halsstarrigen, sendungsbewussten Anführer, einen Guru vom Schlage Klinsmanns. Verlässt er nach dem Turnier die deutsche Mannschaft, macht er sich unglaubwürdig. Flüchtet er nach Kalifornien, entlarvt er sich als Ego-Shooter erster Güte. Bleibt er jedoch, kann der Kilimandscharo in vier Jahren, beim WM-Turnier in Südafrika erklommen werden. Falls es nicht schon diesmal klappt."
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Tempo und Richtung eingewechselt

Christof Kneer (SZ) macht Klinsmanns Einwechslungen für den Sieg gegen Argentinien verantwortlich:
"Klinsmann wird einem langsam unheimlich. Er ist ja nie zuvor Cheftrainer gewesen, er ist als Berufsanfänger ins Turnier gestartet, und man kann sagen, dass er im Viertelfinale endgültig auf der Trainerbank angekommen ist. Er hat erst Odonkor eingewechselt, der nach Herzenslust auf Gegenspieler Sorin draufsprinten konnte, weil Sorin schon verwarnt war und dem Raser sicherheitshalber aus dem Weg ging; und weil man bei Odonkor ja nie weiß, ob er auch in die richtige Richtung rast, hat er ihm noch ein Navigationssystem mit auf die Reise gegeben. Er hat zusätzlich den Strategen Borowski eingewechselt, der einen so guten Orientierungssinn hat, dass er Klose den Ball sogar dann zum Kopfballtor auflegt, wenn er ihn gar nicht sieht. Klinsmann und Löw haben Tempo und Richtung eingewechselt, und diese beiden Qualitäten waren es auch, die Deutschland auf den richtigen Weg zurückbrachten."

Sieg der Willenskraft, der Nervenstärke und des Glaubens

Peter Heß (FAZ) betont die Stärke des Verlierers aus Argentinien:
"Als Klinsmann vor zwei Jahren den WM-Titel als Ziel seiner Arbeit ausgab, wurde er belächelt: Seine jungen Spieler würden sich spätestens an den alten Fußballmächten die Milchzähne ausbeißen, dachten viele. Jetzt haben sie bewiesen, daß sie nicht nur im Hurrastil weiterkommen können, sondern auch geduldig, hartnäckig und zäh ihren Weg verfolgen. Aber es war knapp. Die Argentinier hatten schon die Finger am Lichtschalter, um der deutschen WM-Party das Licht auszuknipsen. Es war der Einsatz aller Kräfte nötig und wurde ein Sieg der Willenskraft, der Nervenstärke und des Glaubens. Denn die fußballerischen Primärtugenden waren beim Gegner etwas stärker ausgeprägt. Was als Fußballparty geplant war, wurde zum Rasenschach, aus einem sportlichen Wettbewerb wurde ein Intelligenztest. (...) Das Treffen mit der taktisch besten Mannschaft der Welt war zwar kein Fußball-Klassiker, aber es hat den Reifeprozeß der jungen Deutschen noch einmal beschleunigt."

Naivität in 120 Minuten abgelegt

Ludger Schulze (SZ) lobt die Disziplin der deutschen Elf: "Einen Preis für Eleganz gab es wahrlich nicht zu verleihen, aber es war der härteste Kampf, den eine DFB-Elf seit vielen Jahren erfolgreich bestritt. Kampf ist ein Teil des Fußballs, und auch ein glücklicher Sieg ist ein legitimer Sieg. Das sehr junge Team hat mit jugendlicher Leidenschaft und verblüffender Cleverness der augenblicklich neben Brasilien besten Auswahl der Welt enervierenden Widerstand geleistet. Wenn das 2:0 gegen Schweden die Aufnahmeprüfung ins Fußball-Gymnasium war, so ist die Niederwerfung der Argentinier im Elfmeterschießen die Reifeprüfung. Wer solche Spiele besteht, in denen jeder kleine Fehler die unwiderrufliche Entscheidung herbeiführen kann, zählt sich zu Recht zu den Meistern des Fachs. Deutschlands noch vor kurzem so erfrischend unbedarfte Mannschaft hat ihre Naivität in diesen 120 Minuten abgelegt."
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Der erste Assistent des Kapitäns

Michael Horeni (FAS) streicht die Leistung Torsten Frings' voraus : "Zum besten Spieler des Tages wählte die Technische Kommission der Fifa zwar seinen Chef und Kapitän Michael Ballack. Doch wer sich nicht den Blick von Hierarchien trüben ließ, und Status nicht mit tatsächlicher Leistungsfähigkeit verwechselte, erkannte, wer das deutsche Unternehmen entscheidend in Richtung Halbfinale führte: der erste Assistent des Kapitäns. Frings war in dieser denkwürdigen Begegnung nicht nur der beste Spieler, Frings machte gegen die argentinische Fußballmaschinerie vermutlich sogar die Partie seines Lebens. Ballack jedenfalls war als aufmerksamer Chef und Freund des Leistungsprinzips nur noch hingerissen von der atemraubenden Formsteigerung seines zuletzt nicht immer hochgeschätzten Helfers, der aber mittlerweile zu einem gleichberechtigten Partner Ballacks in der Zentrale des deutschen Spiels aufgestiegen ist."
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FAZ-Portrait Frings
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Sicherheitsdenken

Michael Ashelm (FAZ) bemerkt zur Steigerung Arne Friedrichs:
"Sicher hätte Friedrich lieber weniger zu tun gehabt, doch gerade der rechte Außenverteidiger stand in der ersten Halbzeit im Mittelpunkt der behutsam, aber dann zielstrebig vorgetragenen argentinischen Angriffe. Friedrich, der bislang in diesem Turnier nicht überzeugen konnte und als Schwachpunkt im deutschen Team zu sehen war, mußte ran – und löste seinen Job im heimischen Stadion zu aller Zufriedenheit. Der gleich nach ein paar Sekunden gewonnene Zweikampf gegen den Stürmerstar Tevez gab Auftrieb, aber letztlich keine Sicherheit. Doch Friedrich hakte nach, unterstützt von seinen Kollegen, die schnell merkten, daß der Gegner die vermeintliche Schwachstelle auf der rechten deutschen Seite nutzen wollte für seine Zwecke. Meist wurden die argentinischen Stürmer in engstes Gewahrsam genommen – gleich von drei deutschen Spielern. Ein Sicherheitsdenken von höchster Priorität dominierte die Partie."

Unverschämtes Gepfeife

Tumulte nach dem Spiel – Thomas Kistner (SZ) weist auf die Atmosphäre im Stadion hin:
"An den Ausrastern der als Hitzköpfe verschrieenen Gäste ist nicht zu rütteln. Die Vorgänge im Berliner Stadion hatten jedoch auch einen Kontext, der schon erkennbar Teil der Geschichte dieser WM wird. Es reicht zur Bewertung nicht aus, den Sachverhalt nur auf Cufres Ausraster nach Spielende zu reduzieren. Tatsache ist, dass es wenig Spaß macht, zurzeit Fußball in Deutschland zu spielen, jedenfalls, wenn man gegen die deutsche Elf antreten muss. War dies im Achtelfinale wohl noch der unbändigen Energie und strahlenden Willenskraft (aktueller Turnierjargon) der DFB-Elf geschuldet, die den Schweden allen Mut raubten, war es diesmal die gewaltige Kulisse im geschichtsträchtigen Olympiastadion, die den Gästen spürbar aufs Gemüt schlug."
Peter Burghardt (SZ) ärgert sich:
"Torwart Roberto Abbondanzieri musste unter dem unverschämten Gepfeife deutscher Sportfreunde vom Feld getragen und durch Leonardo Franco ersetzt werden. Das war beim finalen Wettschießen ein erheblicher Nachteil, denn Abbondanzieri gilt bei Schüssen aus elf Metern als Experte."
Wiebke Hollersen (BLZ) fügt hinzu:
"Abbondanzieri krümmte sich am Boden, die Berliner Fans hielten es für Zeitspiel und zeigten, wie grob unfair sie sein können. Abbondanzieri musste mit einer Trage aus dem Stadion geschafft werden, die Zuschauer pfiffen, bis sie ihn nicht mehr sahen."
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Ikone

Moritz Müller-Wirth (zeit.de) ist gerührt von der Begegnung zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann:
"Die Szene, in der Lehmann zu einem von zwei Hauptdarstellern wurde, spielte sich allerdings schon unmittelbar vor Beginn des Elfmeterschießens ab. Oliver Kahn, am Daumen bandagierter Ex-Titan und in dieser Funktion Held diverser Elfmeterschießen, bückte sich hinab zu dem Konzentration suchenden Rivalen, ergriffen dessen Hand, streichelte sein schütter gewordene Haupthaar und flüsterte ihm, so muss es gewesen sein, aufmunternde Worte ins Ohr. Diese Bilder, die schon mit in Jubel mündendem Raunen im Stadion gefeiert wurden, als sie auf den Videowürfeln erschienen, werden die Bilder sein, die als Ikonen von dieser WM im kollektiven Gedächtnis bleiben werden."
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SZ: Das dramatische Spiel gegen Argentinien hat elf Sieger – und einen Helden
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SZ: Lehmanns Liste – mit einer Datenbank von Huub Stevens hat sich der Torwart perfekt auf das Elfmeterschießen gegen Argentinien vorbereitet
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WamS-Interview mit dem Fitnesstrainer Mark Verstegen: "Ich kann mich noch an die Pressekonferenz erinnern, auf der wir vorgestellt wurden; fast jeder Dritte wollte von uns wissen, ob wir als Amerikaner überhaupt wissen, worum es beim Fußball geht."
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FAS-Interview vmit Oliver Bierhoff
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Verprellt

Jan Christian Müller (FR) befassßt sich mit dem Impuls Klinsmanns auf die Bundesliga:
"Vielleicht kann die verwegene Spielweise des deutschen Nationalteams doch vorbildlich für die Bundesliga werden und ein Umdenken bewirken bei jenen, die sich noch verprellt fühlen von der Kritik, die Klinsmann, Oliver Bierhoff und Joachim Löw in den vergangenen Tagen immer wieder in Richtung der Klubs formuliert haben. Einige Vereins-Verantwortliche müssen sich diesen Schuh nicht anziehen. Aber sie sind in der Minderheit. Noch."
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Daniel Cohn-Bendit (taz) sagt: "Wer immer anarchistisch ist, das ist Klinsmann. Er hat ideal ausgewechselt. Alle müssten wegen der Aufstellung von Odonkor auf die Knie vor Klinsmann. Klinsmann – das ist Anarchie. Sich etwas auszudenken für die letzte halbe Stunde, wenn die anderen müde sind, dann brauche ich diesen Überraschungseffekt. Und das ist Odonkor."
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Clever

Oskar Beck (StZ) hält den Klinsmann-Nörglern ihre Worte aus der Vergangenheit vor:
"Franz Beckenbauer strahlt den ganzen Tag. Er hat geheiratet, die Sonne scheint, wir werden Weltmeister – und mit keinem störenden Wort erinnert der Kaiser daran, dass er den Bundestrainer unter großer Anteilnahme von Bild ('Franz macht Klinsi platt!') noch im März derart gesteinigt hat, dass Klinsmann heute noch stöhnt: 'Es war lehrreich zu sehen, wie man mich kippen wollte. Es war lehrreich zu sehen, mit welcher Freude da einige 18 oder 19 Monate Arbeit kaputtmachen wollten.' Johannes B. Kerner bringt es in der ZDF-Arena jetzt nicht übers Herz, seinen Experten Beckenbauer danach knallhart zu fragen – und erinnert sich auch seiner eigenen Dialoge mit Klinsmann ('Müssen Sie Ihre Zielsetzung Weltmeister nicht korrigieren?') in jenen zerstörerischen Zeiten nur dunkel. Günter Netzer macht es ebenfalls clever. Als ARD-Experte gibt er sich so nachdenklich tiefsinnig, dass ihn mit dem gleichnamigen (und klinsmannkritischen) Bild-Kolumnisten Günter Netzer keiner mehr verwechselt. Und Stefan Effenberg, der als WM-Experte durch Premiere geistert, verdrängt seine Schlagzeilenvergangenheit als Bundestrainervernichter ('Weg mit Klinsi! Holt Hitzfeld!') komplett – mitunter erweckt er sogar den Eindruck, als halte er Klinsmann gegen alle Heckenschützen den Rücken frei."

Klinsmann hat immer recht

Peter Stützer (WamS) ergänzt:
"Klinsmann hat immer recht. Nicht, daß er das behaupten würde, aber was will man ihm noch vorhalten? 'Jetzt wollen wir auch Weltmeister werden', sprach er noch einmal. Was ihm vor Monaten noch als Größenwahn ausgelegt worden war, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Zwischen Wollen und Können liegen manchmal Welten, der WM-Titel wäre deshalb eine ziemlich gute Pointe auf sein Tun, die letzte Pointe, die vorletzte hat er am Freitag gesetzt. Als Jens Lehmann zwei Elfmeter der Südamerikaner gehalten hatte, war auch die letzte Personalentscheidung des Bundestrainers aufgegangen: die Berufung des Torhüters. Das hatte sogar Oliver Kahn eingesehen. Merke: Klinsmann hat immer recht. Hallo Christian Wörns ('Falschspieler')! Hallo Peter Neururer ('Lehrling'). Hallo Sepp Maier ('Schleimer')! Erinnern wir noch mal kurz, wirklich ganz kurz, an all die Nörgler, die in den Monaten vor der WM nichts Besseres zu tun hatten, als den Bagger oder sonstwas aufzureißen, um Klinsmann ohne besseren Wissens an den Karren zu fahren. 'Eine reine Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme für ehemalige Nationalspieler', hatte Rudi Assauer gemosert, als Klinsmann berufen wurde. Das Zitat nur noch mal für den Fall, das der Zigarrenkopf von sich geben sollte, das habe er schon immer gewußt, daß Klinsmann ein Guter sei. Assauer ist mittlerweile übrigens geschaßt worden. Er wäre für eine Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme ganz dankbar. Klinsmanns Karriere als Bundestrainer ist bislang eine ziemliche Achterbahn gewesen, es ging rauf wie runter, zumindest in der öffentlichen Betrachtungsweise. Er selbst hat seinen Plan einigermaßen gradlinig durchgezogen, das Unternehmen Weltmeisterschaft akribisch vorbereitet, sich mit WM-reifen Beratern umgeben, auf moderne Management- und Marketingmethoden zurückgegriffen, und er hat bereits jetzt bewiesen, daß Erfolg planbar ist. (...) Von Klinsmanns Planungen hat man vor dem Turnier gewußt, auch von seinen personellen Vorstellungen. Was verwundert ist, daß beinahe alles so gekommen ist, wie von ihm ausgedacht. Es ist ein Projekt vom Reißbrett, das trotzdem Emotionen weckt."
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Internationale Pressestimmen

Genuss für Taktikliebhaber

Flurin Clalüna (NZZ) unterstreicht die Nüchternheit des Spiels:
"Was eine Halbzeit lang geschah, war die öffentliche Darstellung eines Geheimpaktes, dessen einziger Inhalt nur eines gewesen konnte – man musste sich bereits vor Matchbeginn freundschaftlich auf ein Elfmeterschiessen verständigt haben. Offensichtlich war es im Fall der Deutschen, die den Ball gar nicht erst haben wollten. Es spielte ein deutsches Team, das es nach der Klinsmann'schen Indoktrination der letzten Wochen eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen – ängstlich, passiv, risikoscheu. Doch auch die Argentinier verloren sich im Querpass und der Selbstbeschränkung. Der Ball verliess die neutrale Zone fast nie, das Spielfeld schien virtuell verkleinert, so sehr wurden die beiden Strafräume zu Tabuzonen erklärt. Exzellent standen nur die beiden Verteidigungsreihen; in Genuss kamen einzig die Taktikliebhaber."

Gründlichkeit

El Mundo aus Spanien schreibt beeindruckt: "Deutschland wächst immer weiter. Vergessen sind die Traumata und kritischen Stimmen vor der WM, die deutsche Mannschaft hat sich erneut in die größte Bedrohung für alle Titelfavoriten verwandelt. Diesmal ließ die bestätigte Gründlichkeit von Klinsmann und seinen Jungs Argentinien auf der Strecke – in einem nervenaufreibenden Elfmeterschießen, bei dem die Mannschaft ihre Kaltblütigkeit präsentiert hat. Argentinien fummelte von Anfang an nur herum. Riquelme gab den phlegmatischen Rhythmus vor, in dem der Tango getanzt wurde."

Vielleicht hätte England einen deutschen Teamchef engagieren sollen

Der Daily Mirror beantwortet die deutsche Torwartfrage:
"Die Deutschland-Fans, die Jens Lehmanns Stärke bezweifelten, müssen nun eingestehen, dass sie falsch lagen. Und Kahn, der ewige Feind von Lehmann, ist unter den ersten Gratulanten des neuen, deutschen Helden."
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Der Independent empfindet es nicht als Überraschung, dass Deutschland das Elfmeterschießen für sich entscheidet:
"Jose Pekerman betrügt das Talent seines Teams, indem er sie dazu zwingt, die Führung auszusitzen. Klinsmann hingegen schart seine Truppe zusammen und wird belohnt, als Miroslav Klose den Ausgleich erzielt. Das führt zum Elfmeterschießen – und jeder weiß doch, dass die Deutschen das Elfmeterschießen immer gewinnen."
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Auch die Times geht näher auf die typische Stärke Deutschlands ein:
"Jens Lehmann wächst mit dem Ereignis. Nur ein deutscher Torhüter kann Bälle von Cambiasso und Ayala halten. In einer Nacht, in der es aussah, als hätte sie das Momentum verlassen, kehren sie zurück zur Freude mit endlosem Rennen, überwältigendem Willen und der außergewöhnlichen Tradition, brillante Elfmeter zu schießen. Vielleicht hätte England einen deutschen Teamchef engagieren sollen."
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Die Daily Mail warnt die künftigen Gegner:
"Man kann die Deutschen nicht im Elfmeterschießen besiegen. Wenn es dazu kommt, zum letzten Test der Nerven, der Geschicklichkeit und der Sehnen – Bang! Bang! Bang! Bang! Und du bist draußen! (...) Das war ein Viertelfinale, das viel zu früh kam. Die Argentinier fluchten, weil sie den schweren Heim-Brummer so früh als Gegner bekamen."
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Der Independent ist begeistert von dem deutschen Spiel:
"Dieses deutsche Team ist bemerkenswert, ausgestattet mit Seele und Selbstbewußtsein. Unter den eifrigsten Fans ist ihre Kanzlerin, Angela Merkel (...). Ballack treibt seine Mannen nach vorne. Dieses Spiel war mehr als Fußball. Es entwickelte sich zu einem der größten Tests des Willens."
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Der Antiheld entscheidet

Die beiden großen italienischen Tageszeitungen sind sich einig:
"Italien ist schön" (La Repubblica), "Italien ist groß" (Corriere della Sera) und: "Jetzt ist Deutschland dran!" (beide unisono auf ihren Titelseiten). Die Online-Ausgabe der Repubblica wird noch deutlicher: "Jetzt ist es an Deutschland, Angst vor Italien haben!". Auf den Innenseiten geht die psychologische Kriegsführung weiter, nichts scheint mehr unmöglich: "Deutschland, da sind wir!" – immer wieder: "Bella Italia!" – "Buffon zu Wundern fähig!" – " Jetzt ist alles möglich, Lippi euphorisch" (Überschriften aus La Repubblica) und: "Deutschland – auf uns beide!" – "Lippi jauchzt: Wehe, wir geben uns jetzt zufrieden!" – "Italien siegt auf der ganzen Linie, fliegt zum Halbfinale und muß sich angesichts des Spiels der anderen nicht mehr schämen. Der nächste Gegner wird die deutsche Mannschaft sein, die nur mit Elfmetern vorwärtsgekommen ist." (Corriere della Sera). Die Mailänder Tageszeitung widmet dem Argentinien-Spiel eine Seite. Unter dem Titel "Lehmann der Held, Argentinien von Deutschland bestraft" heißt es: "Deutschland erobert das Halbfinale, Deutschland ist noch nicht über alles, ist aber auf alle Fälle über Argentinien. Jens Lehmann läuft diesmal nicht, wie er es in Dortmund getan hat, 35 Meter, um Marcio Amoroso zu packen. Jens Lehmann hält zwei Elfmeter der Argentinier und bringt Deutschland ins Halbfinale. (...) Keine große, aber eine solide Mannschaft." Unter dem Motto "Der Triumphator" versucht sich der Kommentar an einer Entschlüsselung des "Klinsmann-Geistes", der das ganze Land erfasst habe: "Deutschland geht ins Paradies und Jürgen Klinsmann ist der Prophet. Als Jens Lehmann den Elfmeter von Esteban Cambiasso hält, öffnet er nicht nur das Tor zum Halbfinale in Dortmund, sondern er setzt auch das Siegel unter die deutsche Revolution. Der WM-Traum geht weiter und nährt das enthusiastische Delirium von Millionen Menschen, die kurz nach der entscheidenden Parade vom Olympiastadion in die Straßen aller Städte und Dörfer strömen. Von Hamburg bis Bayern, von der Hauptstadt bis zum Rhein, die Deutschen scheinen auf einmal in jenes Jahr 1989 zurückversetzt, als der Fall der Mauer und das Ende der Teilung sie zum "glücklichsten Volk der Erde" machte."

"Festa Germania" heißt es in La Repubblica und: "Lehmann, der Antiheld entscheidet": "Es gewinnt der Mann, der gar nicht hätte da sein sollen. Es entscheidet der Torhüter, den in ganz Deutschland nur ein Mann im Tor wollte. Nur weil dieser Mann der Bundestrainer ist, steht Jens Lehmann im Tor. Er hat zwei Spezialitäten: Er läßt vermeidbare Tore durch, und er pariert Elfmeter. Was von ihm bleiben wird, ist der Sprung, mit dem er die Tore erst von Ayala und dann von Cambiasso abwehrt. Und das Gesicht, mit dem er sich entfernt, nachdem er die Mannschaft ins Halbfinale gebracht hat. Er schreit nicht, er wechselt nicht den Ausdruck, er bewegt nur den Finger, als wolle er sagen: So macht man das. Er ist nicht überschwänglich und nicht glücklich, er hat einfach seinen Job gemacht." In der römischen Tageszeitung wird in einem zweiten Artikel die in italienischen Augen zentrale Eigenschaft der deutschen Mannschaft durchleuchtet: "Die, die niemals nachgeben" heißt es in der Überschrift. Und: "Der Grund für diese unbeugsame Zähigkeit, die sie von anderen unterscheidet, ist in ihrer DNA zu suchen, in ihrer Geschichte, wer weiß wo. Tatsache ist, daß sie immer so sind: im Fußball wie in anderen Dingen, sie geben nie nach, auch wenn sie technisch unterlegen sind – wie gestern gegen Argentinien. (...) Klinsmann hat eine richtige Fußballmannschaft geschaffen, auch wenn der Rohstoff nicht von exzellenter Qualität war. Diese Gruppe ist sich einig."

SZ: Internationale Pressestimmen
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faz.net: Internationale Pressestimmen
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Viertelfinale

Meisterwerk

Frankreich bezwingt Brasilien 1:0 – Michael Eder (FAZ) verneigt sich vor Zinédine Zidane:
"Der Großmeister der Spielkunst packte in diese neunzig Minuten noch einmal alles, was es nach dieser WM nicht mehr geben wird. Vor acht Jahren hatte er das Pariser WM-Finale gegen Brasilien mit zwei Toren entschieden, und nun erteilte er den Brasilianern eine zweite bittere Lektion. Dabei war er längst abgeschrieben. Der dreimalige Weltfußballer des Jahres hatte bei den Hochrechnungen für diese WM keine Rolle mehr gespielt, er war der 34 Jahre alte Rolling Stone des Weltfußballs, ein Mann von gestern. Welch ein Irrtum! Wenn man den künstlerischen Wert nimmt, dann war das Viertelfinale gegen die überschätzte brasilianische Prominentenauswahl vielleicht eine der größten Vorstellungen von 'Zizou'. Frankfurt jedenfalls erlebte die Renaissance des französischen Fußballs, ein grandioses Déjà vu dank Zidane. Er steuerte die Equipe Tricolore virtuos, aber nie stellte er sich in den Mittelpunkt, jede Drehung, jedes Kabinettstück hatte einen Sinn, es diente dem steten Fluß des Balles, den Zidane immer dort haben will, wo es den Gegner am meisten schmerzt."
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Ralf Itzel (FTD) läßt sich von Frankreich überraschen:
"Die Generation Zidane verwandelt derzeit die vergangenen sechs Jahre des Misserfolgs in eine Randnotiz der Fußballgeschichte, in die Klammer eines Hauptsatzes, der mit einem Ausrufezeichen endet. Dieses Spiel war ein Meisterwerk. Wer hätte das für möglich gehalten, acht Tage nachdem die Angst vorherrschte, gegen Togo auszuscheiden? Plötzlich verfügt die Equipe über die perfekte Balance zwischen körperlicher Kraft und spielerischer Klasse."

SZ: Unwiderstehlich wie zu seiner besten Zeit steuert Frankreichs Spielmacher auf das Finale seiner Karriere zu – wenn es so weitergeht, wird es das WM-Endspiel sein
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Schausteller

Thomas Klemm (FAZ) führt Brasiliens Mißerfolg auf Faulheit und Hybris zurück:
"Der vermeintlich schlafende Gigant entpuppte sich bei dieser WM als Scheinriese. Doch das Scheitern des Titelverteidigers war keine Sensation, sondern die letzte Konsequenz einer mehr auf Geld- als auf Titelvermehrung ausgerichteten WM-Kampagne. Die Vorbereitung geriet gleichermaßen zum lukrativen Geschäft wie zur sportlichen Farce: Weil der Verband die größtmögliche Vermarktung wichtiger nahm als den sportlichen Ernstfall, mußte sich das Starensemble präsentieren wie eine Gruppe fahrender Schausteller. Die Harlem Globetrotters ließen grüßen: Vierzehn öffentliche Trainingseinheiten im schweizerischen Ort Weggis wurden zu einer im Fußball nie erlebten Showveranstaltung, bei der die Spieler vor 5.000 Zuschauern in ihren Rollen als lebensfrohe Popstars kaum weniger gefordert waren denn als leistungsorientierte Spitzensportler. (...) Pekerman ist bei Argentinien schon zurückgetreten, Parreira ist in Brasilien nicht mehr haltbar. Die südamerikanische Apokalypse fordert ihre Opfer."
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FAZ: Ronaldos Einsätze waren auch ein Grund für das frühe Ausscheiden der Brasilianer; mit zehn Spielern ist es gegen jede Mannschaft schwer
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Torsintflut

Ralf Wiegand (SZ) kommentiert den 3:0-Erfolg Italiens gegen Ukraine:
"Die Erwartungen waren schon oft sehr hoch bei diesem Turnier, was genauso oft damit endete, dass das gespannte Fach- und heitere Feten-Publikum eine gewisse Enttäuschung danach nicht verhehlen konnte. Bei den Auftritten der Brasilianer sind diese War-das-Alles-Gesichter jedesmal zu Tausenden zu bestaunen, über den meisten Achtelfinalspielen lag eine latente Kommt-da-noch-Was-Hoffnung, ohne dass da noch was kam. So gesehen war die Partie zwischen Italien und Ukraine etwas ganz Besonderes, denn von diesem Spiel erwartete nach den konsequenten Vorleistungen beider Mannschaften wirklich kaum jemand etwas. Das 3:0 der Italiener war also umso überraschender, denn es kam zu einer – für italienische Verhältnisse – wahren Torsintflut sowie zu einer Reizüberflutung gemessen an dem, was die beiden Teams bisher so geboten hatten. (...) Das letzte Atü an Spannung wich schon nach einer Stunde aus der Partie, als Luca Toni das 2:0 erzielte. Das war deswegen schade, weil die Ukraine zu diesem Zeitpunkt drauf und dran war, sich einen Trampelpfad in den bis dahin mit Stacheldraht, Betonmauern, Panzersperren und Selbstschussanlagen abgeriegelten Hochsicherheitsbereich zu bahnen, den der Volksmund 'italienischer Strafraum' nennt. Eine Halbzeit lang hatte die Ukraine dieses mit Kreidestrichen markierte Areal am Horizont des Spielfelds nur wie eine Fatamorgana wahrnehmen dürfen, verschwommen und aus der Ferne."

Betonmischer

Christof Siemes (zeit.de) hingegen klagt:
"Italien wollte unbedingt unter die besten vier Mannschaften der Welt. Da glauben sie jetzt zu sein, aber wenn das das Beste ist, was die Welt im Fußball zu bieten hat, dann: buon giorno, Langeweile. Italien hat sich mit Routine ins Halbfinale geschaukelt, soviel Effizienz würde man der römischen Justiz wünschen. Fürchten müssen sich die Deutschen jedenfalls nicht vor den Betonmischern in Blau; Klinsmann & Co. sollen nur den dicken Bohrer nicht vergessen. Wieder mal machten es die Italiener einem nicht leicht, sie zu lieben. Dabei ist der Stiefel doch immer noch unser Goethesches Traumland, wo die Zitronen blühn. Warum können sie nicht auch so spielen? Leicht, luftig, frisch."
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Blendend motiviert

Dirk Schümer (FAZ) beschreibt das aufgekratzte Innenleben der italienischen Mannschaft:
"Statt die Auswüchse des schmutzigen Calcio zu beklagen, ziehen sich die italienischen Spieler – und mit ihnen große Teile der Öffentlichkeit – in eine symbolische Wagenburg zurück: Jetzt erst recht, lautet das Motto dieser eigentümlich freudlosen Weltmeisterschaft der Italiener. Doch der Erfolg gibt den Azzurri bislang recht. Man sollte nicht vergessen, daß um den Führungsspieler Del Piero der gesamte Führungsstab über die Moggi-Seilschaft von Juventus Turin zur Nationalmannschaft stieß: Trainer Marcello Lippi ebenso wie der erst jüngst als Betreuer verpflichtete langjährige Juve-Kapitän Ciro Ferrara. Ist es Zufall, daß sich gerade Spieler der angeklagten Mannschaften bisher besonders auszeichnen? Im Tor steigert sich Juves Gigi Buffon zum bisher besten Schlußmann des Turniers und kassierte bis zum Halbfinale nur einen Treffer – ein Eigentor. Juves Verteidiger Zambrotta spielt wie entfesselt, und sein Mannschaftskamerad Cannavaro hält die beste Abwehr des Turniers mit großartigem Stellungsspiel fest zusammen. Hinzu kommt nun noch Stürmerstar Luca Toni, der auch ohne den Fußballskandal beim gleichfalls angeklagten AC Florenz kündigen wollte. Bei allem grimmigen Erfolgsstreben läuft es auf dasselbe hinaus, ob diese Spieler in Deutschland gegen eine belastete Vergangenheit oder für eine unbelastete Zukunft kämpfen – auf jeden Fall sind sie blendend motiviert. Daß sie es dabei zum dritten Mal nacheinander mit dem Gastgeber der Titelkämpfe zu tun bekommen, stimmt die immer selbstbewußteren Tifosi und die Journalisten keineswegs traurig."

Oliver Meiler (BLZ) erläutert die Motivation und den Weg, den die Italiener zurückgelegt haben:
"Wie so oft, wenn die Italiener im Verruf stehen, wenn an ihren Fähigkeiten gezweifelt wird, wenn ihnen ihr leichtfüßiger Umgang mit den Gesetzen unerwartet ein Bein stellt, wenn man über sie lacht. Dann kehren sie die zynische, die kämpferische, die trotzige Seite hervor. (...) Italien lebt nun von Erinnerungen. Es lebt nicht vom Enthusiasmus nach einem unspektakulären Durchmarsch in diesem einfachsten Turnier seit italienischem Gedenken: Ghana, USA, Tschechien, Australien, Ukraine. Keiner der Halbfinalisten hatte es ähnlich leicht. Und keiner hatte es zugleich so schwer. Eine Welt gegen sich, Euphorie mit Schalldämpfer im eigenen Land. Doch da stehen sie nun, die Exorzisten. Und das Böse scheint plötzlich ganz weit weg zu sein, eingeschlossen in einem dunklen Prozesssaal im Römer Olympiastadion."
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FR: Das perfekte System der "Squadra azzura"
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taz-Portrait Gennaro Ivan Gattuso
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Welt-Portrait Fabio Cannavaro
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taz: Die Italiener nehmen Deutschland nicht ernst
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FR: Schewtschenkos schwerer Abschied von den Tifosi
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Tagesabschlusskonkurrenz

Ronald Reng (taz) würdigt die Leistung Portugals:
"Portugal gehört in dieses Halbfinale. Sie waren seit dem verlorenen EM-Endspiel 2004 gegen Griechenland neben Italien Europas beste Nationalelf, sicher nicht an jedem Abend des 2:2 in Liechtenstein, aber doch konstant gut. Was eine Überraschung ist. Zeigten doch wichtige Spieler wie Maniche, Costinha oder Figo im Verein nicht die große Form. Doch Portugal ist ein gutes Beispiel, was entstehen kann, wenn der wichtigste Spieler der Trainer ist. Luiz Felipe Scolari hat der Elf eine klare defensive Struktur gegeben. Selten greifen bei Portugal mehr als fünf Spieler an, sie wollen keine Überraschungen in der Abwehr erleben, dank des ballsicheren Passspiels sind sie trotzdem meist in der Offensive. Man erkennt die Mannschaften, in denen der Trainer wirklich regiert: Sie bewegen sich automatisch." Roland Zorn (FAZ) wirft ein: "Tatsächlich war den Portugiesen gegen die abermals an der Hürde Viertelfinale hängengebliebenen Engländer aus dem Spiel heraus wenig Konstruktives eingefallen. Sie umlagerten zwar in Überzahl meistens den englischen Strafraum, agierten dabei aber wie Handballspieler am Kreis, die keine Lücke zum Wurf erspähen. Das Spiel zwölf gegen zehn, also Portugal plus Scolari gegen England minus Rooney, beherrschten die Südeuropäer nicht so gut wie die Tagesabschlußkonkurrenz Ricardo gegen England. Und selbst im Strafstoßwettbewerb bot Portugal den gegenüber den Lusitanern allmählich chronisch beklommenen Engländern Chancen zum Befreiungsschlag an. Hugo Viana und Armando Petit zeigten Nerven wie die Briten, bei denen nur der im Elfmeter-Paradies Deutschland sozialisierte Münchner Bayern-Profi Owen Hargreaves der existentiellen Er-oder-ich-Situation gewachsen war."
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Der Deutsche in einem Team voller Engländer

Christian Eichler (FAZ) kritisiert Sven-Görans Auftreten und Arbeit:
"Mit Schlips, randloser Brille und Akkreditierung um den Hals wirkte er wie ein Finanzvorstand, den ein Firmenkunde auf Spesen mit zum Fußball genommen hat. All das waren eher Rückzugsgefechte als Eroberungszüge eines auf diesem Posten längst verbrauchten, ja verbrannten Trainers. Die Versäumnisse blieben deutlich. Es fehlte die Frische, die Lust, die Spannung und wohl auch der Plan, wie man all das für eine WM aufbaut, so wie es das deutsche Team schaffte. Es fehlte auch das taktische Rüstzeug: ein System, in dem die Stärken der Stars einander gestützt statt im Weg gestanden hätten. Eriksson hat in all den Jahren keinerlei positionelle oder personelle Varianten gefunden – vielleicht nicht einmal gesucht. (...) Es gibt nur einen Gewinner im Team: Owen Hargreaves hatte eine großartige Partie gezeigt, als Mann vor der Abwehr die Linien zusammengehalten und als Antreiber mit dafür gesorgt, daß England in Unterzahl mehr Torchancen erkämpfte als die einfallslosen Portugiesen. Er war der Fitteste, der Frischeste, er war der einzige, der einen Elfmeter verwandelte – er war der Deutsche in einem Team voller Engländer. Seine Stärke gibt der These Nahrung, daß es das Fehlen einer Winterpause sei, das England jedesmal im Juni bei den großen Turnieren einen Leistungsknick beschere. Demnach wäre der deutsche Ruf der 'Turniermannschaft' dieser Winterpause geschuldet. Der einzige Engländer in Top-Form kam jedenfalls aus der Bundesliga."

Blender

Raphael Honigstein (SZ) pflichtet bei: "In Italien nannte man ihn perdente di successo, den erfolgreichen Verlierer, weil er seine Vereine nicht entscheidend verbesserte, aber gerade genügend Spiele und Titel gewann, um in den nächsten, besseren Job zu kommen. Nach der WM in Asien und der EM in Portugal schien das so weiter zu gehen, seine Bezüge wurden angehoben, doch das nächste Engagement wird weniger lukrativ sein, keine Frage. Hand in Hand mit David Beckham schien er den englischen Fußball in bessere Zeiten zu führen, jetzt steht er als Blender da. Drei Mal Pech, das ist kein Pech mehr. Er hat es nie auch nur ansatzweise geschafft, aus dem besten Spielerpotenzial· Englands nach 1966 das Optimale herauszuholen." Matti Lieske (BLZ) weiß, wem die Engländer die Schuld geben werden: "Die Verbindung von Sven und England war schon lange keine glückliche mehr. Man hielt ihm taktisches Versagen vor, seine Liebesaffären wurden von der Gossenpresse ausgeschlachtet, und als er auch noch in einem Gespräch mit einem als Scheich getarnten Reporter Geldgier, Großkotzigkeit und Klatschsucht erkennen ließ, war es um seine Reputation endgültig geschehen."
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FR: Eriksson fehlte es an Hingabe
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FR: Wayne Rooneys Schuld
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Welt: Hargreaves hat sich in die Herzen gekämpft
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taz: Die Engländer sind offenbar naiv
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FAZ-Portrait Ricardo, der Elfmeterkiller Portugals
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NZZ: ein WM-Zwischenfazit
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NZZ: Der World Cup ist ein Genuss für die Taktiker und Techniker
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Ball und Buchstabe

Das sind wir

Christian Eichler (FAS/Politik) erklärt, warum der Dopingfall Jan Ullrich im Schatten der Fußball-WM liegt:
"Die Deutschen haben ihre größten Individualsportler stets bewundert, ja vergöttert, Schmeling, Becker, Graf, auch Ullrich. Doch das ist nicht vergleichbar mit der Identifikation, die seit bald hundert Jahren die Nationalelf auslöst. Bei den Einzelsportlern, den Solitären der Leistung, ist man gepackt und stolz zu sagen: einer von uns. Und doch weiß man, daß Helden kommen und gehen, daß irgendwann in jeder Sportlerkarriere der Zauber weg ist – nur der Zeitpunkt ist manchmal überraschend. Bei der Nationalelf ist es anders. Sie ist immer da, nicht immer gut, aber immer nah am Herzschlag der Nation. Wenn es ihr alle Jubeljahre gelingt, dieses Herz höher schlagen zu lassen, den Takt eines ganzen Volkes für einige Wochen zu bestimmen, so wie sie es bei dieser WM tut, dann lautet die emotionale Gleichung anders. Nicht: Er ist einer von uns. Sondern: Das sind wir."

Wandlungsfähig und weltoffen

Daniel Bax (taz) kann sich mit den Identifikationsbekundungen von Einwanderern anfreunden:
"Dieser Patriotismus bedeutet keine Relativierung der Vergangenheit, im Gegenteil: Die Erinnerung an den Holocaust und die Verantwortung, die daraus erwächst, ist unverrückbarer Bestandteil deutscher Identität geworden. Die Soziologin Viola Georgi hat in einer Studie festgestellt, dass sich auch Einwandererkinder dieser Verantwortung stellen und mit diesem Teil der deutschen Geschichte identifizieren, ja dass die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust ein wesentliches Merkmal ihrer Integration ist. Vor einem neuen Patriotismus muss man deshalb keine Angst haben. Nicht nur, weil er mit albernen Hüten und schwarzrotgelben Papiergirlanden verspielt und vergnügt, und nicht so verbissen und bierernst daherkommt wie einst unter Helmut Kohl. Sondern auch, weil er sich wandlungsfähig und weltoffen zeigt. Die Tradition des fahnenschwenkenden Autokorsos haben die Deutschen jedenfalls erst von den Türken und Italienern übernommen. Für beinharte 'Deutschland den Deutschen'-Nationalisten muss diese Entwicklung ein Graus sein: Jetzt nehmen ihnen die 'Ausländer' auch noch die Fahne weg."
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Gefasel

Birgit Schönau (SZ) widert die deutsche Berichterstattung über Italiens Fußball an:
"Unglaublich, wie ungeniert deutsche Reporter in die Klischeekiste greifen, wenn sie ein Spiel der Italiener beschreiben, obwohl doch Brasilien diesmal viel unverblümteren Catenaccio zeigte. Ungerecht, wie das 3:0 im Viertelfinale als positiver Ausrutscher gegen einen schwachen Gegner abgetan wird. Andere genießen da von vornherein eine freundlichere Behandlung. Unfassbar, dass selbst Intellektuelle wie Klaus Theweleit nach Jahrzehnten noch von homosexuellen Beziehungen und deren prüder Unterdrückung in der Weltmeisterelf von 1982 faseln, nur weil Paolo Rossi einmal einen nicht jugendfreien Witz über seine heißen Trainingslager-Nächte mit Antonio Cabrini gemacht hat. Es gibt eben Dinge, die stellt man sich in Deutschland nur allzu bereitwillig vor, wenn es um Italiener geht. Und umgekehrt."

if: Über die Abneigung deutscher Medien gegen Italiens Fußball
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Zeit: Fußball, Fernsehen, Prostitution: Die Korruptionsskandale in Italien reißen nicht ab, die Republik ist erschüttert. Doch die Justiz will jetzt aufräumen
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Tiefgekühlt-selbstreferentielles Geplänkel

Benjamin Henrichs (SZ) lobt Gerhard Delling:
"Fußball im Fernsehen, das ist Fußball mit Netzer und Delling. Das war immer so, das wird immer so bleiben. Keine Ahnung, wann es angefangen hat. Die älteren Kollegen jedenfalls schwärmen immer noch vom Auftritt der beiden 1954, nach dem Wunder von Bern. Am Anfang dieser WM 2006 sah Netzer ziemlich müde aus. Was umso mehr auffiel, als nebenan im ZDF der Kollege Jürgen Klopp den jugendlichen Kraftkerl gab. Doch dann war es wie beim dicken Ronaldo und beim mürben Zidane: Von Spiel zu Spiel wurde der alte Netzer besser und frischer, und dieses Wunder hat (wie alle Wunder) die Liebe getan. Dellings Liebe. Mit seinem ironischen Schabernack, mit seinem knabenhaften, niemals aber pubertären Frohsinn brachte der Zauberlehrling seinen alten Meister zurück ins Spiel."

Auszug einer Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen von Michael Hanfeld (FAZ):
"Der 'Scheibenwischer' vom vergangenen Donnerstag war ein Tiefpunkt des Fernsehjahrs, hatten die Kollegen sich doch offenbar fest vorgenommen, den Leuten die Stimmung zu vermiesen. Trauriger Höhepunkt war der erste Auftritt von Richard Rogler anstelle von Georg Schramm. Wer an solchen Tagen fordert, die Bundeswehr abzuschaffen, und sich an Angela Merkels 'Sanierungsfall' Deutschland abarbeitet, hat nicht nur einen schweren Stand, sondern steht verdientermaßen auf verlorenem Posten. Ob die überhaupt begreifen, was in diesem Land gerade passiert? Wahrscheinlich nicht, genausowenig wie die beiden trüben Tassen Gerhard Delling und Günter Netzer in ihrem weltabgewandten WDR-Studio. Wir warten gespannt, wann Netzer seine Drohung wahr und dem tiefgekühlt-selbstreferentiellen Geplänkel ein Ende macht. Wobei wir dem ZDF fürs nächste Mal schon anraten möchten, auf den Schiedsrichter im großkarierten Hemd doch besser zu verzichten. Denn Urs Meier zeichnet mit einer solchen Begeisterung noch jedes kleine Karo seiner pfeifenden Kollegen nach, daß wir erwarten durften, er hätte auch noch die zwölfte gelbe und dritte gelb-rote Karte im Spiel Holland gegen Portugal ganz großartig gefunden."
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Einst war er ein Gott, jetzt singt er bei Kerner

Benjamin Henrichs (SZ) goutiert Béla Réthys Kommentierung des Brasilien-Spiels und äußert Mitleid mit Pelé:
"Es war eine Wohltat, ja fast eine Wonne, Réthy als Kommentator von Brasiliens Desaster zu erleben. Réthy will vermutlich nicht unsterblich werden, nicht der neue Herbert Zimmermann, er will nicht genial sein, sondern nur gut. Er ist kein Talk- und Showmaster wie die alten Jünglinge Beckmann und Kerner, sondern tatsächlich ein Fußballkritiker, der sich nicht so schnell besoffen machen lässt. Der nicht den Schlachtenbummler spielt, nicht den röhrenden Fan – und der deshalb als wohl erster Fernsehmensch ins allgemeine Glücksgelalle hinein die ernüchternde Wahrheit sprach: dass diese WM 2006 zwar eine gigantische Kirmes ist, aber kaum ein Fest der Fußballkunst. Zidane zauberte, Ronaldo verschwand, Brasilien ging unter. Réthy, Liebhaber des brasilianischen Fußballs, fing aber nun nicht etwa zu heulen und zu schnulzen an, sondern sprach grimmig das Schlusswort: 'Wir sahen heute den Beamtenfußball der vermeintlichen Genies.' Aber das brasilianische Elend begann ja nicht erst im Stadion, sondern bereits vor dem Spiel, in der so genannten ZDF-Arena. Pelé (den Johannes B. Kerner wieder einmal mehrfach kratzfüßig als 'größten Fußballer aller Zeiten' begrüßte), debütierte als Schlagersänger. Es war ein peinigender Auftritt, wie gemacht für die Seniorenheime dieser Welt, zwischen Berlin, Mainz und Rio de Janeiro. Es war grauenvoll, auch wenn der Moderator alles natürlich wieder 'großartig' fand. Pelé. Einst war er ein Gott, jetzt singt er bei Kerner. Das Ende ist nahe."

Jörg Thadeusz (BLZ): ARD und ZDF setzen auf die Alten
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NZZ: Um das Kulturprogramm der WM ist es sehr ruhig geworden
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taz: Deutschland wird cool – Nationen funktionieren heute wie Marken, die Deutschen haben ihr Image erfolgreich renoviert
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Am Grünen Tisch

Es fehlt an Raum

Frank Hellmann (FR) denkt darüber nach, wie mehr Tore zu erzielen wären:
"In den K.-o.-Spielen regiert eine Vorsicht, an der Trainer nicht schuldlos sind, die nur noch eine Sturmspitze aufbieten. Die Verantwortlichen aus Italien, England, neuerdings auch Frankreich, Portugal und sogar Brasilien hatten in der Anfangself zuletzt nur noch Platz für einen Angreifer. Es dominiert das Verlangen, das Spiel zu ordnen. Perfektionierte Ausbildung und systematisierte Laufwege sind die Voraussetzungen dafür, dass in der Mitte des Platzes das Fußballspiel erstickt. Dazu kommt: Die Spieler sind viel athletischer geworden. Die Regeln wurden zu einer Zeit gemacht, als Spielfläche und Tore den Fußballern sehr weit und groß erschienen. Allein von der WM 1974 bis heute sind die Hauptdarsteller durchschnittlich weitere fünf Zentimeter größer geworden ist. Die Athleten in feldumspannenden Systemen spinnen ein dichtes (Defensiv-)Netz, aus dem es kein Entkommen gibt. Es fehlt weniger an der Technik als am Raum für das befreite Spiel. Die langfristige Lösung kann nur lauten: Über den einst von Sepp Blatter ins Spiel gebrachten und sogleich als schwachsinnig verworfenen Vorschlag, die Spielerzahl zu verringern oder die Tore zu vergrößern, muss neu nachgedacht werden."
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freistösse des tages

Wer garantiert nicht Brasilien ist
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Mit Mitreisegelenheiten in Franz Beckenbauers Hubschrauber
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Mit Doping bei Fußballern
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Über 90 Minuten in einer 'No-go-Area'
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Und einen Brasilien T-Shirt für jedermann/frau
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