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29.6.2006

Presseschau vom 29.06.2006

Die Sportpresse zieht im Anschluss an die letzten Achtelfinalspiele eine erste Zwischenbilanz der Fußball-Weltmeisterschaft, daneben wird die Stärke des deutschen Viertelfinal-Gegners Argentinien bewertet.

Die Sportpresse zieht im Anschluss an die letzten Achtelfinalspiele eine erste Zwischenbilanz der Fußball-Weltmeisterschaft, daneben wird die Stärke des deutschen Viertelfinal-Gegners Argentinien bewertet.

Achtelfinale

Party schlägt Sachverstand

Podolski-Rufe und Holland-Schmähungen bei allen Spielen – Ralf Wiegand (SZ) stört sich am Hedonismus der Fans und fordert die Mannschaften auf, besser zu spielen:
"Im Achtelfinale, so scheint es, hat die Abkopplung dieser Veranstaltung von ihrem eigentlichen Zweck einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die Tatsache, dass viele Zuschauer den Spielen ja nicht aus freien Stücken folgen, sondern vom Ticketing-Computer irgendwohin gelost worden sind, schlägt nun durch. Waren die Vorrundenabläufe noch planbar für die Fans aller Herren Länder und die Stadien daher fast ausschließlich in der Hand der direkt beteiligten Anhänger, kondensiert in der K.o.-Runde nun die überhitzte Nachfrage an der kühlen Zufallsarithmetik der Kartenverteilung. Dieses emotional zum Teil ungebundene Tagespublikum macht eben, wenn schon keine Karten fürs deutsche Spiel zu haben waren, aus jedem anderen ein deutsches Spiel. Party schlägt Sachverstand. Über allen Arenen liegt nach wie vor eine rummelplatzhafte Aufgeregtheit – ein Einheitsbrei der guten Laune. Was dieser WM aber fehlt, ist das große Gefühl, die einmalige Emotion, der entsetzte Schrei, der aus dem Nichts kommt und die jähe Stille, die verfrühtem Jubel folgt. Was fehlt, ist die bedingungslose Abhängigkeit des eigenen Wohlbefindens vom Spielverlauf. Was fehlt, ist der Klassiker, der ein paar tausend Zuschauer über die drei Millionen anderen erheben würde: Die waren zwar alle zu Gast bei der Party-WM, aber nur ein Bruchteil hatte dieses eine Fußballspiel gesehen."
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Wolfgang Hettfleisch (FR) stimmt zu:
"Die Deutschen berauschen sich ein bisschen an ihrer unerwartet mitreißenden Elf und der neuen Rolle als Party-Weltmeister. Das schlug sich bei Spielen ohne deutsche Beteiligung zuletzt auch in gast-unfreundlichen Sprechchören nieder, die just dann angestimmt wurden, wenn bei den Kontrahenten auf dem Rasen gerade mal der Vorwärtsgang klemmte." Thorsten Jungholt (Welt) ergänzt: "Die Liebhaber des fußballerischen Raffinements blicken enttäuscht auf das Achtelfinale zurück. Die Ästhetik des Spielerischen stand hinter der Dominanz des Körperlichen zurück."
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Funke

Christian Eichler (FAZ) schildert den 3:1-Sieg Frankreichs gegen Spanien als einen Erfolg von Jung und Alt:
"Acht Jahre sind eine lange Zeit. Im Fußball machen sie den Unterschied zwischen einem jungen Spieler und einem alten. Oder zwischen einem dünnen und einem dicken. Aber nicht zwischen einem guten und einem schlechten. Nicht bei Spielern wie Zinedine Zidane. Er war ein junger Spieler, als er im WM-Finale 1998 den großen Favoriten Brasilien schlug. Er wird ein alter Spieler sein, wenn er das abermals versucht. Aber er ist immer noch Zidane. Natürlich war er nicht mehr so schnell wie früher. Doch Einsatz, Beweglichkeit, Übersicht stimmten. Und dann war da wieder diese Gabe, die nur die ganz großen Spieler haben und behalten: in den großen Spielen etwas Großes zu tun. (...) Wie ein Urknall fürs Team war vor allem der Ausgleich des 23 Jahre alten Neulings Ribery. Wie er erst an der Abwehr und an Torwart Casillas vorbeistürmte und dann die Außenlinie entlang zur eigenen Bank, die Arme weit ausgestreckt, das hatte etwas Mitreißendes, wie es dem altbackenen Franzosen-Kick jahrelang gefehlt hatte. Daheim sprang der Funke über, Motto: Der alte König macht noch ein bißchen weiter, der neue zeigt schon sein Gesicht. Die dynamischste Jubelszene der WM illustrierte aber auch die Verwerfungen zwischen Team und Trainer. Ribery stürmte an Raymond Domenech vorbei, der sich mit Zidanes schmachvoller Auswechslung gegen Südkorea bei vielen die letzten Sympathien verspielt haben dürfte – das Team ließ den Trainer beim Jubeln links liegen."

Ralf Itzel (BLZ) schreibt: "Die gesamte Equipe altert nun in Ehren. Sie besitzt nicht mehr die Jugend und Frische der Spanier, aber sie ist reif und weise genug, das zu erkennen und sich anzupassen. Wie jemand, der vor einem Berg steht und einsieht, dass er ihn nicht mehr hoch rennen kann, und das Ziel dann eben erreicht, in dem er außenrum läuft. Frankreich ist sich nicht mehr zu fein, zu reagieren statt zu agieren und auf Konter zu setzen."
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Jugend bedeutet gar nichts

Ronald Reng (BLZ) kann seiner Bewertung Spaniens, die er bereits vor dem Turnier mitgeteilt hat, treu bleiben:
"Dieses Spanien hat nicht versagt, sondern eine ordentliche WM gespielt. Es hätte, an einem besseren Tag, es auch ins Viertelfinale schaffen können, aber dort gehört diese Elf hin: irgendwo zwischen die besten sechs und sechzehn. Nur wer sie vorher nie hatte spielen sehen, konnte nach dem 4:0 gegen die Ukraine darauf reinfallen, in ihnen einen Favoriten zu entdecken. Wer dagegen die zweijährige Lebenszeit des Teams unter Trainer Luis Aragones verfolgt hatte, wusste, jenes 4:0 war ein toller Tag, aber all die Schwächen der vergangenen zwei Jahre würden nicht über Nacht verschwunden sein. Die Schwierigkeit, mit Rückschlägen fertig zu werden, oder die Unterlegenheit gegen physisch starke Teams würden sich wieder melden. Frankreich, eine biedere, aber muskulöse Elf mit einer klaren Idee, was sie will und kann, wies Spanien in seine Kategorie ein. Es ist eine junge Mannschaft, das wird im Fußball immer als Wert an sich verklärt: jung sein. Jugend jedoch bedeutet gar nichts in diesem Spiel, schon gar nicht eine gesicherte Zukunft. (...) Für Schönheit gibt es keinen Preis, heißt es immer. Wirklich? Bei einer WM verlieren 31 Teams, und wenn nun bald England mit seinem grausigen Fußball ausscheidet, bleibt ihm nichts. Spanien aber hat die Erinnerung an schöne Tage in der Vorrunde, die Befriedigung, dass Spieler wie Cesc Fabregas und Fernando Torres die Phantasie des Publikums gefangen nahmen."
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Solidarität gestärkt

Peter Heß (FAZ) wünscht sich den Spaniern mehr Leid und Trübsal:
"Die Spanier gingen mit ihrem Scheitern um, als hätten sie von Anfang an damit gerechnet. Ein paar Spieler ließen die Köpfe hängen, aber tiefere Verzweiflung drückte sich nicht in ihrer Körpersprache aus. Die Fans in den rot-gelben Landesfarben applaudierten sogar, als sich ein paar Profis vor ihren Tribünenblock begaben. Rechtsverteidiger Ramos zog daraufhin sein Trikot aus und schleuderte es auf die Tribüne. So friedlich vereint in der Niederlage sind nur Verlierer mit Erfahrung. (...) Die Hoffnungen [auf die Zukunft] werden sich aber nur erfüllen, wenn die Spanier eine größere Abneigung gegen Niederlagen entwickeln. Talent, Fleiß und Athletik reichen nicht mehr aus, um bei großen Turnieren in ein Finale zu kommen. Unbedingter Siegeswillen gehört dazu. Und diese Tugend war die einzige, die die Franzosen den Spanier voraushatten." Georg Bucher (NZZ) ergründet die spanische Gelassenheit nach der Niederlage: "In vielen Belangen und über weite Strecken dominierten die Franzosen. Spanien wurde aus luftigen Höhen auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt. Dass die Landung weniger schmerzt als seinerzeit in Asien, liegt wohl auch an den positiven Nebenwirkungen des WM-Turniers auf die spanische Gesellschaft. Politische Kommentatoren betonen, in Zeiten, da die Gliedstaaten ihre eigene Identität hervorkehrten und vom allmählichen Zerfall der Nation die Rede sei, habe das Auswahlteam die Spanier wieder näher zusammengerückt, Gemeinschaftsgefühle geweckt und Solidarität gestärkt."
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Prozentfußball

Weitere Kommentare über Brasiliens Sachlichkeit: Javier Cáceres (SZ) warnt:
"Möge sich niemand täuschen: Auch dieses Brasilien – vielleicht sogar: gerade dieses Brasilien – ist trotz aller Kritik weiterhin der erste Kandidat auf den Titel. Das Programm der Mannschaft heißt 'Effizienz.exe', die Phantasie muss erst noch gebootet werden. Das Problem mit den auseinanderklaffenden Parametern Anspruch und Wirklichkeit liegt ja darin begründet, dass alle Welt weiß, dass sie es besser können. Brasilien in den Händen von Parreira aber ist, als würde man das aus Brasilien stammende Topmodel Giselle Bündchen mit einem Ganzkörperschleier über den Laufsteg schicken. Man würde alles ahnen können, aber nichts sehen." Thomas Klemm (FAZ) fügt an: "Daß die Fußballwelt von den eifrigsten Titelsammlern etwas mehr erwartet, als mit Prozentfußball zum sechsten WM-Erfolg zu kommen, das läßt Trainer Parreira kalt. Sogar die Pfiffe des Publikums gegen seine Spieler, die sich bei dieser WM weiterhin weigern, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen, mochte der Weltmeistertrainer von 1994 nicht als Verdruß deuten. Der Slogan 'jogo bonito', mit dem der zuständige Sportartikelausrüster den brasilianischen Ballzauber preist, entpuppt sich zunehmend als Werbegag. Sein Spielchen, mit minimalem Aufwand zum maximalen Ertrag zu kommen, trieb der Titelverteidiger im Achtelfinale auf die Spitze. Ganz und gar auf die eigenen Geistesblitze vertrauend, überließen die Brasilianer den eifrigen Ghanaern den aktiven Part, gerieten dabei in der Defensive gehörig ins Straucheln, waren dem Gegner aber an Abgeklärtheit ein gutes Stück voraus."

Warten auf den Paukenschlag

Eine Empfehlung von Roland Zorn (FAZ) für Ghana, Togo und Angola:
"Ein besseres Torschußtraining, eine sauberere Spielweise brächte so manches afrikanische Team um den entscheidenden Schritt hin zur internationalen Spitzenklasse voran. Das intensiv zu üben ist lohnenswert, da sich bei der nächsten WM in Südafrika auch endlich das große Schaufenster für den afrikanischen Fußball öffnen soll. An Mannschaften mit Qualität fehlt es nicht – zu den etablierten, aber in Deutschland nicht vertretenen Nationen Kamerun, Nigeria und Senegal sind bei dieser WM Ghana und die Elfenbeinküste gekommen –, wohl aber an der Fähigkeit, entscheidende Momente auszunutzen. Afrika hat auch in Deutschland für seinen Fußball getrommelt, auf den großen Paukenschlag muß es weiter warten."

BLZ: Wie reagiert der Italiener Fabio Cannavaro auf den mutmaßlichen Selbstmordversuch Gianluca Pessottos, eines Offiziellen Juventus Turins und seines ehemaligen Mitspielers
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FR: Owen Hargreaves` Wandlung vom Prügelknaben zum Schlüsselspieler
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Deutsche Elf

Kritiker blamiert

Jürgen Klinsmann hat durch seinen Fleiß, seine Strategie, den Erfolg an dieser WM, kurz: seine glänzende Arbeit seine Kritiker blamiert. Besser: nicht seine Kritiker, sondern die, die gegen ihn noch vor wenigen Wochen eine Kampagne geführt haben. Natürlich haben sie das längst gemerkt, und sie haben fünf verschiedene Weisen entwickelt, damit umzugehen.
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Erstens: Schweigen, Warten und Abtun, wie zum Beispiel Franz Beckenbauer, der kurz davor schien, Klinsmann zu stürzen. Ihn sehen wir auf allen Kanälen und staunen, daß er es schafft, Extrem-Groundhopping und Eheschließung in Einklang zu bringen. Essentielles über den Fußball, den Klinsmann spielen läßt, haben wir von ihm aber noch nicht gehört. Auch die Bundesliga hält sich sehr zurück, von Rudi Assauer, der wohl die größte Abneigung aller Klinsmann-Gegner hegt, haben wir lange nichts gehört – was man nicht nur mit seinem zwischenzeitlichen Absturz in Schalke erklären kann. Und einige Landesfürsten des DFB murmeln Undefinierbares vor sich hin.
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Zweitens: Bestreiten, wie etwa Karl-Heinz Rummenigge. Die Bayern sind nie ein Gegenpol gewesen, haben Klinsmann gegenüber einen Wechselkurs gehalten, sind aber stets darum bemüht, Wortführer und Machthalter zu sein. Daß Michael Ballack unter Klinsmann "die Autorität des deutschen Spiels" geworden sei, sollte Rummenigge, Hoeneß und Magath drei mal kräftig schlucken lassen, haben sie ihm doch nachgerufen, ihm mangele es an Führungsqualität.
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Heuchelei oder Starrsin?

Drittens (verwandt mit zweitens): Sich nicht mehr daran erinnern, was juckt mich mein Gezeter von gestern?! Dafür steht die Bild-Zeitung. Nach dem 1:4 in Italien am 1. März hat sie Klinsmann, den sie noch nie akzeptiert hat, respektlos verhöhnt und mit Hilfe von Effenberg und Co einen Nachfolger gesucht. Seit Beginn der WM-Euphorie ist sie umgeschlagen und zählt jeden an, der nicht in "schwarz-rot-geiler" Bettwäsche schläft, etwa den WDR-Reporter Manfred Breuckmann, weil er es wagt, die WM mit kritischer Distanz zu verfolgen. Übrigens, Breuckmann hat zu einer Zeit, als Bild Klinsmann zum Mond schießen wollte, ihn öffentlich sehr gelobt. Aus der SZ erfahren wir, daß Klinsmann Matthias Döpfner, den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, in einem persönlichen Gespräch vor der WM auf das gemeinsame Ziel WM eingeschworen haben soll.
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Viertens: Hart am Kurs festhalten und behaupten, das sei ein Beweis für Rückgrat, wie Peter Neururer, der sich nicht damit abfinden kann, daß der DFB einen Einsteiger als Trainer engagiert hat; in einem Interview mit der FAZ schlägt er in dieser Woche den gleichen aggressiven Ton an wie zuvor. Oder die Sport Bild, die gerade versuchen muß, die Kurve zu kriegen. Vor einer Woche noch (also vor dem Ecuador-Spiel) hat sich der Chefredakteur darüber beklagt, daß die derzeitige Stimmung Kritiker an Klinsmann als Miesmacher stempele (was nicht stimmt), übrigens bevor er ein Loblied auf Franz Beckenbauer angestimmt hat. Rudi Gutendorf hat die Redaktion ein paar Brocken entlockt: "Bei dieser Abwehr wird mir kotzübel." Auch einige DFB-Offizielle sind mißmutig zitiert worden; die amerikanischen Konditionstrainer hat die Redaktion belächelt. In dieser Woche hat die Sport Bild keinen Rentner mehr gefunden, der sich über Klinsmann ausläßt. Nun lobt man ihn für sein "Leistungsprinzip", nämlich für seine Äußerung, daß ein Ausscheiden im Viertelfinale eine "Katastrophe" sei. Als wäre das ein Kurswechsel Klinsmanns! Vor sechs Wochen hat man ihn noch dafür gerügt, daß er sich nicht auf eine Vertragsverlängerung nach der WM festlegen wolle. Ein perfides Argument, um am Stuhl des Trainers zu sägen. Außerdem tut Sport Bild die Euphorie für die "Klinsmannschaft" als "Bierlaune" ab. Doch: Es gibt auch Anerkennung für Klinsmann, die nicht dem Alkohol geschuldet ist. Und: Nicht alle haben sich vom Genörgel der letzten Monate anstecken lassen. Nicht alle, die jetzt jubeln, müssen zurückgerudert sein! (Was ist abstoßender: drittens oder viertens, Heuchelei oder Starrsinn?)
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Fünftens: Sich entschuldigen. Uns ist nur einer bekannt: Franz-Josef Wagner, der Irre der Bild-Zeitung.
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Halt, es gibt noch einen sechsten Weg, Kindsköpfigkeit: Sport-Bild-Kolumnist Lothar Matthäus empfiehlt seinem Lieblingsfeind Klinsmann abwechselnd dies und das. Mal den Libero Nowotny, dann, nachdem man ohne den Libero Nowotny glänzend gesiegt hat, wie in dieser Woche, den Verzicht auf Manndeckung – als hätte das irgendjemand vorgehabt. Vermutlich würde er sich nach einem Sieg gegen Argentinien auf die Schulter klopfen: Hab ichs nicht gesagt?!

Der DFB muss sich zur neuen Spielweise bekennen

Mit dem Interview, das Klinsmann heute der Zeit gibt, wird er die Zahl seine Freunde nicht erhöhen. Große Töne meiden wollend, hält er der Bundesliga sehr deutlich vor, wo es hapert:
"Unser Wunsch war von Anfang an, dass unser System für die Nationalelf auch auf alle übrigen Auswahlmannschaften des DFB übertragen wird. Und: dass auch die Bundesligaklubs diese Spielweise übernehmen. Der Anfang ist gemacht: Jeder sieht bei dieser WM, dass deutsche Spieler ein hohes Tempo spielen können, über 90 Minuten und notfalls auch darüber hinaus. Dass sie schnellen Fußball praktizieren können, mit nur ein oder zwei Ballkontakten. Jeder weiß jetzt: Das alles können deutsche Fußballer! Wenn sie richtig geführt werden und richtig trainieren. Bis kurz vor der WM hat man doch eine ganze Generation deutscher Fußballer für unfähig erklärt. Die ganzen letzten Jahre hieß es: 'Wir haben die Spieler nicht, um so einen Fußball zu spielen, von dem ihr da redet.' Aber wir haben jetzt die Antwort gegeben: 'Wir haben diese Spieler doch. Man muss ihnen nur die Möglichkeit geben, sich zu entfalten.' Wenn man Spieler auf die Bank setzt in den Klubs oder ihre Stärken nicht richtig fördert, muss man sich nicht wundern."

Die Frage, ob die WM auch ein persönlicher Triumphzug für ihn sei, antwortet er: "Ich meine es konstruktiv: Dass Spieler wie Schweinsteiger und Metzelder so auftreten, wie sie auftreten, das hat auch mit unserer Arbeit zu tun. Das hilft ihnen – und kann auch den Vereinen helfen. Ich stecke nicht drin im Tagesgeschäft des FC Bayern. Ich kann nur sagen, dass wir uns sehr, sehr viel Mühe geben, mit jedem Einzelnen zu sprechen, auf jeden Einzelnen sehr individuell einzugehen. Aber wir sind dabei nicht immer nur nett, das nicht! Aber wir reden mit ihnen. Die Spieler spüren, dass wir es mit jedem von ihnen als Person ernst und gut meinen. Diese junge Generation, auch Bastian Schweinsteiger, braucht Kommunikation, ehrliche Kommunikation." Das Schweigen des deutschen Establishments und der Bundesliga kommentiert Klinsmann: "Es gäbe einiges zu sagen, das hat aber gar nicht so viel mit unserer Arbeit zu tun, sondern mit der Entwicklung des internationalen Fußballs der vergangenen Jahre. Zum Beispiel, dass die Champions League das Maß aller Dinge im internationalen Vereinsfußball ist – und nicht die Tabellenspitze der Bundesliga. In der Champions League sieht man, dass es unerlässlich ist, sein Team als kompakte Einheit zu definieren, in der sich alle Mannschaftsteile gemeinsam verschieben müssen, vorn, hinten, links, rechts, alle zusammen! Viel Arbeit." Das Schweigen der Gurus von Beckenbauer bis Netzer zeige, "wie zerbrechlich die ganze Sache ist. Obwohl jeder sieht, dass das, was wir tun, was José Mourinho bei Chelsea tut, Frank Rijkaard in Barcelona, Arsène Wenger bei Arsenal, dass das für das Fortkommen des deutschen Fußballs alternativlos ist – richtiger wäre zu sagen: für das Aufholen des deutschen Fußballs alternativlos ist. Alle wissen das. Und trotzdem sage ich Ihnen, wenn wir rausfliegen würden gegen Argentinien, ginge die Diskussion wieder los: Wäre es nicht besser gewesen, abzuwarten? Erst mal hinten dichtzumachen? Auf Konter zu lauern? Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir weiterkommen, noch weiter, bis zum Endspiel. Vor allem, damit dieser Prozess das einzig entscheidende Gütesiegel bekommt: den Erfolg. Und wir werden ihm dieses Gütesiegel verpassen."

Doch er nennt Ausnahmen, darunter aber nicht den FC Bayern: "Thomas Doll macht es vor, wie es gehen kann, er interessiert sich und arbeitet in Hamburg ähnlich wie wir. Auch dass Jürgen Klopp sich mit seinem doch offensichtlich begrenzten Kader in der Liga halten kann, hat viel mit seiner Spiel- und Trainingsphilosophie zu tun, die unserer sehr ähnelt. Und auch einige andere Bundesligatrainer gehen neue, verheißungsvolle Wege. Aber klar ist: Wenn wir international den Anschluss nicht auf Jahre verpassen wollen, muss ein gewaltiger Ruck durch Fußballdeutschland gehen. Vor allem der Deutsche Fußball-Bund muss sich bekennen. Er muss sich erklären: Steht er für diese Spielphilosophie? Oder steht er nicht dafür?"
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Triebfeder

Michael Horeni (FAZ) kommentiert die Aussagen Klinsmanns:
"Klinsmann kämpft für seine Vorstellungen von selbstverantwortlichen Spielern, Teamgeist, Eigenmotivation und konsequentem Leistungsdenken. Er tat das jahrelang auch als Kapitän der Nationalmannschaft. Der EM-Titel 1996 war ein Anfang, aber mit dem jämmerlichen Ausscheiden zwei Jahren später versanken auch die Ideen Klinsmanns. Danach bestimmte wieder das 'System Matthäus', diese unheilvolle Mischung aus Populismus und Boulevardmacht, den deutschen Fußball. Am Ende aber über das Fußball-Establishment mit seinen Vorstellungen zu siegen, dies war wohl nicht zuletzt eine Triebfeder von Klinsmann für den Bundestrainerjob. Das Gefühl, daß er in Deutschland noch was zu erledigen habe, ist in diesen Tagen so stark wie lange nicht. Das Schweigen der Liga wundert ihn nicht. Das Establishment freut sich zwar über die gute Stimmung und die guten Leistungen, aber von einem Systemwechsel zum temporeichen Offensivspiel spricht bisher nur Theo Zwanziger – kein Beckenbauer, kein Netzer und auch kein Hoeneß."

Michael Ashelm (FAZ) sammelt die Reaktionen auf Klinsmanns Worte und Taten:
"Als sich diese Woche einige Verbandsfunktionäre, Manager und Trainer aus der Bundesliga in dieser Zeitung äußerten zum sportlichen Erfolg der Nationalmannschaft, waren eher zurückhaltende Töne zu hören. Die Nationalmannschaft profitiere schließlich von der Arbeit der Klubs, außerdem sei doch noch kein durchschlagender Erfolg erzielt worden, hieß es. Im Umfeld von Klinsmann war daraufhin Enttäuschung zu spüren. 'Haben die denn keinen Stolz? Wollen die uns jetzt nicht motivieren?' Der Bundestrainer selbst wird nicht überrascht gewesen sein von den Urteilen der Liga. Deren Fachleute hatten ihn schon in den vielen Monaten zuvor ins Kreuzfeuer der Kritik genommen wegen seiner Arbeit und Arbeitsweise. Klinsmann hat nie versucht, diese Kritiker zu überzeugen, sondern wie ein Politiker im Wahlkampf darauf gesetzt, vor allem den unentschlossenen Wähler für sich zu gewinnen. In seinem Fall die Masse der Fußballfans. Ein Phänomen dieser WM ist bezogen auf Fußball-Deutschland, daß die Straße ihrer Mannschaft zujubelt, während die verunsicherten Experten nicht wissen, was sie vom Erfolg zu halten haben und wie sie reagieren sollen."

In seinem Denken sehr weit voraus

Aus Christoph Metzelder, der heute der FAZ ein sehr langes Interview gibt, spricht die höchste Anerkennung für Klinsmann:
"Wir sind optimal vorbereitet worden, nicht nur körperlich. Auch in vielen Bereichen, die auf den ersten Blick mit dem Kerngeschäft Fußball nichts zu tun haben. Die Mannschaft wurde mit Dingen konfrontiert, die der Persönlichkeitsentwicklung dienen, das beginnt jetzt zu greifen. Wir haben außerdem Spieler in unserer Mannschaft, die schon viel erreicht und erlebt haben und das Team führen. Es hat sich bei uns aus dieser Mischung ein Gefühl entwickelt, das man mit Worten nicht erklären kann. Es ist ein Gefühl, wie wir es auch einmal in unserem Dortmunder Meisterjahr hatten, als wir acht Spiele nacheinander gewannen, und das man auch nicht mit Daten belegen kann. Aber wenn man auf den Platz geht, dann weiß man, was es ist: Das Gefühl, daß man ein Spiel nicht verlieren kann – das ist eine unglaubliche Ausstrahlung, die eine Mannschaft in solchen Momenten gegenüber ihrem Gegner hat. Im Moment glauben wir, daß wir Bäume ausreißen können, ohne daß es dafür fundamentale Gründe gibt."

"Wenn ich den persönlichen Ehrgeiz habe, als einzelner Spieler in die Weltspitze vorzudringen, dann muß ich realisieren, daß das normale Mannschaftstraining nicht reicht. Ich muß alles ausschöpfen, was zur Verfügung steht, um meine Leistung zu steigern. An dieser Entwicklung hat Jürgen Klinsmann einen entscheidenden Anteil. Er war der Mannschaft in seinem Denken, in seiner Ansprache und in seinem Optimismus immer sehr weit voraus. Er hat uns von Dingen erzählt, die wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht glauben und begreifen konnten. Er hat dafür sehr viel Kritik geerntet, auch in den Medien. Aber er hat uns optimal auf dieses Turnier vorbereitet. Heute profitieren wir alle davon. Die Mannschaft ist bereit, neue Methoden aufzunehmen, über die man am Anfang vielleicht gelächelt hat."

Ich habe schon vor zwei Jahren bewundert

"Klinsmann ist im deutschen Fußball ein Reformer. Und die Situation, die wir jetzt hier erleben, beschreibt treffend die Situation in allen Bereichen unseres Landes: Wir schreien alle nach Reformen – aber Reformer wollen wir nicht haben. Ich bin ja selbst relativ spät wegen meiner Verletzung zur Nationalmannschaft gekommen. Aber ich habe schon vor zwei Jahren bewundert, wie er den Job mit dem klaren Ziel, Weltmeister zu werden, angegangen ist. Das hat es in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht gegeben. Es gibt in unserem Land seit einiger Zeit eine Kultur, uns schwächer zu sehen, als wir sind. Wenn man aber bei so einem Ereignis mit diesem Druck und dieser Erwartung bestehen will, dann muß man eine Mannschaft zwei Jahre lang auf dieses Ziel vorbereiten und einschwören. Jürgen Klinsmann hat selbst nach Spielen wie beim 1:4 gegen Italien immer nur an den Turnierstart gedacht und sich nicht beirren lassen. Klinsmann hat mir aber auch in Phasen, wo ich nicht gespielt habe, gesundheitliche Probleme hatte und im Verein viele Dinge gegen mich liefen, ein fast unglaubliches Vertrauen geschenkt. Er hat immer gesagt: 'Du mußt nur gesund werden, nicht mehr. Fit machen wir dich schon.' Wenn es jemand gibt, der an dich glaubt, selbst wenn du am Boden liegst, kann man es schaffen. Das ist unglaublich wichtig. So jemanden wie Klinsmann zu haben, der vordenkt und sich nicht beirren läßt, den haben wir für dieses Ereignis gebraucht."

Mit einer Umsetzung der Klinsmann-Methoden in der Bundesliga rechnet Metzelder nur bedingt: "Ich halte es für sehr schwierig, einzelne Elemente aus der Nationalmannschaft direkt auf die Bundesliga zu übertragen und umzusetzen. Ich bin aber überzeugt, daß sich manche Dinge trotzdem nicht mehr aufhalten lassen. Die individuelle Arbeit im Fitness-Bereich wird einfach kommen. Da kann sich keiner mehr davor verschließen."

Verwegen

Jorge Valdano (SZ), Sportdirektor Real Madrids, Torschütze im WM-Finale 1986 und eleganter Buchautor, preist Klinsmann:
"Ich habe vor ein paar Wochen einen Artikel von Franz Beckenbauer gelesen, in dem er behauptet, Deutschland brauche mindestens 20 Jahre, um zu lernen, ohne einen Libero – eine überholte Figur – spielen zu können. Klinsmann hat bewiesen, dass es eben entweder diese 20 Lehrjahre braucht, um verwegene Wechsel zu wagen oder einfach einen mutigen verwegenen Trainer, einen wie ihn. Er weiß den Spielern einen Sinn von Freude und Abenteuer zu vermitteln. Beides strahlt diese deutsche Mannschaft auch aus. Das Deutschland der neuen Ideen – die Idee ist Klinsmann. Jeder scheint zudem auf Klinsmanns Art und sein jugendliches Aussehen einen neuen Habitus zu projizieren. Wir haben hier schließlich auch die WM des Konsums. Aber was er wagt und erreicht, schafft er nicht wegen seiner Ausstrahlung, sondern meiner Meinung nach ausschließlich mit Hilfe seiner Ideen. Um so höher schätze ich seine Courage ein: Klinsmann arbeitet nicht mit dem Konsum, sondern mit dem Kopf."
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Zeit: Spekulationen über Klinsmann und das Traineramt in den USA – "Jürgen Klinsmann war schon immer zu amerikanisch für Deutschland. Nur eine Niederlage, Klinsi, dann ruft Amerika!"
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Schwarz-Weiss-Berichterstattung

Felix Reidhaar (NZZ) warnt vor vorläufigen Erkenntnissen der WM:
"Fussballerische Schönheit lieferte der World Cup 2006 bisher keine. Man ist, ohne dies schon abschliessend festhalten zu wollen, erinnert an das spielerisch enttäuschende Turnier 1990 in Italien. Vielleicht trägt man mit diesem Fazit der Mannschaft aus dem Gastgeberland, ihrem kurzzeitigen Kurssprung und dem landesweiten Goodwill unzureichend Rechnung. Aber auch hier sind Vorbehalte nicht der schlechteste Rat, zumal viele überschwängliche Reaktionen auch in den sogenannt seriösen Medien mehr auf Schwärmerei und Wunschdenken zu beruhen scheinen und – kein Wunder in Zeiten der Schwarz-Weiss-Berichterstattung – augenfällig mit verbalen Holzhammermethoden aus naher Vergangenheit kontrastieren. Was von Klinsmann tatsächlich zu lernen ist, dafür reicht die Bilanz einer zwanzigminütigen Sturm-und-Drang-Periode gegen übertölpelte Schweden nun doch noch nicht ganz aus."
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Dorfheilige

Paul Ingendaay (FAZ) beschreibt Argentiniens Elf als Sammlung gebrochener Fußballbiographien:
"Mustert man die argentinische Mannschaft, besteht sie großenteils aus Rohdiamanten, Stars im Halbschatten oder Leuten, die in ihren (meist spanischen) Klubs wie Dorfheilige oder Feuerwehrmänner oder beides wirken. Riquelme scheiterte in Barcelona und leuchtet seitdem in der spanischen Provinz, beim kleinen FC Villarreal. Saviola scheiterte ebenfalls beim FC Barcelona und bereichert jetzt den FC Sevilla. Cambiasso scheiterte bei Real Madrid und verstärkt das Mittelfeld von Inter Mailand. Aimar soll beim FC Valencia ausgemustert werden, weiß aber noch nicht, wohin die nächste Reise geht. Komplizierte Fälle, diese Argentinier, als müßten sie allesamt beweisen, daß ihre Heimat zu Recht die höchste Dichte an Psychoanalytikern in der südlichen Hemisphäre aufweist. Während Brasilien überall als Favorit gehandelt wurde, weil es die weltweit sichtbaren Bannerträger Ronaldinho, Kaka und Ronaldo hat, schwebte über den Männern mit den himmelblauen Streifen auf der Brust die große Frage, wie sie als Team unter Turnierbedingungen funktionieren würden. Schon jetzt kann Trainer Jose Pekerman als einer der wenigen Betreuer neben Klinsmann von sich behaupten, ein Konzept zu haben. Er vertraut der Jugend, aber er verschleißt sie nicht. Und er hat die Fähigkeit, den Weg seiner Spieler über Jahre hinweg aufmerksam zu verfolgen, wo immer sie auch spielen."

BLZ: Der Trainerstab der deutschen Nationalmannschaft sucht nach Schwächen bei den Argentiniern
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taz-Interview mit Joachim Löw über seine Zukunft, Jürgen Klinsmanns Arbeit und die Aussagen Peter Neururers
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BLZ-Portrait Torsten Frings
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freistösse des tages

Argentinier warten auf ein neues Wunder ...
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Das Spielfeld war leider zu kurz ...
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Torarme Zeiten im Bildblog
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