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27.6.2006

Presseschau vom 27.06.2006

Die Sportpresse widmet sich den Leistungen von Bundestrainer Jürgen Klinsmann und zieht eine Zwischenbilanz der Fußball-WM, mit dabei auch an diesem Tag, die Leistung der Schiedsrichter und die neue Patriotismusdebatte.

Die Sportpresse widmet sich den Leistungen von Bundestrainer Jürgen Klinsmann und zieht eine Zwischenbilanz der Fußball-WM, mit dabei auch an diesem Tag, die Leistung der Schiedsrichter und die neue Patriotismusdebatte.

Deutsche Elf

Populistischer Mist

Die FAZ fragt heute Offizielle aus dem deutschen Profifußball nach ihrer Meinung über Jürgen Klinsmanns Arbeit, darunter auch seine Kritiker. Peter Neururer, Hannovers Trainer, verbittet sich den Rat Oliver Bierhoffs, sich an den Methoden Jürgen Klinsmanns zu orientieren:
"Oliver Bierhoff ist ein junger Mann, der in dieser Funktion noch nicht lange im Geschäft ist. Wenn er in einer euphorisierten Phase solch einen populistischen Mist erzählt, muß man ihm das nachsehen. Lehmann und Huth ausgenommen, werden doch alle aus der Bundesliga rekrutiert. So schlecht kann unsere Arbeit dann wohl nicht sein. Ich könnte viel dazu sagen, aber wir wollen während der WM Ruhe haben und die Nationalmannschaft unterstützen. Ich bin ja auch Fan der Nationalmannschaft." Auf die Frage, ob ein Bundesligatrainer aus dem Auftreten der Nationalelf etwas lernen könne, antwortet Neururer kurz und bündig: "Nein." Ein Lob kommt ihm nur schwer über die Lippen: "Ich bin nicht bei der Spielersitzung. Aber wir haben alle vier WM-Spiele gewonnen. Also macht Jürgen alles richtig." Neururer, der zu den härtesten Gegnern Klinsmanns zählt, ist stolz darauf, zu seiner Kritik zu stehen "Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten ändere ich meine Meinung nicht nur aufgrund der Tatsache, daß der eine oder andere Erfolg eingefahren worden ist. Ich bleibe dabei: Das, was hier vorher gelaufen ist mit Jürgen – ich habe ihm das auch selbst gesagt –, wird nicht plötzlich gut, weil die Ergebnisse stimmen. Ich hoffe, daß wir Weltmeister werden. Aber wir werden mit Sicherheit nicht Weltmeister, weil er in Kalifornien wohnt und von der Bundesliga nicht viel mitbekommen hat. Viele von denen, die vorher mit Dreck geworfen haben, müssen jetzt wohl die Klappe halten; zum einen, weil sie kein Rückgrat haben, zum anderen, weil sie von den Ergebnissen geblendet sind. Umfaller haben wir in dieser Republik doch reichlich."
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Herzerfrischender Fußball

Hans Meyer, Nürnbergs Trainer, gilt als moderater Unterstützer Klinsmanns; er bewundert ihn:
"Es ist großartig, wie Klinsmann all die Schwierigkeiten gemeistert hat, wenn man bedenkt, daß die Boulevardpresse ihn noch sechs Wochen vor der WM in Frage gestellt hat. Er hat ein Konzept, er hat es mit viel Konsequenz und Standhaftigkeit durchgezogen. Das ist nicht leicht, wenn man die Boulevardpresse im Nacken hat. Und wenn man nicht deren Ziehkind ist. Jürgen ist zum Glück nicht nur beratungsresistent, er ist auch resistent gegen all die Themen, die von außen konstruiert werden. In den letzten Wochen haben er und sein Team nicht nur die deutsche Öffentlichkeit, auch die Weltöffentlichkeit völlig überzeugt. (...) Es ist in Deutschland etwas Neues, daß der Trainer der Nationalmannschaft einen neuen Stil einführt. Einen Stil, der mit mehr Aktivität im Spiel verbunden ist und dem Zuschauerwunsch nach attraktivem Fußball entgegenkommt. Wenn er bleibt mit seinen Leuten und diese Linie fortführt, wenn er dafür sorgt, daß Sportdirektor Matthias Sammer Rückendeckung bekommt, um die Ausbildung, das ganze System bis nach unten diesem Stil entsprechend zu reformieren, dann wäre das eine phantastische Sache für den deutschen Fußball. (...) Das Schlimmste aber wäre, wenn nach dieser phantastischen Leistung bei der WM wieder jemand käme und das Physische über alles stellt. Wenn Gummibänder und Schnellkraftübungen und so weiter im Mittelpunkt stehen. Und nicht das Wichtigste: wie Jürgen Klinsmann Fußball spielen läßt. Das ist sein größtes Verdienst: daß mit ihm ein deutsches Team wieder herzerfrischenden Fußball spielt."

Die handelnden Personen sind bei uns schwer zu überzeugen

Auszug aus dem Gespräch mit Ralf Rangnick, dem neuen Trainer Hoffenheims
FAZ: Wie könnte ein WM-Erfolg durch Jürgen Klinsmann den deutschen Fußball ändern?
Rangnick: Ich glaube, die handelnden Personen in den Vereinen werden auch durch die positiven Entwicklungen bei dieser WM nicht ihr Verhalten ändern. Das werden keine anderen Menschen werden. Dem deutschen Fußball tut gut, zu wissen, daß wir wieder vorne dabei sind. Wir holen uns wieder etwas zurück vom verlorengegangenen Image.
FAZ: Gehen den Betonköpfen im deutschen Fußball nicht langsam die Argumente aus?
Rangnick: Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wenn du in Deutschland etwas ändern willst, dann stößt du meistens auf Widerstände, stärker als in anderen Ländern. Wir haben überall in Deutschland diese Trägheit. Warum sind in den Sommermonaten, wenn die Kinder große Ferien haben und unausgelastet sind, die Fußballplätze geschlossen? Wenn man da nachfragt, kommt die Antwort: Das war immer so. Die handelnden Personen sind bei uns schwer zu überzeugen. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die WM gut läuft für unsere Nationalmannschaft.

Klinsmann hat alles richtig gemacht

Auszug aus dem Interview mit Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden Bayern Münchens
FAZ: Sie und Ihre Vorstandskollegen beim FC Bayern gehörten zu denjenigen, die Bundestrainer Klinsmann kritisiert hatten. Leisten Sie nun Abbitte?
Rummenigge: Natürlich waren wir bei gewissen Themen manchmal anderer Meinung. Aber ich muß widersprechen, daß wir Probleme mit Klinsmann hatten: Wir gehörten zu den wenigen, die ihn gestützt haben.
FAZ: Aber auch beim FC Bayern hat man die eher außergewöhnlichen Methoden des Jürgen Klinsmann schon mal belächelt.
Rummenigge: Ich fand die ganze Zeit, daß es zwar ein neuer, aber auch ein interessanter Weg ist. Denn was die Nationalmannschaft die letzten zehn Jahre geleistet hat in Form von fußballerischem Spektakel, das kann man vergessen. 2002 haben wir das Finale erreicht, aber fußballerisch keine Maßstäbe gesetzt. Jetzt setzen wir Maßstäbe. Und die Jungs waren bisher jeder Mannschaft bei diesem Turnier körperlich überlegen.
FAZ: Hat der Bundestrainer also alles richtig gemacht?
Rummenigge: Klinsmann hat alles richtig gemacht. Er hat es geschafft, alte Tugenden mit neuen Methoden aufleben zu lassen.

Mir gefällt Klinsmann sehr

Tostao, Brasiliens Weltmeister von 1970, teilt der SZ seine Freude an Klinsmann und der deutschen Mannschaft mit:
"Es gibt keine Mannschaft, die Pressing spielt und im Feld des Gegners angreift – außer Deutschland. Alle Mannschaften ziehen sich zurück, alles ist taktisch und studiert, nicht vibrierend. Deutschland ist die Ausnahme. Ich wünschte mir, Brasilien würde spielen wie Deutschland. Mein Ideal ist der FC Barcelona. Er setzt den Gegner unter Druck und spielt dennoch technisch. Aber vibrierend. Nicht so langsam wie Argentinien. Die Argentinier verlieren den Ball und ziehen sich sofort zurück. Das wirkt einstudiert. Deutschland hat eine gute, keine außergewöhnliche Mannschaft, aber die Spieler spielen über ihren Möglichkeiten. Argentinien hat zwei Angreifer, die es nicht verdient haben, in der Anfangsformation zu stehen, bisweilen sogar schwache Verteidiger, und viel hängt von Riquelme ab. Wenn er inspiriert ist, spielt Argentinien gut. Klinsmann hat erkannt, dass Deutschland nur auf offensive Weise gewinnen kann. Mir gefällt das sehr."

Wagemutiges Selbstbewusstsein

Matt Hughes (Times) beäugt skeptisch das deutsche Selbstbewusstsein:
"Sogar in den türkischen Vierteln der großen Städte werden deutsche Flaggen gehisst. Die ganze ungleiche Nation scheint sich hinter der jungen Truppe von Klinsmann zu erheben. Das WM-Fieber lässt nicht nach. (...) Klinsmann scheint den WM-Virus zu verbreiten, da sich die Aussichten auf Erfolg sich mit jedem Tag verbessern. Nach dem Sieg gegen Schweden ist sich Klinsmann sicherer als je zuvor, daß Deutschland Argentinien schlagen kann. Das Selbstbewußtsein mutet sehr wagemutig an, hat Deutschland doch seit sechs Jahren keinen 'Grossen' mehr schlagen können."
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Alan Pardew (Independent) hingegen empfiehlt den Engländern, sich an Klinsmann zu orientieren:
"Nehmt euch ein Beispiel an Deutschland! Beim Fußball kritisieren wir immer die englischen Medien, weil sie uns so hart rannehmen. In der Vorbereitung hatten die Deutschen das auch – und noch viel mehr. Man sagte ihnen, sie seien nicht gut genug, sie würden sich bei der WM blamieren. Sie seien eine Schlachtbank. Aber sie kamen in Form. Der Geist, die Selbstsicherheit ist groß. Die Kritik hat sie stärker gemacht. Sie haben sich davon gelöst, die Fans haben sich davon gelöst – wir wissen alle, wie gewaltig ein Heimvorteil wirken kann. Mit diesem Selbstbewußtsein ist Deutschland nun Favorit auf den Titel (...). Für Deutschland ist Jürgen Klinsmann wiederbelebend. Er hat etwas, das nur wenige Trainer haben – er kennt keine Fehler. Er war ein herausragender Spieler, und er hat den Kern zu glauben. Dieser über allem stehende Glaube. Klinsmann benimmt sich wie ein Spieler. Er feiert Tore wie ein Spieler. Er lächelt, er ist glücklich und er vermittelt genau das."
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Süddeutsche Zeitung: Der einstige Stürmer Jürgen Klinsmann ist auch als Trainer ein Turnierspieler
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Süddeutsche Zeitung: Mehr Gummiband wagen – die Bundesligisten versuchen sich an den DFB-Methoden
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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung-Portrait Miroslav Klose
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taz-Portrait Per Mertesacker
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Frankfurter Rundschau-Portrait Christoph Metzelder
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Süddeutsche Zeitung: über die deutsche Reservebank
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Süddeutsche Zeitung: Die Argentinier bereiten sich gelassen auf ihr Viertelfinale vor und wollen vor allem einen schnellen Rückstand vermeiden
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Ball und Buchstabe

Niederschmetternde Bilanz

Christoph Biermann (SZ) hält die schwachen Leistungen der vier asiatischen Mannschaften fest:
"Vier Jahre nach der Weltmeisterschaft in Fernost haben sich die vermeintlichen Fortschritte von damals als Scheinblüte erwiesen. Die Behauptung von Südkoreas Trainer Dick Advocaat, dass sich das Team weiterentwickelt habe, darf man seiner Emotion zuschreiben, richtig ist sie aber nicht. Eher war das Auftreten seiner und der anderen Mannschaften aus Asien Ausdruck einer Rückentwicklung. Der Trend zeigt wieder nach unten. Nach der historischen Kuriosität, dass Nordkorea bei der WM 1966 bis ins Viertelfinale stürmte, überstand erst 1994 mit Saudi-Arabien erneut ein Team die WM-Vorrunde, das dem asiatischen Fußballverband angehört. Japan schaffte es vor vier Jahren im eigenen Land ebenfalls bis ins Achtelfinale, und Südkorea schied sogar erst im Halbfinale aus. Seither ist auf hohem Niveau nur die Begeisterung der japanischen und koreanischen Fans geblieben, die bei den Spielen ihrer Teams ein wenig von der Atmosphäre des Turniers in ihren Ländern wachriefen. Auf öffentlichen Plätzen der südkoreanischen Hauptstadt Seoul hatten dem Spiel gegen die Schweiz morgens um vier Uhr immerhin 300.000 Menschen zugeschaut. Doch das Interesse entsprach nicht der Güte der Leistungen. Sowohl die beiden Teams aus Fernost als auch die beiden aus dem Mittleren Osten waren auf dem Niveau einer WM nicht konkurrenzfähig. Vier Unentschieden und ein Sieg aus den zwölf Spielen von Saudi-Arabien, Iran, Japan und Südkorea sind eine niederschmetternde Bilanz; drei von vier Teams schieden gar als Gruppenletzte aus. (...) Die gebeutelten asiatischen Teams werden sich zudem mit einem neuen Konkurrenten auseinander setzen müssen, der nach den Erfahrungen dieser WM schon fast als Großmacht erscheint. Nach Ende des Turniers wird Australien an den Wettbewerben der asiatischen Konföderation teilnehmen."

taz: Afrikanischen Fußballern mangelt es nicht an Potenzial, sondern an guten Trainern
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Zugehörigkeit

Wenn Türken Deutschland-Fahnen schwenken – Majid Sattar (FAZ/Leitartikel) misst die Tiefe, die Echtheit und die Bedeutung der Signale:
"Beide, Deutsche und Einwanderer, nähern sich gegenwärtig auf unterschiedliche Weise ihrem Land an. Viele Deutsche, die ihr Vaterland lange mit dem scheinbar unvermeidlichen Attribut 'schwierig' beschrieben haben, gehen nun mit einer Leichtigkeit mit nationalen Symbolen um, präsentieren sich als selbstbewußte Gastgeber und schmettern zu 60.000 im Berliner Olympiastadion so fröhlich ihre Hymne in die Mikrofone der Welt, daß selbst den öffentlich-rechtlichen Kommentatoren, denen sonst keine politische Korrektheit zu peinlich ist, eine mahnende Erinnerung an 1936 nicht über die Lippen kommen will. Und viele Einwanderer bekennen sich auf einmal in einer Offenheit zu dem Land, das sie bislang allenfalls ihr Geburts-, aber auf keinen Fall ihr Heimatland nennen wollten und durften, die wohl noch über Jahre soziologische Universitätsseminare, kirchliche Akademien und Redaktionsstuben beschäftigen wird. Das Bekenntnis ist sicher Ausdruck eines Überschwangs, und ein bißchen postmodernes 'Anything goes' mag in dem Farbenmeer auch mitschwimmen. Es ist keine staatsbürgerliche Deklaration in der aktuellen Integrationsdebatte, kein politisches Statement gegen Parallelgesellschaften und Extremismus. Aber gerade das unterscheidet es von den stets Beklemmungen auslösenden Aufrufen der Anständigen an unsere ausländischen Mitbürger und den zur Schau gestellten Bekenntnissen zum Grundgesetz durch deren Verbandsvertreter. Diese neue Unbefangenheit von Deutschen und Neu- oder Noch-nicht-Deutschen gegenüber ihrem Land ist schlicht Ausdruck eines ganz persönlichen, durchaus impulsiven Empfindens von Zugehörigkeit. Wie nachhaltig der Impuls ist, ob daraus eine kollektive Identität erwächst, läßt sich sicher noch nicht sagen."

Welt am Sonntag: Ein Sommer des Vergnügens
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Labersender

WM auf Premiere – Ulrich Kaiser (SZ) steckt sich den Finger in den Hals: "Nirgendwo wird soviel gelabert wie bei Premiere, und das will viel heißen, weil im Moment überall alle Laber-Rekorde gebrochen werden. Um auch gleich die Ausnahme loszuwerden: Der Herr Reif wirft einem manchmal minutenlang weiter nichts als die Namen der Darsteller zum Fraße vor, was völlig ausreicht. Aber beim nächsten Spiel entwickelt ein anderer einen abenteuerlichen Gedanken: 'Er geht in jedes Kopfballduell, das ihm vor die Nase kommt!' Was soll man dazu sagen? Dem Herrn Reif glaubt man sogar, wenn er sich irrt, was man wohl als höchste Kompetenz bezeichnen kann. Wahrscheinlich ist er in das Spiel verliebt – na und!? Es ist ein bisschen wie beim Kindergeburtstag, wo ein Dutzend Kerlchen gleichzeitig ihre Meinung loswerden möchten – dabei haben sie alle Recht, nur ist ein Fußballspiel nicht unbegrenzt diskutierbar. Irgendwann ist jede Perspektive mehrere Mal durchgekaut worden, und schließlich wird ein Thema nicht fesselnder, wenn Herr Hitzfeld und Herr Rehhagel und Herr Effenberg und Herr Daum alle der gleichen Meinung sind."

Frankfurter Allgemeine Zeitung-Portrait Jürgen Klopp
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Frankfurter Rundschau: Kritik am Jargon in der taz
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Neue Zürcher Zeitung am Sonntag: Über die Arbeit eines Spielervermittlers an der WM
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Raubtierkäfig

Holland tritt Portugal, Portugal tritt Holland – Jens Weinreich (BLZ) hält sich die Augen zu:
"Wer die Verantwortung allein beim Referee sucht, nimmt die Täter und deren Anstifter in Schutz. Ja, hier darf man ruhig von Tätern reden, denn einige Attacken waren reine Körperverletzung. Also: Hat sich etwa einer der Treter und Schauspieler anschließend entschuldigt? Oder einer der beiden Trainer? Nein. Nicht Schiedsrichter Walentin Iwanow allein ist schuld am üblen Treiben. Er war einfach nur überfordert in diesem Raubtierkäfig, in den man ihn eingesperrt hatte mit zwei Dutzend zähnefletschenden Bestien."
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Pulverfaß mit 20 Zündschnüren

Christian Eichler (FAZ) schildert den Funkenschlag zur Eskalation:
"Es war die falsche Art von Fußballfeuer, und der größte Brandstifter von allen war ein Holländer mit einem Engelsgesicht und großen Kinderzähnen, einer, der in Abweichung vom Motto des Abends keinen Gegner, sondern nur den Ball getreten hatte. Heitinga hatte niemanden umgetreten, nicht mal eine Gelbe Karte erhalten, womit er einer bedrohten Minderheit angehörte. Was hatte Heitinga getan? Er war nur mit dem Ball zwanzig, dreißig Meter nach vorn gelaufen. Das war Mitte der zweiten Halbzeit, sie lagen 0:1 zurück, ein ganz normaler Angriff also. Nur daß in der Szene zuvor das Spiel unterbrochen worden war, um einen Portugiesen zu behandeln (was mit Fortdauer der Partie immer öfter geschah und den Spielfluß tötete). Ein ungeschriebenes Gesetz verlangt, daß danach der Ball zurückgeht an das Team, das ihn zuvor hatte. Heitinga aber gab ihn nicht her, er lief los, Tausende pfiffen, brüllten, Deco kam, senste ihn um, das Volk jubelte. Von da an war das Fußballspiel Portugal gegen die Niederlande kein Fußballspiel mehr. Sondern ein Pulverfaß mit 20 Zündschnüren."

Streng strafen nach unten, streng gehorchen nach oben

Roland Zorn (FAZ) kritisiert die Schiedsrichterpolitik der Fifa:
"Wer seine Schiedsrichter derart intensiv unter Druck setzt wie die Fifa, darf sich über die aus Versagensängsten rührenden Ergebnisse nicht wundern. So wie Iwanow seinen Pflichten im Zweifel autoritär nachzukommen versuchte und dann doch die schlimmsten Grobheiten nicht mit Roten, sondern nur Gelben Karten sanktionierte, hatte der Engländer Graham Poll, der es zunächst auf die nette Tour versuchte, den Überblick beim Spiel Australien gegen Kroatien verloren. Poll hielt dem Kroaten Simunic drei Gelbe Karten vor – auch ein Rekord für die Geschichtsbücher. Diese Momente verdeutlichten, daß die Schiedsrichter für eine Weltmeisterschaft besserer psychologischer Schulung bedürften und nicht einer von Mal zu Mal verschärften Regulierungssucht. Gerade Blatter hat sich immer wieder für den Profischiedsrichter eingesetzt. Voila, Poll geht diesem Beruf nach – und ist wie mancher Kollege, zum Beispiel auch der während dieser WM bei seinem zweiten Einsatz weit unter Bestform gebliebene Markus Merk, dem allseitigen Druck nicht gewachsen gewesen. Streng strafen nach unten, streng gehorchen nach oben – und am Ende von Meister Blatter abgekanzelt werden: Das ist etwas viel auf einmal, um auf Dauer die souveräne oberste Regelhüterinstanz bleiben zu können." Christoph Biermann (SZ) wirft ein: "Der Referee ging auch deshalb verloren, weil er auf zwei Teams traf, die sich für die Regeln nur soweit interessierten, wie man sie dehnen, umgehen oder unbemerkt brechen kann."

Eichler weist auf die Mängel im holländischen Spiel hin:
"Das Team, das Spiel, es zerfiel in seine Einzelteile. Robin van Persie und Arjen Robben, die beiden Außen, spielten ohnehin nur für sich selbst, ließen dann und wann mal ein, zwei Gegner stehen, aber nie so, daß ein Mitspieler davon profitierte. Und aus dem Mittelfeld wurde wild und blind aus der Distanz geschossen. Beinahe gelang trotzdem der Ausgleich, Cocu traf kurz nach der Pause die Latte. Doch dann galt mehr und mehr das archaische Gesetz des Nervenspiels, in dem das Stammhirn das Kommando übernimmt und das Großhirn Feierabend macht: Angst essen Fußball auf."
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Süddeutsche Zeitung: Trotz chronischer Fehlentscheidungen der Schiedsrichter betreibt die Fifa nur Aktionismus
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Gute Geschichte mit schlechtem Ende

Italien besiegt Australien 1:0 – Christian Zaschke (SZ) hätte sich ein Happy-End gewünscht:
"Die Australier waren das aktivere Team, das den attraktiveren Fußball spielte. Es wäre eine schöne Geschichte gewesen, eine nahezu klassische Geschichte, vom Underdog, der getragen vom Glauben an sich selbst gegen den Meister des zynischen Spiels besteht und vielleicht sogar gewinnt. Nun aber wirkte es so, als habe jemand diese Geschichte sehr gut erzählt und auch die Fehler der Australier nicht verschwiegen, als habe jemand auf die richtige Dramaturgie beim Erzählen geachtet und dann, am Ende der Geschichte, einfach gepfuscht. Läse der Erzähler die Geschichte vom Blatt ab – jeder Zuhörer würde das Blatt haben wollen, um zu sehen, ob das wirklich so da steht. Es war eine dieser Situationen im Strafraum, in denen man Elfmeter pfeifen kann, aber nicht muss."

Lieblingsfeind der internationalen Fußballkritik

England spielt, und Roland Zorn (FAZ) gähnt:
"Ecuador ließ sich zu keiner Sekunde von einem der selbsternannten Turnierfavoriten beeindrucken. Zwar rauschten auch die Südamerikaner nicht gerade im Eiltempo nach vorn, wenn sie im Ballbesitz waren, doch waren ihnen zumindest eine gewisse Spielkultur und auch taktisches Geschick zu eigen. Die Engländer aber agierten wie die Deutschen in der Spätphase des Teamchefs Rudi Völler. Langsam, ohne Witz, ohne Konzept, eigentlich ohne alles, was mit ihrem hohen Anspruch hätte verknüpft werden können. Weil auf dem Platz nichts passierte, machten sich die einheimischen Zuschauer einen Spaß daraus, nach 'Deutschland, Deutschland' zu rufen. Die Engländer konterten ganz feierlich: durch Singen ihrer Nationalhymne. Als der Schiedsrichter zur Pause pfiff, war sich das Publikum aber wieder einig: So gut wie alle pfiffen auf dieses Stück WM-Sommerfußball. Dieses K.o.-Spiel hatte eher die Wirkung von K.o.-Tropfen."

Wolfgang Hettfleisch (FR) beobachtet, wie der Schwarze Peter die Seite wechselt:
"Die Mannschaft um Beckham, Rooney und Co. mausert sich zum Lieblingsfeind der internationalen Fußballkritik – eine Rolle, die zumindest in jüngerer Vergangenheit traditionell deutschen Teams vorbehalten war. Dass ausgerechnet die DFB-Elf die Welt nun mit ansehnlichem und schnellem Offensivspiel beeindruckt, entbehrt auch deshalb nicht einer gewissen Ironie, weil englische Zeitungen stets vorneweg marschieren, wenn es gilt, den geist- und ideenlosen teutonischen Rumpelfußball zu geißeln."
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Raphael Honigstein (SZ) über den Protagonisten:
"Es fiel ausgerechnet dem unter einem kleinen Hitzschlag leidenden Beckham zu, seine Mannschaft zu erlösen. Beckham quälte sich relativ unauffällig durch die Partie, aber am Ende war er doch der Hauptdarsteller. Er traf, übergab sich auf den Rasen und blieb nach dem Schlusspfiff als Letzter im Stadion, um den Applaus entgegenzunehmen. Das Passionspielchen 'Beckham bei Weltmeisterschaften' ist so wieder um ein Kapitel reicher."

Der letzte weltumspannende Traum

Dirk Kurbjuweit (Spiegel) stellt Brasilien als eine Art Ableitung der Harlem Globetrotters vor:
"Von niemandem wurde in dieser Zeit so viel erwartet wie von Ronaldo. Und niemand, der so oft enttäuscht hat, hat so oft begeistert. Erwartungen sind etwas Teuflisches. Das spürt gerade die gesamte brasilianische Mannschaft. Zur WM will die Welt erlöst werden. Sie baut über Jahre riesige Erwartungen auf an ein Fest der Schönheit [!], und diese Erwartungen sollen vor allem die brasilianischen Abenteurer erfüllen. Doch bis zum Donnerstag feierte die Welt in Deutschland ein fröhliches Fest, bei dem vieles glänzte und schillerte, nur Brasilien nicht. Über Brasilien hing ein Grauschleier. Brasilien hatte die Erwartungen bei den knappen Siegen über Kroatien und Australien enttäuscht. Zwar spielte die Mannschaft beim 4:1 gegen Japan verbessert, aber noch immer stellt sich die Frage, ob diese Brasilianer die Welt erlösen können. An der Mannschaft hängt ein Traum, vielleicht der letzte weltumspannende Traum, der nicht industriell gefertigt wurde, so wie die Träume, die aus Hollywood kommen. Ein paar Jungs, die dem Elend entronnen sind, deren Land der Welt politisch wenig zumutet, streifen sonnengelbe Trikots über und bezaubern die Welt mit herrlichem Spiel. Es ist der Traum vom Triumph des Guten. Es geht um soziale Gerechtigkeit, um Friedfertigkeit und um Schönheit, und das alles ist auch noch siegreich. Deshalb tragen Menschen in aller Welt gern Sonnengelb. Wer sich ein Trikot von Brasilien anzieht, ist zugleich Erfolgs- und Gutmensch, was sonst eher nicht zusammengeht. Im Trikot von Brasilien steckt die Vermutung von Lockerheit, Fröhlichkeit und unfassbarem Sex. (...) Arroganz ist ein Problem der gesamten Mannschaft geworden."

Welt am Sonntag: Spaniens junge Mannschaft hat endlich ihren eigenen, begeisternden Stil gefunden
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Der Topfavorit zeigt Nerven

Axel Hunzinger (FR) ist enttäuscht von der Leistung der argentinischen Elf beim 2:1 gegen Mexiko:
"Das merkwürdig fahrige und unpräzise Spiel der Argentinier allein an dem starken Kontrahenten festzumachen, wäre zu einfach. Der aufgrund der Leistungen der Vorrunde zum Topfavoriten aufgestiegene Weltmeister von 1978 und 1986 zeigte angesichts des Umstands, dass eine Niederlage erstmals im Turnier nicht mehr reparabel gewesen wäre, Nerven. Der Druck, als hoch gehandeltes Team bereits frühzeitig zu scheitern, ließ den bisher auf Hochtouren laufenden argentinischen Motor erstmals ein wenig stottern (...). Dass es dann mit Maxi Rodriguez einer der Vasallen der großen Stars richten musste, hätte logischer nicht sein können." Axel Kintzinger (FTD) hingegen schreibt die Leistung Argentiniens der starken Leistung der Mexikaner zu: "Traumwandlerisch sicher war Argentinien durch die Vorrunde marschiert und zum Top-Favoriten des Turniers avanciert – doch im ersten Spiel, in dem es um alles ging, war davon über weite Strecken nicht viel zu sehen. Allein die Entstehungsgeschichte des 0:1 offenbarte eine Schwäche des argentinischen Teams, die von schnellen deutschen Stürmern ausgenutzt werden könnte. Die Innenverteidigung mit Gabriel Heinze und Roberto Ayala ist klein und langsam. Da aber Mexiko über keine herausragenden Stürmer verfügt, hätte dieser Umstand allein den Favoriten nicht in Bedrängnis bringen müssen. Entscheidend für die Probleme waren die Härte und Hartnäckigkeit, mit der die Balldiebe aus Mexiko den Gauchos zusetzten. Nicht einmal Riquelme konnte verhindern, dass sie ihm den Taktstock aus der Hand rissen."
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Thomas Kistner (SZ) runzelt die Stirn über die Kollegen aus Mexiko:
"Trainer La Volpes Problem ist das altbekannte: Mexiko Sportjournaille. Die reiste für alles gerüstet ins WM-Land, allein Fernsehsender Televisa, der Fifa traditionell eng verbunden, hat ein kleines Medienimperium in München installiert, doch gilt diese Sportpresse in Lateinamerika als eher unverdächtig, mit großer Fachkenntnis zu Werke zu gehen. Im Falle von Niederlagen wird ungeachtet der Begleitumstände die Feder schnell zum Seziermesser, weshalb La Volpe seit längerem eine herzliche Feindschaft mit den heimischen Medien pflegte, Presseboykott inklusive."

Alte Garde, junge Garde

Michael Wulzinger (Spiegel) erwartet beim Spiel Frankreich gegen Spanien das Muster Alt gegen Jung, Vergangenheit gegen Gegenwart und Zukunft: "Wie fatal es ist, wenn ein Coach die Macht alternder Stars und Diven nicht brechen kann, zeigt das Beispiel der Franzosen. Der Weltmeister von 1998 und Europameister von 2000 scheint auf geradezu klassische Weise auf das Ende einer Epoche zuzusteuern – ein Imperium gerät ins Schwanken, weil es nicht in der Lage ist, sich von innen heraus zu erneuern. Bei der WM präsentierte sich die Équipe Tricolore bis zum 2:0 gegen Togo als notorisch zerstrittener Haufen, in dem Zinedine Zidane, Lilian Thuram und Claude Makelele den Ton angeben – drei Fußballhelden einer goldenen Generation, die sich von der Nationalmannschaft bereits verabschiedet hatten und deren Glanztaten Geschichte sind. Vor knapp einem Jahr kehrte das Trio, begleitet von einer Medienkampagne, zurück, und seither wirkt Trainer Raymond Domenech wie eine Marionette seiner Altstars. (...) Eifersüchteleien zwischen Spielern der beiden Erzrivalen Real Madrid und FC Barcelona prägten jahrzehntelang auch das Klima in Spaniens Auswahl. Die Mannschaft hatte keine Ausstrahlung, keinen Charakter, keine Identität. Ihr indifferentes Erscheinungsbild spiegelte die Unversöhnlichkeit der nach Autonomie strebenden Regionen und dem zentralistischen Staat mit seiner alles erdrückenden Kapitale Madrid. 'Sie können sich in Spanien nicht entscheiden, ob sie sich am Stier oder am Torero orientieren sollen', stichelte einst der argentinische Fußball-Intellektuelle Cesár Luis Menotti. Vom Dualismus der rivalisierenden Großclubs ist nichts mehr zu spüren. Von den 23 Spielern kommen nur noch 4 von Real Madrid und 3 vom FC Barcelona. Der Rest rekrutiert sich aus den Kadern von Atlético Madrid, dem FC Valencia, dem FC Villarreal, dem FC Getafe und Betis Sevilla. Mit der jungen Garde haben die Spanier ihren Auftritten erstmals einen unverwechselbaren Stil verliehen. Das Mantra der Mannschaft lautet Ballbesitz, und das Team zelebriert ein Kurzpassspiel, das nach Möglichkeit immer den direkten Weg zum gegnerischen Tor sucht. Ein Spektakel."

taz: Als Spieler bekämpfte Nationaltrainer Luis Aragonés den radikalen Kombinationsfußball, den Spanien heute spielt
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Frankfurter Rundschau: Der Unsterbliche – eine Ode an Zinedine Zidane
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Berliner Zeitung: Frankreich kann noch nicht auf Zidane verzichten
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freistösse des tages

Mit Auszügen aus fremdsprachigen Blogs zur Fußball-WM
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Mit Rudeln rund ums runde Leder
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Mit einem fiktiven Telefonat ins Team-Hotel der deutschen Mannschaft in Berlin
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Die Fußball-Presseschau zur Fußball WM 2006 wird in Zusammenarbeit mit indirekter-freistoss.de erstellt. Dort können Sie auch einen E-Mail-Newsletter abonnieren und sich die Presseschau täglich in Ihr Postfach kommen lassen.
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