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26.6.2006

Presseschau vom 24.06.2006

Vor dem Spiel der deutschen Elf gegen Schweden richtet sich der Blick der Sportpresse auf die Kontrahenten, daneben ein Rückblick auf die Vorrunde, weitere Beiträge zur Patriotismus-Debatte und ein paar kritische Bemerkungen zu den Leistungen von Schiedsrichter Merk.

Vor dem Spiel der deutschen Elf gegen Schweden richtet sich der Blick der Sportpresse auf die Kontrahenten, daneben ein Rückblick auf die Vorrunde, weitere Beiträge zur Patriotismus-Debatte und ein paar kritische Bemerkungen zu den Leistungen von Schiedsrichter Merk.

Deutsche Elf

Im Land der Träume

Peter Heß (FAZ) beschreibt die Stimmung Fußballdeutschlands:
"Bei einer Niederlage sucht Deutschland schon am Samstag abend einen neuen Bundestrainer. Klinsmann hat seinen Rücktritt angekündigt, falls sein Team nicht mindestens das Halbfinale erreicht. Noch vor ein paar Monaten hätte die Aussicht, Klinsmann auf die Schnelle loszuwerden, bei vielen Erleichterung ausgelöst. Mittlerweile wäre eine absolute Mehrheit in Fußball-Deutschland bereit, vor dem Bundestrainer auf die Knie zu gehen, damit er seinen Vertrag auch nach einer Niederlage gegen Schweden erneuere. Aber selbst diejenigen, die Klinsmann immer noch nicht verknusen können, wünschen sich eine Verlängerung seiner Arbeit um mindestens eine Woche. Das Land der Bedenkenträger ist von einer kollektiven Fußball-Begeisterung erfaßt, von einer Welle der Gastfreundschaft und des Optimismus. Aus diesem Zustand möchte niemand unnötig früh erwachen. Ein K.o. gegen Schweden würde Deutschland nicht ins Land der Träume schicken, sondern aus dem Land der Träume zurückholen."

Attraktion

Jens Weinreich (BLZ) blickt zurück auf die Vorrunde:
"Vor dieser WM wurde viel über den so genannten Hochgeschwindigkeitsfußball räsoniert. Jenen Fußball, den man angeblich schon bei der Europameisterschaft 2004 bewundern durfte, die allerdings, wenn man sich recht erinnert, von einer perfekten Komposition neoantiker griechischer Säulenheiliger gewonnen wurde. Hochgeschwindigkeitsfußball? Davon ist nicht viel zu sehen. Vielleicht liegt es aber nur daran, dass der Interpretation des Begriffes. Es geht ja eher um Hochgeschwindigkeitspässe. Insofern ist Klinsmanns Philosophie, den Ball immer wieder steil in die Spitze zu schicken, eine sehr moderne, unabhängig davon, ob andere Teams mit weit talentierteren Spielern diese Übungen rasanter und eleganter ausführen können. Egal, interessanter als jener Fußball, den deutsche Mannschaften in den vergangenen Jahrzehnten bei WM-Turnieren geboten habe, ist er allemal. Insofern zählen die Deutschen schon zu den Attraktionen der WM, sogar im Ausland scheint sich das Bild von der deutschen Nationalmannschaft langsam zu ändern."
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Apathisch

Frank Hellmann (FR) bemerkt Oliver Kahns Enttäuschung:
"Es genügt, Kahn zu beobachten, um zu ahnen, wie es in ihm aussieht: Er kommt immer als Letzter aus der Kabine, er schlurft auf den Rasen, die Torwarthandschuhe zieht er erst gar nicht an. Er wirkt apathisch. Ein paar Minuten macht der degradierte Tormann beim Kreisspiel mit, dann ist Schluss – akribische Vorarbeit für den Ernstfall ist das nicht. Timo Hildebrand erledigt in dieser Phase ein torwarttypisches Pensum. Kahn ist stets als Erster nach dem Abpfiff wieder in den Katakomben verschwunden. Während des Spiels sitzt er am rechten äußeren Rand der Ersatzspieler, er hat noch keine Ehrenrunde mitgemacht. Zugehörigkeit sieht anders aus. Kahn ist der Edel-Edel-Reservist im deutschen Kader – und es hat den Anschein, als belaste das von Tag zu Tag mehr."
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taz: Jürgen Klinsmann ist souveräner geworden
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Berliner Zeitung: Klinsmann erhöht den Druck auf die Spieler
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Frankfurter Rundschau-Portrait Bernd Schneider
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Neue Zürcher Zeitung: Interview mit Scout Urs Siegenthaler
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Achtelfinale

Keine Scheu vor unpopulären Entscheidungen

Frank Heike (FAZ) stellt den schwedischen Trainer vor:
"Die Stars haben keinen Freifahrtschein bei Lars Lagerbäck; er scheut sich nicht vor unpopulären Entscheidungen. Lagerbäck ist Schwede, er denkt im Sinne der Gemeinschaft. Die Mannschaft akzeptiert Lagerbäcks Entscheidungen. Sie respektiert ihn, aber man geht deutlich distanzierter miteinander um als Klinsmann und seine Spieler. Schweden ist ja immer wieder als das Team der großen Namen Larsson, Ljungberg, Ibrahimovic betrachtet worden. Doch bei dieser WM hat Ibrahimovic noch gar nichts gezeigt, Larssons intelligentes Spiel aus Barcelona scheint nicht kompatibel mit dem schwedischen, und Ljungberg hat im Nationaltrikot wieder nicht überzeugt. Lagerbäck hat erfreut erlebt, wie andere die Kohlen aus dem Feuer geholt haben (wenn auch Ljungberg und Larsson natürlich wichtige Tore schossen): Teddy Lucic etwa spielt eine fehlerfreie WM. Er soll Klose stoppen. Tobias Linderoth stopft mit beeindruckender Laufstärke alle Löcher im Mittelfeld. Erik Edman schließt die linke Seite ab. Und Kim Källström ist der erwartete Spritzer Genialität im oft genug stereotypen Spiel der Skandinavier. (...) Lagerbäck selbst ist alles andere als unumstritten in der Heimat. Ihm fehlt die Vergangenheit als Profi; weder als Spieler noch als Trainer ist er über untere Klassen hinausgekommen."
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taz: Über Diskussionen in der schwedischen Öffentlichkeit vor dem Spiel gegen Deutschland: "Ein paar irre Weltverbesserer wollen, dass Deutschland gewinnt – damit es in Europa endlich wieder bergauf geht"
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Berliner Zeitung-Portrait Freddy Ljungberg
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Verantwortung

Thomas Klemm (FAZ) erklärt die neue Stärke Luis Figos:
"Während er bei der Europameisterschaft 2004, als er 31 Jahre alt war, nach den Spielen aussah wie mindestens 41, so ist er heute auf der Höhe seiner Lebenszeit: Er ist 33, sieht aus wie 33 und spielt auch so: effektiv. Er weiß seine Kräfte und Kunststücke einzuteilen. Seine Dribblings hat er sowenig verlernt wie seine Flanken, aber er beweist auf dem Feld außerdem eine Übersicht, die ihn neben Regisseur Deco zum spielbestimmenden Mann in der Seleccao macht. Luis Figo, früher zeitweise verbissen darum bemüht, dem hervorragenden Ruf der ganzen 'Goldenen Generation' gerecht zu werden, übernimmt gelassen Verantwortung. Der 123malige Nationalspieler motiviert Mitspieler, oder er bremst ihren Ehrgeiz."

taz-Portrait Deco
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FR-Portrait Cristiano Ronaldo – Schnösel und Genie
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taz: Wie Argentinien Weltmeister wird – Expertise eines argentinischen Journalisten
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taz: Eriksson kritisiert Beckham
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Neue Zürcher Zeitung: Zwischenfazit nach der Vorrunde
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Gruppe E

Überreaktionen

Zwei merkwürdige Entscheidungen: ein falscher Elfmeter und eine harte Gelbe Karte – Andreas Burkert (SZ) kommentiert die Leistung Markus Merks beim Ghana-Sieg gegen die USA:
"Bislang hat es der Fußball gut gemeint mit dem Doktor Merk, der Zahnarzt gelernt hat und jetzt vom Pfeifen und von Seminaren lebt. Er ist ein renommierter Referee, und wenn die deutschen Klubs mal wieder allesamt früh den Europacup verließen, fand manch Landsmann Trost bei ihm. Denn wenigstens er war ja in großen Spielen dabei. Die Heim-WM ist auch für ihn als Höhepunkt vorgesehen gewesen, doch nun könnte das Spiel der USA gegen Ghana einen Wendepunkt bedeuten. Denn Merk hat das Finale um Gruppenplatz 2 entschieden. Mit einer Fehlentscheidung. Merk hätte niemals pfeifen dürfen in dieser 47. Minute, in der Nachspielzeit. Alle waren sich darin einig, auch Ghanas serbischer Coach Ratomir Dujkovic bestätigte dies – indem er lächelnd einen Kommentar verweigerte. (...) Die deutsche WM ist nicht Merks Turnier. Er wirkte erneut allzu sehr bemüht um Kontrolle und frühe Signale. Merks (Über-)Reaktionen verwunderten, denn er hatte zwar ein umkämpftes Spiel zu leiten. Aber sicher keinen mit der Intensität eines australischen Rugbyspiels geführten Überlebenskampf wie das 2:2 der Socceroos gegen Kroatien, in dessen Turbulenzen der Engländer Graham Poll fast zwangsläufig den Überblick verlieren musste. Gleich zu Beginn hatte Merk Ghanas Regisseur Essien Gelb gezeigt nach einem Tackling, das selbst US-Coach Arena als 'sauber' bezeichnet. Vielleicht hatte Essien wirklich Foul gespielt und nicht nur den Ball, aber er verdient nicht seine zweite Turnierverwarnung. Nicht so früh; ein Weltschiedsrichter mit Instinkt hätte darauf verzichtet. Essien wird nun das bisher größte Spiel seines Lebens verpassen, das Achtelfinale gegen Brasilien. Merk muss von seinem Irrtum gehört haben. Denn er versuchte nach der Pause, die USA zu bevorteilen; es wirkte manchmal plump. Und es nutzte ja auch nichts mehr, das Spiel war entschieden, jeder fühlte das. (...) 2002 in Asien versperrte im Viertelfinale zwar nicht die Hand Gottes den Weg dorthin, sondern der Arm des Deutschen Torsten Frings. Es wird die US-Spieler kaum trösten, dass vermutlich auch Merk das Finale nicht erreicht."
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Indirekter Freistoss - Oliver Fritsch merkt an:
Mir ist ohnehin ein Rätsel, warum Merk einen so guten Ruf hat. Zwar ist er nicht so schlecht, wie einige Fans, vornehmlich aus Schalke, wo er seit 2001 nicht mehr pfeift, und Hamburg behaupten. Doch er neigt gelegentlich zu Gefälligkeiten und reagiert auf Druck. Erinnert sich jemand an das Champions-League-Rückspiel Barcelona gegen Chelsea im März (1:1), als Merk Chelsea einen unsäglichen Elfmeter gewährte, nachdem Chelsea-Coach Jose Mourinho nach dem Hinspiel (1:2) laut über den Norweger Hauge wegen der Roten Karte für den Chelsea-Verteidiger del Horno getobt hatte? Das Elfmetertor in der Nachspielzeit konnte das Vorrücken Barcelonas nicht mehr verhindern; die Entscheidung wurde kritisiert, geriet aber rasch in Vergessenheit. Schon eher bleibt Merks Fehlentscheidung im Halbfinal-Rückspiel (Barcelona–Mailand 0:0) im Gedächtnis, als er Schewtschenko ein wichtiges Tor fälschlicherweise aberkannt hat. Und, Schalke-Fans, habt Ihr Holland gegen Serbien gesehen? Zweite Halbzeit, erste Aktion, Edwin van der Sar nimmt einen "Rückpaß"Marke Ujfalusi auf, Merk läßt weiterspielen. Nebenbei, gibt es in der Bundesliga etwas verkrampfteres als ein Augenzwinkern Markus Merks in die Kamera?

Mehmet Scholl für Arme

Christian Eichler (FAZ) unterstreicht Fleiß und Disziplin als Tugenden Ghanas und befasst sich mit den Amerikanern:
"Afrikas Fußball, den Romantiker des Spiels während der Vorrunde schon wie einen Trauerfall behandelten, er lebt – dank Ghana, dank einer physisch starken, eher disziplinierten als inspirierten Mannschaft. Bei anderen afrikanischen Teams sind die Stars exzentrische Stürmer, der Kameruner Eto'o, der Ivorer Drogba, der Togoer Adebayor. Bei Ghana war das auch so, mit Abedi Pele oder Tony Yeboah. Doch die erste WM-Qualifikation schaffte Ghana mit ganz anderen Typen, einer anderen Charakteristik. Es ist das erste Team Afrikas, in dem die Stars die Arbeiter sind, die Mittelfeldantreiber Essien und Appiah. 'Unser Geheimnis?' sagte Mensah. 'Ganz einfach: große Entschlossenheit, Hingabe und hartes Training.' Das klingt eher unromantisch, nicht nach Magie, und ebenso nüchtern und fast gedämpft hakten sie den Tageserfolg ab, zwar mit einem Lächeln, aber gar nicht ekstatisch afrikanisch wie aus dem Fußball-Bilderbuch. Es sind europäische Profis mit europäischer Arbeitseinstellung, und die sagt: Es ist nur ein Etappensieg. (...) USA 2006, das erwies sich als Jahrgang ohne individuell überragende Klasse, ohne einen einzigen Spieler von Weltniveau. Ein Team, das seine einzige nennenswerte Leistung eine Halbzeit lang mit neun Mann gegen Italien zeigte. Und das spielerisch angewiesen war auf die wenigen lichten Momente eines Reyna, der nicht mal in der Bundesliga sonderlich auffiel, und eines Landon Donovan, der vom ewigen Talent bei Bayer Leverkusen zum Lokalhelden der US-Liga geworden ist, zu einer Art Mehmet Scholl für Arme. Die positive Entwicklung, die mit der Austragung der WM 1994 einsetzte und mit dem Gewinn des WM-Titels der Frauen im selben Jahr, stagniert. In den Vereinigten Staaten mag Fußball der beliebteste Sport bei Kindern und Jugendlichen geworden sein. Der Durchbruch zur Weltspitze, der 2002 nahe schien, als die Amerikaner im WM-Viertelfinale stärker waren als Deutschland und nur an Kahn scheiterten, ist stehengeblieben."

Frankfurter Rundschau: Pavel Nedveds Abschied
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Gruppe F

Eroberungsfußball

Australien erstreitet sich ein 2:2 gegen Kroatien, und Roland Zorn (FAZ) hüpft das Herz:
"Da haben sich die Richtigen gefunden, um an einem abenteuerlichen Stück für die Weltgemeinde der Fußballromantiker zu schreiben. Dessen vorläufiger dramatischer Höhepunkt war im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion zu bewundern. Fortsetzung folgt in Kaiserslautern, wo Australien seine allererste Achtelfinalteilnahme bei einem Weltmeisterschaftsturnier feiert und dabei auf die abgebrühten, hoch eingeschätzten Italiener trifft. Kühle Köpfe gegen heiße Herzen, diese Klassikerkonstellation des Fußballs erwartet das auf mehr australischen Eroberungsfußball begierige Publikum. Die Tür dorthin öffnete sich nach der bisher aufregendsten und leidenschaftlichsten Begegnung dieser WM in Deutschland. Am Ende reichte den Australiern das 2:2 gegen die ähnlich kampfesmutigen, aber nicht ganz so wild entschlossenen Kroaten. (...) Feuriger als die Australier stürzt sich bei dieser WM niemand in die Arbeit."

Footy

Rudolf Herrmann (NZZ) registriert die wachsende Popularität des Fußballs in Australien:
"Seit dem Beginn der WM ist das Fussballfieber in Australien mit den Händen zu greifen. Das ist nicht selbstverständlich in einem Land, in dem es dem es den Fussball auf einer Grossleinwand bisher ebenso selten gab wie in Sponsoring-Konzepten bedeutender Firmen. Diese Marginalisierung erstaunt angesichts der Tatsache, dass Fussball in Australien nicht erst seit dem WM-Beginn der beliebteste Nachwuchs- und Breitensport ist. Nun brachte die Qualifikation der Nationalmannschaft zur Endrunde zusätzlich einen gewaltigen Populariätsschub, so dass die Zeiten des Aschenbrödeldaseins damit endgültig der Vergangenheit angehören dürften. Das äussert sich beispielsweise auch darin, dass der Sport mehr und mehr 'Football' und nicht mehr 'Soccer' genannt wird, und sogar der Volksmund zählt in nunmehr allenthalben zu den bisher allein dem Rugby vorbehaltenen kolloquialen Sammelbegriff 'Foooty'. Das Wirtschaftsblatt 'Austalian Financial Reviews' orakelt entsprechend, der Fussball werde künftig im Sportmarkt des Landes einen deutlich grösseren Teil der Sponsorendollars beanspruchen, als er es bisher tat."

Sauerstofflieferant

Javier Cáceres (SZ) schreibt nach dem 4:1 Brasiliens gegen Japan:
"Robinho verschaffte Ronaldo Luft zum Atmen und Ronaldinho mehr Platz fürs Amüsement, ja er versorgte das ganze Team mit Sauerstoff. Weil in den Vortagen in einigen Medien über Unzufriedenheit der Etablierten mit der Taktik spekuliert wurde, werden Parallelen zu 1958 gezogen, als Brasilien mit zwei schlimmen Spielen in die WM startete und dann, auf Intervention der Veteranen, zwei junge Leute ins Spiel brachte: Pelé und Garrincha. Von Dauer ist der Personalwechsel diesmal wohl nicht."

taz: Nach dem 4:1 gegen Japan sind die Brasilianer erleichtert, dass sie endlich wieder wie Brasilianer Fußball spielen
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Gruppe G

Licht und Schatten

Sehr nüchtern begeht Flurin Calüna (NZZ) den Gruppensieg der Schweiz:
"Es gibt ein Haar in der Suppe, die Kritik, die in der Euphorie nicht gehört werden will. Begeisternd haben die Schweizer Fussballer an dieser WM bisher kaum gespielt. Auch zuletzt gegen Südkorea nicht, obwohl ihr ein souveräner Match gelang, der vielleicht beste an diesem Turnier. Die Mannschaft hat Erwartungen geweckt, die schwierig zu erfüllen sind. Licht und Schatten wechselten sich bisher in rascher Folge ab. Spielerisch sind die Schweizer noch entfernt von der Form und der Konstanz jener leuchtenden Herbsttage, als sie in Bern die Franzosen an den Rand einer Niederlage drängten und die Türkei besiegten."
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Neue Zürcher Zeitung: Frankreich siegt ohne Zidane
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Gruppe H

Gelähmt

Ukraine qualifiziert sich durch ein 1:0 gegen Tunesien fürs Achtelfinale, und Peter Heß (FAZ) verdreht die Augen:
"Tschechien, die Elfenbeinküste und die Vereinigten Staaten müssen abreisen, die Ukraine steht im Achtelfinale – so ungerecht kann die Fußball-Welt sein. Der Mannschaft von Trainer Oleg Blochin genügte ein 1:0 von der schmucklosesten Sorte. Der sonst schwache Andrej Schewtschenko erzielte das Tor per Foulelfmeter, den er unberechtigterweise für einen Sturz im tunesischen Strafraum zugesprochen bekommen hatte. Die Tunesier enttäuschten jeden, der sie im vergangenen Sommer im Confed-Cup erlebt hatten. Bei der WM-Generalprobe kämpfte die Mannschaft von Trainer Roger Lemerre noch. Als es darauf ankam, wirkte sie wie gelähmt. 70.000 Zuschauer sorgten auch in dieser Partie für eine der WM-würdige Stimmung. Leider beteiligten sich die Spieler nicht an den Bemühungen des Publikums."

Frankfurter Rundschau: Spanien läuft zur letzten Partie der Vorrunde mit seiner zweiten Garde auf, siegt mit einem Pflichttor und ödet die Fußballwelt einen Nachmittag lang an
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Ball und Buchstabe

Egozentrik

Unter dem Titel "Menschenfeind"– Peer Schader (FAZ/Medien) ist von Oliver Pochers WM-Sendung angewidert:
"Mag ja sein, daß es ganz originell ist, während der Fußball-WM durch das Land zu reisen und sich gemeinsam mit ganz normalen Menschen die Spiele anzugucken: in Kleingartensiedlungen, auf Feuerwachen, in der Hotelküche. Beim Sender haben sie nur übersehen: Pocher ist der falsche Mann dafür. Er kann nicht mit Menschen umgehen, er kann sich bloß über sie lustig machen. Nirgendwo ist das offensichtlicher als bei 'Pocher zu Gast in Deutschland', das Pro Sieben tatsächlich live sendet, was Pocher dazu nutzt, während der Sendung bei wildfremden Leuten zu klingeln, den Fernseher einzuschalten und seine Opfer damit zu erschrecken, daß man ihr Wohnzimmer gerade im Fernsehen sieht. Den Rest kann man sich schenken: Pocher macht Ratespielchen mit gelangweilten Zuschauern, Pocher verschenkt CDs, auf die er einen Fußball-Song gegrölt hat, Pocher nimmt ein Bad in der Menge. Soviel Egozentrik stört nicht nur, man müßte sie verbieten. Zumindest während der WM. Was sollen nur die Gäste denken?"

Klinsmann kann uns die Türken repräsentieren

taz-Interview mit dem Filmemacher Neco Çelik über den neuen Patriotismus der Deutschtürken

taz:
Was ist bloß in den türkischen Communities passiert?
Çelik: Ja, unglaublich! Ich bin auch überrascht. Bei der letzten WM war es völlig normal, für die Türkei zu sein – aber das fühlt sich weit weg an. Wahnsinn, wie alle für Deutschland jubeln.
taz: Woher kommt die plötzliche Begeisterung?
Çelik: Ich glaube, das liegt an Jürgen Klinsmann. Dieser Mann strahlt eine Sympathie aus, die sogar den Türken auf der Straße erreicht. Rudi Völler verkörperte noch den Deutschen von nebenan, die Mannis oder Kalles. Deshalb fanden ihn die Deutschen ja so toll. Türken dagegen hatten das Gefühl: Der kann uns nicht repräsentieren. Bei Klinsmann ist das anders.
taz: Womit spricht er denn die Türken an?
Çelik: Er ist ein Held, der sich gegen die Reaktionäre beim DFB erhoben hat, der in Kalifornien lebt und sein Ding macht, der den Kahn vom Thron gestoßen hat ...
taz: ... die ewige Torwart-1 Oliver Kahn, der ja auch für den Urteutonen steht?
Çelik: Unter anderem, ja. Aber Kahn steht auch für etwas, das absolut nicht zu ändern war. Bis Klinsmann kam. Genauso wie er Odonkor hervorgeholt hat, also den jungen Leuten und den Migrantenkindern eine Chance gab.
taz: Das ist schon die Erklärung für all die Fähnchen an Döner-Buden und Autos?
Çelik: Nicht nur. Entscheidend ist, dass die WM in Deutschland stattfindet und die Immigranten sich plötzlich als Gastgeber fühlen.
taz: Warum lachen Sie? Weil Türken schon immer die besseren Gastgeber waren?
Çelik: Ja, das ist ein wenig absurd. Aber schön. Auch Deutschtürken fühlen sich angesprochen von dem Motto 'Zu Gast bei Freunden', und das ja zu Recht. Selbst wenn wir uns lieber lokal definieren – ich bin eben Berlin-Kreuzberger – repräsentieren wir ein anderes Deutschland. Und das aus eigenem Selbstbewusstsein heraus, nicht weil es jemand angeordnet hätte.
taz: Welches Interesse haben denn die Jugendlichen, etwa auch die gute Gastgeberrolle?
Çelik: Ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass sie jetzt Deutschlandfähnchen an ihre aufgemotzten BMWs stecken – und davon nicht nur eine oder zwei. Ich glaube, das ist eher ein Trendphänomen. Nach dem Motto: Ah, Ali hat eine Fahne, dann will ich auch.
taz: Mit Nationalgefühl hat das Ganze demnach nichts zu tun.
Çelik: Nationalismus spielt keine Rolle.
taz: Was halten Sie von den Interpretationen, dass das ein Zeichen des Integrationserfolges sei?
Çelik: Ach, Blödsinn. Das Schlagwort Integration, das ist eh für den Arsch. Die Politiker haben vierzig Jahre nichts dafür getan. Dabei könnten Türken hier Berge versetzen, man muss sie nur ansprechen. Das passiert bei der WM.
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taz: Diedrich Diederichsen über die WM-Party
Mehr in taz.net ...

NZZ-Interview mit Klaus Theweleit ("Tor zur Welt") über die Risiken des WM-Patriotismus
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Frankfurter Rundschau: Über die Schwäche Afrikas
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Süddeutsche Zeitung: Alles läuft streng nach Plan, wie am Reißbrett eines Organisationsweltmeisters entworfen. Keine besonderen Vorkommnisse, überraschend nur, dass es keine Überraschungen gibt
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FAZ-Interview mit Michel Platini
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Frankfurter Rundschau: Allzu große Einkommensunterschiede drücken angeblich auf die Leistung von Fußballspielern, wie eine aktuelle Studie von Schweizer Wissenschaftlern zeigt
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freistösse des tages

Mit sinnlosen Flanken ...
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Mit Partiotismus nur für Sieger ...
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Und Argumenten gegen das Rauchverbot ...
Mehr in faz.net ...

Die Fußball-Presseschau zur Fußball WM 2006 wird in Zusammenarbeit mit indirekter-freistoss.de erstellt. Dort können Sie auch einen E-Mail-Newsletter abonnieren und sich die Presseschau täglich in Ihr Postfach kommen lassen.
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