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19.6.2006

Presseschau vom 19.06.2006

Heute werden in der Presseschau die Schiedsrichter gelobt. Außerdem: die Fußball-Verbände Afrikas in der Kritik. Und Joachim Löw im Interview.

Heute werden in der Presseschau die Schiedsrichter gelobt. Außerdem: die Fußball-Verbände Afrikas in der Kritik. Und Joachim Löw im Interview.

Ball und Buchstabe

Schrei

Was sagt uns der Schrei Angela Merkels beim Sieg gegen Polen? Eine sehr lesenswerte ikonographische Exegese von Peter Richter (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung):
"Und am nächsten Tag dann dieses Merkel-Foto beim Torjubel. Sie sah aus, als habe ihr Lech Kaczynski eine tote Maus auf den Stuhl gelegt. Es war, als sei Edvard Munchs gestohlenes Meisterwerk 'Der Schrei' plötzlich wieder aufgetaucht. Noch nie hat man einen lebendigen Menschen derart gepeinigt aufschreien sehen. Es war das pure Entsetzen, das aus diesem schreienden Kanzlerinnengesicht sprach. Und vielleicht war es ja auch so, daß ihr, der so entschlossen unpathetischen Angela Merkel, schlagartig ins Bewußtsein geschossen war, was hier gerade passierte. Die brachialste Steuererhöhung in der Geschichte, und die Leute schwenken jubelnd Fähnchen. Die gelähmteste große Koalition, die es je gab, und die Opposition turnt bei Schwulendemos in Osteuropa herum. Oder schwenkt jubelnd mit Fähnchen. Die Polizei erkämpft sich das Recht zurück, im Dienst mit Fähnchen jubeln zu dürfen. Die Bild-Zeitung kennt sowieso keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche, die die Nationalhymne mitsingen, oder 'Miesmacher' wie den unvermeidlichen Rhetorikprofessor Walter Jens, der mal wieder verlangt hat, das 'unverständliche' Deutschlandlied ('Glückes Unterpfand' und so) gegen Brechts 'Kinderhymne' auszutauschen, als ob 'Anmut sparet nicht noch Mühe' so wahnsinnig viel klarer wäre. Gründe zum Schreien hatte sie also genug. Vielleicht hat sie aber auch nur geahnt, daß sie da gerade einem historischen Moment beiwohnt, der dem Land einen neuen Mythos bescheren könnte, vielleicht sprach also aus diesem Schrei auch nur die Angst, Sönke Wortmann könnte sich die Rechte sichern und etwas noch Entsetzlicheres als 'Das Wunder von Bern' daraus machen. Und dann kommt Schröder zurück, zieht sein Sakko aus, weint ein bißchen, tritt gegen einen Ball und gewinnt wieder."

Maßstäbe gesetzt

Christian Zaschke (Süddeutsche Zeitung) lobt die Schiedsrichter, insbesondere den Uruguayaner Jorge Larrionda, der einen Italiener und zwei Amerikaner vom Platz stellte:
"So hart, so konsequent und doch immer richtig in einem WM-Spiel zu entscheiden, unter gewaltigem Druck und vor den Augen eines weltweit zuschauenden Fernsehpublikums – das ist ebenso beachtlich wie der große Auftritt eines Spielers, der seine Mannschaft zu einem Sieg führt. Es war zudem die bisher beste von vielen durchweg guten Schiedsrichterleistungen. Freuten sich die Schiedsrichter nach der ersten WM-Woche darüber, dass niemand über sie sprach, weil sie nicht weiter aufgefallen waren und relativ wenige schwere Fehler begangen hatten, so können sie sich seit diesem Wochenende darüber freuen, dass über sie gesprochen wird, weil einer der ihren Maßstäbe gesetzt hat. Die erste, ruhige Woche deutete an, dass die Leistungen der Schieds- und Linienrichter besser sein würden als bei der WM vor vier Jahren, als das Niveau mancher Referees und vieler Linienrichter lausig war. Die zweite Woche, in der der Druck größer wird, deutet an, dass es ein Turnier der sehr guten Schiedsrichterleistungen werden könnte."
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Frankfurter Rundschau: Lob für die Schiedsrichter
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Zurück zu den Wurzeln

Marc Heinrich (faz.net) schätzt das Public Viewing ein:
"Auch wenn es in vielerlei Hinsicht angebracht ist, über die Fifa zu meckern, muß festgehalten werden: Mit den Fan-Festen, mit dem Public Viewing, so der Fachbegriff, hat der Weltverband den jungen Fans, dem Fan-Nachwuchs, eine bislang nie dagewesene Zugangsmöglichkeit erschaffen. Es erschließt Kreise von neuen Interessenten, die aus Neugierde mitgehen. Die WM raus aus den Stadien hinein ins weite Land zu bringen, war die weiseste Entscheidung, die die Fifa, das deutsche Organisationskomitee und Rechteinhaber Infront treffen konnten. Football's coming home, singen sie in den Stadien. Der Fußball kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Überall in Deutschland kann man in diesen Tagen in den Schlager einstimmen."
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Heimstatt der guten Laune

Jörg Schindler (Frankfurter Rundschau) erkennt Berlin nicht wieder:
"Es gab Zeiten, da konnte man in Berlin keinen Fleischerladen betreten, ohne mindestens einmal mit einem herrlichen 'Ham wa nich' abgebürstet zu werden. Zeiten, in denen einen Autofahrer ungerührt über den Haufen fuhren, wenn man einen Meter neben dem Zebrastreifen die Fahrbahn betrat. Harte Zeiten. Aber auch ehrliche. Vielleicht lohnt es sich, jetzt, da die WM in ihr zweites Drittel einbiegt, noch einmal daran zu erinnern. Denn wie es aussieht, kommen sie so schnell nicht wieder. Es ist Merkwürdiges geschehen mit dieser Stadt, seit sich ein gewisser Philipp Lahm darin gefiel, einen weißen Ball mit aufgedruckten Slipeinlagen in ein von Costa Rica gehütetes Tor zu zwirbeln. Das war keck geplant und präzise ausgeführt und widerlegte streng genommen auch das gastfreundliche Motto dieser WM. Aber doch trat danach etwas ein, was ansonsten nur in den Pausen eines Blockbusters passiert: Die Werbewelt wurde Wirklichkeit. Deutschland ist in diesem Sommer 2006 zu einem Land des Lächelns geworden – und Berlin, ausgerechnet Berlin, zur Heimstatt der guten Laune. Es ist beinahe zum Fürchten. (...) Eine Art chronische Love-Parade ist über die Stadt gekommen und viele fragen sich inzwischen besorgt, wie das eigentlich werden soll, wenn der Fußball am 10. Juli mit einem gewaltigen Abstoß wieder aus der Hauptstadt verschwindet. "
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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Patriotismus-Debatte: Pro und Contra
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Telepolis: Fußballfernsehübertragungen mit gefaketen Zuschauern im Iran
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Süddeutsche Zeitung: Ausgerechnet während der Weltmeisterschaft stirbt Bussunda, Brasiliens beliebter Ronaldo-Imitator
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Ascheplatz

Auslaufmodell

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) kommentiert die Reaktion des Fifa-Präsidenten auf die Verfehlung des botswanischen Exekutiv-Mitglieds Ismail Bhamjees, der sich durch Ticketverkäufe auf dem Schwarzmarkt bereichern wollte:
"Blatter, der selbst schon mit Korruptionsanschuldigungen zu kämpfen hatte, kam der Fall Bhamjee, so unangenehm er für die Fifa ist, vielleicht gar nicht so ungelegen. So kann der Schweizer, der dem Fifa-Kongreß vor dem WM-Auftakt mit vielen hehren Sätzen die Gründung einer neuen, unabhängigen Ethikkommission schmackhaft machte, den starken Worten sogleich Taten folgen lassen. Der geständige Bhamjee, dazu gehört nicht viel Prophetie, wird sich nach seinem Abschied vom Turnier auch von seinem gut dotierten Posten im Exekutivkomitee trennen. Ein paar eindringliche Warnungen dürften in seinem Fall genügen, letzte Zweifel am freiwilligen Rückzug zu zerstreuen. Um Blatter herum sitzen aber noch immer Fußballgranden, deren Leumund nicht als überragend gilt. Ob sich der Walliser im Zeichen der neuen Fifa-Moral und mit Hilfe frischer, unverbrauchter Kräfte in den Konföderationen von alten Kameraden lossagen kann? Erst wenn dieses zuweilen an ein Politbüro postsowjetischer Provenienz erinnernde Gremium offener, liberaler, demokratischer anmutete, würde der Fifa-Kampf um mehr Reputation auch in Deutschland glaubwürdiger. Vielleicht kommt der große Schnitt aber erst, wenn der persönlich um weltweite Anerkennung kämpfende Blatter gegangen sein wird. Jetzt ist er 70, im kommenden Jahr läßt er sich noch einmal zum Fifa-Boss wählen. Wenn er dann mit 75 aufhört und die jetzige Fifa-Exekutive mit Blatter auf dem Thron noch weiter ergraut, wird kaum noch jemand an eine Fifa-Reform von innen heraus glauben – mag es bis dahin noch so viele Ethikkommissionen geben."

Thomas Kistner (Süddeutsche Zeitung) erkennt zweierlei Maß:
"Bhamjee ist ein Fifa-Auslaufmodell, keine Schlüsselfigur wie Kollege Jack Warner aus Trinidad. Jack, der nun auch über Bhamjee urteilt, ist jüngst selbst beim Versuch erwischt worden, sich an WM-Tickets zu bereichern, die er über seine Familienfirma in Trinidad anbot. Dabei ging es um 10.000 Tickets – wie ehrenhaft ist also das Rechtsempfinden im Weltfußball? Zumal Warner schon seit Jahrzehnten exklusiv Geschäfte mit dem Landesverband betreibt und zudem wiederholt die TV-Rechte für die Karibik von der Fifa abkaufen durfte: für, hoppla, einen Dollar pro WM. Hier macht einer Millionen, dort wird einer mit 2.400 Euro geschnappt. Der Vorwurf an Bhamjee kann daher nur lauten: Sorry, Sportsfreund, du hast das Spiel nicht begriffen. Und Stümper fliegen raus."

Berliner Zeitung: Hintergrund, Bhamjee
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Mediatorin

Daniel Theweleit (Tageszeitung) kritisiert die Verbände Afrikas und die Fifa:
"Es ist ein kleines Drama, dass Trainer in Afrika noch weniger geschätzt werden als in Europa. Die Posse um Togos Trainer Otto Pfister nahm derart skurrile Wendungen, dass sie irgendwann einen gewissen Unterhaltungswert entwickelte. Der Hintergrund dieser Geschichte ist vielleicht das schwerwiegendste Problem des afrikanischen Fußballs: Ein Nationalverband nimmt über Antrittsprämien – vor allem aber über Zuwendungen der Fifa – für afrikanische Verhältnisse gigantische Devisensummen ein. Eigentlich sind diese Gelder für die Mannschaften und zur Re-Investition in den Fußball gedacht, 'aber die Fifa kontrolliert viel zu lax, was mit dem Geld passiert', hat Claude Le Roy, der Trainer des Kongo, einmal gesagt. Die Fifa, die sich so gern als Weltstaat des Fußballs und moralische Superinstanz profiliert, schert sich nicht um diese Strukturen, sie ist aber die einzige Macht, die Einfluss nehmen könnte, indem sie Sanktionen verhängt, Gelder zurückhält. Das tut sie nicht, warum also sollten die Funktionäre etwas rausrücken von dem schönen Geld? Kritiker sagen, dass Sepp Blatter hier gezielte Ignoranz walten lasse und sich so die Stimmen der Nationalverbände sichere."
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Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung) fordert die Fifa auf, beim togoischen Prämienstreit eine aktivere Rolle zu spielen:
"Die Spieler suchen im WM- Schaufenster den Weg an die Öffentlichkeit, weil sie zu Recht befürchten, dass die Fifa- Prämien im verfilzten Polit- und Funktionärs-Klüngel des eigenen Landes verschwinden. Die Aufgabe der Fifa kann nicht sein, die Probleme in Togo und anderswo zu lösen. Aber darum geht es nicht. Die Fifa verteilt Millionen und weiss, was dies in autokratisch geführten Ländern der Dritten Welt bedeuten kann. Deshalb muss sie in solch (absehbar) harten Fällen früher als Mediatorin auftreten und so weit wie möglich kontrollieren, wohin das Geld fliesst. Nicht in ihrem Sinn kann sein, wenn sieben Millionen Franken irgendwo versickern sollten. Die Togo-WM-Saga ist bedenklich – und nicht etwa lustig."
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Frankfurter Rundschau: Afrikanische Fußballmannschaften verlassen sich gerne auf Voodoo und Schwarze Magie beim sportlichen Wettkampf
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Süddeutsche Zeitung: Die Fifa kommt den Vereinen entgegen und zahlt, wenn Spieler wegen WM-Verletzungen ausfallen
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Tageszeitung: Puma rennt ihren Konkurrenten im Fußballgeschäft hinterher. Bis zur WM 2010 will man aufholen. Die Strategie: Afrikas Markt früh erobern. Dabei soll die Installation von Trainern helfen
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Frankfurter Rundschau: Milliarden vom Steuerzahler – was sich die öffentliche Hand die WM kosten lässt , Stadioninvestitionen mit hohem Risiko verbunden
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Gruppe C

Zehn Minuten Lieblingsfußball

Ulrich Hartmann (Süddeutsche Zeitung) beschreibt den Stilverrat der Holländer beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste:
"Es gibt ein schönes Gerücht über Marco van Bastens Vertrag als Nationaltrainer der Niederlande. Wenn das Gerücht stimmt, dann ist er vertragsbrüchig geworden. Es besagt, in seinem Kontrakt stünden zu stürmischer Spielweise verpflichtende Vokabeln wie 'offensiv' und 'dominierend', aber selbst wenn dies nicht der Wahrheit entspricht, ist zumindest bekannt, dass van Basten genau diesen offensiven Fußball favorisiert. Der holländische 'Totaal Voetbal' mit seinen angreifenden Abwehrspielern und den abwehrenden Angreifern, wie er vom Altmeister Rinus Michels erfunden und vom Großmeister Johan Cruyff immer wieder gefordert wurde, hat sich nur im herkömmlichen 4-3-3-Schema der Niederländer gespiegelt. Zu spielen vermochten sie ihren Lieblingsfußball hingegen nur zehn Minuten lang, und das Irritierende ist, dass diese zehn Minuten mit den beiden Toren durch Robin van Persie und Ruud van Nistelrooy gereicht haben zum 2:1."

Trauriges Lob

Christian Eichler (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bedauert das Ausscheiden der Elfenbeinküste:
"Es ist die erste wirkliche Verlustmeldung dieser WM: die Elfenbeinküste. Ein offensiv großartiges und mutiges Team, das wohl beste aus Afrika, das aber bei seinem WM-Debüt zu früh zwei großen Titelfavoriten vor die Füße lief. Das ist schade für Afrika, schade aber auch für den Unterhaltungswert der kommenden WM-Runden. Denn es ist eines der wenigen Teams, die so gut wie jede Partie bereichern – weil sie offensiv so viel wagen, defensiv aber auch manches zulassen. Es ist das alte Lied von Afrika. Henri Michel ist es leid. Ihm schien der Glaube auszugehen – daran, daß er einmal, ein einziges Mal bei einer WM Glück haben könnte. 1986 war Henri Michel Trainer der französischen Nationalmannschaft, die in einer großartigen Partie Brasilien besiegte – und dann im Halbfinale gegen eine biedere deutsche Mannschaft durch einen Torwartfehler nach Brehmes Freistoß verlor. 1994 verpaßte er mit Kamerun den möglichen Auftaktsieg gegen den späteren WM-Dritten Schweden. Und 1998 verlor er mit einer famosen marokkanischen Mannschaft nur gegen Brasilien – um dann, im letzten Vorrundenspiel, zu erleben, wie der bereits für das Achtelfinale qualifizierte Weltmeister den Norwegern einen Sieg schenkte und ihn ausbootete. Wie 1998 ist Michel nun das traurige Lob sicher, das beste und das unglücklichste Team zu trainieren, das in der Vorrunde ausschied."

Grober taktischer Fehler

Richard Leipold (Frankfurter Allgemeine Zeitung) beanstandet die Selbstverliebtheit des serbischen Trainers, als er seinen Rücktritt verkündet:
"Es wäre ein weltmännischer Auftritt gewesen, wenn Ilija Petkovic nicht kleinkariert sein Mütchen gekühlt hätte. Mit versuchter Ironie stellte er serbischen Reportern scheinbar einen Freibrief aus. Sie sollten doch schreiben, was sie wollten; sie hätten ohnehin alles vorher und alles besser gewußt. Er hingegen habe alles richtig gemacht, behauptete Petkovic. Als Beleg für diese These führte der Fußball-Lehrer einen diffusen Quervergleich an. Nach diesem Debakel erscheine das 0:1 gegen Holland in einem anderen Licht. 'Vergleichen Sie doch diese beiden Spiele. Dann sehen Sie, daß ich recht hatte. Ich habe das Beste gemacht, auch wenn es nicht gut genug war.' Petkovic wird es sich wohl so schnell nicht verzeihen, auf öffentlichen Druck hin von seiner Verteidigungslinie abgerückt zu sein. Lange hatte er auf eine altbackene, aber stabile Abwehr gesetzt und seine Mannschaft so mit leichter Hand zur Weltmeisterschaft geführt. Aber die Art zu spielen oder manchmal auch nicht zu spielen, war in der Heimat ohne Begeisterung aufgenommen worden. Es ist dem Trainer letztlich nicht gelungen, das Volk von seiner Strategie zu überzeugen. (...) Es gibt Niederlagen, die weh tun, und solche, die solche Schmerzen verursachen, daß man es kaum aushalten kann. Das 0:6 gegen Argentinien gehört für die Serben zur zweiten Sorte."

Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) fügt hinzu:
"Als grober taktischer Fehler erwies sich auch, dass Petkovic Riquelme in Manndeckung nehmen ließ. Der Gegner freute sich über die Freiräume und das Durcheinander, das sich dadurch ergab."

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Frankfurter Rundschau: Der 18-jährige Lionel Messi erscheint den Argentiniern als Re-Inkarnation des Messias', auf den sie nach Diego Maradona so lange gewartet haben
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Gruppe D

Operettenfußball

Portugal besiegt Iran 2:0 – Michael Eder (Frankfurter Allgemeine Zeitung) verschmäht die Buttercremetorten Christiano Ronaldos und sättigt sich an Deco:
"Er ist schnell, robust, jung. Er kann schießen, rechts, links, zielgenau, knallhart. Er ist ein genialer Techniker; er kann alles, was man nicht lernen kann, viel mehr muß ein Weltstar nicht mitbringen an Können und Talent. Und doch ist Ronaldo noch kein großer Spieler, sondern nur ein egozentrischer Kleinkünstler. Er hat wieder einmal eindrucksvoll bewiesen, wie sehr sein Spiel unter fortgeschrittener Arroganz leidet. Ronaldo könnte ein Löwe sein, aber er ist nur ein Pfau. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei, lieber den Gegner lächerlich machen als den Ball zum wartenden Kollegen passen. Die durch die Bank spielstarken Portugiesen litten gegen eine in jeder Beziehung überforderte iranische Mannschaft lange unter ihrer Überheblichkeit, deren Verkörperung Ronaldo war. Es ist die gleiche Krankheit, die auch den Brasilianern im Spiel gegen Kroatien einen holprigen Start ins Turnier beschert hatte. Die Überheblichkeit kann zum brasilianischen Ronaldo-Syndrom wachsen, dazu, daß ein Fußballgenie und einer der besten Torjäger aller Zeiten auftritt wie der späte Buffy Ettmayer. Und sie kann in der portugiesischen Ronaldo-Variante dazu führen, daß sich ein Ausnahmespieler wie ein egomanischer Alleinunterhalter aufführt. Wäre nicht Deco gewesen, das Gegengewicht zu den eitlen Selbstdarstellern im Team, die Portugiesen hätten trotz aller Überlegenheit wohl auch nach der Pause kein Tor erzielt. Auch der gebürtige Brasilianer Deco ist ein brillanter Kicker, aber er ist auch ein Teamplayer. Er fordert den Ball – und gibt ihn wieder her. Schnörkel flicht er nur ein, wenn notwendig, um mal einen Gegner zu überlupfen, ansonsten zelebriert er ein klares, feines Spiel. (...) Welches portugiesische Modell setzt sich in den kommenden Partien durch: Art Deco, die Verbindung von Eleganz und Nutzen – oder Ronaldos Operettenfußball auf dem linken Flügel?"

Sportlich bedauerlich

Christian Zaschke (Süddeutsche Zeitung) über das Ausscheiden Irans:
"Es wurde oft genug behauptet, dass Fußball mit Politik nichts zu tun habe, aber es ist das Schicksal dieses iranischen Teams, dass sein Auftritt sehr wohl eine politische Bedeutung hatte. Im schlimmsten Fall wäre es mit einem sportlichen Erfolg Propaganda-Mittel für den Präsidenten geworden. Politisch betrachtet ist Irans Scheitern für alle Seiten das Beste, sportlich ist es bedauerlich. (...) Ihre Hauptmängel waren fehlende Kondition und Cleverness."

Im eigenen Saft
Jörg Marwedel (Süddeutsche Zeitung) traut den Mexikanern nach dem 0:0 gegen Angola nicht mehr viel zu:
"Die vermeintlich beste mexikanische Elf der Geschichte, immerhin Vierter der Fifa-Rangliste, ist wieder einmal an ihre spielerischen Grenzen gestoßen. Aus der anfänglichen Selbstsicherheit war Ratlosigkeit geworden, und nun kann sich kaum jemand vorstellen, wie denn in der nächsten Runde die Argentinier oder die Holländer besiegt werden sollen. Natürlich: Die Mexikaner haben ein paar gute Spieler, das hatten sie immer. Aber sie haben auch diesmal nur einen Mann von Weltklasse, nämlich Rafael Marquez vom FC Barcelona. So droht sich die Geschichte zu wiederholen. Und wer eine Erklärung für dieses immer gleiche Spiel sucht, der wird sie noch immer dort finden, wo sie schon immer lag: Profis wie Marquez, die eine Herausforderung in der Fremde suchen, sind die Ausnahme. Die Mexikaner schmoren im eigenen Saft, weil es sich für Fußballer zu gut lebt in dem armen Land, in dem die Unternehmen und einige Milliardäre am liebsten in Fußball investieren und sich eigene Teams leisten."

Tageszeitung: Der weiße Angolaner – zuerst hielt João Ricardo das 0:0 gegen Mexiko fest, nun hofft der vereinslose Torhüter auf einen Vertrag
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Gruppe E

Fernwirkung

Nina Klöckner (Financial Times Deutschland) erlebt die Italiener beim 1:1 gegen die USA unter dem Eindruck des Moggi-Skandals:
"Sie haben sich so fest vorgenommen, für positive Schlagzeilen zu sorgen. Sie wollten den Leuten zeigen, dass sie gewinnen können, auch ohne dass vorher jemand dafür sorgt. Doch wie verunsichert die Mannschaft ist, zeigt sich, sobald nicht mehr alles nach Plan läuft. Der Trubel um den Wettskandal in der Heimat scheint auch im fernen Deutschland noch zu wirken. Viele Kicker der Auswahl wissen weder wo noch in welcher Liga sie demnächst kicken werden. Sie befinden sich auf einer heiklen Mission. Ein Ausscheiden in der Vorrunde wäre eine Katastrophe."

Krieg auf der Festung Betze

Ulrich Hartmann (Süddeutsche Zeitung) verabscheut die Kriegsmetaphern einiger Spieler und die ungehörige Spielweise:
"Vielleicht hatten die Amerikaner diesen Erfolg ganz nüchtern und minutiös in ihrem Militärstützpunkt in Ramstein vorbereitet, jenem Fliegerlager in der Pfalz, in dem sie vor dem Spiel zwei Tage und zwei Nächte zugebracht hatten in nächster Nähe zu ihren Soldaten. Im dazu passenden Jargon hatte der Nationalspieler Eddie Johnson vom Fußball als 'Krieg' und 'Schlacht' gesprochen, und man hatte das schon für eine misslungene Metapher gehalten, bevor sich ein Fußballspiel ereignete, nach welchem der verbal sehr viel bedächtigere amerikanische Torwart Kasey Keller über seine Kameraden sagte: 'Diese Jungs haben heute für ihr Land geblutet!' Das war nicht mal übertrieben. Drei Feldverweise und eine blutende Platzwunde bildeten die Bilanz eines martialisch anmutenden Spiels."

Bernd Müllender (Tageszeitung) pflichtet bei:
"Am vierten Todestag von Fritz Walter (16 Sekunden Gedenkminute) hatten sie mit Leidenschaft gespielt, druckvoll und mit viel Teamspirit, aber auch auffallend schematisch, ohne Pfiff und überraschenden Witz: Schablonen-Soccer vom Reißbrett. Vielleicht war es Soccer, Fußball war es kaum. Eher: Krieg auf der Festung Betze, voller Blutgrätschen, Giftigkeit und am Ende mit drei Platzverweisen."
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Tageszeitung: Mit dem großartigen, irrealen Psychospiel Italien–USA ist das Ende der Vorhersagbarkeit da. Nun kann das Turnier ein großes werden. Und Italien? Muss den Furz im Kopf wieder loswerden
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Frankfurter Rundschau: Totti bleibt die Spucke weg
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Süddeutsche Zeitung: Italiens Trainer nimmt seine Spieler in Schutz
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Neue Zürcher Zeitung: Porträt: Daniele de Rossi, der Übeltäter
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Entfesselter Angriffswirbel

Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) ergötzt sich am 2:0-Erfolg Ghanas über Tschechien:
"Nun ist auch die Suche nach dem Außenseiter beendet, der die Herzen des Publikums erobert. Endlich passierte bei dieser WM einmal das Unerwartete, und sofort adoptierte das Kölner Publikum die ghanaische Mannschaft mit einer Begeisterung, als ob auf dem Rasen der 1. FC Köln noch den Klassenerhalt in der Bundesliga schaffen könnte."
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Ingo Durstewitz (Frankfurter Rundschau) ergänzt:
"Der Auftritt der Black Stars war trotz fehlender Kaltschnäuzigkeit vor des Gegners Tor beeindruckend und hinreißend, leichtfüßig und elegant, athletisch und dynamisch. Die Afrikaner, allesamt technisch perfekt ausgebildet, zelebrierten das Spiel, sie berauschten sich an ihrer eigenen Schönheit. Und sie rissen gar die neutralen deutschen Zuschauer von ihren Sitzen, die voller Inbrunst den Klassiker 'Oh, wie ist das schön' in ohrenbetäubender Lautstärke intonierten. Die Stadt Würzburg begrüßte ihre neuen Helden mit einem rauschenden Empfang. Selbst Karel Brückner, der weise Trainer der Tschechen, rieb sich verwundert die Augen. Einen solch entfesselten Angriffswirbel hatte er, hatte kein Mensch auf diesem Planeten erwartet."
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Auslaufmodell

Roland Zorn beschreibt die Hilflosigkeit der Tschechen (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
"Mit ihren Serienattacken zerbröselten die Ghanaer die verteidigungsunfähige tschechische Defensive. Trainer Karel Brückner sah mit eisiger Miene zu, wie sein Spielkonzept schon nach 66 Sekunden durchlöchert und auch danach nicht mehr zu flicken war. Der 66 Jahre alte Gentleman hatte wie seine Spieler auch Fehler gemacht, indem er sein Team so uninspiriert weiterwurschteln ließ, wie es begonnen hatte."

Freddie Röckenhaus fügt an (Süddeutsche Zeitung):
"Ob eine offensiv so starke Mannschaft wie die Tschechen es so weit kommen lassen musste, ist eine Frage, die sich der vermeintliche Trainer-Professor Brückner nach der WM wird stellen müsste. Selten hat man bei dieser WM so eindrucksvoll sehen dürfen, dass defensives Taktieren zum Auslaufmodell wird. Trotz eines Otto Rehhagel und seiner Griechen – jenem Modell, das bei der EM 2004 noch vorne lag."

Deutsche Elf

"Wir brauchen starke Hierarchien"

Joachim Löw im Interview mit der Süddeutschen Zeitung
SZ: Zu den Abstimmungsproblemen gehört wohl, dass ein Abwehrspieler sagt, man würde auf Abseits spielen und ein anderer sagt, man würde es nicht.
Löw: Wir wollen nicht auf Abseits spielen, das muss man jetzt mal klar sagen. Man hat Arne Friedrich ja vorgeworfen, er sei gegen Costa Rica zweimal zu spät rausgelaufen und hätte damit die Abseitsstellung aufgelöst. Das ist einfach nicht wahr. Da haben sich eindeutig die Innenverteidiger falsch verhalten. Beim zweiten Tor steht Arne völlig richtig, nur ein Innenverteidiger steht falsch. Beide rennen raus, einer hätte bleiben müssen. Wir haben der Mannschaft noch mal eingebläut: Wenn einer rausrückt, müssen sich die anderen zur Absicherung fallen lassen. Wenn Gefahr droht, erst mal zurückweichen! Den Rücken stärken! Das ist das Grundprinzip, nichts anderes. Auf Abseits spielen, das kann vielleicht eine Vereinsmannschaft, die das ein Jahr lang einstudiert.
SZ: Zuletzt war immer wieder auffällig, dass die deutschen Gegner durch Löcher im Mittelfeld spazieren konnten.
Löw: Deswegen haben wir der Mannschaft auch gesagt: Das Zentrum muss zu sein! Wenn außen mal einer frei steht, ist die Situation zunächst mal weniger gefährlich. Aber ein Pass in die Mitte kann, wie man gegen Costa Rica gesehen hat, sofort tödlich sein.
SZ: Sie haben gegen Costa Rica auf Michael Ballack verzichtet. Das wurde gelegentlich als Strafaktion interpretiert und als Versuch, die Hierarchie noch flacher zu machen, nach dem Motto: Du, Michael, bist auch nur einer von 23.
Löw: Auf keinen Fall. Die Hierarchie flacher zu machen, wäre bei unserer jungen Mannschaft das Falsche. Wir brauchen eher stärkere Hierarchien. Aber in Michaels Fall hat der Arzt eben am Spieltag nach der Kernspin gesagt: Vorsicht, der Muskel ist noch nicht in Ordnung, auch wenn Michael vielleicht nichts mehr spürt. Der Arzt hat gesagt, ein Einsatz sei ein hohes Risiko, und deshalb haben wir gesagt: Michael, nein!
SZ: Wenn man Sie über Taktik reden hört, drängt sich die Frage auf: Ist Deutschland überhaupt eine Klinsmannschaft? Oder ist es nicht eher eine Löw-Mannschaft?
Löw: Das kann man nicht beantworten. Diese Mannschaft ist ein Produkt gemeinsamer Arbeit.
SZ: Aber Sie sind ja nicht mehr der klassische Assistent. Zumindest ist in der Nationalmannschaft noch nie so viel über Taktik gesprochen worden.
Löw: Mir geht es darum, dass wir in Deutschland lernen müssen, im Training noch seriöser zu arbeiten. Das sind oft einfache Dinge: Wenn ich als Trainer sage, der Ball muss flach gespielt werden und er kommt in 30 Zentimeter Höhe angeflogen, dann ist das falsch. Dann muss ich sagen: Fehler, Übung nicht korrekt ausgeführt. Ich habe vor drei Jahren bei Barcelona hospitiert, und da gab's eine Übung: Ein Abwehrspieler spielt einen 20-Meter-Flachpass ins Mittelfeld, ein Mittelfeldspieler nimmt den Ball an, aber natürlich nicht mit dem Rücken zum Tor, und spielt ihn direkt weiter in die Spitze, scharf und flach. Der Stürmer nimmt den Ball an, macht eine Finte und schießt. Wenn diese Aktion abgeschlossen ist, geht's hinten wieder los, und das machen die hundertmal. Hundertmal! Und im Spiel kommt der Ball nicht auf die Brust oder ans Knie, sondern?
SZ: Flach.
Löw: Flach, genau. Wer hier die Spanier gesehen hat, weiß, was ich meine.
SZ: Kann man das so einfach auf Spieler von Hannover 96 oder Hertha BSC Berlin übertragen?
Löw: Wir versuchen das. Klar gab's am Anfang der Vorbereitung mal das eine oder andere Problem. Wir haben den Spielern gesagt: Wir wollen das aber so, das ist unsere Vorstellung, und wenn wir verschieben, dann bitte nicht so, sondern anders. Wir sind von unserem Ansatz überzeugt, und deswegen arbeiten wir dran. Und ich glaube, dass die Spieler inzwischen mehr Fußball denken. Sie spielen weniger intuitiv, sie machen mehr Dinge bewusst. Und unterm Strich laufen sie dann in einem Spiel weniger und sparen mehr Kraft, als wenn sie vor sich hin kicken. Natürlich war unsere Fitness gegen Polen vor allem deshalb gut, weil wir daran viel gearbeitet haben – aber auch, weil wir strukturierter spielen. Das geht noch nicht immer, siehe Costa Rica, das war nicht immer diszipliniert, da war viel Überschwang und Nervosität. Aber im Prinzip wird das immer besser.
SZ: Sollte die deutsche Elf eine gute WM spielen, würde das auch Ihnen als Erfolg angerechnet. Ist diese WM Ihre große Karrierechance?
Löw: Ich fühle mich in der gegenwärtigen Konstellation sehr wohl. Mein Arbeitsbereich ist absolut zufriedenstellend, und ich habe Verantwortung.
SZ: Machen Sie Ihre Karriere von Jürgen Klinsmann abhängig oder haben Sie eigene Pläne? Löw: In erster Linie mache ich meine Entscheidung von Jürgen abhängig. Ich habe erstmals in meinem Leben keinen Zukunftsplan. Die Situation ist eben so, dass erst nach der WM entschieden wird, und Jürgen wird mein erster Ansprechpartner sein. Wir werden uns fragen: Was wurde erreicht, wie geht's weiter?
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Frankfurter Rundschau: Joachim Löw verschafft sich zunehmend Anerkennung
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Süddeutsche Zeitung: Aus dem Zauderer Klose ist ein aggressiver Torjäger geworden
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Die Welt: Interview mit Michael Ballack
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Frankfurter Rundschau Interview mit Ballack
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freistösse des tages

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