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15.6.2006

Presseschau vom 15.06.2006

In der aktuellen Presseschau: Der knappe Sieg der deutschen Mannschaft gegen Polen. Außerdem wird über Patriotismus debatiert. Und: Der Prämienstreit in Togo.

In der aktuellen Presseschau: Der knappe Sieg der deutschen Mannschaft gegen Polen. Außerdem wird über Patriotismus debatiert. Und: Der Prämienstreit in Togo.

Deutsche Elf

Das Maximum rausgeholt

Achim Achilles (Spiegel Online) feiert Jürgen Klinsmanns Sieg:
"1. Unsere Jungs waren ungewöhnlich schnell am Ball und sind gerannt bis zur letzten Sekunde. Sollte das Training dieses US-amerikanischen Sprinttrainers Mark Verstegen tatsächlich geholfen haben? 2.Unsere Jungs waren taktisch erstklassig eingestellt. Sollte Joachim Löw womöglich doch etwas mehr von Strategie verstehen als 80 Millionen Hobby-Trainer? 3. Unsere Jungs waren ein Team. Sollte dieser Klinsmann ein Meister der Motivation sein, der aus einer Republik von Jammerlappen die richtigen Kerle herausgefischt hat? Seit dem Spiel gegen die widerspenstigen Polen macht sich nun langsam eine Ahnung breit, dass sich dieser kalifornische Schwabe vielleicht doch ganz schlau überlegt hat, wie man Spitzenklasse liefert, wenn man nicht mehr als nur solides Personal zur Verfügung hat. Jürgen Klinsmann hat gestern nahezu das Maximum dessen rausgeholt, was aus dieser Truppe herauszupressen ist."
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Sause

Cai Tore Philippsen (faz.net) ergänzt:
"Es war ein großartiges Fußballspiel mit enormer Intensität, viel Tempo, taktischer Disziplin und unzähligen Chancen. Seit dem Confederations Cup ist dem Team nicht mehr eine so überzeugende Leistung gelungen. Und wie vor einem Jahr wird die Mannschaft von einer unglaublichen Begeisterung auf den Rängen und im ganzen Land getragen. (...) Klinsmann hat die Begeisterung in Deutschland ausgelöst, von der er schon vor zwei Jahren gesprochen hat, als viele ihn für einen von der kalifornischen Sonne verwöhnten Spinner hielten. Hoffentlich hält der Jubel noch lange an."
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Thomas Becker (sueddeutsche.de) hüpft vor Freude:
"War das nicht eine wunderbare Fußballsause, von der ersten bis zur allerletzten Minute? Wann zuletzt hat man eine deutsche Mannschaft so entfesselt stürmen sehen? Gab es jemals so viele Torchancen für deutsche Stürmer? Wie oft passiert es, dass ein Team den gegnerischen Pfosten zweimal innerhalb von einer Sekunde trifft? Zu solchen Teams ist der liebe Fußballgott manchmal ganz lieb und schenkt ihnen in der Nachspielzeit doch noch ein Tor."
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Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben

Sabine Heymann liest italienische Zeitungen:
"Wenn die squadra azzurra bei der WM nicht selbst spielt, verdrängt die Politik den Sport von den ersten Seiten der italienischen Tageszeitungen. Nur in der römischen La Repubblica schafft es ein Kommentar zum Fußballskandal Calciopoli auf Seite 1. Da geht es um das beunruhigende Phänomen der "fuga di notizie" – des ständigen Durchsickerns von hochsensiblen Informationen an die Öffentlichkeit, das seit Beginn der Ermittlungen den Staatsanwälten das Leben schwermacht, weil es den Beschuldigten ermöglicht, nach der anfänglichen "Schweigemauer" eine schlagkräftige Verteidigungsstrategie aufzubauen. Beim Corriere della Sera geht es um Sport und Politik, mitten auf der Titelseite prangt ein heiteres Foto vom Besuch Romano Prodis bei Angela Merkel mit der Nachricht von einem launigen Wortgeplänkel zwischen den beiden Regierungschefs: Auf die Einladung Merkels, sich während der WM ein Spiel der Azzurri seiner Wahl gemeinsam anzusehen, antwortete Prodi: "Ich komme zum Finale Italia-Germania!" – worauf Merkel mit dem Sprichwort "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!" geantwortet haben soll.

Der Sportteil des Corriere widmet den drei Spielen des Vortags jeweils eine Seite. "Polen k.o. in der 91. Minute. Deutschland kommt mit Ach und Krach voran" ist der Titel eines Berichts zum Deutschland-Spiel, die Einzelkritik hebt "Neuville, den Bomber mit einer Mutter aus Kalabrien" hervor: "Ein Blitz. Und es ist Deutschland. Vor den Augen Angela Merkels und Franz Beckenbauers schafft es Neuville, die Mannschaft für das Achtelfinale zu qualifizieren. Die Wende kommt, als das Ergebnis schon auf 0:0 festgelegt scheint. Die Deutschen haben alles getan, um Tore zu schießen und zweimal, innerhalb von drei Sekunden, haben sie den Balken getroffen. (...) Jürgen Klinsmann hat seine Mannschaft verwandelt. Bienenfleißig, zwar nicht in der Favoritenrolle, aber zum Sieg entschlossen, und zwar auf die einzige Weise, die zum Überleben geeignet ist: mit 100 km/h, mit frenetischer Geschwindigkeit. (...) Die Beinarbeit der Mannschaft ist bescheiden, die Ideen sind nicht genial, Ballack spielt, fasziniert aber nicht. Um den Titel zu gewinnen, müssen die Deutschen noch mehr geben. (...) Klinsmann flippt aus vor Glück. Und Deutschland mit ihm." Der Corriere della Sera staunt über David Odonkor: "Explosive Kraft und eine beeindruckende Geschwindigkeit, ein Flügelmann, wie man ihn zur Zeit in Europa selten findet." Über Michael Ballack: "Ballack schön frisiert, ein wiedergefundener Kapitän, der aus Angst um seine Haare keine hohen Bälle annimmt ..." Über Miroslav Klose: "Oba Oba Kloses Purzelbäume sind aufgeschoben, vielleicht bis zum Spiel gegen Ecuador." Über Oliver Neuville: "Kalabresische Mutter, spricht fließend Italienisch, Inter-Fan, eine Zukunft in Italien, die tausend Mal angekündigt und tausend Mal dementiert wurde." Die kurze Verweildauer von Lehmanns ausgespuckten Kaugummi bei Ebay veranlasst den Kommentator zu der mokanten Bemerkung: "Im bienenfleißigen Deutschland von Meister Klinsmann wird nichts weggeworfen. Nicht einmal der Müll."

Einfacher, Papst zu werden

"Deutschland weiter, mit dem letzten Schuss. Ballack enttäuscht, Neuville entscheidet. Polen praktisch eliminiert", titelt La Repubblica, die dem Spiel lediglich eine hintere Seite des "Mondiali"-Buches reserviert. Klinsmann wird ein glückliches Händchen bescheinigt:
"Die von den Medien schlecht behandelte Mannschaft ist wieder da, vielleicht ist es kein Zufall, daß sie mit der Rückkehr Ballacks wiederauferstanden ist: dem Fußballgott, der ein langes Gesicht zog, weil er beim Eröffnungsspiel auf die Bank verbannt war. Er hat Bälle verteilt, die nicht banal waren, aber am Ende waren es die Ersatzspieler, die das Spiel entschieden haben: Odonkar, der Junge, der zur WM gestoßen ist, ohne jemals in der Nationalmannschaft gespielt zu haben und Neuville, der ehemalige Stümper. Klinsmann jedenfalls hat mit seinen Auswechselspielern ins Schwarze getroffen." Abschließend heißt es: "Das Spiel ist jedenfalls ein Fest der beiden Fan-Gemeinden gewesen: Ein deutscher Fan hielt im Stadion eine Schrifttafel mit dem Papst und dem Pokal hoch, darunter die Zahlen 2005 und 2006. Als ob er sagen wollte, voriges Jahr sind wir Papst geworden, dieses Jahr Weltmeister. Selbst angesichts dieses zweiten Sieges der deutschen Mannschaft wird es sicher einfacher gewesen sein, Papst zu werden."

Totalitär

Rüdiger Barth und Bernd Volland (Stern), die gerade ein Buch über Michael Ballack geschrieben haben, urteilen hart über Klinsmanns Führungsstil:
"Klinsmann, der Revolutionär, scheint immer mehr den Weg vieler Revoultionäre zu beschreiten. Es sind dies Menschen, die ein großer Freiheitsdrang treibt, weil sie fremde Kontrolle schwer ertragen können. Doch wenn sie selbst an der Macht sind, ertragen sie keine Kritiker, aus Angst vor Kontrollverlust. Zweifel empfinden sie als Verrat. Und allem zugrunde liegt die Bereitschaft zum Alles-oder-Nichts, die zur Kompromisslosigkeit liegt. Klinsmanns Nichts heißt Kalifornien. Vielleicht kann man wo wirklich Weltmeister werden. Aber das Ganze erinnert auch ein wenig an den Liebreiz totalitärer Systeme. Im Tross der Deutschen herrscht natürlich keine Angst, Gott bewahre, auch wenn immer wieder Geschichten aus dem Schlosshotel Grunewald dringen, wie Mitarbeiter aus dem Stab abgekanzelt werden, wenn sie nicht sofort funktionieren. (...) Es wird sich zeigen, ob es nicht ein Widerspruch ist, ein forsches, mutiges Spiel zu fordern, aber im Team am liebsten Konfirmanden um sich zu scharen."

Ball und Buchstabe

Zum Patriotismus verpflichtet

Michael Eder (Frankfurter Allgemeine Zeitung) hat einen Kommentar über (Fußball-)Patriotismus verfasst, zu dem sich viele Leser im faz.net-Forum geäußert haben:
"Müssen wir uns schwarz-rot-goldene Farbe ins Gesicht schmieren und läppische Hüte tragen? Müssen wir jeden Morgen die deutsche Flagge an unserem Auto hissen? WM-Brötchen essen? Lidl-WM-Aktionsbier trinken? Müssen wir in Bild lesen, daß wir Costa Rica kurz und klein hauen? Müssen wir uns Marcel Reifs überhebliche Kommentare über diesen wahnsinnig schwachen Gegner zu eigen machen, der gerade mal zwei Glücksschüsse schwächer war als unser Wunderteam? Aber das ist nicht alles, wir sind neuerdings ja nicht nur zum Patriotismus verpflichtet, sondern auch zu kompromißloser Gastfreundschaft. A warm welcome, Mister Hooligan, you can sleep in my Schrebergarten, no problem! Und während wir auf dem Weg zu einem weltoffenen Nationalstolz noch das Grinsen unseres Bundespräsidenten üben, haben wir ein klitzekleines Problem: kein einziges Ticket für kein einziges Spiel. Wir bleiben daheim – echte Patrioten. (...) Darf man das schreiben? Oder wird einem dann die Staatsbürgerschaft entzogen?"
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Stellenweise ist das Verhalten der Deutschen mehr als peinlich

Zwei von vielen Lesermeinungen:
"In was für einem Land möchten Sie denn leben, Herr Eder? Da Sie schon über den 'Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft' schreiben, mal eine Gegenfrage: Welches Land wäre Ihnen denn bezogen auf den Nationalstolz genehm? In keinem anderen Land ist es derart verpönt, seine eigene Flagge zu hissen wie in unserem. Wieso kann man sich nicht einfach über die WM freuen und dies mit seiner Landesflagge demonstrieren?! Ist es nicht langsam an der Zeit, die Selbstkasteiung zu beenden und wieder ein gesundes Verhältnis zu seinem Land zu entwickeln? Die WM ist dazu eine gute Gelegenheit. Wenn Sie sich hier während der WM nicht wohl fühlen, dann nutzen Sie doch einfach eins dieser schönen 'WM-Flucht Angebote' aus dem Reisebüro. Denn wie aus den anderen Kommentaren ersichtlich, würden Sie doch recht wenige Leser vermissen."

"Ich kann den Kommentar von Michael Eder sehr gut nachvollziehen und kann eigentlich nur noch einen draufsetzen: Wen interessiert es eigentlich, welche Nation, hier, wie abschneidet. Ich bin nicht stolz darauf, das es einen Lehmann oder Frings gibt, ich bin nicht stolz auf meine Herkunft, gemessen an der Nationalität, denn das war blanker Zufall. Was würde ich nun machen, wenn ich aus Bangladesh komme? In welche Nationalitäten-Schublade sollte ich mich dann pressen?! Riesengroßer Schwachsinn für die von Minderwertigkeitskomplexen gezeichneten Deutschen, die sich aufführen, wie ein wildgewordener Haufen Dummköpfe. Es scheint bald so, das sich das ganze Land darauf gefreut hat einmal die Fahnen zu schwenken, ohne dabei als Nationalist verurteilt zu werden. Ich bin weiterhin für einen sportlichen Wettkampf, der nicht im Zeichen von Nationalitäten und Herkunft stehen sollte. Stellenweise ist das Verhalten der Deutschen mehr als peinlich!"
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Unterhaltsame Wende

Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) ergänzt:
"Praktische Stadien und häßliche Maskottchen gibt es überall auf der Welt. Vielleicht hat man bei dieser etwas angestrengten Suche nach deutschen Symbolen vernachlässigt, daß gerade in ihrer Abwesenheit ein gewisser Wert liegt. Ein Zeichen von Normalität in einem Land, das nach Symbolen von Normalität nicht mehr zwanghaft Ausschau halten muß. Vielleicht muß man auch nur ein bißchen genauer auf die deutsche Mannschaft und ihre Fans blicken, um das eigentlich Neue zu entdecken: Das veränderte Spielsystem inklusive der akzeptierten Ungewißheit signalisiert eine unterhaltsame Wende." Ludger Schulze (SZ) fügt an: "Ein wesentlicher Teil der Faszination des Sports besteht in der Identifikation mit der einen oder anderen Gruppe, mit dem Heimatverein, dem regionalen Bundesligaklub oder der Nationalmannschaft. Ohne diese Parteinahme macht die Sache einfach weniger Spaß. Aber hier sei die bedingungslose Forderung gestellt, ab sofort alle Menschen so patriotisch sein zu lassen, wie es ihnen gefällt. Selbst wenn sie nicht mehr Nationalstolz besitzen als ein Telegrafenmast oder eine Verkehrsinsel."

Gekapert

Arne Perras (Süddeutsche Zeitung) kommentiert den togoischen Prämienstreit:
"Togo hat seinen deutschen Coach zwar erst mal wieder, und die Spieler sollen ihr Geld angeblich doch noch bekommen. Aber die Probleme, die hinter dem Skandal stecken, sind dennoch ungelöst. Sie reichen weit hinein in die Politik eines autoritären Regimes, das den Fußball für seine Machtinteressen kapert. Die Affäre um das Togo-Team wirft ein Schlaglicht auf die teils ruinöse Verquickung von Politik und Sport, die zwar nicht allein auf dem afrikanischen Kontinent, aber dort doch in besonderem Maße zu beobachten ist. (...) Die togoischen Autokraten scheuen sich nicht, sportliche Erfolge für den politischen Personenkult zu missbrauchen. Zum Beispiel nach der Qualifikation für die WM: Da brachten die Machthaber das Nationalteam dazu, sich vor dem Grab des Diktators zu verneigen. So versucht ein Polizeistaat, sich mit dem Lorbeer seiner Spieler zu schmücken. Wenn die WM allerdings dazu dienen sollte, den Herrschern in Togo Glanz zu verleihen, so ist die Strategie wohl gründlich schief gegangen. Denn die Spieler, die ihre versprochenen Prämien einforderten, waren zornig genug, um offen zu rebellieren. Der Schaden für die Regierung und seinen dubiosen Verbandschef ist also offenkundig, der Vorwurf der Korruption drängt sich unweigerlich auf."

Im Fußball-Geschäft waren die Patriarchen nie weg

Tobias Moorstedt und Jakob Schenk (Süddeutsche Zeitung) deklinieren das Fortpflanzungssystem Fußballwelt:
"Der Fußball ist nicht, wie manchmal behauptet wird, der Spiegel seines Landes. Die Fußballer zeigen ein Bild, das eher einem Familiengemälde aus dem 19. Jahrhundert gleicht: kleine Kinder, schöne Gattin und in der Mitte der Patriarch. In früheren Zeiten zogen Profis wie Günter Netzer von Disko zu Disko und inszenierten ihren materialistischen Hedonismus. Seine Nachfolger stellen sich nicht nur der fußballtaktischen, sondern auch der demographischen Herausforderung. Das 'Familien-Trainingslager' auf Sardinien hätte gut als Werbespot des Familienministeriums dienen können: die Kerle gehen arbeiten, ihre Damen an den Strand. In Klinsmanns Rhetorik spielen Freundinnen und Familie eine wichtige Rolle – als Kordon gegen Hybris und Hysterie der Mediengesellschaft. Vor einigen Wochen machte der Publizist Phillip Longman mit der These Furore, die Rückkehr des Patriarchen stehe kurz bevor. Im Fußball-Geschäft waren die Patriarchen nie weg. (...) Der moderne Fußball, oder besser, das Geschäft, das mit ihm gemacht wird, wirkt auf unschuldige Betrachter trotz des Glamours manchmal wie eine Anti-Utopie, in der Leistungspotential nüchtern in Dollar abgewogen, die Heimat an einen multinationalen Konzern verkauft werden und ein Stolperer im falschen Moment eine Karriere beenden kann. Moderne Manager wie der Münchner Uli Hoeneß wünschen sich 'alte' Arbeitnehmer, die, statt lediglich projektorientiert zu denken und mitten in der Saison in die nächste Metropole weiterzufliegen, sich im Verein verwurzeln. Auch deshalb wird die Familie von den Vereinsoberen gefördert. Beim Transferpoker um Michael Ballack wiesen die Bayern wiederholt darauf hin, seine Familie fühle sich am Starnberger See sehr wohl. Von Otto Rehhagel ist der Satz überliefert: Ich stelle nur verheiratete Männer auf, weil die keine Flausen im Kopf haben. Weil Fußballer früher erwachsen werden – im Sinne der Versorgungssicherheit – und früher Kinder kriegen, werden sie auch früher alt. Ihre Midlife-Crisis kommt schon mit Mitte 30. Von den 22 Spielern der deutschen Weltmeister-Elf von 1990 sind heute nur noch drei mit ihren damaligen Ehefrauen zusammen."

"Ich sehe mich als Dienstleister"

11-Freunde-Interview mit einem anonymen Ticket-Schwarzhändler
"11 Freunde: Eigentlich müssten Sie doch während der WM arbeitslos sein?
Schwarzhändler: Warum?
11 Freunde: Das OK hat schließlich in den vergangenen Jahren alles getan, um Schwarzhändler an ihrer Arbeit zu hindern.
Schwarzhändler: Das ist aber nur sehr bedingt gelungen. Das OK hat mit seinen Störversuchen lange Zeit vor allem Trittbrettfahrer abgeschreckt, die während einer WM nur mal ein paar Karten anbieten. Das hat sich erst seit dem Urteil zu Gunsten des Ebay-Käufers geändert. Professionelle Schwarzhändler haben aber auch schon davor an ihre Geschäftschancen geglaubt und deswegen entsprechend investiert.
11 Freunde: Wie viele professionelle Schwarzhändler gibt es rund um die WM?
Schwarzhändler: Ich schätze, dass hundert professionelle Schwarzhändler mit WM-Karten handeln.
11 Freunde: Und deren Geschäfte laufen besser denn je?
Schwarzhändler: Da muss man differenzieren: Die Gewinnmargen liegen zwar höher denn je, nämlich bei ungefähr 300 Prozent. Allerdings ist der Handel sehr eingeschränkt, da er Zugang zu Karten durch das Ticketing-System erschwert worden ist. Deshalb bin ich beispielsweise nicht an so eine große Menge Karten rangekommen wie bei früheren Turnieren.
11 Freunde: Wie viele Karten haben Sie trotzdem ergattert?
Schwarzhändler: Deutlich mehr als 100.
11 Freunde: Das ist ja immerhin mehr als der Durchschnittsfan hat. Wie haben Sie das gemacht?
Schwarzhändler: Das hat natürlich viel mit Know-how zu tun. Ich mache das ja nicht erst seit ein paar Monaten, sondern seit einigen Jahren. Die Schwarzhändler-Profis haben ständig ausgekundschaftet, wie man an Karten kommen kann, und zwar ab dem Zeitpunkt, an dem das OK sein Ticketing-System vorgestellt hat.
11 Freunde: Verraten Sie uns einen Ihrer Tricks?
Schwarzhändler: Das sind gar keine besonderen Tricks, da hätte jeder drauf kommen können. Es mag sein, dass der normale Fan stur Karten für irgendwelche Höhepunkte bestellt hat, zum Beispiel für die Gruppenspiele der Deutschen oder für das Endspiel. Da waren die Chancen natürlich sehr gering, in der offiziellen Tombola bedacht zu werden. Wenn man aber in einer frühen Verkaufsphase die Situation in den Qualifikationsgruppen analysiert und ein wenig spekuliert hat, dann konnte man sehr einfach an komplette Serien rankommen. Wenn Teams wie Ghana jetzt erwartungsgemäß nach der Vorrunde ausscheiden, hat man dennoch Karten für je ein Spiel vom Achtelfinale bis zum Endspiel. Und das sind die für den Schwarzmarkt richtig interessanten Tickets.
11 Freunde: Und haben Sie ihre Tickets auch über Ebay vertickt?
Schwarzhändler: Nein, die Internet-Auktionen sind mir zu gefährlich, weil das leicht zu verfolgen ist. Ich bevorzuge den klassischen Verkaufsweg über Inserate.
11 Freunde: Wenn Sie schon Ebay meiden: Hatten Sie also auch lange Zeit Respekt vor dem Umschreiben?
Schwarzhändler: Das Umschreiben schien in der Tat ein große Hürde zu sein, vor allem beim Verkauf der Tickets ins Ausland. Das ist ja in letzter Zeit doch erheblich gelockert worden und kein großes Hindernis mehr. Es ist aber dennoch irgendwie auffällig, wenn ich Tickets aus Deutschland an einen Engländer übertrage.
11 Freunde: Verkaufen Sie also nur in Deutschland?
Schwarzhändler: Nein, die Engländer und Holländer kaufen grundsätzlich alles, auch auf die Gefahr hin, Probleme mit dem Umschreiben zu bekommen. Sie wollen jede Chance nutzen, dabei sein zu können, wenn ihre Teams spielen. Bei den letzten großen Turnieren waren ja teilweise 70 bis 80 Prozent der Zuschauer bei holländischen Spielen in Oranje gekleidet. Das geht natürlich nur über sehr große Zuläufe vom Schwarzmarkt.
11 Freunde: Wie wollen Engländer und Holländer dann in Deutschland ins Stadion kommen? Die Karten müssen ja immer umgeschrieben werden.
Schwarzhändler: Theoretisch schon. Aber können Sie sich wirklich vorstellen, dass die WM-Organisatoren einem Fan den Zutritt zum Stadion verweigern wollen, wenn der eine reguläre Karte für mehrere hundert Euro erworben hat und um Einlass bittet? Ich möchte mir das Szenario nicht ausmalen, wenn die deutschen Ordnungskräfte mehreren tausend Holländern oder Engländern den Einlass verweigern – mit der Begründung, dass ihre Karten ungültig seien. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ins Sicherheitskonzept der WM passt . (...) Die Erfahrung hat gezeigt, dass gerade Sponsoren-Tickets recht häufig nicht genutzt werden, weil die feinen Herren für ein unwichtiges Spiel dann doch nicht durch das ganze Land reisen wollen. Und wenn darüber erst mal in der Presse diskutiert werden sollte, wird das OK letztlich über jeden Zuschaue froh sein und vielleicht auch den Schwarzmarkt dulden.
11 Freunde: Haben Sie eigentlich ein schlechtes Gewissen, wenn Sie Fans das Geld aus der Tasche ziehen?
Schwarzhändler: Nein, keineswegs. Ich sehe mich als Dienstleister. Es ist ja immer noch die Entscheidung eines Fans, ob ihm das Spiel einen hohen Preis wert ist. Dann bin ich derjenige, der ihm den Zugang zum Stadion ermöglicht. Ohne Leute wie mich, müsste er definitiv draußen bleiben.
11 Freunde: Der Gastgeber und die Fußballvereine verfolgen dennoch Ihre Tätigkeiten. Fühlen Sie sich zu unrecht kriminalisiert?
Schwarzhändler: Definitiv. Es ist doch absurd, dass man bei der WM Zehntausenden von Fußballfans den Zugang zum Stadion erschwert, nur um die hundert Schwarzhändler einzuschüchtern, die sowieso bei gerade mal 10 oder 20 der 64 Spiele richtig Geld verdienen. Ich sehe nicht Unrechtes daran, andere Menschen glücklich zu machen, indem man ihnen den Zugang zu einem Ereignis sichert, das diesen Menschen sehr wichtig ist. Ich würde es auch durchaus akzeptieren und vielleicht sogar begrüßen, wenn ich ein ganz normales Gewerbe anmelden könnte und dann Steuern zahlen würde."

Frankfurter Allgemeine Zeitung: über den Ticket-Schwarzmarkt
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Netzeitung: Schon mehrere Teams haben sich über den Zustand der Rasen in den Stadien beschwert; ein "Geheimmittel" könnte Abhilfe schaffen"
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Berliner Zeitung: In Schwedens Elf schwelen vor dem Spiel in Berlin die Konflikte zwischen den Führungsspielern
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Süddeutsche Zeitung: Hollands Stürmer van Nistelrooy sucht bei der WM nach seiner Form und wohl auch nach einem neuen Verein. Der FC Bayern scheint schwer interessiert
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Gruppe F

Es steht Schlimmes zu befürchten für Brasilien

Jens Weinreich (Berliner Zeitung) sieht nach dem 1:0 gegen Kroatien schwarz für Brasilien:
"Eine der drei Dutzend Fernsehkameras, die die Bilder aus den Stadien in alle Welt senden, hatte bei dieser spielentscheidenden Aktion allein Ronaldinho im Blick. Der Weltfußballer beobachtete Kaka, blieb breitbeinig stehen und imitierte mit der rechten Hand eine Pistole. Schieß, schieß!, sollte das heißen. Ronaldinho imitierte zwei Schüsse. Es war seine beste Szene. (...) Es bestätigte sich jener Eindruck, den man schon bei den ersten WM-Trainingseinheiten der Seleção gewinnen konnte: Ronaldo ist in einer grauenvollen Verfassung. Und Adriano, der beim Confederations Cup mit seiner Explosivität und Wucht beeindruckte, schleppt sich auch nur müde über den Rasen. Parreira hatte versprochen, Adriano, der auf eine schlechte Saison für Inter Mailand zurückblickt, werde im Kreise seiner Spielgefährten in der Seleção aufblühen. Davon ist nichts zu sehen. Und so steht Schlimmes zu befürchten für Brasilien."
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Gruppe G

Das WM-Antiquariat

Ralf Itzel (Berliner Zeitung) drückt seine Enttäuschung über die Franzosen beim 0:0 gegen die Schweiz aus:
"Die Franzosen, einst als brillante Zauberer verehrt, sind tief gesunken. Sie haben die Minimalisten-Rolle von den nun leidenschaftlicheren Italienern übernommen. Erschreckend, wie wenig Eroberungsgeist und Intensität sie gegen die spielerisch limitierten Eidgenossen entwickeln konnten. Frankreichs Kader ist der älteste der WM. Fünf in der Startelf waren 34 Jahre oder älter, nur zwei unter 28."
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Christian Zaschke (Süddeutsche Zeitung) schaut und lauscht beim 2:1 Südkoreas gegen Togo in die Fan-Kurven:
"Es war eine weitgehend niveauarme Begegnung. Das galt freilich nicht für das Spektakel drumherum. Die koreanischen Fans sangen lauter und ausdauernder als die Engländer, die am Samstag Frankfurts Stadion bevölkert hatten. Wann immer zudem ein koreanischer Spieler sich dem togoischen Strafraum näherte, setzte Lärm ein, ein Kreischen wie beim Konzert einer Teenieband."

freistoß des tages

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Die Fußball-Presseschau zur Fußball WM 2006 wird in Zusammenarbeit mit indirekter-freistoss.de erstellt. Dort können Sie auch einen E-Mail-Newsletter abonnieren und sich die Presseschau täglich in Ihr Postfach kommen lassen.
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