30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
zurück 
12.6.2006

Presseschau vom 12.06.2006

Heute in der Presseschau: Der Prämienstreit wirft einen dunklen Schatten auf den togoischen Fußballverband. Dazu Otto Pfister, Ex-Trainer Togos, im Interview. Außerdem wird die Lage zur deutschen Fußballnation erläutert. Und: Englands schwacher WM-Einstieg.

Heute in der Presseschau: Der Prämienstreit wirft einen dunklen Schatten auf den togoischen Fußballverband. Dazu Otto Pfister, Ex-Trainer Togos, im Interview. Außerdem wird die Lage zur deutschen Fußballnation erläutert. Und: Englands schwacher WM-Einstieg.

Ascheplatz

Berechtigter Streik

Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) billigt den Prämienstreik der togoischen Spieler:
"Der Fall hat nichts mit der latent rassistischen Wahrnehmung zu tun, dass die Afrikaner halt so seien und immer so ein lustiges Durcheinander produzieren. Die größte Behinderung beim Fortschritt des Fußballs in Schwarzafrika ist vielmehr genau jene, die auch den sozialen oder wirtschaftlichen Entwicklungen im Weg steht. In vielen Ländern sind gerade die sozialen Eliten die größten Ausbeuter ihrer Völker. Das Beispiel Togos macht anschaulich, wie so etwas funktioniert: Das Geld von der Fifa und von Sponsoren, das Togos Kicker durch gute Leistungen für ihren Verband eingespielt haben, landet nicht einmal zu einem Teil bei ihnen. Der Verband ist durch dieses Geld plötzlich zu einer interessanten Adresse für alle geworden ist, die sich etwas in die Tasche stecken wollen. Es mag nachvollziehbar sein, dass der ein oder andere die Gelegenheit nutzen will, auf diese Weise zu einer Reise nach Europa zu kommen. Genau so verständlich ist es aber, dass Togos Spieler solchen WM-Tourismus nicht finanzieren wollen, indem sie auf zugesagte Prämien verzichten. Zumal längst nicht alle Spieler aus dem armen Land so hoch dotierte Verträge haben wie Stürmerstar Adebayor. Ihr Streik ist berechtigt gewesen."

Süddeutsche Zeitung:: Pfister verlässt wegen eines seit Monaten offenen Prämienstreits die Mannschaft
Mehr auf sueddeutsche.de ...

Das sind gute Jungs, die haben nichts falsch gemacht

Otto Pfister, der zurückgetretene Trainer Togos, im Interview mit Andreas Burkert (Süddeutsche Zeitung)
"SZ: Am Samstag haben die Verantwortlichen des togoischen Fußballverbandes den Wunsch geäußert, Sie mögen Ihren Rücktritt vom Freitag bitte noch einmal überdenken. Spieler und Verband meinten, vielleicht sehe alles wieder anders aus, wenn Sie eine Nacht drüber geschlafen hätten. Konnten Sie überhaupt schlafen?
Pfister: Natürlich konnte ich schlafen! Obwohl mich in beiden Nächten nach meinem Rücktritt mehrere Spieler zuhause angerufen haben. Mein Entschluss steht allerdings, ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht zurückkomme. Außerdem hat niemand aus dem Verband Kontakt mit mir aufgenommen. Natürlich bin ich deshalb am Boden zerstört, denn das wäre meine erste WM gewesen. Aber ich habe eine rein professionelle Entscheidung getroffen, und dazu stehe ich.
SZ: Mitten in der Nacht haben Sie also mit WM-Spielern Togos telefoniert? Pfister: Ja, aber ich werde jetzt keine Namen nennen. Ich muss jetzt das Leben der Spieler schützen, denn Sie wissen ja, was sie mit Pierre Womé gemacht haben, dem Nationalspieler aus Kamerun von Inter Mailand ...
SZ: ... der mit einem verschossenen Elfmeter in der Nachspielzeit der letzten Relegationspartie die WM-Qualifikation Kameruns verhinderte. In seiner Heimat haben sie sein Haus zerstört.
Pfister: Genau, und ich weiß doch, was jetzt in Togo los ist. Aber wenn Leben gefährdet sind oder Kinder verletzt werden können, dann ist sofort Schluss bei mir. Und das ganze Land wird jetzt leider erstmal auf die Spieler losgehen, obwohl sie gar nichts dafür können. Deshalb habe ich den Spielern am Telefon auch gesagt, dass sie professionell denken müssen, und dass sie an ihre Zukunft und an ihr soziales Umfeld denken sollen. Genau so habe ich denen das wortwörtlich gesagt, diese Passage habe ich extra aus meinen Teamsitzungsunterlagen herausgeschrieben. Sie müssen an sich und ihre Familien denken, an ihre Sicherheit. Deshalb müssen sie die WM auch spielen.
SZ: Wieso zahlt der Verband partout nicht die verabredeten Prämien?
Pfister: Wie so vieles in einem armen Land dreht sich natürlich alles ums Geld. Dabei wollten die Spieler doch gar nicht das Geld dieses armen Landes haben! Sondern sie wissen natürlich, dass schon eine Tranche aus dem Antrittsgeld der Fifa geflossen ist. Die Spieler sind nicht unverschämt, sie verlangen keinen Pfennig, für den dieses arme Land aufkommen müsste. Und sie haben ja auch nicht das ganze Geld von der Fifa verlangt, sondern nur einen Teil davon. Es gibt ja auch noch Sponsorengeld vom Ausrüster, das ist noch einmal erhöht worden, und von einer italienischen Getränkefirma, oder für ein Testspiel in Saudi-Arabien. Die Spieler wissen, dass dieses Geld geflossen ist, und jetzt fragen sie sich: Wo wandert das viele Geld hin? Verschwindet es in dunklen Kanälen? Das ist alles sehr schade, denn schon beim Afrika-Cup im Januar waren die Prämien für die WM-Qualifikation offenbar ein Problem.
SZ: Jetzt ist die Sache eskaliert.
Pfister: Meine Einstellung ist ja immer: Ich gehe nicht an Politik und an Geld heran. Ich habe in Afrika oft darum kämpfen müssen, dass die Infrastruktur stimmte; meine Mannschaften und ich mussten das Minimum haben, damit wir arbeiten konnten. Aber dass jetzt die Spieler vor einer Weltmeisterschaft gestreikt haben, da muss ich sagen, das ist die tollste Sache, die ich erlebt habe – dass alles an einem Menschen hängt.
SZ: Sie meinen sicher Herrn Gnassingbe, der ein Bruder des Staatspräsidenten von Togo ist?
Pfister: Ja, von ihm sind doch dort alle abhängig. Da sitzen zwanzig Leute im Hotel rum, auch der togoische Botschafter, und wenn einer einen Pieps macht und dem Botschafter vielleicht dieser Pieps nicht passt, dann ist er weg. So geht das dort zu.
SZ: Was kann die Mannschaft bei der WM nach diesem Chaos noch erreichen?
Pfister: Durch diese drei Tage Trainingsverlust wird man sicherlich einen physischen Abfall spüren, das ist gar nicht anders möglich. Von der Psyche her ist die Mannschaft in Ordnung, und wir sind ja wirklich eine gute Einheit gewesen. Es hat doch auch niemals einer von ihnen auf dem Trainingsplatz gefehlt. Das sind gute Jungs, die haben nichts falsch gemacht. Ich werde ihnen jetzt am Fernseher zusehen.

Frankfurter Rundschau: Die Zuschauer brauchen keinen Ausweis, um in die WM-Stadien zu kommen
Mehr in fr-online.de ...

Ball und Buchstabe

Entspannt

Unter dem etwas altfränkischen Titel "Sause mit Witz" gratuliert Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) den Gastgebern zum WM-Einstand:
"Machen die Deutschen so weiter wie zu Beginn des Turniers, werden sie manches Vorurteil fürs erste widerlegen können. Das fängt schon bei der deutschen Mannschaft an, die sich einer offenen Spielweise befleißigt wie kein deutsches WM-Team zuvor. Zwar ist noch nicht geklärt, ob man auch ohne Abwehr im klassischen Sinn weit kommen kann. Andererseits eröffnen muntere Begegnungen wie die vom Freitag, die gezeichnet sind vom wechselseitigen Geben und Nehmen, völlig neue Perspektiven. 'Oh, it was Basketball', sagte ein amerikanischer Kollege nach dem deutsch-costaricanischen Tag des offenen Tors erfreut. (...) Die Massen, die in Deutschland einig Fußball-Land feiern wollen, stören sich auch nicht lange an Ergebnissen, die den Anhängern dieser oder jener Mannschaft nicht passen. Wer verloren hat, gewinnt vielleicht beim nächsten Mal. Fußballfans von heute sind, ob in Deutschland oder aller Welt, längst nicht mehr so verbohrt, witzlos oder gar nationalistisch wie in der Vergangenheit. Schon daß so viele junge Frauen mitmachen bei den Freiluftfeten, entspannt die Atmosphäre. Daß selbst der Fußball auch nur ein Spiel ist, wurde zum Glück schon an diesem ersten WM-Wochenende offenbar."

Richard Meng (Frankfurter Rundschau) lobt die Polizei:
"Auch der Staat präsentiert sich in diesen Tagen – vor allem durch das Auftreten der Polizei. Selbst da war der Start gelungen. Derart gelassen, umsichtig und mitunter sogar in Mitfeierlaune, wie die Polizisten weithin agierten, könnte auch dies zur Visitenkarte eines zivilen, fröhlichen Landes werden. Ordnungsmacht einmal anders. Nicht als Verhinderer, möglichst als Förderer von guter Laune. Normalerweise ist die ja nicht gerade deutsche Spezialität."
Mehr in fr-online.de ...

Sache des Westens

Wird sich Deutschland in der WM finden, wen und was symbolisiert sie? Dirk Kurbjuweit (Spiegel) befasst sich mit deutscher Selbstdefinition:
"Identität und Deutschland sind Widersprüche. Dafür war das, was Deutsch hieß, zu lange Reich mit unbestimmten oder ständig veränderten Grenzen und Bevölkerungen. Dafür ist der Holocaust zu sperrig. Man kann sich mit ihm nicht in einer Identität einrichten, schon gar nicht ohne ihn. Alle Versuche, dies in absehbarer Zeit zu tun, werden scheitern. In Wahrheit ist die Suche das Ziel. Sich suchen, ohne sich finden zu können – das ist deutsch, das ist auch ein deutsches Vergnügen. Leider hat die Weltmeisterschaft im Vorfeld nichts geleistet, um dem Deutschlandbild etwas Wichtiges hinzuzufügen. Vor allem das größte Projekt dieses Landes, die Einheit, hat keinen Fortschritt gemacht, eher im Gegenteil. Die WM ist eine Sache des Westens, nicht nur weil die Gäste den Osten meiden. Elf von zwölf Spielorten liegen in den alten Bundesländern. Und die ganze sportliche Mythologisierung des Fests basiert auf den drei WM-Titeln, die westdeutsche Mannschaften errungen haben. Das Land wirkt in diesen Tagen gespaltener denn je seit 1990. Der Westen erprobt sich in Weltoffenheit, der Osten sieht sich bestärkt im ewigen Verdacht, nicht dazuzugehören. Es ist nun Sache der Nationalmannschaft, ein Einheitsgefühl herzustellen. Das geht nur über Erfolge. Anders als bei den Olympischen Spielen 1972 in München ist es auch nicht gelungen, eine Ästhetik zu schaffen, die etwas sagt über das Land der Spiele. Das Olympiastadion in München war und ist ein Monument der Offenheit und Leichtigkeit. Die Piktogramme Otl Aichers schufen eine neue Klarheit und machten endgültig Schluss mit der Sütterlin-Seligkeit. Die lichten Farben auf den Fahnen verwandelten München in eine Stadt des Frohsinns. Diese lichten Farben gibt es nun als Zitat auf den WM-Fahnen. Etwas Neues, Eigenes ist jedoch nicht entstanden. Die krachbunten Lachhysteriker auf dem Emblem verweisen auf nichts anderes als eine allgemeine Infantilität, die ihren Ursprung eher im amerikanischen Comic hat. Die neuen Stadien sind gesichtslose Zweckbauten, mit Ausnahme der Münchner Arena von Herzog und de Meuron. Anders als das Olympiastadion ist sie ein geschlossener Raum, fast eine Muschel, aber auch darin liegt keine gesellschaftliche Aussage. In der Ästhetik der WM geht es nicht um Repräsentation, sondern um Präsentation. Die Industrie kann die WM konkurrenzlos als Hintergrund für Werbebotschaften nutzen. Es sind ökonomische Zeiten, nicht politische. Und Ökonomie ist international, nicht national. Diese WM ist eher ein Beispiel für die Hilflosigkeit der Nationen als für deren Triumph."

Süddeutsche Zeitung: Public-Viewing – Friede, Freude, Fußballgucken
Mehr in sueddeutsche.de ...

Süddeutsche Zeitung: Franz sei Dank: Die WM ist auch eine Leistungsschau der deutschen Promis
Mehr in sueddeutsche.de ...

Neue Zürcher Zeitung: Weshalb Film und Fußball ein schlechtes Team bilden - im Unterschied zu Fernsehen und Fußball
Mehr in nzz.ch ...

Berliner Zeitung: Ballacks Wade, Calmunds Späße und immer wieder James Blunt: Die ersten WM-Tage im Fernsehen
Mehr in berlinonline.de ...

Tageszeitung: Jan Tomaszewski ist Polens größter Torhüter aller Zeiten. Vor dem WM-Spiel Deutschland - Polen klagt er die Zustände im polnischen Verband an
Mehr in taz.de ...

Deutsche Elf

Fehleinschätzung

Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) resümiert und wundert sich über die Uneinigkeit zwischen Michael Ballack und Jürgen Klinsmann:
"Die öffentlich gewordene Auseinandersetzung ist ein Rätsel. Beide hat immer ein gutes Verhältnis verbunden, trotz der unterschiedlichen Auffassungen über die taktische Ausrichtung der vergangenen Woche. Da ging es nur um Nuancen. Ballack verlangte mehr defensives Pflichtbewußtsein, er ist ohnehin der konservativere Fußballcharakter. Aber das war nichts im Vergleich zur Dankbarkeit, die Ballack dem Bundestrainer entgegenbringt, seit er ihn zum Kapitän gemacht hat. Aber vielleicht hat der Kapitän zuletzt tatsächlich geglaubt, eine Sonderstellung im System Klinsmann zu besitzen, die ihm erlaubt, Entscheidungen zu steuern. Eine schwere Fehleinschätzung. Der Bundestrainer, im Alltag bekennender Teamarbeiter, hatte ausdrücklich von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch gemacht. Die Botschaft war eindeutig: Der Chef heißt Klinsmann. Der Bundestrainer hat stets die besondere Bedeutung Ballacks hervorgehoben. Aber was heißt das konkret, eine besondere Bedeutung im System Klinsmann zu besitzen? Unter Rudi Völler war das einfacher. Da saß der Teamchef mit seinen wichtigsten Spielern zusammen, und die Loyalität beruhte auf Gegenseitigkeit. Das war auch eine Falle. Denn Völler mochte irgendwann harte Entscheidungen nicht mehr treffen, auch wenn er von ihrer Notwendigkeit eigentlich wußte. Vor Loyalität geht bei Klinsmann die Fitness – und seine eigene Glaubwürdigkeit vor den Spielern, die Verantwortung für das gesamte Projekt."
Jan Christian Müller (Frankfurter Rundschau) ergänzt:
"Den Machtkampf hat Ballack erst einmal verloren. Er hätte das wissen müssen: Jürgen Klinsmann ist nicht dafür bekannt, öffentlichem Druck nachzugeben. Offenbar vermisst Ballack beim Bundestrainer aber jenes Einfühlungsvermögen, das einem Ausnahmespieler wie ihm seiner Meinung nach zusteht. In der öffentlichen Wahrnehmung ist Ballack ein Star, entsprechend nimmt er auch sich selbst wahr und erwartet deshalb, dass Klinsmann an ihn andere Maßstäbe anlegt als an seine Mitspieler. Doch das tut der nicht."

Süddeutsche Zeitung: Michael Ballack und Jürgen Klinsmann sind empfindlich, aber auch aufeinander angewiesen
Mehr in sueddeutsche.de ...

Frankfurter Rundschau: Aller Nachhilfe in Theorie und Praxis zum Trotz – bei den Defensivaufgaben wirken die deutschen Nationalspieler bisweilen wie unreife Schüler
Mehr in fr-online.de ...

Tagesspiegel: Warum nicht nur die Deutschen mit der Klinsmann-Elf jubeln
Mehr in tagesspiegel.de ...

Gruppe B

Wie ein Maultier in der Wüste

Christian Eichler (Frankfurter Allgemeine Zeitung) amüsiert sich darüber, wie die Engländer ihr kümmerliches 1:0 gegen Paraguay rechtfertigen:
"Manche mögen's heiß: Das wäre kein passender Titel für den englischen WM-Film. Vierzig Jahre lang standen sich Englands Kicker selbst im Weg. Nun kommt ihnen auch noch die Erderwärmung in die Quere. Deutschland, das bekannte Tropenparadies, lähmte englische Beine und mußte nach einem lauen Sieg gegen ein biederes Team aus Paraguay als Entschuldigung herhalten. Vor allem für die zweite Halbzeit, in der sich ein erklärter Weltmeisterschaftsfavorit bei gerade mal 27 Grad so geballt nach rückwärts orientierte, zum eigenen Strafraum, als gäbe es dort Schatten oder kühle Cocktails. Schatten gab es aber nur an der Mittellinie, unter dem gigantischen Videowürfel am Dach der Frankfurter Arena. Torwart Paul Robinson demonstrierte die ganze Hilflosigkeit des englischen Aufbauspiels, als er einen Abschlag wie eine Silvesterrakete gegen den Videowürfel schoß. Es gibt einen englischen Hitze-Komplex, seit man 1970 als Titelverteidiger das Viertelfinale gegen Deutschland, die 'Hitzeschlacht von Leon', nach 2:0-Führung noch verlor. Das letzte jener Hitzespiele, bei denen die sonst lauf- und konditionsstarken Engländer in der zweiten Hälfte plötzlich den Dienst verweigern wie ein Maultier in der Wüste, war das Viertelfinale gegen Brasilien vor vier Jahren. (...) Nachdem die Engländer es nicht schafften, den Vorsprung auszubauen, geriet ihr Versuch, das Spiel in der zweiten Hälfte einzuschläfern und Kräfte zu sparen, zu einer einzigen Notstandsdarbietung. Eriksson, einst Meistertrainer von Lazio Rom, versucht seit langem, das englische Spiel um italienische Coolness zu bereichern. Ohne Erfolg. Italiener verstehen es, das Leben aus einem Spiel zu nehmen. Wenn Engländer das versuchen, töten sie nur ihr eigenes Spiel."
Mehr in faz.net ...

Ohne Einfall

"Nach dem 0:0 gegen Trinidad und Tobago bewertet Ronald Reng (Financial Times Deutschland) die Schweden neu:
"Optimistisch betrachtet hat das 0:0 wenig an Schwedens Chancen aufs Achtelfinale geändert: Ein Sieg im Spiel gegen Paraguay würde wohl genügen. Doch Schweden kam in der Realität an. Besonders in deutschen Zeitungen war die Elf vor Turnierbeginn in den Himmel geschrieben worden; von Journalisten, die Schweden nie haben spielen sehen, sondern nur die Namen der Offensive lasen: Freddy Ljunberg, Zlatan Ibrahimovic, Henrik Larsson. Tatsächlich ist dieses Schweden eine gute, aber keine außergewöhnliche Elf." Richard Leipold (Frankfurter Allgemeine Zeitung) fügt hinzu: "Manchmal lastet ein Unentschieden auf den Schultern der Spieler so schwer wie eine Niederlage. So muß es den Stars aus Schweden gegangen sein. Während die Kicker aus der Karibik sich von den Zuschauern feiern ließen, verschwanden die Skandinavier wie geschlagen in den Katakomben. Als einer der sogenannten Geheimfavoriten angetreten, hatten sie ihren Start ins Turnier verpatzt. Sie hatten nicht so schlecht gekickt, wie das Ergebnis vermuten läßt. Aber ihnen fiel nichts ein, den karibischen Gefühlen des Gegners etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen."

Klassisch holländischer Trainerstil

Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) referiert das Selbstlob des Trainers von Trinidad und Tobago:
"Nach dem sensationellen 0:0 konnte Leo Beenhakker der Versuchung nicht widerstehen, die Welt in die Gesetze seiner Mathematik einzuführen. 'Im Fußball sind zwei plus zwei nie vier, sondern meistens drei oder fünf', sagte er. Besonders wenn man ein so ausgeschlafener Bursche ist wie der ehemalige Trainer von Real Madrid, Ajax Amsterdam und der holländischen Nationalmannschaft. Kurz nachdem er seinen Außenverteidiger Avery John durch Platzverweis verloren hatte, stellte er nämlich ungewöhnlich um: Für einen Mittelfeldspieler setzte er den Stürmer Cornel Glen ein. Das ist klassisch holländischer Trainerstil, Johan Cruyff etwa hat solche Entscheidungen immer wieder für den Fall propagiert, dass ein Team stark unter Druck gerät. Denn auf diese Weise soll verhindert werden, dass sich noch mehr gegnerische Spieler in den Angriff einschalten. Gegen Schweden klappte es, und Beenhakker war ganz aus dem Häuschen über seinen Coup."

Frankfurter Rundschau: Trinidads Star Dwight Yorke stellt sich selbstlos in den Dienst der Mannschaft und führt seine Kollegen zur ersten WM-Sensation
Mehr in fr-online.de ...

Gruppe C

Erste magische Nacht der WM

Jörg Marwedel (Süddeutsche Zeitung) beschreibt begeistert den Auftritt der Elfenbeinküste beim 1:2 gegen Argentinien:
"Die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste hat eine Menge dazu beigetragen, dass die WM 2006 ihre erste magische Nacht erlebt hat. Sie war eine richtig gute Mannschaft gewesen an diesem wunderschönen Sommerabend und viel mehr als der Star Drogba plus zehn willige Helfer. Zu sehen war eine im Prinzip beeindruckende Ordnung, eine faszinierende Eleganz und Dynamik, Spieler, die den Ball trotz rustikaler Störmanöver der Argentinier zeitweise wie an einem unsichtbaren Gummiband durch den Hindernis-Parcours aus Leibern und Beinen dirigierten. Aber eben auch ein paar wenige Momente, in denen ihnen der kühle Überblick abhanden kam wie ihren Torschüssen die Präzision fehlte, die sonst ihr Spiel prägte. Leider waren diese Momente entscheidend, sie sind fast immer entscheidend auf der Bühne der Besten."

Jan Christian Müller (Frankfurter Rundschau) stimmt ein:
"Es war ein Spiel, von dem man hinterher zu Recht sagt, es sei mit 90 plus drei, vier Minuten viel zu kurz gewesen." Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) lobt die Verlierer: "Ein Tor war zu wenig für die Mühen des Aussenseiters, der diese Titelkämpfe mit einer Fussballdemonstration bereichert hatte, die in ihrer wunderbaren Melange sowohl Athletik wie technische Finessen einschloss. Überlegen in fast allen Belangen, liefen die Afrikaner den Südamerikanern nur in Sachen Effizienz hinterher – und wurden dafür mit einer schmerzlichen Niederlage bestraft." Frank Heike (Frankfurter Allgemeine Zeitung) preist die Manieren des argentinischen Trainers: "Eine packende Partie voller Schwung und Klasse mit der Anmutung des alles oder nichts. (...) Jose Pekerman bewies Stil, als er sich noch bei Hamburg und dem Publikum des stimmungsvollen Abends bedankte, dieses Abends, der Argentinien den Glauben spendete, nach zwanzig Jahren wieder den Titel holen zu können."
Mehr in fr-online.de ...

Keine Offenbarung

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) macht den 1:0-Sieg der Holländer über Serbien/Montenegro an e i n e m Spieler fest:
"Dank imponierender Leistung von Arjen Robben bleiben die Niederlande siegreich. (...) Am Limit waren die heimlichen Titelfavoriten nicht gefordert worden. Denn die Serben zeigten zwar bei allerlei Kabinettstückchen den höheren Schwierigkeitsgrad, erweckten aber durchwegs den Eindruck, körperlich nicht auf der Höhe zu sein. (...) Wozu Marco van Bastens Team fähig ist, vermochte der Match gegen Serbien nicht zu beantworten – ein passables erstes Spiel unter der schwierigen Prämisse hoher Temperaturen, doch längst keine Offenbarung."

Tageszeitung: Die große Robben-Show beim 1:0 Hollands gegen Serbien/Montenegro
Mehr in taz.de ...

Gruppe E

Kulturhistorisch eingeordnet

Wer wird für Italien spielen: Totti oder del Piero? Birgit Schönau (Süddeutsche Zeitung) ruft die Musen an, ihr die Taten der vielgewanderten Männer zu sagen:
"Seinen Teamkollegen Sammy Kuffour warnte Totti: 'Wenn der mich am Montag tritt, sorge ich dafür, dass er die nächste Saison beim AS Rom nicht so oft spielt!' War Spaß, natürlich. Rivale Del Piero entfernte sich bei seiner Pressekonferenz derart himmelweit von diesem Niveau, dass ein Journalist aus Japan erstaunt fragte, ob man die Sorbonne besucht haben müsste, um diesem Fußballer folgen zu können. Sagen wir mal so: Ein bisschen humanistische Bildung kann nie schaden. Weil Lippi seinen Spielern die Playstation verboten hat, lesen sie eben jetzt abends den guten alten Homer. Im Original vermutlich. Von wegen Sorbonne. 'Ich ziehe mich auf meinen Hügel zurück, um abzuwägen, zu denken, zu beobachten und mich zu konzentrieren', beschrieb Del Piero seine Gemütslage betreffs des Juve-Skandals. 'Wie Achill sich aus dem Trojanischen Krieg zurückzog.' Und was den Einsatz gegen Ghana angeht: 'Für Achill war es nicht wichtig, wie viele Schlachten er schlug, sondern wie er sie bestritt.' So also sieht es aus. Wenn Del Piero noch ein bisschen weiterlesen würde, hätte er aber auch Achill aus der Unterwelt zitieren können: 'Besser ein Knecht auf Erden, als ein Fürst der Schatten im Hades.' Das war, als der stärkste Held der Griechen sich ungeachtet aller düsteren Orakel wieder ins Schlachtengetümmel gestürzt hatte und an seiner Ferse getroffen worden war. Andererseits: Hölderlin hat sich auch schon mit Achill verglichen – und er konnte wohl weit weniger gut Fußball spielen als Del Piero. Kulturhistorisch wäre das Match gegen Ghana also schon mal eingeordnet. Lippi könnte in der Nacht zum Montag noch mal nachgelesen haben, wie denn dieser Agamemnon war, der den starken Achill auf der Bank schmoren ließ. Unsympathisch übrigens. Am Ende gewannen die Griechen in Troja mit List und Tücke. Totti ist das alles sowieso egal. Er will spielen und basta."

Frankfurter Rundschau: Michael Essien ist mit 23 Jahren der herausragende Akteur Ghanas
Mehr in fr-online.de ...

Berliner Zeitung: Die Bedeutung des Fußballs in den USA wird nur dann steigen, wenn die Nationalmannschaft konstant Erfolg hat
Mehr in berlinonline.de ...

Die Welt: Interview mit Karel Brückner, dem Trainer Tschechiens
Mehr in welt.de ...

freistösse des tages

Mehr in taz.de ...

Mehr in taz.de ...

Die Fußball-Presseschau zur Fußball WM 2006 wird in Zusammenarbeit mit indirekter-freistoss.de erstellt. Dort können Sie auch einen E-Mail-Newsletter abonnieren und sich die Presseschau täglich in Ihr Postfach kommen lassen.
Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln