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9.6.2006

Presseschau vom 09.06.2006

Heute in der Presseschau: Die WM steht unmittelbar vor der Tür, und wer wird als Sieger gebührend gefeiert? Außerdem: Entspricht Jürgen Klinsmanns Team dem modernen Deutschland? Meldungen aus allen WM-Gruppen runden die Übersicht ab.

Heute in der Presseschau: Die WM steht unmittelbar vor der Tür, und wer wird als Sieger gebührend gefeiert? Außerdem: Entspricht Jürgen Klinsmanns Team dem modernen Deutschland? Meldungen aus allen WM-Gruppen runden die Übersicht ab.

Ball und Buchstabe

Es gibt Favoriten, aber keine Sicherheit

Axel Kintzinger (Financial Times Deutschland) erwartet ein entspanntes, fröhliches Fest:
"Bei den Vorbereitungen haben sich die Deutschen nicht lumpen lassen. Klar, wir können nicht von unseren Wurzeln lassen und umrahmen – Land der Dichter und Denker, das wir gerne sein wollen – das Sportereignis mit einem aufwändigen Kulturprogramm. So groß und auch so unberechenbar, dass die grauen Herren der Fifa die Reißleine zogen. Weil ihnen Angst machte, was André Heller, Peter Gabriel und Brian Eno da anstellen könnten. Ist es nicht erstaunlich, wie souverän man auf diese spießige Unverschämtheit des Herrn Blatter reagiert hat? Und bewundernswert ist die Geduld, mit der die Leute die Besetzung der Republik durch die Fußball-Geldmaschine aus Zürich samt seiner Financiers hinnimmt. Der Marketingterror wird eher belächelt als attackiert – was lässig ist und nicht devot. Weiß doch eh die ganze Welt, dass die Mannschaftsbusse 'Made in Germany' sind, auch wenn die Insignien seines Herstellers infantil mit dem Logo einer koreanischen Automarke überklebt werden. Selten haben es Sponsoren geschafft, mit so viel Geld so viel Missachtung zu generieren. Wie die Gesellschaft, so will auch der deutsche Fußball alles richtig machen: Nieder mit dem Querpass, Tod dem Spiel zurück. Jürgen Klinsmann predigt die bedingungslose Offensive, was in Fußball-Deutschland unerhört ist. Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen, hat Klinsmann gelernt. Das hört sich zwar an wie Phrasen aus der New Economy, und auch der Ton, in dem der Bundestrainer das sagt, klingt danach. Aber die Gültigkeit dieser These ist durch die Entwicklung des globalen Fußballs belegt. Anders als in der Ökonomie übrigens, was einen zentralen Unterschied dieser beiden Welten ausmacht. Und den Reiz dieses Sports. Fußball bleibt unberechenbar, immer. Könnte man das Spiel der Welt, die populärste aller Sportarten, so planen wie eine Firmenübernahme, wäre Deutschland nicht ins Finale der letzten WM gekommen, Griechenland nie Europameister geworden. Es gibt Favoriten, aber keine Sicherheit."

Riskant, aber ohne Alternative

Holger Steltzner (Frankfurter Allgemeine Zeitung/Leitartikel) unterstreicht die gute Wahl Jürgen Klinsmanns:
"Der unabhängige Geist aus Kalifornien entpuppte sich als erster Radikalreformer in der hundertjährigen Geschichte des DFB; stärker noch als Kirchhoffs Steuerpläne zur Bundestagswahl spalteten Klinsmanns Methoden Fußball-Deutschland. Der hart und akribisch arbeitende Trainer suchte und fand junge hoffnungsvolle Spieler und unterwarf sie einem strengen Auswahlverfahren. Die Leistungen in den Vorbereitungsspielen glichen einer Achterbahnfahrt. Klinsmann, als Trainer so unerfahren wie seine Mannschaft, blieb im Gegensatz zum Teamchef Beckenbauer keine Zeit für einen langfristigen Aufbau einer Meistermannschaft. Er kam als Retter in der Not, ausgestattet vom DFB mit allen Vollmachten und dem Auftrag, die WM im eigenen Land doch noch zu gewinnen. Vor dieser Herausforderung drückte sich manch gestandener Trainer, aber Klinsmann nahm sie an. Er setzte alles auf eine Karte. Klinsmanns Weg ist riskant, aber ohne Alternative. Wie sonst hätte man in nicht einmal zwei Jahren aus von Selbstzweifeln geplagten Spielern eine modern spielende Mannschaft mit Siegeswillen formen sollen? Mit beherztem und einfallsreichem Offensivfußball können sich die Deutschen in die Herzen der Fans spielen. Wenn dann der Funke der Begeisterung auf die jungen Nationalspieler zurückspringt, könnte Deutschland sogar zur Überraschungsmannschaft werden. Und sollte das Los lauten: Raus mit Applaus, dann werden andere Teams tollen Fußball spielen und die Fans begeistern. Wie auch immer: Bis zum 9. Juli darf Deutschland als Gastgeber der größten Sportparty der Welt glänzen.

Mythos einer vermeintlich heilen Welt

Hans Werner Kilz (Süddeutsche Zeitung/Leitartikel) wendet sich ab:
"So heiter, unbelastet und rund, wie es scheinen mag, rollt der Ball schon lange nicht mehr. Der Volkssport Fußball kriselt. Er entpuppt sich letztlich auch nur als eine Variante des Wirtschaftssystems, das Höchstleistungen fordert und diese Höchstleistungen im Erfolgsfall überproportional honoriert. Borussia Dortmund, Juventus Turin, FC Chelsea stehen sinnbildlich für Misswirtschaft, Korruption und Größenwahn, für eine New-Economy-Blase der Kickerbranche – in der Gefahr, bald zu platzen. Kartellähnliche Verbände wie Uefa und Fifa treiben die Vermarktung zum Äußersten, ebnen den Weg zum sinnentleerten Wettbewerb, in dem die finanziell Stärkeren dominieren. (...) Wer Fußball noch immer leichtfertig als kulturelles Ereignis überhöht, bei dem sich Erfolg und Anerkennung harmonisch fügen, huldigt einer längst vergangenen Zeit, in der Siege einer Fußball-Elf zum strahlenden Mythos einer vermeintlich heilen Welt verklärt wurden."

Zeichen

Frank Junghänel (Berliner Zeitung/Leitartikel) erblickt in den Stadien Repräsentatives:
"Klinsmanns Fußballmannschaft steht für das moderne Deutschland. Ist es erwähnenswert, dass drei Kreativspieler, Ballack, Schneider und Borowski, aus dem Osten stammen? Die beiden torgefährlichsten Stürmer, Podolski und Klose, wurden in Polen geboren, Asamoah in Ghana. Man muss das nicht überbewerten. Fünf Millionen Arbeitslose, viele davon im Osten, werden daraus keine Zuversicht schöpfen. Und ein farbiger Spieler in der Mannschaft befreit Deutschland noch nicht von seiner Verantwortung, mehr gegen jede fremdenfeindliche Tiefenströmung im Land zu unternehmen. Bei allem Glauben an das gute Gefühl, die WM kann die soziale Wirklichkeit nicht ändern, weder im eigenen Land noch sonstwo. Sie kann Signale senden, die etwas über den Gastgeber erzählen. Die deutlichsten Signale aus Deutschland sind bisher seine Stadien. Jedes kann davon berichten, wie sich das Land verändert hat, wie sich seine Geschichte in Architektur übersetzen lässt. Eröffnet wird die WM in der Münchner Arena, dieser eleganten Shoppingmall des Fußballs, die der sportiven Kalkulation eine perfekte Kulisse bietet; das Endspiel findet in Berlin statt, wo aller Modernisierung zum Trotz sich der Geist der Vergangenheit hinter jeder Steinsäule zu verstecken scheint. Auf dem Wege liegt Schalke, wo man dem Rasen ein fahrbares Bett gebaut hat, um ihn vor Widrigkeiten zu schützen. Da ist Leipzig, dessen Arena in das alte Sportstadion hineingepflanzt wurde. Wie in einem erloschenen Vulkan wächst aus dem Früheren das Morgen hervor. Wenn das kein Zeichen ist."
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Neue Zürcher Zeitung: Deutschland sieht rund
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Mit den Mitteln der Vergangenheit

Sehr lesenswert! Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) schreibt über das gespannte und ambivalente Verhältnis der Deutschen zu ihrem Fußball und ihrer Fußballgeschichte:
"Die Deutschen hadern mit ihrem Fussball und seinen Qualitäten. Debatten haben sich gesponnen, und mit ihnen ging die Verklärung einher. Es ist eine verräterische Debatte, die in Untertönen manches von dem trägt, was Klaus Theweleit erst kürzlich als 'Selbstzerfleischung' beschrieben hat: die Ungnade mit dem eigenen Fussball und dessen Protagonisten. Gegenwärtig ist dies die Domäne des Boulevards, der sich in Klinsmann ein Hassobjekt erspäht hat. Vor ein paar Jahren wurden solche Auseinandersetzungen im Feuilleton geführt, nichts durfte gut, gar nichts richtig sein. Es bedarf schon einiges an Selbstzweifeln, um dem deutschen Fussball der siebziger Jahre in seinen schönsten Augenblicken ein 'niederländisches Moment' zu attestieren, wie es der Fussball-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling einmal tat. Doch während sich der Fan bis vor wenigen Jahren am meist zufriedenstellenden Ergebnis weidete, währt die Diskussion um den ästhetischen Nährwert des deutschen Fussballs noch immer. Ausgelagert ins Feuilleton, wird ein festgefügtes Bild skizziert, das keine Zeitlupe revidieren kann (zu Gemeinplätzen sind Märchen wie jene geworden, dass im WM-Final von 1974 mit Holland die deutlich bessere Mannschaft unterlag; dass dem deutschen Fussballer per Geburtsfehler das Technik-Gen fehlt). Einzig der EM-Titel von 1972 wird als legitim empfunden, herausgespielt mit grosser Überlegenheit, gespeist von den Pässen Günter Netzers, einer emblematischen Figur, bis heute der Referenzpunkt des sogenannten anderen deutschen Fussballs. All die Legenden vom schönen und guten Fussball, befeuert einst von der schlichten Gleichung Menottis, der zwischen rechtem (destruktivem) und linkem (offensivem) Fussball unterscheiden wollte, sind in Deutschland unwiderruflich an die Figur Netzers geknüpft, der Mitte der neunziger Jahre ein Revival erlebte. Dass dieses exakt in jene Phase fiel, in der die inländischen Kicker an der WM in den USA nicht über den Viertelfinal hinauskamen, illustriert eher, dass mangels des Diskussionsobjekts Erfolg (und dessen Ursachen) ein Loch gestopft werden musste. (...) Die Widerstände, mit denen Klinsmann bei durchaus vernünftigen Vorhaben zu kämpfen hatte, zeigen den Trotz einer erstarrten Institution, die die Erfolge der Vergangenheit mit den Mitteln der Vergangenheit reproduzieren will."
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Keine Lebenswelt geht unter

Eröffnungsspiel in München – viele WM-Touristen werden den Fehler begehen, direkt in die U-Bahn in Richtung Fröttmaning mit dem Ziel Allianz-Arena zu steigen. Albert Schäffer (Frankfurter Allgemeine Zeitung) warnt davor, den Charakter und die Geschichte Münchens zu ignorieren:

"Es gilt, antizyklisch in den Osten Münchens aufzubrechen, nach Giesing zum 'Sechzger-Stadion'. Mit ihm, dem ersten der magischen Orte, verhält es sich wie mit einer Hollywood-Diva, die in die Jahre gekommen ist: Wer klug genug ist, den Respektsabstand zu wahren, wird den Zauber vergangener Tage nicht verpassen. Das 'Sechzger-Stadion' steht für eine Zeit, in der München noch nicht versuchte, eine Weltstadt zu mimen. (...) Das Olympiastadion ist der zweite magische Ort des Fußballs in München – dort wurde 1974 Franz Beckenbauer mit der deutschen Mannschaft Fußballweltmeister. Beckenbauer, geboren in Giesing, fußballerisch gestählt im 'Sechzger-Stadion', groß geworden beim FC Bayern, ist seiner Heimatstadt zwar längst entwachsen. Sein Status als Ortsheiliger ist aber unantastbar (...). Die Fußballweltmeisterschaft 1974 symbolisiert eine der glücklichsten Perioden der jüngeren Münchner Geschichte. Der Anspruch, die 'heimliche Hauptstadt' Deutschlands zu sein, wurde als pure Selbstverständlichkeit betrachtet, die Frage, warum das Endspiel in München stattfand, gar nicht verstanden: 'Wo denn sonst?' (...) Härter hätte der Kontrast in der Ahnenreihe der Münchner Stadien kaum ausfallen können. Die Ouvertüre mit dem 'Sechzger-Stadion' mit seiner traditionellen Architektur inmitten eines gewachsenen Stadtviertels – jetzt nur noch Heimstätte für Amateur- und Jugendmannschaften. Dann das Olympiastadion mit seinem transparenten, beschwingten Dach im Herzen eines künstlichen Arkadiens, des Olympiaparks – ungeliebte Zwischenstation für die beiden Münchner Spitzenclubs, weil die Stadionarchitektur mit ihrer Weitläufigkeit viel optische und emotionale Distanz zwischen Spieler und Zuschauer legte. Und schließlich die Allianz-Arena in einer städtebaulichen Wüste im Münchner Norden als vorläufiger Endpunkt – funktionalistischer und merkantiler Purismus, in eine Kunststoffhülle verpackt. Die drei Stadien verkörpern den Wandel der Münchner Lebenswelten. Zum Charme der bayerischen Landeshauptstadt gehört dabei, daß keine der Lebenswelten ganz untergeht, sondern sich zumindest ein wenig behaupten kann."

Frankfurter Rundschau: WM-Wahnsin – WM-Kondome in der Apotheke
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Neue Zürcher Zeitung: Deutschlands WM-Geschichte, neu gelesen
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Süddeutsche Zeitung: Die Sagen des deutschen Fußballs schreiben Eröffnungsspielen eine geradezu magische Wirkung zu
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Deutsche Elf

Große Unsicherheit

Deutschland sei zwar ortskundig, hege aber auch große Selbstzweifel, hat La Nación, die größte Tageszeitung Costa Ricas, vor dem Eröffnungsspiel festgestellt:
"Deutschland ist zu Beginn der WM umgeben von Zweifeln und erweckt nicht die Siegesgewißheit, die normalerweise im Gastgeberland herrscht. Bezüglich der Frage, was Deutschland an der WM erreichen kann, kursiert eine große Unsicherheit auf Seiten der deutschen Presse." Die Observation des 3:0 der Deutschen gegen Kolumbien wertet man in Costa Rica als Wissensvorsprung: "Deutschland gegen eine Art des Fußballs gewinnen zu sehen, die unserer ähnelt, wird der costaricanischen Technik sehr nützlich sein, um daraus die letzten Schlüsse zu ziehen, wie Costa Rica gegen die Teutonen spielen sollte."

Phrasendrescher

"Kevin McCarra (Guardian) urteilt vernichtend über Jürgen Klinsmann:
"Klinsmanns Selbstdefinition als CEO der Nationalmannschaft mit einem Haufen Untergebenen könnte sich bald als Betrug einer Person ohne jegliches Talent oder Qualifikationen für den Job als Nationaltrainer herausstellen. Klinsmanns Faible für Slogans hat einen faden Beigeschmack, der Phrasendrescher muß immer etwas anderes versuchen. Die Romantiker können bei der WM zwar auf den Aufschwung von Schweinsteiger, Podolski und Lahm hoffen, aber Klinsmann wird nicht Weltmeister werden. Er wird genug damit zu tun haben, Schadensbegrenzung zu betreiben und dem deutschen Fußball die traumatische Ernüchterung zu ersparen."
Mehr in guardian.co.uk ...

Tagesspiegel: 22 Monate hat Jürgen Klinsmann auf diesen Tag hingearbeitet – was hat der Bundestrainer bewirkt und wie sieht seine Zukunft aus?
Mehr in tagesspiegel.de ...

Frankfurter Rundschau: Kann Deutschland Weltmeister werden? Pro und Contra (die sich allerdings nicht sehr unterscheiden)
Mehr in fr-online.de ... und fr-online.de ...

Hohe Null

Wie könnte eine deutsche Mannschaft ohne Michael Ballack aussehen? Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) runzelt die Stirn:
"Dem FC Bayern darf man vielleicht zutrauen, dass er sich gewinnbringend aus der Abhängigkeit von Michael Ballack befreien wird, beim FC Deutschland ist man da nicht so sicher. Wie Deutschland ohne Ballack aussehen wird, kann man sich vorstellen; wie es funktioniert, ist ausgesprochen ergebnisoffen. Man darf wohl davon ausgehen, dass sich Torsten Frings, Bernd Schneider, Bastian Schweinsteiger und Tim Borowski zu einem Vierermittelfeld zusammenfinden, aber ob das eine flache, steile oder karierte Vier sein wird, kann niemand wissen. Deutschland hat ja mächtig herumexperimentiert zuletzt, manchmal hatte man den Eindruck, dass es sich hier um eine höhere Wissenschaft handelt. Man hat von Rauten raunen hören, welche sich in der Rückwärtsbewegung zu einer Doppelsechs verbiegen; man ist flachen Vieren begegnet, welche willens und imstande sind, sich je nach Spielverlauf zu einer Raute deformieren zu lassen. Das Problem war nur, dass sich all diese geometrischen Figuren am Ende oft ähnlich sahen: Die doppelte Sechs und die flache Vier sahen oft aus wie eine ziemlich hohe Null. Wenn man das deutsche Mittelfeld von oben sieht, sieht man manchmal, dass man nichts sieht. Man sieht dann ein großes Loch, an dessen Rändern willige Nationalspieler hin- und herwetzen."

As

El País erwartet Michael Ballack neben Beckham, Casillas, Deco, Henry, Riquelme, Ronaldinho, Ronaldo, Shevchenko, Totti und Zidane unter den "Assen der WM":
"Er scheint als Mittelfeldorganisator eine solide Grundlage zu haben, Deutschland zu einem Kandidaten für den Titel zu erheben. Er wird während des Turniers einem enormen Druck standhalten müssen, und davon, wie er damit umgeht und inwiefern dies sein Spiel beeinflußt, werden viele der deutschen Möglichkeiten, etwas Wichtiges zu schaffen, abhängen. Es besteht kein Zweifel, daß die Zukunft des WM-Gastgebers durch die Füße und den Kopf von Michael Ballack bestimmt wird."

In der Hierarchie nach oben geklettert

Michael Ashelm (Frankfurter Allgemeine Zeitung) macht aus Poldi und Schweini Podolski und Schweinsteiger:
"Sie stehen für das fröhliche Fußballspektakel. Ihre unkomplizierte Sicht auf die Herausforderungen hat ihnen viele Sympathien eingebracht. Doch ihre Rolle als Juniorfreaks der Fußballarena beginnt sich langsam zu ändern. Mit der Weltmeisterschaft steigt die Verantwortung – Podolski und Schweinsteiger spüren bei aller Leichtigkeit oder Blödelei, daß es auf sie ankommen wird. Wie in einem Selbsterfahrungs-Crash-Kurs der Volkshochschule konnten beide wohl die wichtigsten Erkenntnisse für ihre Karriere aus den vergangenen zwölf Monaten herausziehen, als die eigene Leistung von Schwankungen und störenden Einflüssen beeinträchtigt wurde. Das sah so aus: erst der traumhafte Einstand beim Confederations Cup, dann der langsame Abstieg, verbunden mit persönlichen Tiefschlägen – und schließlich das Comeback. Nicht nur im Sportlerleben gilt die Erkenntnis, daß gerade Krisen die größten Entwicklungsschübe erzeugen. Podolski litt an der Überforderung, als junger Kapitän des Aufsteigers aus Köln die ganze Verantwortung über die Mannschaft zu tragen. Sein gleichaltriger Kompagnon litt zuletzt vor allem an der fehlenden Anerkennung durch Felix Magath, der ihn zum Ersatzspieler degradierte. Die wenigen Einsätze für den FC Bayern förderten nicht gerade das Selbstvertrauen, zudem wirkte sich der juristische Streit mit seinem ehemaligen Berater und vor allem der Münchner Medienskandal um Schweinsteigers angebliche Verwicklung in einen Wettskandal höchst nachteilig auf seine Entwicklung aus. Die Moral des pfiffigen Oberbayern hat dies nicht gebrochen. Wie bei Podolski hat die Nationalmannschaft immer als Fluchtort und Kraftfeld gedient, wo Klinsmann beiden Spielern Vertrauen entgegenbrachte. Allen Widrigkeiten zum Trotz sind beide ihrer Art treu geblieben und nicht gestrauchelt. Während ihr Kollege Kevin Kuranyi für sein Phlegma bestraft wurde und zu Hause bleiben mußte, behielten sie ihr Ziel fest in den Augen. (...) In der teaminternen Hierarchie sind die beiden Einundzwanzigjährigen ein paar Stufen nach oben geklettert, Schweinsteiger ein bißchen höher."

Kraftprobe zwischen Kapitän und Trainer

Bemerkenswert! Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung) deutet die verteidigenden Aussagen Michael Ballacks über sein Verhalten bei seiner Verletzung als fortschreitenden Konflikt mit Jürgen Klinsmann:
"Das Statement hatte den Tonfall eines fortgeschrittenen Wutausbruchs und ergab damit einen verblüffenden Kontrast zur amtlichen Atmosphäre der 'Zuversicht und Vorfreude'. Offenkundig hat Ballack davon erfahren, dass es über seinen Umgang mit der Verletzung Diskussionen gibt. Unterstellungen seien 'eine absolute Frechheit: Es ist fast schon rufschädigend, wie über mich gesprochen und was über mich verbreitet wird'. Gegen wen richtete sich die zornige Klage? Nicht mal die üblichen Gurus und Ex-Gurus sind bisher mit Ferndiagnosen und Kritik in Erscheinung getreten. Offiziell hatte bloß Klinsmann Stellung genommen, als er erklärte, Ballack habe die Qualität des Problems am Wochenende 'unterschätzt'. Aber er hatte das nicht als Vorwurf, sondern beschwichtigend formuliert. Eine Debatte mit dieser Dimension hatte Klinsmann in seiner Projektplanung definitiv nicht vorgesehen, zumal es nicht nur um Ballacks lädierten Muskel und ein wenig gekränkte Eitelkeit geht. Dahinter zeichnet sich auch eine Kraftprobe zwischen dem Trainer und dem Kapitän ab, die bereits in der vergangenen Woche einsetzte, als Ballack vor der Presse die gnadenlos offensive Spielorientierung der Mannschaft kritisierte – und damit den Kern von Klinsmanns Hurra-Deutschland-Konzept in Zweifel zog. Das glatte 3:0 gegen Kolumbien reklamierte Ballack auch als Resultat seines Eingreifens. (...) Viele Beobachter – auch solche, die ihn länger kennen – staunten über die Meinungsfreude und Offenheit Ballacks, der üblicherweise ein Mann von zurückhaltendem Naturell ist. Ob sich aber auch Klinsmann über die Emanzipation des (Noch-) Münchners freut? Am Dienstag verkündete der Bundestrainer vor der versammelten Mannschaft, dass für den Einsatz im Eröffnungsspiel am Freitag nur Spieler berücksichtigt würden, die auch am Mittwoch beim Training mitmachen könnten. Dies war auch der Versuch eines Autoritätsbeweises. Prompt humpelten am nächsten Tag Ballack und der ebenfalls angeschlagene Robert Huth auf die Wiese. Nach einer halben Stunde musste Ballack das Training abbrechen. Wäre dann nicht ein weiterer Tag Pause der Genesung förderlicher gewesen als das Eingliedern in die Trainingsgruppe? Die Frage ist, wie viel Kontrolle über sein Projekt Klinsmann abzugeben bereit ist."

faz.net: Ballack wehrt sich gegen Rufschädigung
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: Michael Ballack fällt (vielleicht doch nicht) aus, Chance für Tim Borowski (?)
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Die Financial Times Deutschland meldet: Uli Hoeneß, der gute Mensch aus München, bittet die Münchner Fans um Unterstützung für Jens Lehmann. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen!
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Gruppe A

Das Prinzip Wanchope

Ingo Durstewitz (Frankfurter Rundschau) dokumentiert die Trainingsleistung Paulo Wanchopes, dem Stürmer Costa Ricas:
"Wer den Stürmer während des Trainings verfolgt, kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wanchope mogelt sich durch die Übungen, er betrügt, man muss das so sagen, schamlos. Wenn die Mitspieler sprinten, dann tippelt er drei-, viermal auf der Stelle und bricht ab; wenn an Taktik und Spielformen getüftelt wird, steht er vor dem Tor und ruft lauthals, die Kameraden mögen ihm doch bitte schön einfach den Ball zuspielen. Damit er ihn, auch wenn es sich geradezu aufdringlich banal anhört, ins Tor befördern kann. Wenn nicht alles täuscht, dann wird das Spiel der Costaricaner nach dem Prinzip Wanchope zu funktionieren haben: hinten dicht machen und vorne auf den Torjäger hoffen (...). Ob Wanchope sich noch einmal zu großen Taten aufschwingen kann, ist zumindest zweifelhaft: 'Die Kobra', wie seine Landsleute den Angreifer einst tauften, hat in den vergangenen Jahren ein bisschen an Biss verloren, aus der Heimat heißt es, er sei bequem und satt. Wanchope lebt in einem feudalen Haus, er genießt den Luxus, die Annehmlichkeiten, die ihm Geld und Ruhm bescherten."
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: Costa Ricas Taktik: Mauern und sich Mut machen
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Berliner Zeitung: Am Tag des ersten WM-Spiels ist die Aufbruchstimmung im polnischen Lager verschwunden
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Berliner Zeitung: Ecuadors Vorbereitung verlief voller Missgeschicke
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Gruppe B

Es ist aufregend geworden, den Schweden zuzusehen

Frank Heike (Frankfurter Allgemeine Zeitung) schildert das Sozialmodell Schweden – und zwar ohne Anspielung auf Ikea-Metaphorik, was wohl nur wenigen Schreibern gelingen wird:
"Man erlebt wieder diese typisch skandinavische Entspanntheit, die über der familiären Szenerie liegt. Keiner nimmt sich wichtiger, als er ist. Denn Wichtigtuer sind verpönt im schwedischen 'Volksheim', wo am liebsten alle gleich sein sollen. Auf eine Fußballmannschaft bezogen, funktioniert das natürlich nicht. Für die schwedischen Lieblinge Henrik Larsson, Fredrik Ljungberg und Zlatan Ibrahimovic gelten nämlich andere Gesetze. Es ist kein Zufall, daß Larsson am Dienstag, Ljungberg am Mittwoch und Ibrahimovic am Donnerstag auf dem Podium der Pressekonferenz saßen. Als die Stars fertig waren, traten die weniger wichtigen Kollegen in kleinen Grüppchen in der Mixed Zone auf. Fast alles konzentriert sich derzeit auf die 'Triangel', denn hinter den Namen der genialen schwedischen Offensivabteilung stehen Fragezeichen: Welche Form hat Larsson von der Bank des FC Barcelona mitgebracht? Wird Ljungberg seine Leistung vom FC Arsenal endlich auch im Nationaldress zeigen? Läßt Ibrahimovic seine maue Rückrunde bei Juventus Turin vergessen? Die drei Stars stehen auch deswegen so im Mittelpunkt, weil sie die Abkehr vom klassischen schwedischen Spiel symbolisieren. Es ist aufregend geworden, den Schweden zuzusehen – sie haben im Schnitt drei Tore pro Partie in der Qualifikation geschossen. Aus dem defensiv-orientierten Spiel der Vergangenheit um baumlange Verteidiger, ein laufstarkes Mittelfeld und lange Bälle nach vorn hat Trainer Lagerbäck ein 4-4-2-System gebastelt, das den Stars alle Freiheiten läßt, dem Team aber nichts von seiner Kompaktheit nimmt. So ist die Mannschaft zu einer eingespielten Einheit gewachsen, die am ehesten dort Schwierigkeiten hat, wo es früher keine gab: in der Abwehrmitte."

Gewundenes Bulletin

"Rooney-Gate" – Raphael Honigstein (Süddeutsche Zeitung) fasst die letzte Folge zusammen und wartet gespannt auf die nächste:
"Man musste sich diese Prognose selber zusammenbasteln. Vom englischen Verband gab es keinen Kommentar, und nach dem Willen von Eriksson soll es so schnell auch keinen geben. Das Thema wurde zum Tabu erklärt. Das wird schwierig werden, die Kontroverse hat nämlich gerade erst begonnen. Rooneys Kernspintomographie in Manchester hatte keine eindeutige Erkenntnis gebracht. Englands Mannschaftsarzt Leif Sward sah einen vollkommen geheilten Bruch, sein Gegenüber von Rooneys Verein Manchester United hatte starke Bedenken. Ein von der Fifa nominierter, unabhängiger Sachverständiger, Professor Angus Wallace, musste entscheiden. Er gab grünes Licht. In seinem Urlaubsdomizil in Südfrankreich nahm United-Trainer Alex Ferguson kurz vor Mitternacht den Hörer in die Hand und erklärte Verbandsvorstand David Davies in unmissverständlichen Worten, was er von Erikssons Entscheidung hält. Am Ende war er machtlos, der Verein muss seinen wertvollsten Spieler zur WM ziehen lassen, das verlangen die Fifa-Statuten. Auf der Internetseite des Klubs wurde ein gewundenes Bulletin veröffentlicht, das zwischen den Zeilen gewaltigen Unmut zum Ausdruck bringt. 'Laut der Expertenmeinung des unabhängigen Sachverständigen hat Wayne Rooney eine gute Chance, nach der Gruppenphase fit zu sein', heißt es dort, 'Rooney unterliegt jetzt der Obhut der medizinischen Abteilung von England.' Hört sich verdächtig an nach 'Wir behalten uns rechtliche Schritte vor, falls er sich verletzt'."

Gruppe D

Keinen Peso Kredit

Jörg Marwedel (Süddeutsche Zeitung) befasst sich mit dem Status des mexikanischen Trainers La Volpe in den mexikanischen Medien:
"Die Stimmung in den Medien ist nicht günstig für ihn, seit er erklärte, Mexiko sei 'erst weltberühmt und bedeutend, seit ich der Trainer bin'. Das ist er seit Februar 2003, und tatsächlich nahm das mexikanische Team seither einen bemerkenswerten Aufschwung. Doch was zählt das, wenn jemand den Stolz einer ganzen Nation verletzt? Dabei haben die Mexikaner schon im vergangenen Jahr beim Confed-Cup angedeutet, was sie zu leisten im Stande sind. Der Höhepunkt war der 1:0-Sieg über Brasilien. Wie Hase und Igel spielten sie da mit dem berühmten Gegner und beeindruckten die Experten mit einem ausgefeilten System, mit La Volpes System. Stets hatten sie die Räume schon verstellt, ehe die müden brasilianischen Künstler zu einem ihrer undurchschaubaren Tricks ansetzen konnten. La Volpe kündigte danach nichts weniger als eine neue Weltordnung im Fußball an. In der war Mexiko kein Außenseiter mehr, sondern eine Art Geheimfavorit. Doch schon damals war nicht allen nach Aufbruch zumute in Mexiko. Der Mann mit dem Schnauzer, der sich während des Trainings gern unter einen Sonnenschirm zurückzieht, große Mengen Kaffee trinkt und Zigaretten in Kette raucht, pflegte zwar das Bild vom Taktik-Fuchs, Fußball-Philosophen und Heilsbringer und nannte keinen Geringeren als seinen berühmten Landsmann Luis Cesar Menotti sein Vorbild. Aber er hat sich einfach zu viele Feinde geschaffen. Die von ihm verachteten mexikanischen Medien werden ihm jedenfalls keinen Peso Kredit gewähren, wenn die Verheißungen und Träume vom Weltmeistertitel schon im Achtelfinale gegen Holland oder Argentinien enden."

Berliner Zeitung: Angola kämpft mit und spielt gegen seine Vergangenheit
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Gruppe E

Vielleicht sind sie zu alt, vielleicht sind sie gerade alt genug

Christian Zaschke (Süddeutsche Zeitung) kann das Abschneiden Tschechiens nicht vorhersagen:
"Zehn Spieler im Kader sind älter als 30 Jahre. Es ist die Generation, die vielleicht bei der EM vor zwei Jahren ihren Höhepunkt erreicht hat, die fantastischen Fußball spielte und im Halbfinale an den Griechen scheiterte, was Freunde des schönen Spiels als zutiefst zynisch empfanden. Die WM ist die letzte Chance für diese Generation um Nedved, Koller, Lokvenc, Stajner, Smicer oder Poborsky, einen großen Erfolg zu erringen. Dennoch sind die Tschechen eine Unbekannte im Turnier. Vielleicht sind sie zu alt, vielleicht sind sie gerade alt genug. Sie haben Ghana, die USA und Italien in der Vorrunde erwischt, was allein den Vorteil hat, dass sie sofort wissen, wo sie stehen. Der letzte Weg der alten Generation kann schnell zu Ende sein, oder er kann, wenn sie diese Gruppe übersteht, weit ins Turnier hineinführen. Beides wäre keine ganz große Überraschung, und deshalb ist es derzeit schwierig, die Mannschaft einzuschätzen."

Frankfurter Rundschau: Der jüngste Manipulationsskandal in der italienischen Liga hängt der Squadra Azzurra nach
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Frankfurter Rundschau: Mit Gott über die Vorrunde hinaus: Die Ghanaer bedienen das Klischee des sehr religiösem Underdogs
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Gruppe H

Harte Schule

Ronny Blaschke (Berliner Zeitung) widmet sich der Ukraine:
"Andrej Schewtschenko, Europas Fußballer des Jahres 2004, ist zu einer Symbolfigur für Aufbruch und Erfolg geworden, sechs Tore hat er in der WM-Qualifikation geschossen. Die Ukrainer sehen in ihm den neuen Stolz einer Nation, obwohl er längst in einer Welt des Glamours lebt. Seit Jahren fokussiert sich die Öffentlichkeit auf ihn. Neben Schewtschenko spielt nur Andrej Woronin in Mitteleuropa, bei Bayer Leverkusen. Die anderen Spieler kicken in Kiew, Donezk oder Dnjepropetrowsk. Die Auswahl von Trainer Oleg Blochin funktioniert dennoch so verlässlich wie eine Maschine. Immer wieder fordert er Disziplin und Geschlossenheit: 'Wer bei der WM nicht sein Bestes gibt, fliegt sofort zurück nach Hause. Egal, ob fünf Spieler verletzt sind oder nicht.' Andrej Schewtschenko kennt diese Sätze. Er ging durch eine harte Schule. Der Beginn seiner Karriere fiel in den Zerfallsprozess des sowjetischen Reichs. Für Schewtschenko hatte Geschichte schon immer eine große Bedeutung."
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Am Grünen Tisch

Krake

Andreas Schröder (Stuttgarter Zeitung) spricht der Fifa das Recht ab, Standards in Ethik und Moral zu erheben:
"Umfragen zufolge wird der Verband als machtbesessen und geldgierig gesehen. Fifa-Boss Josef Blatter sieht sich zu Unrecht angegriffen und verweist häufig auf die Entwicklungsprojekte, die der Verband rund um die Welt finanziert. Tatsächlich aber biegt sich der Schweizer die Realität gerne so zurecht, wie es ihm gefällt. Als der Europarat in Straßburg den Schweizer für dessen passive Haltung beim Thema Zwangsprostitution während der WM hart kritisiert hat, weil er den Menschenhandel nicht anprangere, da reagierte Blatter abgeklärt. Es sei nicht Aufgabe des Weltverbands zu kontrollieren, was außerhalb der Stadien passiert, sagte er ungerührt. Das gilt allerdings nur für Themen, die heikel sind oder der Fifa Kosten verursachen würden. Haftungsrisiken und Projekte, die richtig ins Geld gehen wie Stadionumbauten und andere Infrastrukturprojekte, sind deshalb vertragsgemäß Angelegenheiten der Ausrichterländer und -städte. Wer sich dem nicht fügt, erhält den Zuschlag für das Turnier nicht. Bereits jetzt ist klar, dass Stuttgart als Ausrichterstadt unter dem Strich mindestens 14 Millionen Euro draufzahlen wird. Die beiden größten Brocken sind das Kulturprogramm mit 5,3 Millionen Euro und die temporären Umbauten des Daimlerstadions nach den exakt einzuhaltenden Fifa-Richtlinien mit knapp 4 Millionen Euro. Wenn es aber ums Geldverdienen geht, dann fühlt sich die Fifa sehr wohl auch für alle Bereiche außerhalb der Stadien zuständig. Und sie zieht regelmäßig vor Gericht, um ihre Interessen durchzusetzen. (...) Der Krake Fifa hält das Geschäft mit der WM fest im Griff."

Großer Manipulator

Jens Weinreich (Berliner Zeitung) porträtiert Joseph Blatter und ringt sich fast ein Kompliment ab:
"Er wird von flotten Halluzinationen geplagt, dieses Schicksal teilt er mit anderen hochrangigen Sportfunktionären: Blatter sähe sich auch als legitimen Träger des Friedensnobelpreises, unter anderem deshalb, weil er tatkräftig dabei geholfen hat, die WM 2010 nach Südafrika zu vergeben. Wann immer er danach gefragt wird, kokettiert Blatter. Er würde den Nobelpreis sicher nicht ablehnen, sagt er gern. Einer seiner Kollegen aus dem IOC, Juan Antonio Samaranch, hatte vor einem Jahrzehnt eine PR-Agentur damit beauftragt, den Friedensnobelpreis zu akquirieren. Ein norwegischer Journalist enthüllte die Pläne, und Samaranch wurde zum Gespött der Leute. Im globalen Sportbusiness, das mit Emotionen Milliardengeschäfte macht, glauben viele Amtsinhaber tatsächlich, es ließe sich alles kaufen. Sie kennen es nicht anders in ihrer Branche und sie wundern sich, wenn die Welt dann doch nicht immer nach den Regeln des Kommerzes funktioniert. Bundesverdienstkreuz, Friedensnobelpreis, das sind Themen für Blatter. Darunter macht er es kaum. (...) Das ist der eine Blatter. Der andere Blatter ist charmant, herzlich, aufmerksam, witzig und spontan. Er kann sogar zuhören, zeigt Interesse an seinem Gesprächspartner, obwohl schwer einzuschätzen ist, ob dieses Interesse nur vorgetäuscht und seinen persönlichen Ambitionen untergeordnet ist. Denn natürlich ist Blatter ein großer Manipulator. Auch er hat seinen Anteil daran, dass dieses System des Gebens und Nehmens im Fußballgeschäft auf vielfältige Weise verfeinert worden ist."
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Auf dem Gipfel seiner Macht

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) beargwöhnt Blatters wachsende Einflussmöglichkeiten:
"Weltweite Lizenzierungsverfahren, Besitzverhältnisse der Klubs, der wachsende Einfluß von Spielervermittlern, Transfers, Wettgeschäfte, Reduzierung der Profiligen auf maximal 18 Klubs – überall kann die Fifa in Zukunft nicht nur mitreden, sondern mitentscheiden. Für Blatter gilt das Prinzip, daß die Fifa bestimmt, wohin der Ball zu rollen habe. Auch deshalb setzte der Kongreß die unabhängige Ethikkommission als dritte Rechtsinstanz der Fifa ins Werk. 'Wir kämpfen', sagte Blatter, 'weiter um unsere Autonomie gegenüber politischen Einmischungsversuchen.' Der Kongreß nahm des Präsidenten Ankündigung, sich im kommenden Jahr für eine dritte Amtszeit zur Wahl zu stellen, mit warmem Applaus zur Kenntnis. Blatters Fußballweltfamilie – 250 Millionen Menschen – ist riesengroß. Sie schien ihrem Boss nach einem Kongreß, in dem bis auf zwei Wortmeldungen stundenlang versammeltes Schweigen herrschte, zu Füßen zu liegen. Der Fußball als seltsame One-man-Show eines Schweizers mit missionarischem Eifer ging am Donnerstag zu Ende; der wahre Fußball kann am Freitag beginnen (...) Acht Jahre nachdem Blatter 1998 als Nachfolger von Joao Havelange gegen viele Widerstände gewählt wurde, ist der frühere Fifa-Generalsekretär auf dem Gipfel seiner Macht angekommen."
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Die Welt: Aus der kühlen Geldvermehrungsmaschine Fifa soll eine Art Weltverbesserungs-AG werden
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Ein sehr umfassendes Porträt Franz Beckenbauers im Tagesspiegel: "Das Glück des Fleißigen"
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: Interview mit Franz Beckenbauer
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Neue Zürcher Zeitung: Ein unabhängiger Bericht, der aber im Auftrag der EU und der Uefa verfasst worden ist, kommt zum brisanten Schluß, dass dem europäischen Fußball eine Reihe ernster Gefahren drohe
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freistoss des tages

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