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7.6.2006

Presseschau vom 07.06.2006

Die Presseschau berichtet heute über das so genannte Pooling, das vom DFB für Journalisten eingeführt wurde. Außerdem ein Interview mit dem ehemaligen argentinischen Nationalspieler Roberto Perfumo. Und: die Forderung von Weltmeister-Trainer Cesar Luis Menotti, der Fußball solle zu seinen Wurzeln zurückkehren.

Die Presseschau berichtet heute über das so genannte Pooling, das vom DFB für Journalisten eingeführt wurde. Außerdem ein Interview mit dem ehemaligen argentinischen Nationalspieler Roberto Perfumo. Und: die Forderung von Weltmeister-Trainer Cesar Luis Menotti, der Fußball solle zu seinen Wurzeln zurückkehren.

Ball und Buchstabe

Täglicher Kampf

Der DFB hat in der Pressearbeit bei der WM das "Pooling" eingeführt, das heißt, abgesehen von einigen großen Zeitungen, sollen sich Redaktionen zusammenschließen, um ihre Chance auf ein Interview mit einem Spieler oder einem Trainer zu erhöhen. Markus Völker (tageszeitung) kritisiert diese Praxis und schildert die schwierigen Arbeitsbedingungen der Zeitungsjournalisten:
"Das Pooling führt zu absurden Situationen. So kann es vorkommen, dass der taz von Lesern vorgeworfen wird, sie habe Zitate geklaut, weil der Leser anderswo genau die gleichen Wortfetzen entdeckt hat. Wenn er genau liest, kann er sogar republikweit die gleichen Zitate finden. Es ist nur mehr der Kreativität und der Auffassungsgabe eines Autors geschuldet, ob er aus dem Pool-Interview eine originäre Geschichte macht. Die Gefahr der großen Gleichmacherei besteht auch durch ein weiteres Informationsmedium: die DFB-Pressekonferenz. Auch hier werden Informationen verknappt und kanalisiert. Wer auf dem Podium sitzt, entscheidet in letzter Instanz der DFB. Manche Printjournalisten müssen ihr komplettes Material aus dieser künstlichen Veranstaltung ziehen. Das ist ein Problem, denn die Pressekonferenz, die fast täglich um 12.30 Uhr im Berliner Messezentrum ICC abgehalten wird, ist live zu sehen, von Premiere bis ntv. Der Fernsehzuschauer weiß alles – sofort. So führen die Printjournalisten einen täglichen Kampf gegen die DFB-Pressekonferenz und die Unmittelbarkeit des Fernsehens. Was bleibt, sind Fachgespräche mit Kollegen, Stippvisiten beim Training und der Mixed Zone danach. Wer den Vorgaben des Fußball-Bundes sklavisch folgt, kann de facto nicht kompetent über diese WM berichten."
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tageszeitung: Goodbye, Harald Schmidt. Hier kommt "Die Harald Stenger Show"
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Eine sehr lesenswerte Warnung der Frankfurter Allgemeine Zeitung vor Fußball-Publikationen der Medienfabrik, einem Mitglied der Bertelsmann-Familie: über den "faustischen Pakt" mit der Fifa.
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Deutschland kann immer Weltmeister werden

Süddeutsche Zeitung: Interview mit dem argentinischen WM-Analytiker und ehemaligem Nationalspieler Roberto Perfumo über Argentinien, Brasilien und Deutschland

SZ: Wie steht es so kurz vor der WM um den Gemütszustand der Argentinier?
Perfumo: Ehrlich gesagt, das Vertrauen hier ist nicht sonderlich groß. Wir haben zwar in der Qualifikationsrunde Brasilien geschlagen, aber danach nicht mehr gut gespielt. Es ist, als seien alle in einer Mischung aus Hoffnung und Furcht versunken, der Furcht, in der Vorrunde nicht weiterzukommen.
SZ: Die Argentinier haben wieder eine "Todesgruppe" erwischt: Holland, Elfenbeinküste, Serbien-Montenegro ...
Perfumo: ... andererseits denke ich schon, dass wir uns fürs Achtelfinale qualifizieren müssten. Holland hat eine enorm junge Mannschaft. Serbien-Montenegro hat sich gerade aufgesplittet. Das Schlüsselspiel wird die Partie gegen die Elfenbeinküste sein. Eine Mannschaft mit Erfindungsreichtum, aber auch sehr brüsk. Sie treten viel, mehr aus Ungeschick denn bösem Willen.
SZ: Das Schicksal Ihres Landes scheint von Lionel Messi abzuhängen, das Wortspiel mit seinem Namen – Messias – kommt nicht von ungefähr. Es wird alles von ihm verlangt. Zu viel?
Perfumo: So funktioniert diese Metzgerei namens Fußball nun einmal, sie dreht die Spieler immer schneller durch den Wolf und verzehrt sie. Jetzt Messi. Alles scheint davon abzuhängen, ob er gesund wird. Wir tun so, als wäre Messi kein pibe, dabei ist er genau das: ein Bub. Doch ich glaube, dass er ein großartiges Turnier spielen wird. Er ist kein Maradona und kein Ronaldinho, aber ein außergewöhnlicher Spieler mit phantastischen Fähigkeiten.
SZ: So wie Spielmacher Juan Román Riquelme. Der Sportpublizist Ezequiel Fernández Moores nannte ihn bewundernd und besorgt einen Poeten. Besorgt, weil die Poeten die Leere brauchen, um wahrhaft Großes zu schaffen.
Perfumo: Riquelme ist in Argentinien nicht unumstritten. Man anerkennt seine Vision, seine Übersicht. Aber es wird kritisiert, wie er sich bewegt. Die Argentinier sind besorgt, weil kein Plan B für den Fall existiert, wenn Riquelme in diese Leere abtaucht.
SZ: Argentiniens Nationaltrainer José Nestor Pekerman sieht sich großem Misstrauen gegenüber.
Perfumo: Niemand zweifelt seine fachliche Qualifikation an. Aber man weiß nicht, wie er auf eine WM reagiert. Ich habe selbst zwei WMs gespielt, da habe ich gelernt, dass so eine WM nicht für alle Menschen gemacht ist. Dass man eine WM erst einmal verdauen muss. Die WM wird sein Maßstab sein, sie ist der Maßstab für alle. (...)
SZ: Ein großer Konfliktherd zwischen Brasilien und Argentinien ist die Frage, wer größer war, ob Pelé oder Diego Maradona.
Perfumo: Es hat drei Spieler gegeben, die die Geschwindigkeit des Fußballs verändert haben. Alfredo Di Stéfano mit seiner Entfaltung auf dem gesamten Spielfeld und seiner Schnelligkeit; Pelé zu einer Zeit, als 4-2-4 gespielt wurde und das Mittelfeld ein Ort des Durchgangs war und nicht, wie heute, ein Schlachtfeld; und Maradona, der Präzison auf einer höheren Geschwindigkeitsstufe auslebte. Sie sind unvergleichlich, weil ihre Epochen unvergleichlich sind. Es ist, als würde man das erste Flugzeug mit einer Mondrakete vergleichen. Der eine war ein Phänomen, der andere auch. Aber wenn man sie unbedingt vergleichen will ... Ich habe den Eindruck, dass Maradona seine Mannschaften mehr zum Spielen brachte als Pelé. Ähnlich wie Di Stéfano. Pelé war ein größerer Individualist und abschlussstärker. Für einen Gegner eine menschgewordene Hölle. Maradona war das auch, ein Monster, doch darüber hinaus brachte er seine Mannschaften zum Spielen! Aber ehrlich: Ich könnte nicht sagen, wer besser war.
SZ: Gibt es etwas, was die Argentinier den Brasilianern neiden?
Perfumo: Die Technik, die ihnen erlaubt, einen anderen Fußball zu spielen. Der argentinische Fußball ist Pass-Spiel plus Dribbling. Der brasilianische Fußball ist ein Fußball der einfachen Ballberührung. Ein Fußball der Pinselstriche. Wenn ein Brasilianer den Ball mit dem Rücken zum Tor bekommt, wird er immer den Kameraden suchen. Der Argentinier wird ein Dribbling versuchen oder aufs Tor schießen. Im brasilianischen Fußball sind alle ständig in Bewegung, der ballführende Spieler hat vier verschiedene Anspielstationen. Er muss den Ball abspielen. Andernfalls wird er von den eigenen Leuten umgebracht. Achten Sie mal darauf: Die Brasilianer dribbeln kaum. In der aktuellen Mannschaft ist Robinho einer der wenigen Dribbler. Ronaldinho noch. Ronaldo, wenn er im Strafraum ist. Sonst spielen die Brasilianer fast immer nur mit einer Ballberührung. Und das Spannende ist, alle haben in Brasilien die gleiche Art zu spielen. Vom Bankangestellten bis zu den Kindern aus den Favelas, in den Straßenmannschaften und in der Nationalelf.
SZ: Und das besteht fort? Trotz der Globalisierung, trotz der Emigration?
Perfumo: Ja. Die Brasilianer haben diese Schule bewahrt. (...) Es ist ein recht armseliges Jahrzehnt gewesen, eine Zeit des mechanisierten Fußballs, eines Fußballs aus Freistoß, Ecke, Kopfball. Es sei denn, ein Ronaldinho taucht auf, ein Totti. Die WM in Japan und Korea war besonders schlimm. Aber auch das Champions-League-Finale war ein verdrießliches Spektakel. Ich hoffe, dass wir bei dieser WM das Schlusskapitel dieser Art von Fußball erleben, dass nun eine Etappe beginnt, wo es mehr Spiel gibt. (...) Seit ich die Deutschen 1974 gesehen habe, halte ich sie zu allem fähig – weil sie gegen Holland gewannen. Gegen uns hatten die Holländer vier Tore gemacht, sie hätten elf machen müssen. Ich hätte mein Leben drauf gesetzt, dass Holland Weltmeister wird. Seither weiß ich, dass Deutschland immer Weltmeister werden kann. Ob sie gut spielen oder schlecht."

Berliner Zeitung: Mehr als die Hoffnung, endlich wieder etwas Großes zu vollbringen, gibt es für Argentinien nicht – zu widersprüchlich sind die Ergebnisse der letzten Zeit
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Frankfurter Rundschau: Selbstbewusste Argentinier bereiten sich in Mittelfranken auf ihren ersten WM-Einsatz vor
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Berliner Zeitung: Die harte Kritik der Zuschauer und Medien hat Frankreichs Nationalteam zuletzt wieder zu einer Einheit zusammenwachsen lassen
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Financial Times Deutschland: Portugal hat noch nie einen Titel gewonnen. Aber selbst Pelé zählt das Team diesmal zu den Favoriten. Die beste Abwehr dürfte Trainer Scolari sicherlich haben
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Gebt mir viele schnauzbärtige Rivelinos!

Cesar Luis Menotti (Süddeutsche Zeitung) fordert eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Fußballs und geht mit feuchten Augen die Ahnengalerie des schönen Fußballs ab:
"Der Fußball als Spiel steht vor einer seiner letzten Chancen, vielleicht sogar der letzten, eine Beziehung zu retten, die von der Zuneigung des Publikums geprägt war. Er steht vor der unweigerlichen Notwendigkeit, seine Werte zu erneuern und essentielle Konzepte dieses wunderbaren Spiels einzuklagen, das heute in einer gigantischen Blase zu verschwinden scheint – erstickt von Geldscheinen, wirtschaftlichen Interessen, feigen Haltungen, Manipulationen und Exzessen aller Art. Wir sind schutzlos und verwaist, die großen Figuren, die mit dem großen Spiel geträumt haben, sind nicht mehr da. Pelé, Maradona, Cruyff, Di Stefano, Beckenbauer, Rummenigge, Littbarski, van Basten ... Der Fußball muss, wie die Gesellschaft, ihre eigene Wiedergeburt hervorbringen. (...) Es gibt Menschen, die sich das Recht göttlicher Kenntnisse anmaßen. Sie behaupten, dass Ronaldo dick sei. Soll er doch! Gebt mir viele Ronaldos! Früher gab es auch schon mal ein Pummelchen, er ist ein Landsmann von mir. Er hieß Diego ... Ich habe die ganzen vorurteilsbeladenen Kritiken satt, die sich am Aussehen von Fußballern orientieren. Garrincha war krummbeinig? Gebt mir mehr davon? Rivelino trug einen Schnäuzer? Gebt mir viele schnauzbärtige Rivelinos! Tostao hatte das Gesicht eines Verwaltungsbeamten und sah schwach aus? Ich will viele Tostaos! Beckenbauer sah aus wie ein Geigenschüler – gebt mir elf Beckenbauers! George Best wurde schräg angesehen wegen seines Rocker-Looks? Ich nehme alle Bests, die auf dem Planeten verstreut sind. Gesegnet sei dieser flachbrüstige Mann ohne Muskeln, der dafür den Körper voller Intelligenz hatte – und Johan Cruyff hieß. Ah, ich vergaß – wenn jemandem ein Glatzkopf über den Weg laufen sollte, der Di Stefano heißt, oder ein anderer namens Bobby Charlton; oder auch ein dickköpfiger Winzling mit langen Hosen und dürren Beinen, der auf den Namen Sívori hört, zweifelt nicht. Ich nehme sie alle, und das sofort."

Manifestation des Gegenteils

Fußball, ein Dorn im Auge der Mächtigen Irans – der Grünen-Politiker Omid Nouripour (Süddeutsche Zeitung), Inhaber eines deutschen und eines iranischen Passes, beschreibt die Modernisierungswirkung des Fußballs im Iran:
Es heißt, in Brasilien sei Fußball eine Religion. Die Intensität der kollektiven Gefühle, die der Fußball auslösen kann, ist in Iran sicher nicht geringer. Und doch ist die Bezeichnung 'Religion' für den Fußball in keinem Staat so deplaziert wie in der islamischen Republik. Auch wenn die Menschen für den Erfolg der Nationalelf beten: In einem Land, in dem die politische Elite den Alltag nach ihren religiösen Vorstellungen durchzuorganisieren versucht, gibt es keine willkommenere Ablenkung als den Fußball. Nirgendwo sonst finden die Menschen so unverdächtig (Klassen-)Kampf, moderne Helden, herrlichen Individualismus, Patriotismus und vor allem weltliche Dramen wie im Fußball. Keines dieser Elemente kann einem Regime gefallen, das seit der Revolution im Jahr 1979 versucht, die Menschen auf alle erdenklichen Arten in ein Muster des religiös-kollektiven Gehorsams zu pressen. Hinzu kommt die tiefe Sehnsucht eines Volkes nach internationaler Anerkennung, eines Volkes, das stolz ist auf seine uralte Kultur. (...) Fußball ist neben dem Internet die Brücke in die Weltöffentlichkeit. Beim Fußball können sich Frauen ungeniert David Beckham anschauen, und die iranischen Fußballer können sich präsentieren – unabhängig davon, wie die politische Lage derzeit ist. Nicht umsonst sind die größten Champions diejenigen, die in Europas Ligen spielen. Dieses Denken in Leistungskategorien und Wissen – aus dem Internet – sind die Modernisierungsindikatoren schlechthin. Das hat Ahmadinedschad, selbst Fußballfan, längst begriffen. Die Gründungsjahre der islamischen Republik waren davon geprägt, dass Iran als Nation keine Rolle mehr spielen sollte, sondern nur noch die Religion. Der Fußball, die Nationalmannschaft war immer die Manifestation des Gegenteils. Ahmadinedschads Pragmatismus sind allerdings Grenzen gesetzt. Als er versuchte, Frauen den Besuch von Fußballspielen endlich zu erlauben, wurde er von konservativen Geistlichen zurückgepfiffen. Nicht nur deshalb ist die Instrumentalisierung des Fußballs für das Regime eher schwierig.

Axel Kintzinger (Financial Times Deutschland) blickt auf das Team:
"Dass anstatt über Fußball über Politik geredet wird, ist angesichts der Infamie von Ahmadinedschads Aussagen angebracht. Die Konzentration liegt aber auch daran, dass die Mannschaft des kroatischen Trainers Branko Ivankovic schwer einzuschätzen ist. Im Kader stehen nur fünf Auslandsprofis. Ivankovic wird nach Klinsmann die deutscheste Truppe aufbieten, denn vier der fünf iranischen Legionäre spielen in Deutschland. Drei von ihnen sind Schlüsselspieler im iranischen Team: Mehdi Mahdavikia, Vahid Hashemian und Ali Karimi. Und Ferydoon Zandi hat ebenfalls einen Stammplatz."
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Schlägt mein Brasilianer deinen Brasilianer?
Made in Brasil – Marcos Senna spielt für Spanien, Deco für Portugal, dos Santos für Tunesien, Zinha für Mexico und Alex Santos für Japan. Ronald Reng (Berliner Zeitung) fragt, wo die Ursprungsidee der Nationalmannschaften geblieben ist:
"Dass Nationalteams einfach brasilianische Spieler verpflichten, als wären sie Klubs, ist Normalität geworden; diese WM wird es deutlicher denn je offenbaren. In der Vorrunde etwa heißt es bei Spanien gegen Tunesien auch: Schlägt mein Brasilianer deinen Brasilianer? Brasilien hätte genug Klassespieler, um mit einem A-, B- und C-Team das WM-Halbfinale zu erreichen. Weil aber auch für den fünfmaligen Weltmeister nur elf Männer spielen können, nehmen immer häufiger verschmähte brasilianische Begabungen den Pass des Gastlandes an, in dessen Liga sie arbeiten. Es ist einerseits ein schönes Zeichen der Aufgeklärtheit, dass man sich heute seine Nation aussuchen kann. Aber ist es andererseits nicht der Tod des Grundgedankens der Nationalteams, wenn man bei einer Schwachstelle in der Elf einfach einen Brasilianer einbürgert? Am Ende muss jeder Nationaltrainer diese Frage für sich entscheiden. Jürgen Klinsmann weigerte sich, Ailton für Deutschland zu verpflichten, so wie es Berti Vogts mit Paulo Rink gemacht hatte. Eine Erinnerung, dass sich der Erfolg nicht immer einfach so einbürgern lässt. Paulo Rink spielt heute für Omonia Nikosia auf Zypern."
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Fortsetzung des Fifi Wild Cups

Anscheinend hat niemand Trinidad und Tobago vor St. Pauli gewarnt – Ralf Wiegand (Süddeutsche Zeitung) erlebt das Testspiel zwischen den beiden als eine Art Trash-Fußball:
"Wo 'T and T' ein lässiges Trainingsspiel erwartet hatte, präsentierte sich ihnen der Vorhof zur Hölle. Nachdem bereits der Teambus von wummernden Bässen einer ausgelassenen Karibik-Party empfangen worden war, betrat die Mannschaft alsbald zu den Klängen von 'Hells Bells' ein ausverkauftes Millerntor mit 19.700 Fans, die zur äußersten Ekstase bereit waren. Die hitzige Atmosphäre übertrug sich direkt aufs Spiel, das 'viel zu hart' war, wie sich Beenhakker beschweren sollte. Nach einer Rangelei flogen sogar jeweils ein Spieler beider Mannschaften vom Platz. Trinidad wirkte in jeder Hinsicht überrumpelt und gewann nur dank haarsträubender Fehler der Pauli-Abwehr. Im Grunde wirkte die Partie wie eine Fortsetzung des Fifi Wild Cups, dessen Teilnehmer zuvor den Rasen am Millerntor gründlich umgepflügt hatten. Sansibar, Tibet oder die eigens gegründete Republik St. Pauli hinterließen dem kaum größeren kleinsten WM-Starter ein Geläuf, das sogar unter Maulwürfen als zu hügelig gelten sollte. (...) Für Trinidad war's ein Kulturschock. Und so tappte T & T vollends in die Falle des WM-Wahnsinns. Der Verbandssponsor ebay, Arrangeur des Kiezkicks, hatte aus dem Test mit allerlei B-Prominenz und einer TV-Live-Übertragung ein Spektakel gemacht. Man wolle die Elf aus der Karibik keinesfalls lächerlich machen und in eine Reihe stellen mit den jamaikanischen Bobfahrern von 'Cool Runnings', die einst Sportmärchen geschrieben haben, beteuerte ebay-Sprecherin Leonie Bechtoldt. Wenn dann allerdings eine Moderatorin wie Ruth Moschner einen Koch wie Tim Mälzer interviewt, dazu Drag-Queen Olivia Jones über die Tribüne stöckelt und der Stadionsprecher das Fan-Lied der Soca Warriors als offizielle Nationalhymne ankündigt, stellen sich Zweifel ein."

Süddeutsche Zeitung: Mit Tempo, Tempo aus dem Dickicht – Experten erwarten eine WM des offensiven Hochgeschwindigkeitsfußballs
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Spiegel Online: Schaffen es Ronaldo und Co, das Internet zum Kollaps zu bringen? Das Web, orakeln Pessimisten, könne unter massenhaften TV-Streams zusammenbrechen
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Deutsche Elf

Noch in der Beweispflicht

Vermutlich erwarten Beckenbauer, Netzer und ihre Stammtischbrüder, dass Michael Ballack seine Mannschaftskameraden mal vor aller Welt so richtig zur Sau macht – das würde ihrer Vorstellung von einem Führungsspieler entsprechen. Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) hegt andere Ansprüche an den Kapitän und verweist auf die Unterschiede zwischen dem Image Ballacks im In- und Ausland:
"Michael Ballack ist ein bedeutender Teil der globalen Fernseh- und Marketinginszenierung. Er ist der einzige Weltstar, den der deutsche Fußball noch zu bieten hat, und es ist auffällig, wie die öffentlichen Bilder zerfallen von Michael Ballack, in ein nationales Image und ein internationales. In Deutschland gibt es einen Michael Ballack als verständigen, weichen Mann, ausgestattet mit einer gewissen Selbstironie. Der dreifache Familienvater findet in den Spots eine Nähe zu Kindern, die ihm bewundernd die Hand reichen oder ihn auffordern, die Weltmeisterschaft zu gewinnen, nur damit das Bahnfahren ein paar Monate länger günstig bleibt. Aber dann gibt es auch noch den Ballack von Ausrüster Adidas, die international ausgerichtete Kampagne. Sie produziert ein anderes, hartes Bild von Ballack. Es hängt derzeit riesenhaft auf Megapostern an Hochhäusern. Ballack wirft sich in Pose. Er reckt sein Kinn wie ein griechischer Olympiakämpfer. Er sieht sehr männlich aus, fast kriegerisch, ein Kämpfer für Deutschland. Ein Feldherr. Nur so nimmt ihn das Ausland wahr. In Deutschland aber überschneiden sich die zwei Bilder, die eigentlich nicht zusammenpassen, aber sie sagen viel aus über die Vorstellungen der Deutschen, was ihr bester Fußballspieler in sich verkörpern soll. Ein sensibler und bluttriefender Kapitän, das wäre es wohl. Vielleicht glaubt Michael Ballack auch tatsächlich, beide Rollen ausfüllen zu müssen. Ballack ist der mit Abstand beliebteste Fußballspieler der Nation, und das liegt an seiner weichen Seite. Aber einigen Fußballexperten ist dieser Ballack nicht genug. Zu weich, zu soft, sagen sie. Es ist schon seltsam, daß der Kapitän der Nationalmannschaft auch mit bald 30 Jahren, nach drei deutschen Meisterschaften, zwei Pokalsiegen und der Tatsache, daß er die deutsche Mannschaft vor vier Jahren mit zwei außergewöhnlichen Momenten ins WM-Finale brachte, noch immer den Beweis erbringen muß, eine Mannschaft erfolgreich führen zu können."

Süddeutsche Zeitung: Die Wade der Nation – der verletzte Michael Ballack will gegen Costa Rica spielen
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Der Staat hat sich aus dem Fernsehen herauszuhalten

Tagesspiegel: Interview mit Michael Ballack
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Im verwörnsten Vorstopperland

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) erblickt in Christoph Metzelder die Zukunft der deutschen Abwehrschule:
"Wie es Metzelder in dieses Turnier geschafft hat, das allein ist schon eine spezielle Geschichte. Am Anfang schien es ja so zu sein, als hätten sie die WM 2006 allein für ihn erfunden, oder vielleicht war das auch umgekehrt. Vielleicht hat Rudi Völler Christoph Metzelder erfunden, er hat diesen 21jährigen No-Name einfach mit zur WM nach Asien genommen, nachdem ihm die Altvorderen Nowotny und Wörns verletzt ausgefallen waren. Als der No-Name sechs Wochen später wieder deutschen Boden betrat, war der Prototyp einer neuen Generation aus ihm geworden. Christoph Metzelder war der erste Vertreter der so genannten Generation 2006, und nach dem WM-Finale in Yokohama ist Pele auf ihn zugelaufen und hat ihn umarmt, die anderen deutschen Spieler hat Pele nicht mal angeschaut. Bald buhlte Real Madrid um diese junge Abwehrbegabung, die einem ziemlich verwörnsten Vorstopperland eine Ahnung vermittelt hatte, wie das Abwehrspiel der Zukunft aussehen könnte. Die Zukunft ist dann bekanntlich ausgefallen; zweimal wurde Metzelder an der Achillessehne operiert, viel hat nicht gefehlt, und die Zukunft hätte ihre Karriere wegen Sportinvalidität beendet. Jetzt hat Metzelder von der Dortmunder Ersatzbank aus doch noch den Weg zurück in die Zukunft gefunden, aber erstaunlicher als das ist die Rolle, die er darin spielen soll. Nicht nur, dass er mit Per Mertesacker wohl die deutsche Innenverteidigung verantworten wird; wer Klinsmanns Aussagen der vergangenen Wochen auswertet, darf davon ausgehen, dass Metzelder den inoffiziellen Titel 'Abwehrchef' für sich reklamieren darf. (...) Christoph Metzelder ist das vielleicht kühnste Experiment des experimentier-freudigen Bundestrainers."

Frankfurter Rundschau: Interview mit Christoph Metzelder
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: Interview mit Tim Borowski
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Am Grünen Tisch

Von oben nach unten

Die Fifa tagt heute über "Ethik, Führung und Transparenz"; Thomas Kistner (Süddeutsche Zeitung) weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll:
"Neben der Ethik dürfte auch die Umsetzung der anderen beiden Leitmotive des Kongresses intern nicht ganz reibungslos verlaufen. Geführt wird die Non-Profit-Fifa von einem Präsidenten, dessen Salär in all seinen Facetten so transparent ist, dass nur engste Weggefährten die Summe kennen. Geführt wird sie von Leuten wie Vizepräsident Jack Warner (genannt 'The Ripper') aus Trinidad, der im März erst vor der bisherigen Ethik-Kommission der Fifa landete, weil es Ungereimtheiten über WM-Tickets mit Warners florierendem Reisebüro auf der Tropeninsel gab. Oder von Fifa-Vize Julio Grondona, der wegen unpassender Äußerungen über das Leistungsvermögen jüdischer Schiedsrichter 2003 Besuch von einer Abordnung des Wiesenthal-Zentrums bekam. Nicht zu reden von Vize Ricardo Teixeira aus Brasilien, der schon ganze parlamentarische Untersuchungsausschüsse in Brasilia beschäftigt hat und mit Sportsfreund 'Don Julio' in den Kulissen des südamerikanischen Fußballmarkts aktiv ist. So betrachtet, ist der Fifa Weitblick mit ihrem Kongress-Motto nicht abzusprechen. Kleiner Fairplay-Tipp zum WM-Start: Nicht nur sorgenvoll auf Spieler und Referees herab blicken, sondern ruhig gleich die ganze Familie durchmoralisieren. Von oben nach unten, wie es sich gehört."

Der Herr Neureich aus der wohlhabenden Schweiz

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) kritisiert Joseph Blatter behutsam, nimmt ihn aber gegen seinen miserablen Ruf in Deutschland in Schutz:
"Wundern muß sich Blatter über Volkes Votum aber auch nicht sonderlich, hätte er es doch im Jahr 2000, als über die Vergabe abgestimmt wurde, erklärtermaßen viel lieber gesehen, wenn Südafrika schon 2006 zum Zuge gekommen wäre. Auch die immer wieder aufgeflackerten Dissonanzen zwischen Beckenbauers OK und Blatters Fifa haben öffentliche Spuren hinterlassen. Vor allem aber ist vielen Deutschen das Großprojekt WM mehr und mehr so vorgekommen, als verbände sich mit ihm der kolonisatorische Eifer einer herrschsüchtigen Organisation namens Fifa. Ganz so einseitig liegen die Dinge nicht. Gleichwohl hat sich ein Gefühl der Ohnmacht und Wut ausgebreitet. Der penible Zürcher Regulierungsdrang, niedergeschrieben an die Adresse des Ausrichters in einem dicken Pflichtenheft, zeugt von dem bürokratisch beflügelten Ehrgeiz, zum Schutze der fünfzehn weltweiten Fifa-Sponsoren und der sechs nationalen Förderer aber auch gar nichts dem bösen Zufall zu überlassen. So ähnlich geht es indes längst auch auf anderen Bühnen zu: Die Uefa organisiert ihre kontinentalen Titelkämpfe fast schon in eigener Regie; supranational bestimmt auch Team, der Marketingpartner der Uefa in der Champions League, wie die Stadien und deren Einrichtungen an den Spieltagen auszusehen und zu funktionieren haben. Und nicht zuletzt achtet auch das IOC bis ins letzte Detail darauf, daß die Anmutung der Spiele im Zeichen der Ringe genau nach seinem Gusto bleibt. Was Deutschland jetzt mit der WM, die die Fifa und nicht der Gastgeber veranstaltet, erlebt, ist nichts anders als ein als unerwünscht empfundener Effekt der Globalisierungsstrategien im Sport. (...) Er steht in den Augen vieler Beobachter wie der Herr Neureich aus der wohlhabenden Schweiz da, nachdem die Fifa noch vor vier Jahren nach der falschen Ansicht zahlreicher interner wie externer Kritiker fast pleite gewesen sein soll. Blatter, der so gern als weltweit anerkannter Kämpfer für die Armen und Entrechteten des Fußballs sowie Botschafter der sozialen Werte des Fußballs gefeiert würde, wird in Deutschland eher wie der Boß eines florierenden, aber nicht überall mit Sympathiepluspunkten daherkommenden, expandierenden Sportunternehmens wahrgenommen."
Jens Weinreich (Berliner Zeitung) fügt an:
"Blatter wird in den Tagen bis zur WM nichts mehr tun, um die Öffentlichkeit noch mehr gegen sich aufzubringen. Der Fifa-Konzernchef will gemocht und gelobt werden, vor allem in Deutschland, wo ihm und seiner Fifa doch flächendeckend, man kann es nicht anders sagen, ein eisiger Wind entgegen weht."
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Ascheplatz

Mittelstand

Nikolaus Piper (Süddeutsche Zeitung) analysiert die Wertschöpfung Bayern Münchens:
"Die Deutschen haben ein in Europa führendes Modell für das Geschäft mit dem Fußball entwickelt. Es ist das Modell des FC Bayern München. Der Rekordmeister ist sportlich in der Champions League zwar nur mittelmäßig. Er ist aber profitabel. Die Bayern AG, in der der Klub im Dezember 2001 sein Profigeschäft zusammengefasst hat, erzielte nach vorläufigen Zahlen 2005 einen Umsatz von 200 Millionen Euro, einen Bilanzgewinn von 3 bis 4 Millionen Euro; das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) wird auf 20 Millionen Euro geschätzt. Der wirtschaftliche Erfolg der Bayern lässt sich an zwei Begriffen festmachen: Festgeldkonto und Uli Hoeneß. Der Bayern-Manager ist ein Mittelständler. Und genau das ist auch sein Erfolgsmodell. Der FC Bayern ist das Modell des klassischen deutschen mittelständischen Unternehmens übertragen auf den Sport. In der Industrie nennt man diese Unternehmen 'Hidden Champions', Firmen, die in ihrer Nische die Weltspitze erreicht haben. Die Nische der Bayern heißt: nachhaltige Fußballfinanzierung."
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freistösse des wochenendes

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