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6.6.2006

Presseschau vom 06.06.2006

Mit Stimmungsberichten zur Lage im deutschen Team, Interviews mit Oliver Bierhoff und Jürgen Klinsmann, sowie erneuter Kritik an der Ticketvergabe zur WM. Daneben beschäftigt sich die Sportpresse mit der Schweiz und Ecuador.

Heute mit Stimmungsberichten zur Lage im deutschen Team, Interviews mit Oliver Bierhoff und Jürgen Klinsmann, sowie erneuter Kritik an der Ticketvergabe zur WM. Daneben beschäftigt sich die Sportpresse mit der Schweiz und Ecuador.

Deutsche Elf

Artifiziell

Powered by Coca Cola – Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) widerspricht der Behauptung von der großen, guten Unterstützung der Mannschaft durch die deutschen Fans:
"Auf die überbordende Herzlichkeit in Freiburg folgte in Leverkusen reserviertes Gegrummel. Nach dem 0:2-Rückstand gegen Japan waren sogar die grausigen 'Wir-wollen-euch-kämpfen-sehn'-Sprechchöre nicht zu überhören. Zum Abschluss der Vorbereitungs-Trilogie gab es in Mönchengladbach dann so etwas wie eine hoffnungsfrohe Mittellage. Die Mannschaft wurde gefeiert, aber es wäre deutlich übertrieben, von ekstatischer Begeisterung zu sprechen. Die Atmosphäre bei den Spielen des Nationalteams ist selten wie beim Vereinsfußball, weil eine große Zahl von Fans ins Stadion kommt, die sonst Fußball nur am Fernseher sieht. Auch die Bemühungen des Fanklubs der Nationalmannschaft, der von einem amerikanischen Getränkehersteller gesponsort wird, wirken seltsam artifiziell. In Leverkusen wie in Mönchengladbach versuchte er sich in Kurvenchoreographien im Stile von Ultras. 'Noch 7 Tage – auf geht's, der 4. Stern zum Greifen nah', war auf einem riesigen Transparent am Fuße der Kurve zu lesen, dazu wurden die üblichen Pappen in Nationalfarben hochgehalten, doch irgendwie machte die Inszenierung den Eindruck, als würden sich die gefürchteten Entertainment-Teams des Europapark Rust nun auch um die Stimmung in der Kurve kümmern. So verging in Mönchengladbach die Chance ungenutzt, die Parole der nächsten Wochen zu etablieren. Als einige Fans den klassischen Pokalschlachtruf 'Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin' anstimmten, setzte er sich auf den Rängen nicht durch. Dabei hätte das eine so schöne Headline für den Traum vom Finale im Berliner Olympiastadion sein können. Der wurde dann nach Abpfiff noch einmal per Schriftband beschworen, das die Balljungen auf den Rasen trugen: 'Gemeinsam mit euch ein Traum: 9. Juli 2006.' Brav wurde das von den Rängen akklamiert. So hinterließ auch keine der drei Partien den größten Eindruck bei den Spielern, sondern das öffentliche Training in Düsseldorf. Das war zwar eine Jahrmarktsveranstaltung und man darf es als neue Marotte abtun, dass sich die Gastgeber der Nationalmannschaft neuerdings mit Rekordbesuchszahlen beim Training überbieten wollen, aber die 42.200 Besucher hatten die Spieler auch einige Tage später nicht vergessen.

Ich habe kein Problem mit sachlicher Kritik

Oliver Bierhoff im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
FAS: Ärgern Sie die jüngsten Nörgeleien von Franz Beckenbauer an der Mannschaftsleistung, wo er doch als deutscher WM-Chef jetzt so kurz vor dem Turnier bessere Stimmung verbreiten könnte?
Bierhoff: Solange die Kritik sachlich ist und gesagt wird, gegen Japan hätten wir zu viele Torchancen zugelassen, habe ich kein Problem damit. Das hat doch jeder gesehen. Und solange es keine Unruhe in die Mannschaft bringt und den Trainer unter Druck setzt, ist das auch kein Problem. Natürlich sollte der OK-Chef und das Präsidiumsmitglied des DFB eine positive Grundstimmung herüberbringen und die Nationalelf unterstützen. Aber wir können von ihm nicht verlangen, daß er sich hinstellt und sagt, alles ist super.
FAS: Wie beurteilen Sie die Nachfolgediskussionen um Jürgen Klinsmann, sollte man sie sich nicht verkneifen so kurz vor dem Turnierstart?
Bierhoff: Auf jeden Fall. Wer heute als Verantwortlicher des DFB oder in der Mannschaft die Trainerfrage diskutiert, hat die Ernsthaftigkeit dieser WM nicht verstanden. Das sollte unterlassen werden.
FAS: Hat Sie überrascht, daß Jürgen Klinsmann noch einmal betont hat, daß er den Bundestrainerposten aufgeben wolle, wenn die WM nicht zufriedenstellend verliefe?
Bierhoff: Wenn man viel bewegen will und Verantwortliche des deutschen Fußballs einem dabei die Unterstützung zusagen, aber diese nicht öffentlich äußern, hat man irgendwann kein Problem mehr zu gehen. Jürgens Aussagen sind aber nicht so zu verstehen, daß ihm diese Aufgabe jetzt egal ist. Sonst hätte er den Job erst gar nicht übernommen.

Die Rückendeckung ist dagewesen

Jürgen Klinsmann im Interview mit derFrankfurter Allgemeinen Zeitung
FAZ: Hätten Sie das Gefühl, wenn Sie nach der WM aufhören müßten, daß Sie Ihren Weg nicht zu Ende gegangen sind?
Klinsmann: Es muß im Prinzip immer weitergehen. Wir haben den Wunsch, daß aus unserer Arbeit, die vor knapp zwei Jahren begonnen hat, eine langfristige Denkweise wird. Die Mannschaft hat sich dazu bekannt. Wir wollen einen temporeichen Fußball spielen. Wir wollen mit den Besten der Welt mithalten. Das geht nur, wenn du gedanklich sehr schnell bist – und auch fit genug, diese Spielweise umzusetzen. Unser Wunsch ist, daß diese Philosophie umfassend umgesetzt wird und man beim DFB wirklich sagt: Das ist bis zur U15 in der Trainingslehre und auch in der Trainerausbildung der Maßstab. Wir wissen, daß diese Richtung, die wir vorangetrieben haben, Glaubwürdigkeit braucht. Die Glaubwürdigkeit müssen wir uns durch Erfolge in diesem Turnier holen. Das ist uns sehr wohl bewußt – wenngleich wir wissen, daß alles, was wir bisher gemacht haben, richtig war.
FAZ: Oliver Bierhoff hat im Interview mit der FAS gesagt, daß er den Eindruck habe, Sie vermißten die öffentliche Unterstützung der führenden Leute im DFB. Fehlt Ihnen Rückendeckung?
Klinsmann: Wir haben eine komplizierte Phase hinter uns. Wir sind der einzige Verband auf der Welt, der seit zwei Jahren mit zwei Präsidenten fungiert. Und mit der WM im eigenen Land ist eine gigantische Arbeit verbunden. Die Leute beim DFB haben ja alle doppelte oder dreifache Funktionen. Für uns ist es phantastisch, wie wir unsere Dinge umsetzen konnten. Der DFB hat gesagt: "Jungs, ihr geht diesen Weg, der ist zwar ein bißchen anders und der fordert uns heraus – aber wir tragen ihn mit." Ob das nun Gerhard Mayer-Vorfelder, Theo Zwanziger oder Franz Beckenbauer war: Sie haben uns alle die Grundlagen gegeben, das Ding umzusetzen. Dafür sind wir dankbar. Wir sehen aber auch sehr wohl, daß ein besonderes Auge auf uns gerichtet ist, was den Erfolg bei der WM angeht. Aber die Rückendeckung ist dagewesen. (...)
FAZ: Bei der EM 2004 war die Luft nach 70 Minuten buchstäblich raus. Ist die Mannschaft jetzt fit genug, um ein Spiel in der 85. Minute noch zu drehen?
Klinsmann: Das hoffen wir. Vom Volumen, das wir trainiert haben, müßten wir dazu in der Lage sein. Es kommt aber auch auf das Tempo des jeweiligen Spiels an. Die Spieler werden innerhalb des Turniers immer fitter werden. Für uns war es sehr wichtig, daß das Regenerationsvermögen beschleunigt wird. Je schneller das geht, desto schneller sind die Spieler auch gedanklich da, desto wachsamer sind sie. Je länger einer braucht, von einem 40-Meter-Sprint runterzukommen, desto größer ist die Gefahr, daß er einen Konzentrationsfehler oder Abspielfehler macht.

Tagesspiegel-Interview mit Klinsmann
Mehr in tagesspiegel.de ...

Ein kritischer Spiegel-Bericht über das schwierige Verhältnis zwischen Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff auf der einen Seite sowie Matthias Sammer auf der anderen
Mehr in spiegel.de ...

taz: die Widersprüche des Jürgen Klinsmann
Mehr in taz.de ...

Süddeutsche Zeitung: Endlich in Berlin – die Nationalelf ist an dem Ort angekommen, der dem Klinsmann-Projekt als Symbol dient
Mehr in sueddeutsche.de ...

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Klinsmann vier Tage vor WM-Beginn wieder in bester Stimmung
Mehr in faz.net ...

Frankfurter Rundschau-Interview mit Jens Lehmann
Mehr in fr-online.de ...

Berliner Zeitung: Pressechef Harald Stenger hat während der WM einen der schwierigsten Jobs im DFB-Tross
Mehr in berlinonline.de ...

Frankfurter Rundschau: Harald Stenger vor vier Wochen Wahnsinn
Mehr in fr-online.de ...

Ascheplatz

Unentschuldbar

Thomas Kistner (Süddeutsche Zeitung) erneuert seine Kritik am Ticketing:
"Wie kann ein geschlossenes Ticket-System funktionieren, dessen Steuerung nicht in einer Hand liegt? Die Antwort gibt das aktuelle Chaos: gar nicht. Tage vorm Anpfiff des Ereignisses, auf das die Welt schaut, wird der Kardinalfehler evident; mehrere Parteien werkelten nebeneinander her und kommunizierten eher pro forma. Nun wirkt die Situation so unübersichtlich, als wären Veranstalter Fifa und das OK vom Beginn ihrer eigenen WM überrascht. Was, wenn dieses Bild zutrifft, das Ende einer Legende wäre: der vom Organisationsweltmeister Deutschland? Sicher, das OK hat ganze Arbeit im nationalen Zuständigkeitsbereich geleistet. 2 der 3,2 Millionen Eintrittskarten wurden akkurat registriert, oftmals genervte Erwerber auf dem deutschen Markt wurden mit bürokratischer Akribie erfasst. Was leider sinnlos ist, wenn beim restlichen Teil der unter Fifa-Aufsicht vertriebenen Tickets öfter die Regeln umdribbelt wurden. Die Agentur ISE dachte gar nicht daran, die Daten ihrer VIP-Kunden zu erheben. Dazu fand ein Teil der 800.000 Tickets, die über die so genannte Fußballfamilie verteilt werden, in altvertraute Kanäle: in die Taschen dubioser Funktionäre, oder ins Sortiment von Ticket-Agenten in aller Welt. Die pfeifen auf die Sicherheitsvorgaben im fernen Deutschland. Alles wie gehabt, wurden aus dem Chaos 2002 keine Lehren gezogen? Das ist unentschuldbar. Beim Ticketing hätten sich OK und erst recht die WM-selige Bundesregierung über die Fifa hinwegsetzen müssen."

Es wird ein Fest werden

Ludger Schulze (Süddeutsche Zeitung) stimmt ein, erwartet aber eine unbeeinträchtigte Party:
"Den schwiemeligen Erwartungsbombast hat Franz Beckenbauer auf diese Formel gebracht: 'Die WM bietet die einmalige Chance, das Land zu verbessern.' Schön gesagt – schöner wäre es, wenn das Land auch teilnehmen könnte. Aber leider müssen die Leute bei ihrer eigenen Party draußen bleiben, weil das Turnier Blatters Fifa gehört, und die hofiert lieber nadelgestreifte Champagnerschlürfer und hochhackige Unternehmersgattinnen. Deren Tickets übersteigen das Monatsbudget eines Hartz-IV-Empfängers. Für Normalsterbliche gab es den Pro-Forma-Verkauf via Internet, die Aussicht, eine Karte zu ergattern, war kaum höher als auf einen Lottogewinn. Es ist eine Mär, dass die Kraft des Fußballs eine Gesellschaft nachhaltig positiv ändern könnte. Das ist nicht mal in Brasilien, dem Land des Abonnement-Weltmeisters, gelungen. Aber 1954, da hat doch das Wunder von Bern ein durch zwölf Hitler-Jahre und einen alles vernichtenden Krieg verstörtes Volk schlagartig zu einer intakten Gemeinschaft von Welt-Meistern gemacht, nicht wahr? Falsch, auch das. Erst mit der Bedenkzeit von ein, zwei Jahrzehnten haben Soziologen, Historiker und Feuilletonisten den 4. Juli zum wahren Gründungsdatum der deutschen Bundesrepublik umgedeutet. Zeitgenossen haben von der Bedeutung des Tages wenig mitbekommen. (...) Maue Aussichten also angesichts einer unsicheren Wirtschaftslage, uferlosen Werbebombardements, eines eskalierenden Ticketstreits und drohender Aufmärsche von Rechtsradikalen? Mag sein, aber eins, aber eins, das bleibt besteh'n: Vom 9. Juni an, Anpfiff 18 Uhr, wird der Fußball jeglichen Überdruss, alle Schlechtwetterprognosen und sonstigen Ärgernisse aus seinen Stadiontempeln fegen. Und es wird ein Fest werden. Und am 10. Juli werden wir, übermüdet und ein wenig glücklicher vielleicht, wieder zur Arbeit gehen. Sofern wir eine haben."

Welt: DFB wollte WM-Stadien mit Soldaten auffüllen
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Der Staat hat sich aus dem Fernsehen herauszuhalten

Hans Hege, Leiter der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, beargwöhnt in der Süddeutschen Zeitung das wachsende Engagement der Teleokom in der Bundesliga:
"Wir haben der Telekom schon im Januar in einem Brief an Vorstandschef Kai-Uwe Ricke unsere rechtliche Beratung angeboten. Es gab bis heute keine Antwort. Die Fußball-WM zeigt T-Mobile nun einfach ohne rundfunkrechtliche Lizenz, und bald erwirbt die Telekom eventuell auch die Mobilfunkrechte an der Bundesliga. Das weitaus größte Problem aber ist die Nutzung über das DSL-Netz – es soll schließlich einmal das Kabel ersetzen. Das hat vom Potenzial her, als Grundversorgung für die Haushalte, eine eminente Bedeutung. Die Grundfrage ist: Kann der dominante deutsche Telekommunikationskonzern, der unter Staatseinfluss steht, mit dem Fußball eine Schlüsselressource des Fernsehens erwerben? So etwas passiert in anderen großen Ländern nicht. Jemand, der Netze betreibt und zugleich die besten Programme hat, kann andere ausgrenzen. Mit der attraktiven Bundesliga hat man die Gesamtgestaltung in der Hand. Potenziell geschädigt sind alle anderen Inhalteanbieter – sie können mit den Gewinnen aus der Telekommunikation leicht ausgestochen werden. (...) Es ist – verfassungsrechtlich oft bestätigt – ein eherner Grundsatz, dass sich der Staat aus dem Fernsehen herauszuhalten hat. Doch die Telekom will nun sogar in der Liga der Murdochs mitspielen."
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Süddeutsche Zeitung: Die Telekom als neuer Großhelfer - und Namenssponsor – der Bundesliga: erste Medienaufseher warnen vor der Daueroffensive auf dem Rasen
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: über eine Studie, die den ökonomischen Wert der WM für Deutschland bezweifelt
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Ball und Buchstabe

Wir spielen dynamisch. Wir spielen offensiv. Wir spielen in der Zone

Das fruchtbare schweizer Ausbildungssystem imponiert Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung):
"Viel haben sie ausprobiert seit der Stunde Null des Schweizer Fußballs im Frühjahr 1994, als sich die Schweiz gerade für die WM in den USA qualifiziert hatte. Ein historisches Ereignis war das damals, denn nach dem Turnier in England 1966 hatte die einst große Fußballnation fast drei Jahrzehnte lang weder an WM- noch an EM-Endrunden teilgenommen. Daher verknüpfte der neue Sponsor des SFV, eine Bank, die Unterstützung mit der Vorgabe, dass die Hälfte des Betrages in die Nachwuchsförderung fließen sollte. Am 1. Januar 1995 nahm Hansruedi Hasler seine Arbeit als erster Sportdirektor in der Geschichte des SFV auf. Der ehemalige Erstligaprofi hatte zuvor 20 Jahre als Erziehungswissenschaftler an der Sporthochschule Magglingen gearbeitet und entwickelte ein Konzept, wie der Schweizer Fußball systematisch Anschluss halten könnte. Ein halbes Jahr lang bereiste er dazu Europa und untersuchte die Arbeit mit Fußballtalenten in acht Ländern; in seinen Entwurf flossen viele Elemente aus Frankreich, aber auch Dänemark oder vom damals erfolgreichen schweizerischen Ski-Verband ein. Seither ist die Zahl von nur vier hauptberuflichen Nachwuchstrainern in der Schweiz auf sechzig gestiegen. Es gibt einen Ausbildungsfonds in Zusammenarbeit mit der Swiss Football League, in den bei jedem Transfer festgelegte Beträge eingezahlt werden müssen. Beim Verband ist die Zahl der professionellen Trainer seit 1995 von einem auf nun zehn gestiegen. Ihre Hauptaufgabe besteht vor allem im 'Controlling der Vereine', sagt Hasler. Das bedeutet allgemeine Hinweise zur Trainingsarbeit, teilweise auch individuelle Vorschläge für Spieler aus den Nachwuchs-Nationalmannschaften. Zudem soll die Spielphilosophie des Verbandes in die Vereine getragen werden. Wobei die Spielphilosophie auf schriftlich dargelegten Maximen des Spiels beruht. 'Wir spielen dynamisch. Wir spielen offensiv. Wir spielen in der Zone', heißen die drei Hauptvorgaben. Sie drücken sich etwa darin aus, dass der erste Pass eher ruhig gespielt werden soll und der lange Pass nach vorne nicht gerne gesehen ist."

Geschenk der Globalisierung

Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) wiegt die Bedeutung des Fußballs und der WM für Ecuador:
"Das Land, in dessen ethnischer Vielfalt sich seine Geschichte spiegelt, ist so heterogen wie seine Landschaften. 35 Prozent der Bevölkerung sind Mestizen, ein Viertel ist europäischer Abstammung, mindestens 20 Prozent sind Indigenas und 15 Prozent Mulatten. Die Mulatten sind afrikanischer Abstammung, sie kamen im 16. Jahrhundert als Sklaven in das Gebiet des heutigen Ecuadors. Nur 5 Prozent der Ecuadorianer sind schwarz – aber 100 Prozent der Nationalmannschaft. Die Schwarzen in Ecuador sind eine Klasse für sich. Sie gehören zu den Ärmsten, sie haben kaum Zugang zur Bildung, in der politischen und wirtschaftlichen Elite sind sie praktisch nicht zu finden. Ihnen wird im täglichen Leben oftmals mit Mißtrauen begegnet. Wer arm und schwarz ist, der ist auch kriminell, heißt es im Volk oft. Auch die Nationalspieler haben früh den Rassismus kennengelernt, und wenn sie nicht im Fußball Karriere gemacht hätten, dann hätte nur ein kärgliches Leben auf sie gewartet. Der Fußball ist für die schwarzen Ecuadorianer eine Rettungsinsel, aber er wirkt auch auf die anderen 95 Prozent der Bevölkerung. (...) Die Schwierigkeiten des Landes, in dem es in den letzten Jahren langsam, zu langsam aufwärtsgeht, wird die WM nicht vertreiben. Aber das zerrissene Land will sich eine Pause von der Misere gönnen. Ganze Dörfer im Süden bewohnen mittlerweile nur noch Frauen, weil die Männer vor allem als Handwerker ins Ausland gegangen sind. 1999 mußte sich der Staat zahlungsunfähig erklären. Die Reichen schaffen ihr Geld aus dem Land, die ins Ausland vor der Not Geflüchteten schicken zurück nach Ecuador, was sie können. Im öffentlichen Reden ist die Nationalmannschaft der Stolz aller Ecuadorianer. Aber eigentlich ist es der Erfolg, den er symbolisiert. Aber das Land versteht nicht einmal, seinen Ölreichtum richtig zu nutzen. (...) Die WM in Deutschland mit dem Gastgeber als Gruppengegner ist für die Wirtschaftselite des Landes ein Geschenk der Globalisierung."

Triste Perspektiven

Die WM als Ablenkung von der Politik, von den Politikern und von ihren Fehlern? Gerd Kröncke (Süddeutsche Zeitung/Politik) legt die Hoffnung der französischen Regierung dar: "Sie spielen auf Zeit und hoffen, dass schon alles vorbeigehen wird, irgendwie. Das Jahr bis zum Ende der Amtszeit des Jacques Chirac kann sich noch quälend lange hinziehen. Ihm und seiner schwächlichen Regierung bleibt immer noch genügend Zeit für neue Fehler und neue Skandale. Die Endlos-Affäre Clearstream, die Premierminister Dominique de Villepin durch Aussitzen politisch zu überleben versucht, ist auch noch nicht überstanden. Aber die entscheidende Schwächung hatte der Präsident schon mit dem Scheitern des Verfassungsreferendums vor genau einem Jahr erfahren, seither ist nichts besser geworden. Die Regierenden in Paris hangeln sich von Woche zu Woche. Nun hoffen sie auf die Fußball-Weltmeisterschaft, darauf, dass in wenigen Tagen die Politik von einer wichtigeren Nebensache für ein paar Wochen ins Abseits gerückt wird. Danach muss der Präsident noch sein jährliches Fernsehinterview zum Nationalfeiertag am 14. Juli überstehen, und dann kommt die Sommerpause. So triste sind die aktuellen Pariser Perspektiven."

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Willkommen im Holodrom

Berlin ändert zur WM sein Gesicht, und das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ballt die Fäuste:
"Lissabon hat sich zur Expo 1998 eine komplett modernisierte, auch ästhetisch faszinierende Infrastruktur gegönnt, und Barcelona wurde seinerzeit für die Olympischen Spiele regelrecht neu erfunden. In Berlin hingegen scheint die drohende WM das Gegenteil hervorzutreiben. All die repräsentativen Orte der Hauptstadt, die seit dem Mauerfall mit viel Geld und einigem Erfolg hergerichtet wurden, werden nun gezielt infantilisiert und entstellt. Daß ausgerechnet neben dem Sitz des Deutschen Bundestages eine riesige Kopfschmerztablette aufgerichtet wurde, mag noch als besonders subtile Form der Parlamentarismuskritik erklärt werden. Warum aber ist die schöne, weite, gerade erst angepflanzte Rasenfläche vor dem Reichstag platt gewalzt und asphaltiert worden, um dort einen Rummelplatz der Firma Adidas einzurichten? Wer war der historisch unterbelichtete arme Tropf, der ausgerechnet am Bebelplatz, dem Ort der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen, einen silbrigen Bücherturm aus Kunststoff hat hochstapeln lassen – nicht etwa zum Gedenken an die barbarische Tat, sondern zur Feier der Erfindung des Buchdrucks? Vermutlich muß man schon dankbar sein, daß die Stelen des Holocaust-Mahnmals nicht allesamt Nationaltrikots übergestülpt bekommen haben oder zu Sitzplätzen für Live-Übertragungen der WM umgewidmet wurden: 'Willkommen im Holodrom, freier Eintritt, alle Spiele in historisch prickelnder Atmosphäre!'"

Leere

Harry Nutt (Frankfurter Rundschau/Politik) fühlt sich unfreiwillig an dunkle Zeiten erinnert:
"Was an der wundersamen Stadtverpuppung Staunen macht, ist die geschichtsvergessene Arglosigkeit, mit der freimütig ins Gigantische geträumt wird. Vielfach werden ästhetische Anleihen bei den Licht- und Bildkünsten einer Leni Riefenstahl gemacht, ohne dass auch nur schamhaft auf den Zusammenhang von Massenspektakel und politischer Verführbarkeit hingewiesen wird. Es verbietet sich, von einer unschuldigen Gestaltungsfreude zu sprechen, die aus arglos und mit einigem Größenwahn an mehreren Stellen in der Stadt entstandenen Instantbauten hervorragt. Um es mit den Worten herkömmlicher Kulturkritik zu sagen: Die Fifa-WM ist ein monströses Medienspektakel, dessen selbstherrliche Inszenierungswucht eng verwandt ist mit der politischen Ästhetik der Olympischen Spiele von 1936. (...) Eine deutsche Selbstdarstellung zur WM hätte gewiss nicht von einem belehrenden Geschichtsseminarismus begleitet werden müssen. Nun aber, wo alles hinter der seltsam künstlichen Größe eines 'Walk of ideas' verschwindet, der die industrielle Leistungsfähigkeit der Deutschen ausgestellt wissen will, wird eine Leere sichtbar, zu der ein Schuss Selbstreflexion gut gepasst hätte."
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: eine Sammelrezension über Fußball-Hörbücher (Günther Koch, Philipp Köster und andere)
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Frankfurter Rundschau: Rezension über Ror Wolfs Fußball-Hör-Collagen
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Frankfurter Rundschau: Ahmadinedschads brauner Fanclub – in Leipzig wollen Deutschlands Neonazis Irans Fußballer "begrüßen", die Antifa-Szene hält gegen
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taz-Interview mit dem FDP-Politiker Burkhard Hirsch über die Sicherheitspolitik bei der WM
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Ballgeschiebe

Die Frankfurter Rundschau sendet einen Strauß Blumen: "Dass ein Netzblog auch intelligent gemacht werden kann, zeigt die Seite indirekter-freistoss.de. Hier schiebt man sich auf anspruchsvollen Niveau ohne jeglichen Belehrungssound die Bälle zu."
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freistösse des wochenendes

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