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2.6.2006

Presseschau vom 02.06.2006

Heute steht die Stimmung im Team im Mittelpunkt der Presseschau, daneben ein Interview mit Berti Vogts über die Arbeit von Jürgen Klinsmann und ein Gespräch mit dem Spotzsoziologen und Fan-Forscher Gunter Pilz über Hooligans und Gewalt.

Heute steht die Stimmung im Team im Mittelpunkt der Presseschau, daneben ein Interview mit Berti Vogts über die Arbeit von Jürgen Klinsmann und ein Gespräch mit dem Spotzsoziologen und Fan-Forscher Gunter Pilz über Hooligans und Gewalt.

Deutsche Elf

Rückzug

Alexandra Muz (Frankfurter Allgemeine Zeitung) beschreibt den deutschen Gegner Kolumbien auf dem langen Weg zurück zu Legalität und Sauberkeit:
"Als Kolumbien in den neunziger Jahren Schauplatz eines mörderischen Drogenkrieges war, gehörte Fußball zu den wenigen Themen, die dem Land Anerkennung brachten. Gleichzeitig aber war auch der Fußball eng mit der Drogenmafia verbunden. Gerade wieder wird Freddy Rincon, der kongeniale Kollege von Valderrama, beschuldigt, Strohmann eines Drogenbarons gewesen zu sein. Funktionäre, Trainer, Spieler, Schiedsrichter, Journalisten, viele standen damals auf der Gehaltsliste der Mafiabosse. Abgedroschen ist die Aussage, daß der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft sei. Aber in diesem Fall scheint es zu stimmen: Seit die kolumbianische Regierung der Drogenindustrie den Kampf angesagt hat, hat sie sich auch aus dem Fußball zurückgezogen. Nicht ganz, aber es ist besser geworden. (...) Es ist ein Trost, daß das WM-Finale eine kolumbianische Note haben wird: Shakira singt bei der Abschlußveranstaltung."

Man wird schnell als Nestbeschmutzer angesehen

Berti Vogts im Interview mit Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
FAZ: Sie haben behauptet, daß die Bundesligaspieler zuwenig trainieren würden. Können Sie den Vorwurf belegen?
Vogts: Man muß sich doch nur die anderen Sportarten anschauen. Da wird täglich zwischen vier und sechs Stunden trainiert. Im deutschen Profifußball trainieren wir noch wie vor zehn Jahren – aber die anderen Nationen nicht mehr. Unsere Nationalspieler nehme ich von der Kritik einmal aus. Aber schon unsere jugendlichen Auswahlspieler ab 14 Jahren trainieren zuwenig. Ich habe jetzt fünf Jahre im Ausland gelebt. Und dort sehe ich, daß man sich bei Arsenal, Chelsea oder West Ham United, dem Klub mit der besten Jugendarbeit in England, mit den Spielern mehr als sechs Stunden am Tag beschäftigt. Morgens gehen sie zur Schule, nach dem Mittagessen um drei ist die erste Einheit. Um fünf werden Hausaufgaben gemacht. Dann wird eine Stunde trainiert. Nach dem Abendessen wird noch einmal individuell trainiert, technisch. Das fehlt uns.
FAZ: Jürgen Klinsmann legt ja den größten Wert in der Vorbereitung auf die Fitness. Glauben Sie, daß man in wenigen Wochen solche Defizite, die auch im Europapokal erkennbar waren, wirklich aufarbeiten kann?
Vogts: Jürgen Klinsmann hat gleich zu Beginn vor zwei Jahren Leistungstests und sportmedizinische Untersuchungen vorgenommen. Da hat man sofort erkannt, daß wir hinterherhinken. Die Werte der Spieler in den neunziger Jahren waren besser. Klinsmann ist absolut auf dem richtigen Weg – und nur dieser Weg mit vielen Spezialisten wird uns wieder an die Weltspitze zurückführen. Er hat jetzt schon Erfolg. Kein Trainer hat so vielen jungen Spielern eine Chance bei der WM gegeben. Ich hoffe, daß der Nachfolger von Jürgen Klinsmann nach der WM Jürgen Klinsmann sein wird. Die Mannschaft ist erst bei siebzig Prozent, sie wird erst bei der WM 2010 auf ihrem Höhepunkt sein. Falls Klinsmann nach Kalifornien zurückgeht, kann ich für den deutschen Fußball nur hoffen, daß der Nachfolger seine Philosophie vertritt.
FAZ: Wundern Sie sich, daß es immer noch so schwierig ist, Defizite im deutschen Fußball zu benennen, ohne Gegenwind aus der Bundesliga zu bekommen?
Vogts: Die Bundesliga ist ein sehr spezielles Geschäft. Sie wird wunderbar vermarktet. Die Fernsehsender kaufen das Produkt teuer ein. Aber die Ware hat nicht mehr den Wert früherer Jahre. Man kann nicht mehr von Pech sprechen, wenn unsere beste Mannschaft 1:4 in Mailand verliert. Dann ist das ein Leistungsunterschied. Im Uefa-Pokal sind unsere Mannschaften gegen Durchschnittsmannschaften ausgeschieden. Die Bundesliga ist in Europa nur Durchschnitt. Aber man darf das nicht laut sagen. Sonst wird man als Nestbeschmutzer angesehen.
FAZ: Wie hätten Sie reagiert, wenn schon vor der WM, wie in diesen Tage geschehen, eine Trainerdiskussion losgetreten wird?
Vogts: Man merkt, daß Jürgen Klinsmann gut erzogen ist. Ich hätte anders reagiert. Es ist noch kein Ball gespielt worden, da wird schon über seine Nachfolge diskutiert. Nichts gegen Sammer und Hitzfeld. Aber das gehört sich nicht.
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Süddeutsche Zeitung: Kapitän Michael Ballack fordert Torsten Frings auf, defensiver zu spielen
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Berliner Zeitung: Ballack kontert Klinsmanns Taktik
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Berliner Zeitung: Die deutsche Elf kennt ihre Fehler, und kann sie dennoch nicht vermeiden
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taz-Portrait von Jens Lehmann
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Welt-Interview mit Per Mertesacker
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taz: Saudi-Arabien wird wohl auch bei dieser WM nicht weit kommen – das liegt auch an der fehlenden Auslandserfahrung der Spieler
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Berliner Zeitung: WM-Serie: 2002 schließt der Fußball für wenige Wochen die tiefen Gräben zwischen den Erzrivalen Japan und Südkorea
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Ball und Buchstabe

Verbesserung der Lage durch Verbesserung der Stimmung

Bernd Ulrich (Zeit) stellt uns die Arbeit Jürgen Klinsmanns als Synthese der Arbeit Gerhard Schröders und Angela Merkels vor:
"Da der Bundestrainer zwischen Amtsantritt und WM im eigenen Land noch weniger Zeit hatte als Gerhard Schröder und Angela Merkel, wendet er die zwei Methoden der beiden Kanzler zugleich an: Rasche, schockierende Reformen (Agenda 2010/Schröder), von denen er allerdings weiß, dass sie allein den zurückgebliebenen deutschen Fußball nicht retten werden, weshalb er zusätzlich auf das Prinzip der grundlos guten Laune (Merkel) setzt. Drei Hürden musste und muss Jürgen Klinsmann dabei überwinden, um Erfolg zu haben. Erstens: Allein gegen die Mafia. Die Entmachtung der Besitzstandswahrer und Status-quo-Profiteure. Das sind im deutschen Fußball der DFB und die FC-Bayern-Bild-Connection. Hier hat der Bundestrainer mit seiner Basta-Politik einiges geschafft, allerdings begünstigt durch die nahende WM, die all diese Leute in eine Art patriotische Geiselhaft des ungeliebten Trainers und seiner noch ungeliebteren Methoden nimmt. Zweitens: Es gibt keinen deutschen oder italienischen, es gibt nur modernen oder unmodernen Fußball. Klinsmanns Reformen selbst wirken leider etwas synthetisch, atmen den Geist technischer, kalter Instrumentepolitik wie die Agenda 2010. Und wie bei Schröders Agenda weiß niemand genau, ob sie überhaupt irgendetwas bringen. Man wird den Bundestrainer also an den Erfolgen messen, und wie beim ehemaligen Bundeskanzler wird man das früher tun, als die Erfolge überhaupt eingetreten sein können, wenn nicht ein irrationaler Faktor hinzukommt. Den versucht Klinsmann zu erzeugen. Drittens: Gute Stimmung kann nur von besserer Laune kommen. Die große Frage an die WM wird sein, ob die Verbesserung der Lage durch vorherige Verbesserung der Stimmung in Deutschland tatsächlich funktioniert. Zunächst einmal würde man so etwas am ehesten den Amerikanern zutrauen und am wenigsten den Deutschen. Dieses Amerikanische ist auch genau das Problem von Jürgen Klinsmann. Das hat man in der Politik auch schon versucht, die Amerikanerwerdung des Deutschen als Allheilmittel. Es hat bisher selten funktioniert."
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Sorgen macht mir eher der Rassismus

Der Spotzsoziologe und Fan-Forscher Gunter Pilz warnt in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung vor zu lauten Warnungen vor Hooligans und Gewalt:
"Ich habe ein ungutes Gefühl, weniger wegen der Hooligans als vielmehr wegen der Äusserungen in Politik und Presse. Es findet eine permanente Hochstilisierung statt, die drei Dinge nach sich zieht: Die Poliziei wird derart massiv unter Druck gesetzt, dass irgendwann nicht mehr auf Deeskalation gesetzt werden kann, sondern nur noch auf Repression. Ausserdem wird die Angst in der Bevölkerung unnötig geschürt. Das Ganze führt so weit, dass sich die Hooligans irgendwann gezwungen fühlen, tätig zu werden, weil sie sonst fürchten, nicht mehr ernst genommen zu werden. Eins muss einfach klar sein: Polizei und Justiz sind bestens auf die WM vorbereitet. Alles wird gutgehen, wenn wir uns endlich darauf besinnen, ein Fußballfest feiern zu wollen. In einem entspannten, fröhlichen Umfeld haben es auch die Hooligans schwerer, jemand anderem die Faust ins Gesicht zu rammen. (...) Gewaltbereite Hooligans werden diese Bereiche [Public-Viewing-Zonen] meiden wie die Pest. Solche Leute brauchen Auslauf und Bewegungsfreiheit. Die grösste Gefahr sind die Horrorszenarien, die seit dem 11. September 2001 überall verbreitet sind, und ihre Folgen. Ich werde mich nicht daran beteiligen. Sorgen machen mir eher – weniger mit Blick auf Gewalt als aufs Image – die Rassismus-Auswüchse. Während der WM werden viele rechte Gruppen ihr Süppchen kochen. Das zu verhindern, wird schwer."

Die Zeit: Taktik – warum Weltmeisterschaften dem Fußball heute keinen neuen Kick mehr geben, anders als früher
Mehr in zeit.de ...

Frankfurter Allgemeine Zeitung Hintergrundbericht über Polens Hooligans:
Mehr in faz.net...

Frankfurter Rundschau: Als die Kartenschalter an den WM-Stadien öffneten, gab's eine Sensation: Etliche Fans, die geduldig Schlange gestanden hatten, angelten sich tatsächlich Tickets
Mehr in fr-online.de ...

taz: Der Berliner Musiker Torsun covert mit einer Technoversion den Gesang englischer Fußballfans; der provokante Protestsong "Ten German Bombers" richtet sich gegen den wachsenden Nationalismus zur WM-Zeit
Mehr in taz.de ...

Ascheplatz

Nullsummenspiel

Die Neue Zürcher Zeitung entlarvt die Mär vom Wirtschaftsimpuls WM:
"Wenn jemand sein Haus umbaut, verursacht ihm dies Kosten. Das ist beim Neubau von Stadien oder Strassen nicht anders. Doch aus dem Munde von Politikern werden aus Kosten plötzlich Erträge, welche die Wirtschaft ankurbeln. Wenn sich jedoch keine privaten Träger bereit finden, ein Stadion vollständig zu finanzieren, lässt sich daraus eigentlich nur ein Schluss ziehen: Der Nutzen (also die Erträge) wiegt die Kosten nicht auf, ergo sollte man die Investition besser bleiben lassen. Übernimmt der Staat in solchen Fällen einen Teil oder gleich die ganzen Baukosten, handelt es sich um staatlichen Konsum. Darüber freut sich besonders die Fifa, die allein mit den Fernsehübertragungsrechten der WM 1,5 Milliarden Franken [rund 950 Millionen Euro] einnimmt. Aber auch Adidas oder Puma können mit hohen Einnahmen durch die WM rechnen. Salopp ausgedrückt subventioniert damit die Öffentlichkeit einige stark auf solche Anlässe ausgerichtete Firmen. Nicht thematisiert wird in den Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Wirkungen einer WM, was das Geld gebracht hätte, wenn es anderweitig verwendet worden wäre. Doch selbst wenn Alternativen durchgerechnet werden, sind solche Übungen letztlich immer paternalistisch. Die Konsumenten wissen selbst am besten, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen. Die WM ist eine private Veranstaltung und hat nicht den Charakter eines 'öffentlichen Gutes', weshalb dafür auch keine staatliche Unterstützung vorzusehen ist. Ausgeblendet oder klein gerechnet werden in einschlägigen Studien zudem die mannigfaltigen Verdrängungseffekte, die durch einen solchen Sportanlass ausgelöst werden. Der Bäcker verkauft zwar mehr WM-Brötchen, dafür weniger Semmeln – ein Nullsummenspiel. Zwar werden mehr Fernseher gekauft, doch handelt es sich in der Regel um ein Vorziehen von Anschaffungen, die man etwas später ohnehin gemacht hätte. Solche Reaktionen können auch nicht überraschen: Wegen der WM haben die Deutschen keinen Cent mehr in der Tasche, also können sie auch nicht mehr ausgeben. Eher müssen sie netto mit einer Belastung rechnen, weil die Veranstaltung Steuermittel verschlingt."
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Die Zeit: Der sanfte Pate – Franz Beckenbauer und sein einzigartiges Beziehungsgeflecht: Wie aus dem Giesinger Straßenfußballer ein erfolgreicher Unternehmer in eigener Sache wurde
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Tagesspiegel: Debatte über Fußball und Kommerz im WM-Jahr
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freistösse des tages

Wie Heike Faller die deutsche Nationalmannschaft ins Endspiel führte ..
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Warum unter wm2006.de nicht das kommt, was man erwartet
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