zurück 
22.5.2006

Presseschau vom 21.05.2006

Heute in der Presseschau: Wer gehört zur Traumelf der Fußball-Reporter? Außerdem stehen Live-Übertragungen im Fernsehen und Internet im Spiegel der Kritik. Und: Der Fußball-Skandal in Italien weitet sich aus.

Heute in der Presseschau: Wer gehört zur Traumelf der Fußball-Reporter? Außerdem stehen Live-Übertragungen im Fernsehen und Internet im Spiegel der Kritik. Und: Der Fußball-Skandal in Italien weitet sich aus.

Ball und Buchstabe

Ein Tor war ein Tor und keine Erlösung

Holger Gertz (Süddeutsche Zeitung/Seite 3) schreibt über die Qualität eines guten, alten TV-Reporters und spricht uns tief aus der Seele:
"Rolf Kramer erlebt so etwas wie eine Renaissance. Vom Tagesspiegel wurde Kramer in die Traum-Elf der besten Reporter gewählt. Sentimentale Begründung: 'Er klang merkwürdigerweise immer nach Mono-Empfang, mit weit aufgedrehtem Höhenregler.' Er klingt immer noch so. Rolf Kramer hat für das ZDF die WM-Finals 1978 und 1986 übertragen. Er hatte es nicht leicht mit den Kollegen von den Boulevardzeitungen, weil er mit denen nicht kungeln wollte. Entsprechend waren die Kritiken seiner Reportagen: zu trocken, zu viele Pausen. In der Rückschau wirkt diese Kritik noch lächerlicher als damals schon. Er hat die spannendsten Spiele kommentiert, das Halbfinale 1982, Deutschland gegen Frankreich; das Endspiel 1986. Manchmal sagte er nur einen Namen, 'Kaltz', und dann Ewigkeiten nichts, manchmal hörte man ihn nur leise atmen. Er war nicht aufdringlich, aber er gab einem das Gefühl, nicht allein zu sein mit so einem Spiel. Kramer war Fußballreporter in einer Zeit, als das ZDF noch nicht gezeichnet war von der Töpperwienisierung und Verposchmannung der Gegenwart; als noch Harry Valérien auf Sendung ging mit ausführlichen Dopingbeiträgen; als das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich nicht vom Massengeschmack erziehen ließ, sondern die Massen, gerade im Sport, selbst ein bisschen erzog. Als es die private Konkurrenz noch nicht gab und der Fußball, bei aller Hysterie, etwas flacher gehalten wurde. Er hat aufgehört, weil er spürte, dass man jetzt anders reden muss, lauter. 1984 war das Privatfernsehen eingeführt worden. Er hat dann beim ZDF hinter den Kulissen gearbeitet und ist jetzt im Ruhestand, und er hört zu, wie die anderen das machen. Sie machen es anders, und er will nicht sagen, dass sie es schlecht machen. Aber er hat damals gelernt, dass, wenn der Ball im Tor liegt, man nicht groß rumschreien muss. Und als ihm einmal ein Kollege gesagt hat, ein bisschen mehr Chauvinismus dürfe er ruhig einfließen lassen in seine Reportagen, 'da war ich geschockt'. Dabei mochte er den Kollegen sehr. Also, Deutschland war eine Mannschaft in seinen Reportagen, kein Symbol. Ein Tor war ein Tor und keine Erlösung. Ein Spiel war ein Spiel, Fußball war nicht das Gefühlskino, das vielen jetzt so auf den Geist geht."

Gegensätze

Jürgen Kaube (Frankfurter Allgemeine Zeitung/Leitartikel) versucht schlau zu werden aus den Widersprüchen des Fußballs und aus der aktuellen Fußballhermeneutik der Soziologen, Philosophen und anderen Sternedeutern und kritisiert das Fernsehen:
"Schaut man sich die vielen Deutungen an, so laufen sie auf einen Gesamtbefund hinaus: Fußball ist offenbar alles – und dessen Gegenteil. Religion, heißt es, sei er, Kunst, Kommerz, Männerdomäne, Gewaltspektakel, Residuum nationalistischer Hochstimmungen – und dann wieder genau das Umgekehrte: ganz weltlich, reiner Spaß, mit erfolgreichen Teams aus armen Ländern, mit zunehmendem Interesse bei Frauen, mit leichtfüßigen Gewinnern und Mannschaften, die schon darum überwiegend aus Spielern 'mit Migrationshintergrund' bestehen, weil Arbeitsmigration im Spitzenfußball der Normalfall ist. Auf der einen Seite wird behauptet, im Fußball zeigten sich uralte, rituelle Bedürfnisse, oder gar, Fußball sei pure Emotion. Auf der anderen Seite weiß jeder, wie durchanalysiert das Spiel inzwischen ist und daß sich ganze Wissenschaftszweige damit befassen, woran man möglichst früh Talente erkennt und wie man am besten trainiert. Oder ein anderer Gegensatz: Aus dem Ei gepellte Figuren wie Oliver Bierhoff erzählen etwas von fehlenden Bolzplätzen, während der Sportartikelkonzern 110 Euro für seinen WM-Ball verlangt. (...) Daß aber soviel mittelmäßige Soziologie beim Reden über das Spiel ins Spiel kommt und die Phrase vom 'Spiegel der Gesellschaft' sich hält, liegt vor allem an der riesigen Lücke, die seit Jahren das Fernsehen läßt. Denn von wem, wenn nicht von den Fernsehkommentatoren, würde man denn Recherche, Deutung oder wenigstens kontrastreiche Beschreibungen erwarten? Aber die allermeisten reportieren nicht, sie apportieren nur, als letztes Glied der Verwertungskette und völlig distanzlos, so als gehörte ihnen der Fußball und sie ihm. Darin steckt das Verständnis, die Medien hätten die Aufgabe, um jeden Preis Begeisterung zu übermitteln, und am meisten begeisterten sich die Leute, wenn man ständig schwer auf die Pauke haut. Aber Fußball ist nicht begeisterungszufuhrbedürftig. Sondern einfach und kompliziert, offenkundig und voller Hinterbühnen. Wo immer sich also ein Stammtisch oder ein Podium seiner annimmt, geschieht das zu Recht: Es muß darüber geredet werden. Und je besser, desto besser."

Spiegel Special: Sehr lesenswert! Jorge Valdano gilt als klügster Kopf des Fußballs. Ein Gespräch über Kapitalismus und Kreativität
Mehr in spiegel.de ...

Ascheplatz

Schnitzer der DFL

Live-Fußball im TV – Marcus Theurer (Frankfurter Allgemeine Zeitung/Wirtschaft) deutet die Beschränkung der Telekom, die die Internet-Rechte innehat, auf die DSL-Leitung als Mutlosigkeit gegenüber der Fußballmacht:
"Das Ringen um die Übertragungsrechte in der Bundesliga wird immer mehr zur Farce. Ein Weltkonzern wie die Deutsche Telekom läßt sich dabei von den Fußballvereinen vorführen. (...) Die Telekom gibt ein schwaches Bild ab. Denn in der DFL-Ausschreibung, die Basis für die Rechtevergabe war, steht explizit, daß die Bundesliga im Internetfernsehen auch über Kabel und Satellit verbreitet werden dürfe. Das war offensichtlich ein Schnitzer der DFL. Doch warum soll die Telekom auf erworbene Vermarktungsmöglichkeiten verzichten, um damit ein unprofessionelles Ausschreibungsverfahren der DFL im nachhinein zu deren Gunsten zurechtzubiegen?"

Tagesspiegel: Deutsche Telekom und Premiere arbeiten beim Bundesliga-Fernsehen via Internet zusammen
Mehr in tagesspiegel.de ...

Süddeutsche Zeitung: Sie heißen easyCredit Stadion oder Signal Iduna Park – Stadien, die nach Firmen oder Marken benannt sind, bringen zwar Millionen in die Vereinskassen, aber die neuen Bezeichnungen stoßen auch auf Widerstand – vor allem bei den Fans
Mehr in sueddeutsche.de ...

Unter dem Feind hindurch

Jürgen Steinhoff (Stern) lacht sich ins Fäustchen:
"In Berlin hat Samsung, Konkurrent des WM-Sponsors Toshiba, das Charlottenburger Tor mit Reklame zugehängt. Für das Geld, das Berlin dafür bekommt, wird das historische Bauwerk saniert: Das Charlottenburger Tor, durch das täglich Zehntausende Autos fahren, steht auf einer 'Protokollstrecke' der Fifa. Solche Protokollstrecken gibt es in allen zwölf WM-Städten. Sie führen vom Hotel, in dem Fifa-Funktionäre logieren, zum jeweiligen Stadion, zum Flughafen und zum Bahnhof und sind während der WM mit Fifa-Fahnen geschmückt, auf denen auch die Sponsoren mitflattern. Diese Strecken sollen möglichst komplett frei sein von 'feindlicher' Werbung. Königin unter den Protokollstrecken ist diejenige in Berlin, über der das Charlottenburger Tor steht. Wenn also Blatter am 9. Juli zum WM-Finale vom Hotel Adlon ins Olympia-Stadion chauffiert wird, längs der mit 2.200 Fahnen geschmückten Protokollstrecke staatsgastmäßig von Polizeikrädern eskortiert, in einem von WM-Sponsor Continental bereiften Hyundai-Schlachtschiff namens 'Centennial' thronend, dann muss der Fußballpapst, Herr über 1,2 Milliarden Fußballer, mitten durch dieses in Feindreklame gehüllte Samsung Tor. Das ist für Sepp Blatter so, als wenn der echte Papst, Herr über nur 1,0 Milliarde Katholiken, in seinem Papamobil durch dieses Tor hindurchmüsste, wenn es mit einer Einladung an die Berliner Muslime zur Pilgerfahrt nach Mekka geschmückt wäre. Erst auf der Rückfahrt darf sich Blatter von diesem Schock erholen. Dann leuchtet ihm in den Farben seines Sponsors Deutsche Telekom die zu einem Fußball beklebte Kugel des Fernsehturms am Alexanderplatz entgegen. (...) Verstöße gegen ihre Rechte verfolgt die Fifa mit einer Truppe, die örtliche Geschäftsleute als 'Fifa-Stasi' beschimpfen."

Tagesspiegel: Blatter bringt sich in Stellung – der Fifa-Präsident will 2007 für weitere vier Jahre gewählt werden
Mehr in tagesspiegel.de ...

International

Untergeordnet

Moggi-Skandal – Nikos Tzermias (Neue Zürcher Zeitung) über das nackte Italien:
"Moggis Machenschaften haben grosse Strukturschwächen des Calcio-Systems entblösst. Der Juve-Generaldirektor schien skrupellos den Umstand auszunutzen, dass im Fussballverband zuverlässige Regeln – und vor allem auch effiziente Kontrollmechanismen fehlen. In mannigfacher Hinsicht wurden die Böcke zu Gärtnern gemacht. Die kapitalkräftigen Klubs dominierten die Federcalcio-Führung, der die Schiedsrichter, die Mitglieder der Sportjustiz und die Buchprüfer unterstellt, statt dass sie ihnen gleichgestellt wurden. Es wurde eine heile Welt der Sportlichkeit vorgegaukelt, obwohl der Calcio immer mehr zum Spielball handfester Geschäftsinteressen geworden war. Im italienischen Fussball werden jährlich über 5 Milliarden Euro umgesetzt, drei Profivereine sind an der Börse kotiert, und allein die Fussballvereine der Serie A haben Schulden von über 1,5 Milliarden Euro aufgetürmt. Trotzdem galten für den Fussball bisher weit weniger strenge Regeln als für die übrige Wirtschaft. Dabei dürften zwischen dem 'reinen' Sport und dem Kommerz erst noch erhebliche Zielkonflikte bestehen. Gemäss dem britischen Sportsoziologen John Williams lebt die Faszination des Fussballspiels von der Unberechenbarkeit, derweil die Geschäftswelt nach dem Gegenteil strebe und das Resultat möglichst zu beeinflussen versuche. Der frühere EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti hat beklagt, dass sich die Politik der Welt des Fussballs regelrecht untergeordnet habe und diese eine ungewöhnliche Vorzugsbehandlung geniesse."
Mehr in nzz.ch ...

Servil

Vincenzo Dello Donne (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) blickt sorgenvoll auf Italiens Nationalelf:
"Wie ein Krake beherrschte Moggi beinahe die gesamte Serie A. Seine Tentakeln reichten überallhin, auch zu Lippi. In jovialem Ton besprach der Nationaltrainer technische Details mit ihm – welche Spieler er etwa für den Kader der Azzurri nominieren solle. Wobei Moggi klare Empfehlungen abgab. Aber es ging auch um ganz Profanes: ob der graumelierte Toskaner Rabatt für Fiat-Autos erhalten könne, die sein Sohn oder seine Tochter erstehen wollten. Und: ob es nicht besser sei, den Juve-Star Alessandro Del Piero auch in der Nationalmannschaft auf die Bank zu setzen, damit er gegenüber Juve-Trainer Fabio Capello keinen Stammplatz reklamieren könne. Lippis Tonart in den Gesprächen wurde von den Staatsanwälten als servil beschrieben. In Moggi sah Lippi einen Wahlverwandten, dessen Protektion sich auch für die Position des Nationaltrainers als nützlich erwies. (...) Heikel ist Lippis WM-Mission auch wegen der Verwicklung einiger Spieler in den Wettskandal."
Benedikt Voigt (Tagesspiegel) ist aller Illusionen beraubt:
"Die Liste der Länder mit Fußballskandalen wird länger und länger. Neben Deutschland kämpften auch Tschechien, Belgien, Griechenland und Finnland gegen Sportbetrüger. Und natürlich Italien. Dort wird gegenwärtig die gesamte Serie A erschüttert, das Ausmaß ist noch lange nicht klar. Der Fußball hat schon länger seine Unschuld verloren. Wer immer noch an die Ehrlichkeit im Sport glaubt, ist hoffnungslos naiv."
Mehr in tagesspiegel.de ...

Die Welt: Spieler und Sponsoren wenden sich von Juventus ab
Mehr in welt.de ...

Berliner Zeitung: Italiens Nationaltrainer Marcello Lippi wird in der Sache Moggi verhört – Konsequenzen schließt er aus
Mehr in berlinonline.de ...

Abwanderung

Fußballer aus Brasilien, ein Importgut – Georg Bucher (Neue Zürcher Zeitung):
"Manch hochgepriesener Brasilianer ist im europäischen Fussball kläglich gescheitert; dem Image der Marke hat dies nicht geschadet. Seit mehreren Jahren sind Fussballer der Exportschlager, Ausdruck einer Kultur, die sich von anderen durch ihre ästhetisch-tänzerische Dimension wesentlich unterscheidet. Auch wenn die Bühnen irgendwo in Asien oder Osteuropa stehen, in einer dritten oder fünften Liga, der Duft artistischer Darbietungen wird ästimiert. Erst recht auf höchstem Niveau in Italien und Spanien. In der schönen Fassade gibt es freilich dunkle Stellen. Fehlende Transparenz und schlechte Vermarktung lassen die brasilianischen Ligen darben. Spieler werden zum Teil mit Hungerlöhnen abgespeist, derweil einige Impresarios im grossen Stil Geld machen und zunehmend Einfluss in den Klubs gewonnen haben. Von einer Mafia zu reden, wäre sicher verfehlt. Doch enthält das konspirativ-korporatistische System auch mafiose Elemente. Es vernichtet Werte, statt Investoren anzulocken, und drängt die Vereine als schwächste Glieder der Kette an einen wirtschaftlichen Abgrund. (...) Parallel zur Abwanderung der Sportler aus verschiedenen Disziplinen – neben Fussballern sind Basket- und Volleyballer besonders gefragt – verzeichnet Brasilien eine Emigrationswelle mittlerer und unterer Schichten, deren Rimessen (jährlich über 5 Milliarden Dollar) die Not in einem Land mit riesigem Sozialgefälle lindern. Auch die Mitte-Links-Regierung von Lula da Silva vermochte den Trend nicht zu kehren, hat ihn vielmehr verstärkt. Bis in die sechziger Jahre war Brasilien noch ein Einwanderungsland, mit sich selbst und seinen Ballkünstlern beschäftigt. Heute ziehen diesen andere Künstler hinterher und stellen die ebenso schillernde wie prekäre, von Gegensätzen beflügelte Mentalität weltweit aus. Überschäumende Freude ist ein Schlüsselwort brasilianischer Kultur und wird sich in Weggis zur Genüge manifestieren, Niedergeschlagenheit und Existenzangst wohl kaum."
Mehr in nzz.ch ...

Neue Zürcher Zeitung: Rio de Janeiro, Stadt des Fußballs – die temporäre Leichtigkeit des Seins
Mehr in nzz.ch ...

Deutsche Elf

Beweis für die große Not

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) hätte auf Jens Nowotnys WM-Nominierung nicht gewettet:
"Die Rückkehr Nowotnys in den Klub der Besten ist die wohl schrägste Pointe, die der deutsche Fußball in den vergangenen Jahren zu bieten hatte. Sie zeigt die Irrungen und Wirrungen, die den Weg des deutschen Nationalteams geprägt haben, und sie beweist, welche Umwege der Fußball hier zu Lande manchmal nimmt. 2000, als Nowotny der beste deutsche Verteidiger war, schnell, technisch stark, modern, da wurde er unter Erich Ribbeck zum Manndecker degradiert. Da musste er mit ansehen, wie Ribbeck, beeinflusst von der Bild-Zeitung, den Uralt-Libero Lothar Matthäus reaktivierte, da wurde er ein Opfer des verschnarchten, überkommenen deutschen Systems. Jetzt, sechs Jahre später, da die deutsche Abwehr unter Jürgen Klinsmann stets als jugendliches Viererkettchen daherkam, da die Zeit von Nowotny unwiderruflich vorbei zu sein schien, ausgerechnet da kehrte der Verteidiger ins DFB-Team zurück. Seine Nominierung darf als Indiz dafür gelten, dass der Reformer Klinsmann wie viele seiner Vorgänger vor einem Turnier ein bisschen vorsichtiger und konservativer geworden ist. Er hätte Manuel Friedrich berufen können; der ist unerfahrener und frischer. Nowotnys Nominierung zeigt aber auch, wie groß die Not in der deutschen Innenverteidigung ist."
Mehr in berlinonline.de ...

Süddeutsche Zeitung: Wiedersehen mit der Vergangenheit – bei seiner Rückkehr reiht sich Jens Nowotny gleich in einer gehobenen Position ein
Mehr in sueddeutsche.de ...

Die perfekte Projektionsfläche

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung am Sonntag) erkennt im Trainer Klinsmann den Spieler Klinsmann:
"Immer gab es talentiertere als ihn, aber keiner ist je so erfolgreich gewesen wie er. Durchschnittlich begabt für einen Spitzenspieler, keineswegs von dieser sonderbaren Grandezza wie das italienische Intuitionswunder Baggio oder von der frappierenden Geschmeidigkeit des Holländers van Basten. Als es um den Weg zum WM-Titel ging, mobilisierte Klinsmann alles, machte das Spiel seines Lebens, übertrumpfte Hollands Jahrhundert-Stürmer. Das sind die Bilder, die von ihm geblieben sind: Ein Mann mit einer Lunge wie ein Blasebalg, der im Augenblick der Not selbst eine Eisenbahnschiene durchträte, wenn sie ihm den Weg versperrte. Seit damals weiss man, dass es ein schwerwiegender Fehler ist, Klinsmann zu unterschätzen. Seine massgebliche Qualität ist weniger das taktische Know-how eines Experten, noch ist es das psychologische Feingefühl eines brillanten Manipulators. Es ist sein Wille. Klinsmann lernt schnell. Er ist einer, der sich nach dem Trial-and-Error-Prinzip durch die Wirrnisse des Fussballs schlängelt, keinen Fehler fürchtet und ihn selten zweimal begeht. So entspricht es seinem öffentlichen Profil, dass sich die Meinung ihm gegenüber sehr schnell ändert. Denn Klinsmann hat nie ein sonderlich scharf konturiertes Bild abgegeben. Er ist ein Meister der Mimikry, die perfekte Projektionsfläche. Jeder konnte sehen, was er wollte: den emphatischen Kicker (keiner jubelte so ausgiebig wie Klinsmann), den weltgewandten Professional, der in jedem Klub Erfolg hatte, Interviews konsequent in der jeweiligen Landessprache gab. Und eben auch den 'Killer', wie es sein alter Mitspieler Lothar Matthäus einmal formulierte, einen Mann ohne Loyalität ausser sich selbst gegenüber. In England, so hiess es, habe er das Publikum von Tottenham nach anfänglicher Skepsis für sich eingenommen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite stand der Klubpräsident Alan Sugar, der ein Trikot Klinsmanns in der Hand hielt und erklärte, er würde damit nicht einmal sein Auto waschen. Uli Hoeness nannte die Verhandlungen mit Klinsmann die unangenehmsten, die er je geführt habe. Noch heute, so geht die Legende, soll den Bayern-Manager bei Wetterumschwung der Fuss schmerzen, weil er wutentbrannt während des Feilschens aufgesprungen sei und gegen die Tür getreten habe. Einen Stammplatz liess sich Klinsmann als Angstellter Tottenhams in den Vertrag schreiben. Ziele, so Klinsmanns Einstellung, müssen mit allen Mitteln realisiert werden. So ist seine Unnachgiebigkeit für manche der Spiegel der eigenen Haltung, wenn es ums Eingemachte geht. Das provoziert. Dem Bundestrainer, der alles gewagt hat, bleibt nur ein Mittel, um alle ihn angehenden Lager zu versöhnen: der WM-Titel. Nie hat er es schwerer gehabt als heute."
Mehr in nzz.ch ...

Mir fällt nüscht ein
Ein Fußballdramolett von Moritz Rinke – Nils Minkmaar (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung/Medien) fasst sich an den Kopf:
"Vor einigen Wochen gab es in Bild eine nervtötende, sagen wir: Schwerpunktberichterstattung über Jürgen Klinsmanns amerikanischen Wohnort. Da wurden dann immer Temperaturen und Wetterverhältnisse verglichen, Klinsmann stand als vaterlandsvergessener Sonnyboy da, die fußballinteressierten deutschen Bild-Leser, was Bild ja immer mit 'wir alle' übersetzt, als die Dummen. Und wie es mit solchen Bild-Geschichten ist: komplett überflüssig, aber vergehen auch wieder. Besser: Sie wäre vergangen, hätte nicht Deutschlands Nachwuchsdramatiker Nummer eins, Syltdichter a. D. Moritz Rinke, die Sache in das Pantheon der Künste bugsiert. In der neuen Park Avenue behelligt er die Leser mit einem 'Dramolett' zur WM, und als wäre nicht das schon staunenswert genug, denn das Land braucht vielleicht die WM, aber sicher nicht noch irgend etwas 'zur WM', tritt dort auch Klinsmann auf. Er ruft in Rinkes Werk also bei Bierhoff an und sagt: 'Hallo Jungs. Wie isses? Schneit's in Deutschland?' Oder die DFB-Sekretärin sagt: 'Herr Klinsmann hat eine SMS geschickt. Er bleibt noch zwei Tage länger in Kalifornien. Ist so schönes Wetter.' Oder Klinsmann sagt am Telefon: 'Echt gutes Wetter heute! Ich bleib noch nen Tag länger.' Das alles läuft – nach ausgiebigen Anspielungen auf Sonnenschein, Badewetter, Strandleben und sofort – auf eine fulminante Schlußpointe hinaus. 'Klinsmann: 'Du, hast du dir schon mal die Frage gestellt, warum es immer regnet in Deutschland? Ich bin immer optimistisch und hab immer gutes Wetter. Die Deutschen sind immer pessimistisch und haben schlechtes Wetter'.' Und dann: 'Ich sag euch jetzt mal was. Ich komm gar nicht mehr nach Deutschland.' Da giert man doch schon nach den nächsten Rinke-Dramoletten mit folgenden Dialogzeilen: 'Merkel: 'Her mit der Steuerkohle, du armer deutscher Michel! Denn mein Friseur ist so teuer.'' Oder: 'Hund: 'Wuff, wuff, Herrchen, ich beiße dich jetzt!'' Oder 'Rinke: 'Mir fällt nüscht ein, hol mir mal ne Bild!'"

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Interview mit Christoph Metzelder über Christoph Metzelder über Religion, Versagensängste und sein Dasein als moderner Gladiator
Mehr in faz.net ...

Tagesspiegel: Marcell Jansen, jüngster Spieler im deutschen WM-Kader 2006, trifft Rainer Bonhof, jüngster Spieler im deutschen WM-Kader 1974
Mehr in tagesspiegel.de ...

Berliner Zeitung: WM-Serie: 1954 schlägt die Stunde der Stürmer
Mehr in berlinonline.de ...

freistösse des tages

Mehr in wams.de ...

Mehr in faz.net ...

Mehr in faz.net ...

Die Fußball-Presseschau zur Fußball WM 2006 wird in Zusammenarbeit mit indirekter-freistoss.de erstellt. Dort können Sie auch einen E-Mail-Newsletter abonnieren und sich die Presseschau täglich in Ihr Postfach kommen lassen.
Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln