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2.5.2006

Presseschau vom 02.05.2006

Die Ausgabe der Fußballpresseschau beschäftigt sich mit dem Pokalfinale, dass die Bayern eher lustlos gegen Frankfurt mit 1:0 gewonnen und ebenso lustlos gefeiert haben. Das Urteil des Bundesgerichtshofs, der Fifa das Namensrecht an dem Begriff "Fußball-WM 2006" zu verweigern. Auch dabei der 'englische Fluch' ...

Die Ausgabe der Fußballpresseschau beschäftigt sich mit dem Pokalfinale, dass die Bayern eher lustlos gegen Frankfurt mit 1:0 gewonnen und ebenso lustlos gefeiert haben. Das Urteil des Bundesgerichtshofs, der Fifa das Namensrecht an dem Begriff "Fußball-WM 2006" zu verweigern. Auch dabei der 'englische Fluch' ...

DFB-Pokal

Abrechnung

Boris Hermann (Berliner Zeitung) befasst sich mit den Äußerungen der Bayern-Verantwortlichen nach dem 1:0-Finalsieg gegen Eintracht Frankfurt:
"Wenn man die Verantwortlichen beim FC Bayern reden hörte, hatte man fast den Eindruck, sie hätten davon schon immer geträumt: das Double zu verteidigen. In Wahrheit ist die Saison für den Beherrscher der nationalen Trostpreise seit dem Ausscheiden in der Champions League gegen den AC Mailand zu Ende. Über der nächtlichen Siegesfeier in der Zentrale des Hauptsponsors lag dasselbe nüchterne Schweigen wie im Fanblock der Münchner Anhänger während des Endspiels. (...) Es ist ein guter Gradmesser für die Stimmung beim FC Bayern, dass die Aufarbeitung des Endspiels zur Abrechnung mit der Ära Ballack geriet. Ihm wird kaum einer nachtrauern. Ballack hat vier Jahre Zeit gehabt, und er hat es nicht vermocht, dem Klub einen internationalen Titel zu schenken. Trainer Felix Magath könnte irgendwann ein ähnliches Schicksal widerfahren. Er hat in seinen zwei Jahren nun drei nationale Titel gewonnen, ein weiterer kommt wohl dieser Tage hinzu. Das sind zwar gute Argumente. Aber sie verdecken, dass sich die Mannschaft unter seiner Leitung nicht entwickelt hat. Was die physische Präsenz angeht, ist der FC Bayern international konkurrenzfähig. Ein klare Spielidee, ein System gar, ist nicht zu erkennen. Dafür ist nicht der Mann im Mittelfeld, sondern der Trainer verantwortlich."
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Abgeschrieben

Jan Christian Müller (Frankfurter Rundschau) wertet die rüde Kritik der Bayern-Führung am abtrünnigen Michael Ballack als Nachtreten:
"Es gehört zum Selbstverständnis der Bayern, dass sie allein darüber befinden, ob ein Spieler sie verlässt. Ballack hat dieses ungeschriebene Gesetz verletzt und sich so den Zorn der Machtlosen zugezogen. Und die stellen ihn nun als Abzocker und Mitläufer dar. Er ist für die Bayern zwei Monate vor Vertragsende kein Aktivposten des Anlagevermögens mehr. Er ist, im wahrsten Sinne des Wortes, abgeschrieben. Wäre er noch Jahre unter Vertrag und würde vom FC Chelseas umworben, sein Arbeitgeber würde sich hüten, das werthaltige Gut öffentlich derart schlecht zu reden. Bedauerlicherweise hat Ballack zuletzt auf dem Fußballplatz sehr wenig getan, um den Arbeitgeber gnädiger zu stimmen."
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Despot

Kevin McCarra, der Fußball-Chef der englischen Tageszeitung Guardian, schreibt in der Welt am Sonntag, was auf Ballack in Chelsea zukommt:
"Nach der WM wird Ballacks Dasein ein anderes sein. Beim FC Chelsea London, seinem neuen Verein, gibt es nur eine Person, die im Mittelpunkt steht: Jose Mourinho. Es ist sicher, daß Ballack niemals einen vergleichbaren Trainer erlebt hat. Nicht in München, nicht in Leverkusen und auch nicht in Kaiserslautern, wo Otto Rehhagel den jungen Profi oft tyrannisiert hat. In England wird es schlimmer sein. Beim FC Chelsea gibt es kein Detail, auf das Mourinho nicht persönlich Einfluß nimmt. Erst recht keinen Spieler. Eine der prahlerischsten Demonstrationen der despotischen Natur des Trainers war die Niederlage Chelseas vorigen Monat gegen Fulham. Beim 0:1 wechselte Mourinho den 29,4-Millionen-Euro-Einkauf Shaun Wright-Phillips und Nationalspieler Joe Cole nach gerade einmal 26 Minuten aus. Für einen Fußballer ist das eine Demütigung. Wenn ein Spieler Mourinhos Anweisungen nicht punktgenau befolgt, zögert der Trainer nicht, ihn zu erniedrigen. Ballack würde in einer vergleichbaren Situation genauso behandelt. Der Trainer ist auch die einzige Person, die beim englandweiten Werbefeldzug des Klubs auf Plakaten oder TV-Spots auftaucht. Der Portugiese arbeitet an seinem Ruf des omnipräsenten Managers, wo immer er kann. Mourinho will immer das letzte Wort haben. Seine Eitelkeit ist Teil seiner Selbstvermarktung. Seine oft verletzenden Kommentare sorgen dafür, daß die Menschen über ihn reden und seine Spieler relativ in Ruhe arbeiten können. Auch Ballack wird es zu schätzen lernen, nicht mehr ständig im Fokus zu stehen. Während er in München oft für Niederlagen verantwortlich gemacht wurde, wird er in Chelsea mehr Teil des Ganzen sein."
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Gereiztheit

Oskar Beck (Welt) vermisst tief empfundene Freude über den Pokaltitel:
"Der deutsche Fußball mutiert zur Ein-Klub-Show, die Bayern knicken jede Herausforderung drohender Rivalen schon im Keim. Aber sind sie selbst glücklich? Eher begrenzt - jedenfalls gehörte die Stunde des Pokalsiegs dem grantigen Kaiser. Spürt er die Grenzen, an die seine Bayern stoßen könnten? Das Außergewöhnliche in Form der nochmaligen Eroberung der Champions League entfernt sich schleichend aus ihrer Reichweite, und an das Gewöhnliche im eigenen Land hat sich mittlerweile der Letzte derart gewöhnt, daß selbst die wiederholte Wiederholung des Doubles am Ende keinen mehr tröstet - sondern sich der Präsident, statt mitzufeiern, grantig einen Schlappschwanz zum Draufschlagen sucht. Die Gereiztheit des Trainers im ZDF-Sportstudio hat ins Bild gepaßt. Felix Magath wurde ausgepfiffen wie ein Verlierer und wäre in seinem verständlichen Zorn schier aufgestanden und gegangen - am liebsten vermutlich nach Chelsea, mit Ballack. Es muß, wie gesagt, nicht das Geld sein, das einen Bayern-Star aus dem Land treibt." Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) fügt hinzu: "Groß ist der Unterschied in einer immer niveauarmer werdenden Bundesliga geworden, zu selbstverständlich sind die Titel, als dass ein weiterer nationaler Triumph Freudensprünge auslösen könnte. Zu leicht fällt es den Bayern, selbst mit bescheidenen Leistungen ans Ziel zu kommen. Das Pokalfinale verlief wie die Mehrzahl der Münchner Bundesligaspiele: Zwanzig engagierte Minuten in Halbzeit zwei und eine Standardsituation genügten, um einen wacker kämpfenden Gegner zu schlagen."
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Sieg nach allen Regeln der Kunst

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) wiegt den historischen Wert des Endspiels:
"Und was soll bleiben von diesem 63. Pokalfinale? Im Sparangebot wären: ein Tor, eine Parade, ein kleiner Krach. Nicht gerade viel für einen der wichtigsten Tage einer Fußballsaison in Deutschland. Pizarros spielentscheidender Treffer, Kahns Reflex kurz vor dem Abpfiff und das verbale Scharmützel Beckenbauer vs. Ballack dürften nicht gerade dazu angetan sein, dieses Endspiel länger in Erinnerung zu behalten. Es wird in der Statistik überleben, natürlich, nicht aber in den Köpfen. Natürlich ließen sich die Frankfurter Fans ihre Laune nicht verderben, schließlich war ihr Verein seit achtzehn Jahren nicht mehr in Berlin dabei. In Choreographie und Lautstärke dem Anhang des matten Gewinners überlegen, durften sie sich als eine Art Pokalsieger fühlen - wenn auch in einer Disziplin, auf die es nicht ankam." Javier Cáceres (Süddeutsche Zeitung) gratuliert den Frankfurter Fans: "Was den Frankfurtern blieb, war ein Sieg nach allen Regeln der Kunst. Beeindruckend die Chöre, mit denen sie die maulfaulen Anhänger der Bayern überstimmten, herrlich die Bilder, die sie auf den Rängen choreographiert hatten - und diese Dichtkunst erst! 'Zurück im glorreichen Schein, erscheint unsere Diva vom Main', hatten die Anhänger der Eintracht auf ein Transparent gemalt, Ergebnis einer unwahrscheinlichen Widerauferstehung, für die das Pokalfinale 2006 Sinnbild bleiben wird."

Hasenfüßige Transferpolitik

Markus Völker (tageszeitung) fürchtet, dass die Münchner ihre Dominanz in Deutschland festigen:
"Uli Hoeneß hat sich mit den Wirklichkeiten des FC Bayern befasst und ist zu einer tieftraurigen Erkenntnis gekommen: Der Klub werde in absehbarer Zeit die Champions League nicht gewinnen. Er stilisierte den FC Bayern zum Underdog, zu einem Globalisierungsopfer, das mit der Elite nicht mithalten könne, weil es auf den überhitzen Fußballmärkten einen kühlen Kopf bewahre und auch im Verteilungskampf um Fernsehgelder arg benachteiligt sei. Die Geldsäcke stünden anderswo, suggerierte der Manager. In England, Spanien und Italien rolle der Rubel - nicht aber in der Bundesliga. Ein Jammer. Muss der DFB in Zusammenarbeit mit der DFL zu einer Spendenaktion aufrufen, zu einer groß angelegten Kollekte, damit der FC Bayern wieder konkurrenzfähig wird? Ist Deutschland in Sachen Fußball ein schlechter Standort? Verdirbt der neureiche Russe Roman Abramowitsch (FC Chelsea) allerorten die Preise? Bei all der Hoeneß'schen Betroffenheitsprosa wird schnell vergessen, dass der FC Bayern ein prosperierendes Fußball-Unternehmen ist, das auf seinem Festgeldkonto immerhin 150 Millionen Euro liegen hat. Der Klub hat 'strategische Partnerschaften' mit Adidas und der Telekom geschmiedet, mit finanzstarken Global Playern, so schlecht geht es dem Rekordmeister wahrlich nicht, zumal in den Mittelmeer-Ligen große Schuldenberge hinter den Arenen angehäuft werden und der Erfolg fast immer auf Pump beruht. Die Bayern wirtschaften vergleichsweise mustergültig, weswegen sie auch selten bei Spielerauktionen im zweistelligen Bereich mitbieten. (...) Man bedient sich wieder aus dem Angebot der Bundesliga: bei Schalke (Lincoln), Köln (Podolski) und dem HSV (van Buyten). Diese hasenfüßige Transferpolitik macht den FC Bayern nicht zum Konkurrenten Juves, aber so hält man sich immerhin die Rivalen der Bundesliga vom Hals."
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Neue Zürcher Zeitung: Zäsur nach dem Erfolg - der FC Bayern trotz Cup-Sieg wenig überzeugend
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Welt am Sonntag: Der Robin Hood der Bundesliga - aus Sorge um die Armen legt sich Heribert Bruchhagen sogar mit Bayern an.
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Ascheplatz

Bogen überspannt

Thomas Kistner (Süddeutsche Zeitung) stimmt dem Urteil des Bundesgerichtshofs zu, der Fifa das Namensrecht an dem Begriff "Fußball-WM 2006" zu verweigern:
"Der BGH vertritt die Ansicht, dass der Sport nicht über alles hinauswachsen, also zum Beispiel kein Sprachmonopol für seine Großsponsoren schaffen darf. Der Zustand, dass die Wirtschaft vom Würstlbrater bis zum Weltkonzern so allgemein gebräuchliche Begriffe wie Fußball oder WM nicht mehr äußern darf, ohne Klagen befürchten zu müssen, hat schon ein wenig den gesunden Menschenverstand beleidigt. Womöglich muss man wirklich in der partiellen Weltabgeschiedenheit des Geld- und Bankenplatzes Schweiz leben, um nicht mitzukriegen, wie weit der Bogen überspannt ist. (...) Für das breite Publikum ergibt sich ohnehin keinerlei Nutzen aus einer Fußballgeldspirale, die ständig schneller rotiert und immer weiterreichende Rechte fordert. Deshalb ist wichtig, dass der BGH auch ein Fifa-Kernargument verwarf: Dass der Weltverband den Markenschutz für seine Sponsoren benötige, weil ohne diese gar keine WM zu finanzieren sei. Das ist eines der schönsten Marketingmärchen: Es unterschlägt einfach, dass Hauptgeldgeber des Spektakels immer noch die Steuer- und TV-Gebührenzahler sind, und dass das große Wirtschaftswunder, das zu jeder WM blumig beschworen wird, vor allem aus der Mittelumverteilung aus dem öffentlichen in bestimmte private Sektoren besteht."

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung gibt zu bedenken:

"Die Entscheidung war von so überraschender Klarheit, daß sie für den Einzelhandel wohl den Startschuß für eine neue Welle von Werbekampagnen gesetzt hat. Besonders Bäckereien und Kioske werden jetzt versuchen, gerade noch rechtzeitig auf den Zug des größten Sportereignisses aufzuspringen. Vor lauter Jubel sollte jedoch nicht der Blick für die Realität verlorengehen: Mit dem Karlsruher Spruch ist keinesfalls jegliche Werbung mit der Weltmeisterschaft freigegeben. Den Begriff 'WM 2006' darf sich die Fifa zumindest für einige Produkte schützen lassen. Zudem hat sie sich auf europäischer Ebene Marken gesichert, die auch in Deutschland beachtet werden müssen. Auf der sicheren Seite sind Unternehmen zudem nur dann, wenn sie nicht den Eindruck erwecken, offizieller Lizenzinhaber zu sein. Bevor nun also in Hochstimmung die WM-Brötchen gebacken werden, sollte noch ein Gedanke auf eine vernünftige Werbestrategie verwendet werden."
FAZ: Reaktionen aus der Wirtschaft auf das Urteil

Deutsche Elf

Ich fühle mich tatsächlich viel leichter

Oliver Kahn im Interview mit Michael Horeni und Roland Zorn (FAZ) über seine Degradierung in der Nationalelf:
FAZ: Sie haben eine insgesamt starke Bundesligarunde absolviert - und sind trotzdem an deren Ende nicht mehr die Nummer 1. Wie hat diese Mitteilung von Jürgen Klinsmann getroffen?
Kahn: Solche Entscheidungen sind natürlich hart. Vielleicht war es aber gar nicht so schlecht, daß ich danach nur wenig Zeit hatte, darüber nachzudenken. Ich mußte mich ja direkt wieder ins Geschehen stürzen. Einfach war die Situation jedenfalls nicht. Weder für mich noch für den FC Bayern München.
FAZ: Wie empfindet man in einem solchen Augenblick, der ein großes Karriereziel zerstört?
Kahn: Ich habe nicht zum ersten Mal in meinem Leben mit einer schwierigen Situation zu tun. Ich bin persönlich weit genug, um sowohl mit positiven als auch negativen Dingen professionell umzugehen.
FAZ: Wie lief denn damals das Gespräch mit dem Bundestrainer?
Kahn: Das Trainerteam hat mich in einem Münchner Hotel von der Entscheidung unterrichtet. Ich wurde gefragt, ob ich auf einen Kaffee vorbeikommen könne, dann hat man mir das mitgeteilt. Das habe ich akzeptiert. Da gab es für mich nicht mehr viel zu diskutieren, und ich bin gegangen.
FAZ: Mit welchen Erwartungen sind Sie denn zu diesem Treffen gegangen?
Kahn: Mit den Erwartungen, daß ich die Weltmeisterschaft spiele und mein Status als Nummer 1 bestätigt wird. Ich hatte ja keinen Grund anzunehmen, daß ich nach einer starken Saison die Nummer zwei werde.
FAZ: Hat Ihnen denn die öffentliche Diskussion nie zu denken gegeben? Hatten Sie anders als so mancher in Ihrem Klub nie das Gefühl, der Wind könne sich gegen Sie drehen?
Kahn: Ich konnte mir das nicht vorstellen. Ich hatte ja aus meiner Sicht sehr gute Spiele gemacht und zuletzt auch im Länderspiel gegen die USA gezeigt, wie wichtig ich für diese Mannschaft sein kann. Auch deswegen war das für mich eine sehr große Überraschung.
FAZ: Dennoch: Sind Sie innerlich nicht doch auf diese Situation vorbereitet gewesen?
Kahn: Ich bin ja nicht naiv. Ich habe meine Situation in den vergangenen zwei Jahren sehr genau und analytisch wahrgenommen. Insofern bin ich ja auch nicht aus allen Wolken gefallen.
FAZ: In den Wochen und Tagen vor Klinsmanns Entscheidung hieß es nicht zuletzt aus Ihrem Verein immer wieder, nun müsse der Bundestrainer aber möglichst schnell eine Entscheidung in der Torwartfrage treffen. Uli Hoeneß benutzte sogar das Wort 'Psychoterror'. Stellte sich die Situation auch für Sie als schwer erträglicher Ausnahmezustand dar?
Kahn: Das Brennglas, das da über mich gehalten worden ist, hat wirklich viel Hitze erzeugt. Diese Situation war irgendwann nicht mehr gut. Der FC Bayern hat das erkannt und sich gedacht, daß ein Torwart, dessen Aktionen täglich überall seziert und kommentiert werden, nicht mehr den ganz großen Spaß an seinem beruflichen Alltag empfinden kann. Jeder große Torwart macht im Laufe einer Saison Fehler, das ist völlig normal. Mir aber wurde das nicht mehr zugestanden. Jeder Fehler war sofort ein Skandal. Selbst für mich, der eine große Nervenkraft besitzt, hatte das ein Ausmaß angenommen, das sich irgendwann kaum noch positiv auswirken konnte.
FAZ: Haben Sie über Ihre Situation in den Monaten vor Klinsmanns Entscheidung einmal gesprochen - in dem Sinne, daß es allmählich zuviel für Sie werde?
Kahn: Ja, das habe ich deutlich angesprochen. Ich habe ihm gesagt, daß da etwas wie ein Fels auf mich zurollt. Als Torwart fängst du irgendwann an, dir zu sagen, ich darf mir jetzt nicht einmal mehr eine minimale Schwäche erlauben. Das führt dann dazu, daß dein Spiel an Qualität verliert, weil du das letzte Risiko nicht mehr eingehst. Aus all diesen Gründen habe ich mit Jürgen über diese Situation in der Torwartfrage wiederholt offen gesprochen.
FAZ: Wie war seine Reaktion?
Kahn: Er hat gesagt, das wisse er. Er ziehe den Hut vor mir und habe großen Respekt davor, wie ich mit der Situation umgehe. Das hatte für mich auch immer einen dämpfenden und beruhigenden Effekt. (...)
FAZ: Waren Sie überrascht, wie ungläubig ein Großteil der Öffentlichkeit auf Ihre Ankündigung, weiterzumachen, reagiert hat?
Kahn: Es hat mich sehr erstaunt, daß die Überraschung so gewaltig war. Wirklich bewegt hat mich der riesengroße Zuspruch, der mir von allen Seiten zuteil wurde. Die meisten Menschen hatten das offenbar von mir erwartet, vor allem Fußballfans. Mir kommt es fast so vor, daß die Medien hauptsächlich überrascht waren. Da habe ich gedacht, jetzt spielst du zwanzig Jahre Fußball, die Medien berichten über dich ununterbrochen, und trotzdem kennt dich keiner. Das zeigt doch sehr deutlich, wie ein vorgefertigtes Bild von mir immer und immer wieder transportiert wurde.
FAZ: Andererseits kommen Sie bei vielen Ihrer Auftritte viel grimmiger und nicht immer für jedermann sympathisch 'rüber'.
Kahn: Das mag so sein. Ich bin nun mal ein Typ, der immer gewinnen will. Beim FC Bayern ist man noch dazu ein ewiger Gewinnenmüsser. Da schießt man schon auch des öfteren mal über das Ziel hinaus. Und dann werden immer wieder diese Situationen gezeigt, die das scheinbar vorgefertigte Bild perfekt bedienen.
FAZ: Wie war denn die Reaktion der Menschen, mit denen Sie zu tun haben, auf Ihre Entscheidung, in der Nationalmannschaft weiterzumachen?
Kahn: Sie hat mich auf eine gewisse Art glücklich gemacht. In meinem Internetportal kommen täglich über tausend E-Mails an; ich bekomme Berge von Post von Menschen, die mir ihr Leben schildern, daß sie in ähnlichen Situationen seien. Mir wird geschrieben, daß die Art, wie ich mich verhalten habe, vorbildlich ist. Da gewinnst du einen Titel nach dem anderen und verdienst dir viel Respekt - aber das, was jetzt alles passiert ist, hat mich fast sprachlos gemacht. Ich fühle mich tatsächlich viel leichter.

Rückständigkeit

Boris Hermann (Berliner Zeitung) nimmt die Vertragsverlängerung Oliver Bierhoffs zum Anlass, über Gegenwart und Zukunft des deutschen Fußballs nachzudenken:
"Es könnte eine gute Nachricht werden - wenn sie dauerhaft Kontinuität in die Umwälzung bringt. Darüber steht aber die große Frage, mit wem Bierhoff im Sommer weitermachen wird? Auch wenn im Moment schwer vorstellbar ist, dass sich Klinsmann seinen Job auch nach der WM weiterhin antut, die Chancen sind mit der Unterschrift seines wichtigsten Hintersassen gestiegen. Klinsmann wird oft vorgehalten, dass er das Reformtempo überdreht hat. Dabei ist seine Mission in erster Linie eine Zeitreise in die Gegenwart. Im Ausland sind seine Methoden Standard. Jene Leistungstests, die im WM-Land Kopfschütteln auslösen, werden beim AC Milan vierzehntägig durchgeführt. Um das Dilemma des deutschen Fußballs zu begreifen, musste man sich nur das Halbfinale der Champions League anschauen. Neu ist auch, dass im System Klinsmann zwischen dem klassischen Grasfresser und Fußball-spezifischer Ausdauer differenziert wird. Der Schlüssel heißt individuelle Trainingsarbeit - jeder bekommt das verabreicht, was er braucht. Sehr simpel. Dass man das noch als Neuigkeit verkaufen kann, sagt viel aus über die Rückständigkeit des deutschen Fußballs."
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FAZ: Mittelfußbruch - der englische Fluch trifft Wayne Rooney

Ball und Buchstabe

Dumme Leute tun dumme Dinge

Harald Staun (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) stöhnt über die Allgegenwart des Fußballs und der Fußballer im Fernsehen:
"Mit missionarischem Eifer arbeiten fast alle Sender daran, die Zielgruppen des Landes zu einem einzigen Fanblock zusammenzuschweißen. Das Aufwärmprogramm zur WM ist eine gigantische Nachhilfestunde,. Wer bis zum 9. Juni noch immer nicht weiß, wer Goleo ist und daß er keine Hose trägt, was passives Abseits bedeutet und daß sich Netzer und Delling auch privat immer noch siezen, der sollte sich dringend schon mal nach einem Chatroom umschauen, in dem er während der WM seine sozialen Kompetenzen aufrechterhalten kann. Das Fernsehen ist an solchen Bildungslücken ausnahmsweise einmal nicht schuld: Von allen Seiten wird das sogenannte Phänomen Fußball beleuchtet, der Mythos und seine Welt, für alle Bevölkerungsgruppen wird er zugänglich gemacht, für Frauen, für Mädchen, für Linke und für Literaten. (...) Man hat sich ja keine Illusionen gemacht, über die zu erwartende Allgegenwärtigkeit der WM. Doch während die quantitative Zunahme der Programme absehbar war, werden die qualitativen Änderungen, die damit verbunden sind, erst jetzt sichtbar: Wie ein Filter legt sich das Thema Fußball über den Fernsehalltag, jedes Format wird auf seinen Bezug zum Spiel hin überprüft und mit dem allseits verfügbaren Personal entsprechend ausstaffiert. Schon seit Jahren ist das Fernsehen das am nächsten liegende Reservat für alternde Sportler, im Moment aber gehört ein Nationalspieler, der irgendwo sein Album mit Kinderfotos vorzeigen kann, einen Witz über Jürgen Klinsmann erzählen oder zumindest einem Kind über den Kopf streicheln, zur notwendigen Grundausstattung. Sie sind fast überall, die Menschen, die es sonst eher gewohnt sind, ihre Antworten auf dem Platz zu geben, weshalb man nicht gleich wieder den Verfall irgendeiner Kultur beklagen muß: Das Fernsehen ist schließlich ganz bei sich, wenn dumme Leute dumme Dinge tun. Es gab nur bisher eine Art Gentlemen's Agreement, daß sich jeder Zuschauer das Personal selbst aussuchen konnte, das diese Form der Unterhaltung für ihn erledigte, und wer sich bisher über die Inflation des Fußballs im Fernsehen beklagte, meinte in der Regel die Übertragungen der Spiele."
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freistoss des tages

Beschäftigt sich heute mit den Europameisterschaften für jüdische Fußballteams in Berlin.
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Die Fußball-Presseschau zur Fußball WM 2006 wird in Zusammenarbeit mit indirekter-freistoss.de erstellt. Dort können Sie auch einen E-Mail-Newsletter abonnieren und sich die Presseschau täglich in Ihr Postfach kommen lassen.
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