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28.4.2006

Presseschau vom 28.04.2006

Das Urteil des Bundesgerichtshofs, der Fifa die Namensrechte an dem Begriff "Fußball-WM 2006" zu verweigern, beschäftigt die Sportpresse. Die Kommentatoren werfen einen Blick in die Bilanzen der Fußballabteilung Bayer Leverkusens. Waffenstillstand: Der 11-Millionen-Kredit Bayern Münchens an seinen Stadionpartner 1860 München lässt die gegnerischen Fans - vorübergehend - die Friedenspfeife rauchen.

Das Urteil des Bundesgerichtshofs, der Fifa die Namensrechte an dem Begriff "Fußball-WM 2006" zu verweigern, beschäftigt die Sportpresse. Die Kommentatoren werfen einen Blick in die Bilanzen der Fußballabteilung Bayer Leverkusens. Waffenstillstand: Der 11-Millionen-Kredit Bayern Münchens an seinen Stadionpartner 1860 München lässt die gegnerischen Fans - vorübergehend - die Friedenspfeife rauchen.

Ascheplatz

Unsitte

Die Online-Ausgabe der Zeit stimmt dem Urteil des Bundesgerichtshofs zu, der Fifa die Namensrechte an dem Begriff "Fußball-WM 2006" zu verweigern: "Dass die Karlsruher Richter den Weltverband in die Schranken weisen, ist richtig. 'Fußball WM 2006' ist eine ganz normale sprachliche Bezeichnung für dieses Ereignis. Dadurch wird eine Unsitte erschwert, die sich in jüngster Zeit stark verbreitet hat: Der Versuch von Unternehmen, sich alltägliche Wortwendungen, Namen oder sogar Farbtöne rechtlich schützen zu lassen – um dann jene abzukassieren, die teils aus purer Unwissenheit den falschen Satz sagen. Die Fifa ist in ihrem Kontroll- und Vermarktungszwang jetzt erst einmal gebremst. Den Wirrwar von offiziellen Fördern, Sponsoren und Einfach-nur-auf-den-Zug-Aufspringern hat ohnehin wohl niemand mehr außerhalb der Fifa-Rechtsabteilung durchschaut. Pech nur für jene, die an die Fifa hohe Lizenzgebühren gezahlt haben. Andererseits können sie die Summen auch als Lehrgeld verbuchen. Denn dass die WM zum größten deutschen Marketingereignis werden würde, war abzusehen. Und jede Werbung funktioniert bekanntlich nur, wenn sie Aufmerksamkeit erzeugt. Wenn aber viele – oder gar alle – mit demselben Ereignis werben, ist auch das schönste Alleinstellungsmerkmal irgendwann futsch."
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Kein Besitz

Die Financial Times Deutschland befasst sich mit der Folge des Urteils für die Fifa: "Diese Niederlage ist ein schwerer Schlag für die Fifa. Das Urteil ist für den Fußballverband wie das entscheidende Gegentor in der 90. Minute des WM-Endspiels: Das Großereignis steht unmittelbar bevor, es bleibt keine Zeit mehr, das Spiel zu drehen. Das Anliegen der Fifa war verständlich: Ohne sie gäbe es die WM nicht, und so wollte sie sich die Markenrechte daran in großem Umfang schützen lassen. Aus ihrer Sicht musste sie den Schutz beantragen, weil er ein Argument war, um von den offiziellen WM-Sponsoren sehr viel Geld verlangen zu können. Das war für das Gericht nicht relevant. Zum Glück nicht. Die Entscheidung zeigt der Fifa klar, wie weit die Rechte an 'ihrem' Sportereignis gehen – und dass sie nicht jede Bezeichnung, die sich darauf bezieht, als ihren Besitz reklamieren kann. (...) Der Richterspruch gilt freilich nur für Deutschland. Ein negativer Effekt mag daher sein, dass Veranstalter großer Sportevents diese künftig ungern nach Deutschland vergeben. Aber von solchen Erwägungen lassen sich Richter hier zu Lande nicht leiten. Zum Glück."

Süddeutsche Zeitung (Hintergrund):

Herbe Niederlage für die Fifa – der Fußballverband hatte "Fußball WM 2006" für Hunderte Waren und Dienstleistungen als Marke eintragen lassen; nun hat der Bundesgerichtshof der Fifa auf die Finger geklopft
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Patient am Tropf

Johannes Röhrig (Stern) blickt in die Bilanzen der Fußballabteilung Bayer Leverkusens und stellt die Abhängigkeit vom Mutterkonzern fest: "Die sportlichen Erfolge – viermal Vizemeister – haben überdeckt, dass das Management unter Reiner Calmund und Wolfgang Holzhäuser den Verein finanziell fast ins Aus manövriert hatte. Teure Spielereinkäufe und eine sportliche Flaute, die 2003 fast den Abstieg bedeutet hätte – das reichte, um die Weiterführung des Spielbetriebs massiv zu gefährden. Um die Pleite zu verhindern, musste die Pharma-Mutter Bayer zuletzt zusätzlich mindestens 70 Millionen Euro in den Spielbetrieb stecken. In normalen Zeiten überweist die Marketingabteilung der Bayer AG pro Saison 25 Millionen an die Fußballabteilung, als Image-Geld für den Werbeeffekt. Mit den Einnahmen aus TV-Geldern und Stadioneintritt soll es der Klub finanziell schaffen und möglichst international mitspielen. Mitte 2003 brach dieses Gefüge zusammen. Damals ging es wegen wegbrechender TV-Einnahmen vielen Erstligavereinen schlecht, aber in kaum einem war die Situation so dramatisch wie in Leverkusen, wie sich nun zeigt. Die Fußball-GmbH schloss ihr Geschäftsjahr mit einem Minus von 42 Millionen Euro ab. Die kurzfristigen Bankschulden lagen bei 60 Millionen. (...) Zwar schreibt Bayer 04 immer noch Miese – 2005 waren es knapp 5 Millionen Euro. Doch spätestens 2008 soll die Rettung abgeschlossen sein. Dann wird der Patient vom Tropf der Pharma-Mutter abgeklemmt."

Tageszeitung: Bayer Leverkusen und seine anrüchigen Geldgeschäfte: Unter der Ägide des Managers Reiner Calmund sind fast zwölf Millionen Euro in dunkle Kanäle geflossen. Das Geld ist verschwunden
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Süddeutsche Zeitung: Die Affäre Calmund, Spurensuche in Brasilien – Wer hat wen für was bezahlt? Die Kölner Staatsanwaltschaft prüft Zahlungen über 11,8 Millionen Dollar
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Psychologischer Garaus

Mirko Weber (StZ) hält den 11-Millionen-Kredit Bayern Münchens an seinen Stadionpartner 1860 München für eine fragliche Investition: "Es ist nicht so recht ersichtlich, wie sich der Münchner Traditionsverein aus der finanziellen Zwangsjacke befreien will. Geld für neue Spieler ist keines da, aber nur eine starke Mannschaft eröffnet die Chance, jene Business-Sitze und Logen zu verkaufen, die bei 1860 leer bleiben. Die Euphorie bezüglich der Allianz-Arena hat auch auf Seite der Bayern abgenommen. Bei einer Sitzung mit Edmund Stoiber und dem Münchner OB Christian Ude, der Aufsichtsratsmitglied bei den Sechzigern ist, hatte die Politik den Vereinen am Dienstag bedeutet, finanziell keinerlei Rucker tun zu können. Psychologisch kommt die Vereinbarung, die 1860 München gerade noch als Untermieter ausweist, dem Garaus für den Profiklub gleich: Die Blauen gehören nun praktisch den Roten. Zu allem Überfluss ist jetzt auch noch der Hauptsponsor der Sechziger ausgeschieden. 1860 München schlägt das Totenglöcklein."

Sieg der Vernunft

Früher Rivalen, heute Partner – Thomas Hahn (Süddeutsche Zeitung) empfindet die neue Münchner "Harmonie" als Verlust: "Es geht in dieser Angelegenheit zweier Münchner Gegner um Fußball, genauer gesagt, um das, was daraus geworden ist, und deswegen muss die Leidenschaft jetzt Pause machen. 'Verräter!', rufen Fans des FC Bayern, weil er sich anschickt, seinen kleineren Nachbarn und Stadionteilhaber vor der Insolvenz zu retten. Und bei 1860 wollen manche nicht auf Kosten des Erzfeindes leben. Es geht ihnen um Stolz, Vereinstugend und Identität, sie wollen ihre Feinde behalten, ihr Weltbild, das immer einfach war, Rot/Blau, Gut/Böse, Böse/Gut, und damit wohltuend anders als das normale Leben mit seinen ständigen Kompromissen. Aber dieser Stolz würde die Löwen umbringen und die Bayern viel Geld kosten. Gefühle sind zu teuer jetzt, es kann nur einen Sieger geben: die Vernunft. Das sind die Regeln einer modernen Fußball-Nachbarschaft. Zwei so genannte Erzfeinde haben sich hier so sehr angenähert, dass sie fast schon eine Schicksalsgemeinschaft verbindet, aneinander geschweißt durch einen strahlenden Ballsport-Tempel. Und das sagt schon viel darüber, wie sich die Geschäftsebene des Fußballs von den Emotionen auf dem Platz entfernt hat. (...) Wenn alles gut geht, wird der FC Bayern bald ein Lokalderby gegen seine eigene Zwangsinvestition spielen."

Süddeutsche Zeitung: Letzte Chance – die Löwen müssen akzeptieren, was sie kriegen können, und wenn der Kredit von den Bayern kommt. Doch wie lange wird das Geld dieses Mal reichen?
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Financial Times Deutschland: Heribert Bruchhagen erneuert Kritik an Bayern
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Frankfurter Rundschau: Telekom, Arena und die Fußball-Liga streiten sich immer noch darum, wer die TV-Rechte wie verwerten darf
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Champions League

Lichtjahre von der europäischen Spitze entfernt

Angesichts des dauerhaften Wechsels an der Spitze der Champions League fällt Andreas Lesch (Berliner Zeitung) die dauerhafte Schwäche deutscher Klubs besonders auf: "Kein Klub herrscht dauerhaft in der Champions League, kein Trend hält sich über Jahre, kaum eine Vorhersage trifft ein. In der vorigen Saison hat der FC Liverpool den Wettbewerb gewonnen. Und jetzt? Erinnert sich jemand, wie weit der Klub es diesmal geschafft hat? Er ist im Achtelfinale ausgeschieden. Noch nie konnte ein Verein seinen Titel erfolgreich verteidigen. Zumindest auf eines aber ist in dieser wechselhaften, unberechenbaren Welt Verlass: auf die Schwäche der deutschen Klubs. Sie sind, wenn man Tempo, Technik, Taktik addiert, Lichtjahre von der europäischen Spitze entfernt. Sie wirken in der Champions League manchmal fast exotisch, so chancenlos, wie sie sind."
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Angst

Barcelona zieht durch ein 0:0 gegen den AC Mailand ins Finale ein, und Klaus Bellstedt (stern.de) sieht Schweißperlen auf der Stirn des Bundestrainers: "Jürgen Klinsmann wurde beim Betrachten des mitreißenden Spieles mal wieder vor Augen geführt, wie weit der deutsche Fußball derzeit von der europäischen Spitze entfernt ist. Es schien so, als ob im deutschen Nationalcoach im Blick auf die WM erstmals die Angst vor einem echten Desaster hochstieg. Es war ein Fußballspiel der modernsten Prägung. Wohin er auch blickte: Überall auf dem Feld sah er Spieler, in einer mehr als beachtlichen körperlichen Verfassung."
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Machtübergabe

Ronald Reng (Berliner Zeitung) beschreibt einen Epochenwechsel: "Das Selbstverständnis, mit dem sich Barça als einer der größten Klubs der Welt präsentiert, und die Sonderklasse, mit der seine Elf Fußball spielt, lassen leicht vergessen, dass sie noch immer recht unbescholten sind, was internationale Erfolge betrifft. Ein Mal gewannen sie den Europacup, 1992 gegen Sampdoria Genua. Die Sehnsucht nach dem Sieg in Paris ist so groß, dass Zuschauer und Mannschaft fast übersahen, dass sie gerade eine Machtübergabe erlebt hatten. Milan geht, Barça kommt. Der Erfolg über den AC Mailand beendete die Zeit der erfolgreichsten Elf der zurückliegenden drei Jahre. Noch einmal präsentierte sich das in die Jahre gekommene Milan mit der exzellenten Ordnung, für die es immer stand. Doch sie konnten den Gesamteindruck nie verwischen: Sie trafen auf Bessere. Allerdings hatte Milan zumindest einmal ins Tor getroffen. Und so reagierten die Mailänder mit Entrüstung auf die Entscheidung von Schiedsrichter Markus Merk, dem Kopfballtreffer von Andrej Schewtschenko die Anerkennung zu verweigern. Dennoch kamen Milans Spieler nach dem Abpfiff anständig in den Mittelkreis, um Barça zu gratulieren. Es war eine große Geste von Sportlern, die wissen, wie man geht; die wussten: Es ist Zeit. Man sprach kein Italienisch mehr an diesem Abend."
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Neue Zürcher Zeitung: 14 Jahre nach Johan Cruyff hat auch Rijkaard wieder eine grosse Mannschaft mit Steigerungspotenzial
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Ein Finale aus dem Glanzprospekt des schönen Spiels

Christian Eichler (FAZ) preist Barcelonas Stil und tröstet uns mit der Erkenntnis, dass das Finale auch ein deutsches Produkt werde: "95.000 Menschen feierten ein 0:0 – was im Camp Nou, einem der Tempel des Angriffsfußballs, wohl kaum je zuvor passiert war. Doch man kommt ja auch nicht alle Tage ins Endspiel der Champions League. Vor allem schafft man das nicht, bevor man gelernt hat, daß der Weg zu den Sternen des Finals durch den Staub der Abwehrarbeit führt. So haben die beiden offensiv attraktivsten Teams Europas, die Klubs der weltbesten Angriffsspieler Ronaldinho und Henry, ihr Traumfinale durch torlose Remis erreicht. (...) Es scheint, daß Barca mit Frank Rijkaard die Verschmelzung der Ajax-Schule, des schnellen Paßspiels und flüssigen Positionswechsels, mit der anderen großen Kunstrichtung des schönen Fußballs gelungen ist: dem Brasilianischen. Diese Mixtur wird sich messen mit der von Arsenal, wo Arsene Wenger seit Jahren an der Melange des perfekten Spielflusses bastelt. So erwartet Paris ein Finale, wie bestellt aus dem Glanzprospekt des schönen Spiels. Ronaldinho, der in Paris bei PSG spielte – und Henry, der dort aufwuchs. Barca, das seit vier Spielen ohne Gegentor ist – und Arsenal seit zehn. Zwei Deutsche retteten diese Serien: Schiedsrichter Merk für Barca, Torhüter Lehmann für Arsenal. In Paris wird eine von beiden reißen. Die Champions League als Flaschenhals? Je länger der Wettbewerb dauerte, desto weniger Tore paßten durch."

Neue Zürcher Zeitung: AC Milan hadert mit Doktor Merk
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Die Logik politisch-fussballerischer Zyklen

Von Steven Tongue (Tagesspiegel) erfährt der politisch Interessierte: "Die Zuschauer hatten eine trotz fehlender Tore hochklassige und temporeiche Partie gesehen und einen Prestigeerfolg für den spanischen Fußball bejubelt – was bei einem Erfolg des Klubs aus der katalanischen Hauptstadt nicht unbedingt selbstverständlich ist. Das Spiel war auch im Fernsehen der absolute Quotenhit und beeinflusste sogar die Arbeit des Parlaments: Die Sozialisten, eigentlich in der Mehrheit, verloren im Oberhaus eine Abstimmung nur deshalb, weil mehrere ihrer Abgeordneten vorm Fernseher saßen und Fußball schauten."
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Georg Bucher (Neue Zürcher Zeitung) verweist auf die spanische Korrelation zwischen Erfolg in Politik und Erfolg im Fußball: "Wahrscheinlich haben die Terroranschläge in Madrid kurz vor der Wahl im März 2004 Zapatero ins Amt gebracht. Gut zwei Jahre danach sitzt er fest im Sattel der Macht und dominiert das politische Geschehen ähnlich wie Barça die Fussballmeisterschaft. Zufall? Mitnichten, sagt die Historie. Genug Indizien weisen einen Zusammenhang zwischen den Erfolgen beider Szenen auf. Ohne die Stimmen der katalanischen Nationalisten wäre Zapatero nicht in die 'Moncloa' eingezogen, und ohne diesen Support würde die ohnehin reiche Region finanziell nicht in gleichem Masse profitieren. Indirekt auch das Barça-Team, das sein Selbstverständnis regional definiert. Parallelen zu den achtziger Jahren, als Athletic Bilbao und Real Sociedad de San Sebastián je zweimal hintereinander Meister wurden, sind offensichtlich. Damals begann die Dezentralisierung des spanischen Staates, später erhielten die Regionen autonome Statuten. Aufgrund ihrer kulturellen Eigenständigkeit geniessen Basken und Katalanen mehr Spielraum als andere Gliedstaaten. Real Madrid knüpfte an die glanzvolle Ära der fünfziger und sechziger Jahre just in einer Zeit an, da der Partido Popular von Ministerpräsident José Maria Aznar mit absoluter Mehrheit ausgestattet war. Im Zweijahresrhythmus gewannen die Madrilenen dreimal die Champions League. Aznar stand nicht nur für die autoritäre Führungsrolle Madrids, er war auch öfter Gast im Santiago Bernabeu – Seite an Seite mit seinem Parteifreund, dem Baulöwen und Real-Präsidenten Florentino Perez. (...) Die Logik politisch-fussballerischer Zyklen lässt sich ebenfalls in Galicien nachweisen. Deportivo La Coruña stieg gewissermassen aus dem Nichts auf, gewann die Meisterschaft und die Copa del Rey (spanischer Cup) und 'krönte' den Aufschwung mit dem Champions-League-Halbfinal 2004. Celta de Vigo drang ebenfalls in den erlauchten Kreis vor. Man schrieb die Zeit der 'Monarchie': Manuel Fraga, früher Informationsminister des Franco-Regimes, absolvierte in Santiago de Compostela sein viertes Mandat an der Spitze Galiciens – auch in Madrid herrschten die Konservativen."
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Tagesspiegel: Der Nächste, bitte – Real Madrid wählt seinen Präsidenten Martin ab
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Deutsche Elf

Antizipationstorhüter

Malte Oberschelp (Rund) erörtert mit dem holländischen Torwarttrainer Frans Hoek den Stil deutscher Torhüter: "'Wenn Klinsmann die Abwehr nach vorne rücken lässt, benötigt er einen anderen Torhüter als Oliver Kahn', bestätigt Hoek. 'Mit der Abwehr nahe am Tor ist er einer der besten der Welt, aber wenn die Viererkette die Räume eng macht, ist das nicht seine Stärke.' Kahn war 23, als 1992 die Rückpassregel eingeführt worden ist. Sein Spiel hat er danach nicht mehr grundsätzlich geändert. 'Reaktionstorhüter' nennt Hoek diese Sorte Keeper: exzellent auf der Linie, willensstark, physisch beeindruckend, aber fußballerisch limitiert und mit durchschnittlichem Stellungsspiel bei Steilpässen in den Rücken der Abwehr. Das Gegenstück heißt Antizipationskeeper, Prototyp: Edwin van der Sar. Das Begriffspaar entwickelte Hoek, als er mit Louis van Gaal nach Barcelona ging und sich wunderte, warum anerkannte Torleute wie Vítor Baía und Robert Enke nicht mit der Spielweise der Mannschaft klar kamen. (...) Welcher Torhüter passt ins System Klinsmann? Jens Lehmann gilt als fußballerisch passabel, häufiger als Kahn wandelt er Rückpässe in Spieleröffnung um. Allerdings erlebte auch die neue Nummer 1 entscheidende Ausbildungsjahre in der Zeit vor der Rückpassregel. Bei den Arsenal-Fans hat Lehmann wegen teils bizarrer Ausflüge den Spitznamen Mad Jens weg. 'Er antizipiert besser als Kahn, aber viel weniger als van der Sar', urteilt Frans Hoek. 'Kahn ist zu 100 Prozent Reaktionstorhüter, Lehmann zu 80 Prozent.' Hoek hielte daher Timo Hildebrand für die optimale Lösung. Das Idealbild eines Antizipationstorhüters könnte Hildebrand sein: weniger muskulös, weniger lautstark, aber geduldig in Eins-gegen-Eins-Situationen und mit sehr guten Fähigkeiten, das Spiel im Raum zu lesen. (...) Die Deutschen halten es eher mit den Helden auf der Linie. Die holländische Spielauffassung nivelliert die Unterschiede zwischen Torhüter und Feldspieler, die deutsche überhöht die Nummer 1 zum Turm in der Schlacht – von Toni Turek Fußballgott bis King Kahn. Ein Radi Radenkovic taugte da nur zur Witzfigur, nicht zum Gegenentwurf. Dass Klinsmann durch die Nominierung Lehmanns mit dieser Tradition zu brechen beginnt, tut dem deutschen Fußball gut. Wer eine Mannschaft neu ausrichten will, muss ganz hinten anfangen."

Wie wird man denn in Brasilien Torhüter, Sven Goldmann (Tagesspiegel)? "An der Copacabana sind die Torhüter schon immer nach einem sorgfältigen Muster ausgewählt worden: In den Kasten geht, wer am langsamsten läuft, am schlechtesten mit dem Ball umgeht oder wer als letzter Nein sagt. Diese negative Grundhaltung mag in der Mentalität begründet sein. Der Brasilianer will produzieren und nicht zerstören. Es gibt aber auch ein historisches Motiv, und das spielt an auf die Urkatastrophe eines Landes, das auf seinem Staatsgebiet noch keinen Krieg erlebt hat. 1950 kassierte Moacyr Barbosa im entscheidenden Spiel ein dummes Tor gegen Uruguay, das Brasilien vor 200.000 Zuschauern in Rio die sicher geglaubte Weltmeisterschaft entriss. Im öffentlichem Empfinden trägt Barbosa bis heute Schuld daran, dass ein ganzes Land in Trauer fiel. Das brasilianische Talent spiegelt sich in ballverliebten Dribbelkünstlern, eleganten Strategen oder Offensivverteidigern, die gefährlicher sind als vieler Länder Stürmer. Brasilianische Torleute fallen nur dann positiv auf, wenn sie wenig falsch machen. Weiß noch jemand, wer vor vier Jahren im WM-Finale von Yokohama das brasilianische Tor hütete?"
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Ball und Buchstabe

Plage

Christof Siemes (Zeit) ermattet bei all den Kulturprojekten rund um die Fußball-WM: "Wie können wir das Ansaugen jeder vermarktbaren menschlichen Aktivität an den Fußball verhindern? Wer zurzeit etwas zu sagen, schreiben, tanzen, singen, ändern oder zu verkaufen hat, bemüht sich um Metaphern, Symbole, Klänge, Repräsentanten aus jener Welt, in der 22 Männer hinter einem Ball herlaufen. Eine Zeit lang war die Kunstwerdung des Spiels erhellend, komisch, selbstironisch. Jetzt ist sie nur noch nervtötend. Bislang war der Feind des Fans die Fifa, die im Totaltheater gnadenlos Regie führt, schlechtes Bier ausschenkt und die kostbaren Plätze im Stadion an den meistbietenden Sponsoren verschachert. Nun werden all die Trittbrettfahrer des Spiels zur Plage. Vor lauter guten Absichten haben sie uns dazu gebracht, dass wir uns nichts sehnlicher wünschen als endlich einmal einen Pass von Ronaldinho anschauen zu dürfen, ohne darüber nachdenken zu müssen, was er nun bedeutet."
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freistoss des tages

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