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2.2.2021

Tierethik in TV-Informationsformaten

Zwischen Anthropomorphisierung und der Aufdeckung defizitärer Rechtswirklichkeit – wie TV-Formate Leid und Bedürfnisse von Tieren zum Thema machen

Björn Hayer untersucht, welchen Platz Tiere in TV-Formaten einnehmen und stellt dabei fest: ethische Fragen rund um die Mensch-Tier-Beziehungen finden hier kaum Beachtung. Auch, wenn es um das Leiden von Tieren geht, sei die Reflexion über die Bedürfnisse von Tieren oft nur ein Nebenschauplatz.

Erdmännchen in der Zoom Erlebniswelt in Gelsenkirchen. (© picture-alliance/dpa, Roland Weihrauch)


Die Tierethik umfasst ein philosophisches Denkfeld, das mit der zunehmenden gesellschaftlichen Diskussion um Unzulänglichkeiten in der Massentierhaltung, der Jagd und in der auf Tierversuche bezogenen Forschung verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist. Gerade das Fernsehen mit seiner audiovisuellen Vermittlungsmöglichkeit spielt eine herausragende Rolle bei der Reflexion problematischer oder auch gelingender Mensch-Tier-Beziehungen. Allerdings fällt das Urteil, was die explizite oder implizite Berücksichtigung ethischer Grundüberlegungen in der Berichterstattung anbetrifft, ernüchternd aus. Exemplarisch sollen drei Formate in den Blick genommen werden: 1. Recherche- und Politikmagazine, 2. Talkshows, 3. Zoosendungen.

Großthema des Investigativjournalismus: Das politische Versagen

Reportageformate der öffentlich-rechtlichen Sender decken in den letzten Jahren neben Lebensmittel- auch Tierhaltungsskandale auf. Als besonders engagiert erweist sich das SWR-Format "Report Mainz", dessen einschlägig thematische Berichterstattung auch als exemplarisch für andere Sendungen wie "Frontal 21" oder "Fakt" angesehen werden kann. Im Juli 2019 geht es den Verstößen in der Milchwirtschaft nach, wenige Monate danach thematisiert es die unzureichenden Lebensbedingungen der Muttersauen im Kastenstand sowie unzulässige "Nottötungen". Gezeigt werden dazu in der Regel drastische Aufnahmen aus den betroffenen Höfen vor Ort, zum Beispiel aufgenommen von Tierschutzorganisationen. So werden oftmals auch VertreterInnen der "Soko Tierschutz" in die Recherche sowie die Kommentierung einbezogen, wie etwa die Fakt-Sendung im September 2020 belegt, in der grausame Tierschutzmissachtungen und Tiermisshandlungen in kleineren und mittleren Schlachthöfen dokumentiert werden. Als Maßstab zur Beurteilung der Situation der Tiere werden in derlei Berichterstattungen nicht primär Positionen der Tierrechtsphilosophie in Anschlag gebracht, die in der sogenannten "idealen Theorie"[1] – etwa bei Tom Reagan – eine Befreiung aller Tiere bedeuten würden,[2] sondern insbesondere Vorgaben des Tierschutzgesetzes. Der Fokus liegt stets auf eindeutigen Missachtungen geltender Gesetze, die argumentativ von VertreterInnen zivilgesellschaftlicher Institutionen kritisiert werden. Tiere werden hierbei zwar nicht – im Sinne Ladwigs – als Subjekte bzw. Rechtsträger bestimmt,[3] allerdings als Wesen mit spezifischen Bedürfnissen akzentuiert. Implizit äußert sich hierbei der Leidensbegriff Garners, der Bildern ein identifikatorisches Potenzial zuspricht. Durch deren Rezeption im Rahmen der Berichterstattung vermögen sich die Zuschauer in das andere verletzliche Wesen einzufühlen. Dabei stellt sich die Erkenntnis ein, "dass wir keinen Grund zu der Annahme haben, dass der Schmerz eines Tieres geringer ist als der Schmerz eines Menschen unter ähnlichen Umständen".[4]

Die dokumentierten Defizite zeigen verendete Lebewesen, gerade geborene Tiere in Mülltonnen, allerlei Verstümmelungen. Mit diesen Bildern, die den Zuschauer eben in seiner eigenen leiblichen Gestalt bewegen, werden zum einen die Betriebe selbst, zum anderen die übergeordneten Kontrollbehörden – vom Veterinäramt bis zum Bundesministerium für Landwirtschaft, Verbraucherschutz, Ernährung und Tierschutz – konfrontiert. Zieht man eine Bilanz aus tierethischer Sicht, wird in den Berichterstattungen ganz bewusst nicht allein über Mitleidserzeugung mittels grausamer Bilder operiert. Vielmehr wird die Aufmerksamkeit vor allem auf die kognitive Differenz zwischen positivem Recht (Tierschutzgesetz) und Rechtswirklichkeit gelenkt.

Die Ablenkung vom Leid – Tierethik in Talkshows

Obgleich die Frage nach dem Tierwohl mehr und mehr an Relevanz gewinnt, zeigen sich die Redaktionen politischer Talkshows davon weitestgehend unbeeindruckt. Wenn Bedürfnisse von Tieren eine Rolle spielen, dann zumeist als Nebenthema im Rahmen einer umfassenderen Diskussion. So etwa zu sehen in der Sendung des Formats "Hart aber fair", die anlässlich des Corona-Ausbruchs unter den Mitarbeitern in Tönnies-Fleischfabriken im Juni 2020 ausgestrahlt wurde: Weniger das Leiden der Tiere als vielmehr das der unterbezahlten und in dubiosen Subunternehmer-Verhältnissen angestellten Arbeiter stand dabei im Vordergrund. Um Abhilfe für sie zu schaffen, wurden primär Verschärfungen der Werkvertragsgesetzgebung diskutiert. Die Dramaturgie der Konversation folgt einerseits einem anthropozentrischen Dispositiv,[5] andererseits einer Verengung der Tierwohldebatte auf die Fleischerzeugung, wodurch wiederum 1. andere Bereiche der industriellen Massentierhaltung ausgeklammert werden und 2. Tiere nicht als "Subjekte ihres eigenen Lebens"[6] im Sinne Regans beachtet werden, sondern auf einen Objektstatus innerhalb einer Produktionsmaschinerie degradiert werden. Auch bleibt die Tier-Mensch-"Dualisierung" im Rahmen der industrialisierten Landwirtschaft "[…] als Produkt diskursivierter Machtverhältnisse"[7] unberücksichtigt.

Zu den wenigen Ausnahmen einer sich vollumfänglich den Belangen von Tieren widmenden Sendung in diesem Format zählt eine Ausstrahlung vom Dezember 2019. Hierbei fällt jedoch auf, dass – entgegen des Titels "Leckerli fürs Hündchen, Bolzenschuss fürs Kälbchen, Mensch, wie geht das zusammen?" – nicht das Leiden gerade der landwirtschaftlich genutzten Tiere das Zentrum der Diskussion bildet. Stattdessen wird ausgiebig die Überzüchtung und Überfürsorge bei Möpsen thematisiert, was dem ernsten Sujet einen lächerlichen, ungewollt komischen Charakter verleiht. Im Zuge dieser Debatte um "Artgerechtigkeit" werden im höchsten Maße domestizierte Tiere als "Sozialpartner" innerhalb einer vereinsamten Gesellschaft benannt. Im Hintergrund dürfte dabei durchaus auch Donna Haraways Konzeption einer Mensch-Tier-Gefährtenschaft mitschwingen. Die Autorin nimmt "kokonstitutive Beziehungen an, in denen keine der Partner*innen vor dem Verhältnis oder der Bezugnahme existiert"[8], und sie bekräftigt damit die Idee einer gleichberechtigten Gefährtenschaft von Mensch und Tier. Diese Egalität wird allerdings bezogen auf Interessensbefriedigung nicht insinuiert. Animale Wesen werden selbst in dieser ihnen zugedachten Sendung vor allem als Objekte nur für menschliche Bedürfnisse angesehen.

Implizit wird in den für diese Sendungsformate typischen Argumentationen die Frage nach einem möglichen moralischen und letzthin rechtlichen Status lediglich in Abhängigkeit von der Nähe bzw. Distanz von Tieren zu Menschen diskutiert. Zwar knüpfen solcherlei Überlegungen letztlich an Grundgedanken der Staatsutopie von Donaldson und Kymlicka an; – weisen diese doch Tieren Positionen wie Bürgerschaft zu, wenn diese in enger Beziehung zu Menschen leben.[9] Gleichwohl bestehen zwei bestimmende Unterschiede: Erstens sehen die amerikanischen Theoretiker für alle Tiere eine tierrechtliche Absicherung des Lebens vor, zweitens erweisen sich deren begrenzte Statusdifferenzierungen als durchweg verbindlich.[10] In summa heben die wenigen tierethisch gelagerten Diskussionen in TV-Talkshows zumeist nicht auf die Abschaffung von Willkürbehandlung ab, die doch Moral definiert. Denn "Moral gebietet die Gleichbehandlung gleicher Fälle".[11] Die Sendungen beschränken sich häufig auf Haustierhaltung und in Teilen noch auf die in der industrialisierten Landwirtschaft vorkommenden animalen Wesen.

Der Mensch im Tier – tierische Subjekte in Zoosendungen

Am häufigsten und in ihren Wesens- und Verhaltensarten sind Tiere im Fernsehen in Zoosendungen vertreten, die sich fundamental von den anderen investigativen oder diskursiven Formaten unterscheiden. Die wohl offensichtlichste Differenz äußert sich im Fokus auf die unmittelbare Mensch-Tier-Beziehung. Das animale Wesen wird als Akteur mit augenscheinlichen Interessen und Bedürfnissen – etwa nach Nahrung, Pflege und medizinischer Versorgung – sichtbar. In Formaten wie "Nashorn, Zebra & Co." werden Tiere als anthropomorphisiert dargestellt, indem entweder durch die Stimme aus dem Off oder durch das Pflegepersonal menschliche Eigenschaften auf sie übertragen werden. So ist im Hinblick auf die Paarungszeit immer wieder von der "Flirtsaison" die Rede. Um Benehmen und Charakter der Tiere zu vermitteln, werden Attribute wie "fein", "brav", "charmant" oder "gemütlich" gebraucht. Es wird dadurch ein Subjektstatus suggeriert, der Tiere als empfindungsfähige Wesen ausweist und eine Nähe zu den ZuschauerInnen herstellt. Gerade in der Interaktion mit den PflegerInnen erscheinen sie in der medialen Inszenierung mehr als Gefährten im Sinne Haraways denn als Gefangene.

Dass der Freiheitsentzug innerhalb der durch Kamera, Musik und Ton erzeugten Wohlfühlatmosphäre kein Thema ist, macht zugleich die ethische Problematik von Zoosendungen deutlich. Sie verschleiern zum Teil die den einzelnen Tieren unangemessenen Haltungsbedingungen.[12] Allen voran durch die inszenatorisch hervorgerufene Identifikation bzw. Menschenähnlichkeit gerät aus dem Blick, dass viele von ihnen fernen Regionen entstammen und normalerweise keinen Kontakt zum Menschen haben. Das Leid durch Isolation, begrenzten und artfernen Lebensraum bleibt verschwiegen. Daran gekoppelt sind ebenso – institutionell und medial – fehlende Rückzugsmöglichkeiten, wie sie etwa Niekisch als ein Merkmal einer hinreichend guten Zoohaltung betont.[13]

Bilanz

Im Panorama unterschiedlicher TV-Formate wird man einer eher dürftigen Berücksichtigung ethischer Fragen um die Mensch-Tier-Beziehung gewahr, was im Übrigen – anders als bei anderen bioethischen Anliegen – mit einer weitestgehenden Absenz von anerkannten Tierethikern auf dem Bildschirm zusammenfällt. Geht es um das Leiden tierischer Subjekte, so erweisen sich die Reflexionen der Bedürfnisse oftmals als Nebenschauplatz, etwa in Diskussionen zum Klimawandel und zur Rolle der Landwirtschaft. Der Blick auf deren Nöte erweist sich zumeist als anthropozentrisch und steht damit im Zeichen eines "Nützlichkeitsdenken[s]".[14]

Statt Visionen für einen Gesellschaftsvertrag zur Neuregelung der Verhältnisse zwischen Mensch und Tier vor der Kamera zu diskutieren, indem beispielsweise mehr Ethiker Gehör fänden, perpetuieren einige TV-Formate Interspeziesrelationen, deren Festigung auf die Tradition des klassischen Anthropozentrismus zurückgeht. Andere hingegen, wie investigative Magazine, nehmen den rechtlichen Status quo zum Maßstab, der zwar bei Weitem nicht den Stand der meisten modernen Tierethiken Rechnung trägt, aber bei einer wirklichen Einhaltung einen erheblichen Fortschritt für das Wohlbefinden von zahlreichen Tieren bedeuten würde.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Björn Hayer für bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. Bernd Ladwig, Philosophie der Tierethik, Berlin 2020, S. 369f.
2.
Vgl. Tom Regan, Von Menschenrechten zu Tierrechten, in: Tierethik. Grundlagentexte. Hrsg. von Friederike Schmitz, Berlin 2014, S. 88-114, hier: S. 113.
3.
Vgl. Ladwig 2020.
4.
Robert Garner, A Theory of Justice for Animals. Animal Rights in an Nonideal World, New York / Oxford 2012, S. 126.
5.
Hierbei wird beispielsweise stets auf Aspekte wie Versorgungssicherheit der Bevölkerung durch ausreichend Agrarprodukte oder die gesundheitliche Qualität von Fleisch hingewiesen.
6.
Bernd Ladwig, Warum manche Tiere Rechte haben – und wir nicht die einzigen sind, in: MRM – MenschenRechtsMagazin Heft 2/2015, S. 75-86, hier: S. 86.
7.
Hayer, Björn [gemeinsam mit Schröder, Klarissa], Tierethik in Literatur und Unterricht. Ein Plädoyer, in: Didaktik des Animalen. Vorschläge für einen tierethisch gestützten Literaturunterricht, Trier 2016, S. 1-16, hier: S. 1.
8.
Donna Haraway, Das Manifest für Gefährten. Wenn Spezies sich begegnen, Berlin 2016, S. 18.
9.
Zum politikwissenschaftlichen Ansatz der die Speziesgrenze überwindenden Bürgerschaftsgesellschaft s. a.: https://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/bioethik/265542/standpunkt-zoopolis-grundzuege-einer-theorie-der-tierrechte.
10.
Vgl. Sue Donaldson / Will Kymlicka, Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte, Berlin 2013.
11.
Ladwig 2015, S. 81.
12.
Björn Hayer, Tiere hinter Gittern fürs Amüsement, in: Neue Zürcher Zeitung vom 10.1.2017, URL: https://www.nzz.ch/feuilleton/tv-zoosendungen-tiere-hinter-gittern-fuers-amuesement-ld.138894?reduced=true (letzter Abruf: 24.9.2020.
13.
Vgl. Manfred Niekisch, Gute Zoos – eine moderne Notwendigkeit, in: Haben Tiere Rechte? Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung. Hrsg. v. Elke Diehl / Jens Tuider, Bonn 2019, S. 286-295, hier: S. 295.
14.
Reinhard Heuberger, Tiermetaphern und andere anthropozentrische Sprachphänomene. Was sie über das Mensch-Tier-Verhältnis aussagen, in: Haben Tiere Rechte? Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung. Hrsg. v. Elke Diehl / Jens Tuider, Bonn 2019, S. 366-378, hier: S. 367.

Björn Hayer

Björn Hayer

PD Dr. Björn Hayer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften an der Universität Koblenz-Landau. Zudem arbeitet er als freier Feuilletonjournalist, u.a. für ZEIT, Spiegel Online, NZZ, Cicero, Tagespost, BZ und der Freitag.


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