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24.9.2020

Strukturwandel und Agrarentwicklung seit 1880

Intensivierung, Mechanisierung und Spezialisierung – die deutsche Landwirtschaft hat sich im letzten Jahrhundert stark gewandelt. Während sie enorme Produktivitätssteigerungen realisierte, nahm ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung mit der Industrialisierung ab. Dies hat nicht nur den Agrarsektor, sondern auch die Struktur ländlicher Räume verändert.

Junger Mann auf einem Traktor in den 1920er Jahren. (© picture alliance / akg-images)


Die Landwirtschaft in Deutschland und ihre volkswirtschaftliche Bedeutung haben sich im letzten Jahrhundert stark verändert. So verringerte sich beispielsweise ihr Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung von 36 Prozent im Jahr 1880 auf unter ein Prozent im Jahr 2010. Gleichzeitig sank in diesem Zeitraum der Anteil der dort tätigen Personen von knapp der Hälfte aller Erwerbstätigen auf zwei Prozent.[1] Auch wird in der aktuellen Diskussion um die gesellschaftliche Stellung der Landwirtschaft gerne darauf verwiesen, dass ein Landwirt um 1900 Nahrungsmittel für vier Personen produzierte, während er 2016 rund 145 Menschen versorgte.[2] Diese Zahlen verdeutlichen Beispielhaft den grundlegenden Wandel im Verhältnis von Landwirtschaft und Gesellschaft, der in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich an Fahrt aufnahm. Der Begriff des Strukturwandels, mit dem viele Veränderungen in der Nachkriegsgesellschaft bezeichnet werden können, hat sich aufgrund der beschleunigten und für jeden sichtbaren Entwicklung in ganz besonderem Maße für den Wandel im Agrarischen eingeprägt.


Abwanderung veränderte die ländlichen Räume

Die Zahlen spiegeln die gesamtgesellschaftliche Transformation von einer Agrargesellschaft zu einer Industriegesellschaft wider, die Ende des 19. Jahrhunderts längst begonnen hatte und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Tempo gewann. Ohne die Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft, durch die die Mehrzahl der Arbeitskräfte für andere Wirtschaftsbereiche freigestellt wurde, wäre eine solche gesellschaftliche Entwicklung nicht möglich gewesen. Damit verbunden waren viele andere Entwicklungen, die die gesellschaftliche Realität bis heute prägen: Die Städte und die industrialisierten Ballungsräume wuchsen an. Die ländliche Bevölkerung veränderte sich grundlegend, viele zogen weg auf der Suche nach Arbeitsplätzen in der Industrie und in der Dienstleistung, andere wanderten aus der Landwirtschaft in andere Wirtschaftsbereiche ab, ohne dabei ihre Dörfer zu verlassen: Sie pendelten zu Arbeits- und Ausbildungsplätzen in den Städten.

Der Suburbanisierungsprozess, also die Verlagerung von Wohnbevölkerung und Gewerbe aus den Kernstädten auf das Umland, hat das Aussehen und den Charakter der Dörfer von Grund auf verändert. In dessen Folge zogen insbesondere seit den 1960er-Jahren Menschen aus den verdichteten Regionen wieder aufs Land; Gewerbegebiete im ländlichen Raum sorgten für Arbeitsangebote außerhalb der Landwirtschaft. Im Gegensatz zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (und teilweise weit darüber hinaus) geben Landwirtschaft und Landwirte in den meisten Dörfern inzwischen nicht mehr den Ton an – weder sozial noch ökonomisch oder politisch.

Auch landschaftlich sind die Folgen dieses Wandels deutlich sichtbar, zum Beispiel durch Erweiterungen der Wohn- und Gewerbegebiete und eine auf Individualverkehr zugeschnittene Verkehrsinfrastruktur, die das Land mit der Stadt und die Verdichtungsgebiete untereinander verbinden. Gleichzeitig gibt es sich entleerende ländliche Räume, deren Weitläufigkeit oder mangelnde Verkehrsanbindung einer Weiterentwicklung im Weg stehen.

Agrarwachstum, Marktorientierung und Industrialisierung

Kann die Produktivitätssteigerung in der Agrarwirtschaft als eine Ursache all dieser Entwicklungen gesehen werden, so ist sie gleichzeitig ohne Industrialisierung und gesellschaftliche Veränderungen nicht denkbar. Erst durch die Bereitstellung von industriell produzierten Betriebsmitteln, wie künstlichem Dünger, Maschinen oder Energie (Kohle, Öl, Diesel), und durch die Übernahme industrieller Methoden konnte die Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft seit dem späten 19. Jahrhundert in dem oben genannten Ausmaß gesteigert werden. Umgekehrt hat erst die Abkehr von der Selbstversorgung weiter Teile der Bevölkerung und die zunehmende Nachfrage nach veredelten Agrarprodukten (z.B. Fleisch, Milch, Eier, Zucker), die bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu beobachten war und ab den fünfziger Jahren rasant an Fahrt aufnahm, zu einem Absatzmarkt geführt, der der Landwirtschaft die Entwicklung zu einer kapitalintensiven und hochspezialisierten Produktion ermöglichte.

Bereits vor der Mechanisierung und Rationalisierung im 20. Jahrhundert konnte die landwirtschaftliche Produktivität deutlich gesteigert werden. Aber erst der zunehmende Einsatz von industriell produzierten Energieträgern, Futtermitteln und Pflanzennährstoffen (z.B. synthetischer Stickstoffdünger) sowie Fortschritte in der Nutztierhaltung und Saatgutforschung ermöglichten eine spezialisierte und hoch produktive Landwirtschaft. Diese war fähig eine Gesellschaft zu versorgen, die zunehmend höhere Qualitäten einforderte.[3]



Unterschiedliche Prägungen regionaler Agrarstrukturen

Bis heute sind in der Agrarstruktur Deutschlands regionale Disparitäten erkennbar, die nicht nur auf natürliche Gegebenheiten, sondern auch auf unterschiedliche Herrschaftsverhältnisse und Rechtssysteme in den vorherigen Jahrhunderten zurückzuführen sind. Die damit einhergehenden Differenzen der Betriebsgrößen und -ausrichtungen teilten die deutsche Agrarlandschaft nicht nur geographisch, sondern teilweise auch in agrarpolitischen Fragen.

Intensivierung und Spezialisierung als wirtschaftliche Strategie

Die zunehmend kapitalintensive landwirtschaftliche Praxis seit den 1950er Jahren beschleunigte die Tendenz zu wachsenden Betriebsgrößen. Hier ist bis heute eine strukturelle Differenz in den verschiedenen Teilen Deutschlands festzustellen, die sich vor allem aus Erbgewohnheiten, Wirtschaftsformen und Bodenqualitäten ableiten lässt. So sind landwirtschaftliche Betriebe im Südwesten noch heute eher kleinteilig während im Nordosten große Besitzgrößen und im Nordwesten mittlere Größen dominieren. In Ostdeutschland wurde diese Entwicklung durch die DDR-Agrarpolitik der "Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften" noch verstärkt. Betriebskosten konnten dann gesenkt werden, wenn die Betriebsmittel rational eingesetzt wurden, d.h. Maschinen voll ausgelastet oder Fahrtzeiten zwischen verschiedenen Feldparzellen vermieden wurden. Je größer ein Betrieb und je spezialisierter die Produktion, umso geringer waren die Produktionskosten und umso höher der Gewinn.

In der Forcierung dieser agrarwirtschaftlichen Ausrichtung sahen auch Agrarpolitik und Agrarverbände die Lösung eines strukturellen Problems der Landwirtschaft: Die Märkte für Nahrungsmittel sind nur in einem bestimmten Maß aufnahmefähig, der Nahrungsmittelbedarf ist nicht beliebig steigerbar.[4] Eine wachsende landwirtschaftliche Produktion führt bei gleichbleibender Nachfrage zwangsläufig zu sinkenden Preisen, während die Reallöhne in der industriellen Produktion in Aufschwungphasen, wie den fünfziger und sechziger Jahren, aufgrund des steigenden Absatzes erhöht werden konnten. Die zunehmende Einbindung der Landwirtschaft in übernationale Wirtschaftskreisläufe beschleunigte diese Entwicklung noch. Bereits in den fünfzehn Jahren zwischen 1950 und 1965 sank der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel in Deutschland von 40,8 Prozent auf 31,7 Prozent bis 1990 auf 23 Prozent des Haushaltseinkommens. Angesichts einer in den Jahren um 1950 wieder erreichten Sättigung des Nahrungsmittelmarktes konnte die Konsequenz für die Landwirtschaft nur heißen, die Produktion so zu rationalisieren, dass mit geringerem Arbeitseinsatz gleichbleibende oder steigende Erträge erwirtschaftet werden konnten – also den Faktor Arbeit durch den Faktor Kapital zu verdrängen. Dass dieser Prozess bereits im 19. Jahrhundert in Gang gesetzt wurde, wird aufgrund der forcierten Nachkriegsentwicklung in der öffentlichen Wahrnehmung oft übersehen.

Die ökologischen Folgen dieser Entwicklung sind überall sichtbar: Umgestaltung der Agrarlandschaft, Massentierhaltung, chemischer Pflanzenschutz oder künstliche Düngung werden seit Jahrzehnten gesellschaftlich und politisch breit diskutiert und problematisiert. Die bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert entwickelte Alternative der ökologischen Landwirtschaft verzichtet daher auf den Einsatz von künstlichem Dünger und chemischem Pflanzenschutz und arbeitet mit kleineren Viehbeständen. Im Jahr 2019 hatte sie bereits einen Flächenanteil von etwa 10 Prozent an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche und rund 13 Prozent aller Betriebe in Deutschland wirtschaften nach diesen Kriterien.[5]

EU-Agrarpolitik und globale Lieferketten

All diese Entwicklungen sind nicht vorrangig auf nationaler Ebene zu bewerten. Agrarpolitisch werden viele Entscheidungen seit den 1950er-Jahren auf europäischer Ebene gefällt. Gerade die Politik des "Wachsens oder Weichens" ist maßgeblich von dieser Ebene geprägt worden. Die ab den 1990er-Jahren zunehmend flächenbezogene Ausrichtung der europäischen Agrarförderung, die einen erheblichen Anteil des EU-Haushaltes ausmachen, hatten und haben direkte Konsequenzen für die Gestaltung der Landwirtschaft, die ohne Subventionen mit den Weltmarktpreisen nicht konkurrieren kann.[6]

Die Einbindung in globale Zusammenhänge ist ebenfalls keine neue Tendenz. Das macht das eingangs erwähnte Bild vom deutschen Produzenten, der 145 Mensch versorgt, auch schwierig, sind doch auch die in Deutschland konsumierten Lebensmittel in hohem Maße von globalen Produzenten geliefert oder ist ihre Produktion in globalen Verarbeitungsketten organisiert.

In Sonderkulturregionen, in Gebieten mit traditionell starker Viehwirtschaft oder in den ostdeutschen Getreidelandschaften war die Landwirtschaft schon seit langem, teilweise schon seit Jahrhunderten, in überregionale Austauschbeziehungen eingebunden. Die Einbeziehung auch weniger stark marktorientierter und spezialisierter Regionen und Produzenten in agrarwirtschaftliche Verflechtungen weltweiten Ausmaßes markierte im späten 19. Jahrhundert den Beginn einer zunächst auf einer Verbesserung der Transportmöglichkeiten basierenden Globalisierungswelle.

Abgesehen vom standortgebundenen Boden – und selbst der wird derzeit in Afrika, Asien und Südamerika zum Handelsobjekt international agierender Investoren – unterlagen alle anderen Produktionsfaktoren zunehmenden Mobilisierungsprozessen. Schon aus der Agrarpraxis des späten 19. Jahrhunderts waren die Düngemittel Guano und Chilesalpeter aus Südamerika, englische Landmaschinen, südamerikanische Viehfutterimporte und osteuropäische Arbeitskräfte kaum wegzudenken.

Die zunehmend multinational zugeschnittene Düngemittel-, Futtermittel-, Saatgut- und Pflanzenschutzindustrie übernimmt durch eigene Forschungsabteilungen, Beratungswesen und enge Zusammenarbeit mit berufsständischen und staatlichen Institutionen seit dem frühen 20. Jahrhundert die Rundumversorgung der Landwirtschaft mit Betriebsmitteln. Genossenschaften und Handelsunternehmen, die sich durch Fusionen nationale und internationale Aktionsräume erschließen, steuern den Großteil der Vermarktung. Die Konzentrationen in der verarbeitenden Industrie und in noch stärkerem Ausmaß in den Einzelhandelsunternehmen führen zu erheblichen Machtpositionen im Marktgeschehen und erhöhen den internationalen Wettbewerbsdruck, der sich auch auf die Lieferanten der Agrarrohstoffe auswirkt.

Konnte die Agrarpolitik die Auswirkungen dieses Prozesses auf die landwirtschaftlichen Akteure seit Beginn des "Globalisierungszeitalters" im späten 19. Jahrhundert noch stark abfedern, so gerät diese Möglichkeit mit der Verengung der Handlungsspielräume der Politik gegenüber einer sich der Regulierung von Wirtschaftsabläufen und Finanzströmen widersetzenden globalisierten Wirtschaft zunehmend unter Druck. Dass die Globalisierung in diesem ökonomischen Sinn auf eine – auch für die ökonomische Entwicklung selbst gefährliche – Reduzierung von Diversität unter mangelnder Berücksichtigung der sozialen, kulturellen und ökologischen Entwicklung hinausläuft, formuliert mit allen negativen Folgen auch der Weltagrarrat in seinem Bericht von 2008.

Weiterführende Literatur:

Mahlerwein, Gunter (2016): Die Moderne (1880-2010). Grundzüge der Agrargeschichte Band 3, Köln/Weimar/Wien.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Gunter Mahlerwein für bpb.de

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Fußnoten

1.
Mahlerwein, Gunter: Die Moderne (1880-2010). Grundzüge der Agrargeschichte Band 3, Köln/Weimar/Wien 2016, S. 11.
2.
Deter, Alfons: Jeder Landwirt ernährt 145 Menschen, in top agrar, 17.03.2016, unter: www.topagrar.com/schwein/news/jeder-landwirt-ernaehrt-145-menschen-9568216.html.
3.
Mahlerwein, Die Moderne, S. 62-170.
4.
Mai, Gunther: Die Agrarische Transition. Agrarische Gesellschaften in Europa und die Herausforderungen der industriellen Moderne im 19. und 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 33, 2007, S. 471-514.
5.
Umweltbundesamt, Ökologischer Landbau, 2021, unter: www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/oekologischer-landbau.
6.
Mahlerwein, Die Moderne, S. 172-174.

Gunter Mahlerwein

Gunter Mahlerwein

Dr. Gunter Mahlerwein ist seit 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kultur - und Mediengeschichte der Universität des Saarlandes. Er ist Autor des Buches "Grundzüge der Agrargeschichte: Die Moderne (1880 – 2010)". Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt unter anderem die Geschichte der ländlichen Gesellschaft im 17. bis 20. Jahrhundert.


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