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16.11.2021

Klima und Landwirtschaft

Auswirkungen und Politikoptionen für eine nachhaltige Transformation für mehr Klimaschutz

Die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Landwirtschaft in Europa sind divers, multifaktoriell und regional unterschiedlich. Der Sektor Landwirtschaft ist beim Thema Klimawandel Verursacher und Betroffener zugleich. Welche Strategien der Anpassung und Vermeidung können bei der Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit helfen?

Trockene Maispflanzen auf einem Maisfeld bei Schwetzingen in Baden. Der Sommer 2020 war der dritte Dürresommer in Folge. (© picture-alliance, Dennis Kubirski)


Einleitung

Der Klimawandel, eine der größten globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, ist inzwischen in der deutschen Landwirtschaft angekommen. Die Dürresommer 2018 und 2019 haben im Ackerbau und in der Futterproduktion zu substanziellen Mindererträgen geführt, auch 2020 war die Witterung phasenweise sehr trocken und führte in einigen Regionen erneut zu Problemen. Ähnlich heiße und trockene Jahrhundertsommer gab es vorher z.B. 1976 und 2003 (UFZ 2020). Allerdings gehen Büntgen et al. (2021) davon aus, dass es in Zentraleuropa seit mehr als 2000 Jahren keine solche andauernde Trockenheit wie in den Jahren nach 2015 gab. Auch andere Extremwetterereignisse sind in den letzten 20 Jahren aufgetreten wie etwa die Überschwemmungen 2002 oder der Orkan Kyrill 2007 mit Schadenskosten von 2,5 Mrd. in Deutschland (BMEL 2017). Man geht davon aus, dass Extremwetterereignisse wie die Dürren 2018/19 oder die Hochwasserereignisse 2021 eine direkte Folge des anthropogenen Klimawandels sind, die direkte Konsequenzen auch für die Landnutzung hat (IPCC 2020).

Der Sektor Landwirtschaft ist beim Thema Klimawandel Verursacher und Betroffener zugleich. Einerseits ist die Landwirtschaft z.B. durch unterschiedliche Prozesse in der Tierhaltung und Pflanzenbau ein relevanter Emittent von Treibhausgasen. Andererseits führen die Zunahme von Extremwetter-Situationen und veränderte jahreszeitliche Witterungsverläufe zu Herausforderungen und geringeren Erträgen im Pflanzenbau aber auch zu Verlusten in der Tierhaltung. Inzwischen findet in Politik und landwirtschaftlicher Praxis ein Bewusstseinswandel hin zu nachhaltigem und stärker klimafreundlichem Wirtschaften statt und es wird erkannt, dass eine nachhaltige Landwirtschaft zu stabilen Klimabedingungen beitragen sollte und von ihnen abhängig ist.

Im Pariser Klimaschutzabkommen und mit der Novellierung des Klimaschutzgesetzes (KSG) 2021 hat sich die Bundesregierung verpflichtet, bis 2030 im Vergleich zu 1990 65% weniger Treibhausgase (THG) zu emittieren und bis 2045 soll Klimaneutralität in Deutschland angestrebt werden (BMU 2021). Die Vorgaben des KSG betreffen auch den landwirtschaftlichen Sektor. Zum einen sollen die Emissionen des Sektors Landwirtschaft von 70 Mio. t CO2-Äquivalente (CO2e) in 2020 bis 2030 auf 56 Mio. t CO2e reduziert werden. Aber auch Änderungen bezüglich des Sektors Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft (LULUCF) berühren die landwirtschaftliche Praxis. Im novellierten Klimaschutzgesetz von 2021 unterliegt der Sektor LULUCF mit einem Ziel von -25 Mio. T CO2e bis 2030 erstmalig einer Reduktionspflicht.

Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft

Der Klimawandel verursacht Kosten und Risiken für die Landwirtschaft. Schätzungen gehen davon aus, dass Wetterextreme in der EU und UK bereits heute in allen Sektoren Kosten in Höhe von 9 Mrd. EUR pro Jahr verursachen, wovon die Schäden in der Landwirtschaft etwa 53% ausmachen. Bei einem Nicht-Erreichen des 2°C-Ziels könnte diese Summe in Europa auf geschätzte 65 Mrd. € pro Jahr ansteigen. Die Landwirtschaft wäre weiterhin der am stärksten betroffene Sektor mit einem Anteil an den Gesamtschäden von 44% (Naumann et al. 2021).

Die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Landwirtschaft in Europa sind divers, multifaktoriell und regional unterschiedlich (Beillouin et al. 2020). Neben wenigen regional begrenzten positiven Effekten hat die Klimaerwärmung und die damit einhergehende Änderung der Wettermuster hauptsächlich negative Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Ausprägung und Stärke der Betroffenheit sind abhängig von der geographischen Lage, von konkreten äußeren Veränderungen in z.B. Temperatur, Niederschlag und CO2-Konzentration sowie von eventuellen Veränderungen in Agrarökosystemen, der angebauten Kultur und den Anpassungsmöglichkeiten der Landwirtschaft an die sich verändernden Umstände. Zudem lassen sich die Auswirkungen in direkte und indirekte Effekte auf Ackerbau und Viehzucht unterscheiden. Direkte und indirekte Effekte wirken sich wiederum auf Produktivität, Erträge, und letztlich auf Preise aus. All dies führt zu einer stärkeren Anfälligkeit der Produktion, wachsenden Unsicherheiten und zu einem gesteigerten Einkommens- und Existenzrisiko innerhalb des Sektors.

Die praktischen Auswirkungen der Klimaerwärmung in der Landwirtschaft sind vielfältig: Schädlinge im Ackerbau, die eigentlich nur aus den mediterranen Klimazonen bekannt sind, wie z.B. der Maiszünsler, werden auch in Deutschland zur Herausforderung. Im Dürresommer 2018 war nicht nur der Ackerbau mit einem Ernterückgang je nach Kultur von bis zu 25% betroffen. Die Tierhaltung ist ebenfalls von heißen und trockenen Sommern betroffen: Die Dürre im Sommer 2018 führte teilweise zu einem totalen Ausfall der Futterproduktion im Grünland. Ein Unterschied zum Ackerbau besteht darin, dass man Grünfutter schlecht transportieren kann, so dass tierhaltende Betriebe die Futterausfälle nicht kompensieren können. Aufgrund der Futterknappheit mussten im Herbst 2018 überdurchschnittlich viele Milchkühe geschlachtet werden. Im Sommer führen besonders hohe Temperaturen zusätzlich zu Hitzestress bei Nutztieren sowohl auf der Weide als auch in der Stallhaltung. Für die Zukunft wird beispielsweise mit einer starken Zunahme von Hitzestresstagen und der Dauer von täglichen Hitzestressperioden für europäische Rinder gerechnet (Hempel et al. 2019). Zwar kann eine klimawandelbedingte allgemeine Verlängerung der Vegetationsperioden z.B. Vorteile im Gemüseanbau haben, gleichzeitig führen die vermehrten Wetterkapriolen dazu, dass sich z.B. der Vegetationsbeginn oder Spätfrostereignisse schlechter vorhersagen lassen, was die Planbarkeit im Gemüse oder Ackerbau beeinträchtigt (UBA 2018).

Anpassungsstrategien für die deutsche Landwirtschaft

In der Landwirtschaft gibt es vielfältige Optionen und Strategien der Anpassung an den Klimawandel, die auf den Betrieben bereits Anwendung finden (LWK 2019):

Bewässerung von Anbausystemen: Ökonomisch ist das v.a. in Kulturen des Feldgemüsebaus sowie beim Anbau von Kartoffeln und Zuckerrüben vorteilhaft, während sich der Einsatz von Bewässerungen im Getreide oder Rapsanbau häufig nicht lohnt (De Witte 2017). Auch der Umbau von Gräben und Entwässerungssystemen in der Landschaft wird zunehmend wichtig, um Wasser als Produktionsfaktor im Agrarökosystem zu halten.

Diversifizierung des Anbaus: Um das Risiko von Totalausfällen zu reduzieren empfiehlt sich eine stärkere Diversifizierung des Anbauprogramms. Bei einem vielfältigen Anbauprogramm eines Betriebes wirken sich Extremwetterlagen durch die verschiedenen Erntezeitpunkte unterschiedlich aus, verteilen das Ausfallrisiko auf verschiedene Kulturen und reduzieren die Gefahr eines Totalausfalls. Auch Mischkulturen (z.B. Leguminosen und Getreide) verteilen das Risiko (LWK 2019).

Die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und des Humusanteils im Oberboden führt dazu, dass Feuchtigkeit im Boden besser gespeichert wird. Dies kann z.B. durch den Anbau von Zwischenfrüchten, Untersaaten z.B. mit Klee oder der Anbau von Leguminosen (Phacelia, Bohnen oder Erbsen) – Verfahren die im Ökolandbau gängige Praxis sind – erreicht werden. Diese Kulturen sorgen für eine längere Bodenbedeckung, verbessern die Bodenfruchtbarkeit und den Humusgehalt und damit auch die Fähigkeit des Bodens, Feuchtigkeit zu speichern. Zwischenfrüchte reduzieren außerdem das Risiko der Bodenerosion. Die Auswahl von Sorten, die eher tolerant gegenüber Trockenheit sind, kann dazu beitragen, Ertragsverluste in trockenen Jahren zu begrenzen.

Versicherungslösungen können helfen, die betrieblichen Risiken des Klimawandels finanziell abzupuffern. In Deutschland findet die Hagelversicherung breite Anwendung in der Praxis. Hagel ist häufig ein lokales Ereignis mit begrenzten Schadenssummen, weshalb die Risiken hier gut versichert werden können. Angesichts neuer digitaler Technologien werden aktuell auch Versicherungslösungen für weitere Schadensfälle neu diskutiert (Vroege et al. 2021). Allerdings sind systemischen Risiken oder Katastrophenfälle auch für große Versicherungen kaum zu versichern. Im Katastrophenfall greift häufig der Staat mit Zahlungen ein. So wurden in Deutschland 2018 von Bund und Ländern 340 Millionen € als Dürrehilfe für die Landwirtschaft bereitgestellt (BMEL 2018). Zu beachten ist allerdings auch, dass Versicherungen dazu führen können, dass Versicherte im schlechten Fall weniger Eigenvorsorge betreiben (Müller et al. 2017).

Vermeidungsstrategien der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft und der Sektor Landnutzung (LULUCF) tragen zum Klimawandel bei: Etwa 9% der gesamten THG-Emissionen in Deutschland lassen sich auf landwirtschaftliche Quellen zurückführen, von denen wiederum 48% ihren Ursprung in der Tierhaltung haben. Auch die Düngung ist von großer Bedeutung in dieser Bilanz. Weitere 4% der deutschen Emissionen aus dem LULUCF-Sektor kommen hinzu (UBA 2020b). In der Novelle des deutschen Klimaschutzgesetzes vom Juni 2021 wurde ein Emissionsreduktionspfad für den Landwirtschafts- und den LULUCF-Sektor gesetzlich festgeschrieben. Die Reduktion von THG-Emissionen umfasst verschiedene Handlungsoptionen in der Agrar- und Ernährungspolitik. Die Empfehlungen der wiss. Beiräte für Agrar- und Ernährungspolitik sowie Forstpolitik von 2016 sind in Tabelle 1 dargestellt (WBAE und WBF 2016):

Tabelle 1: Optionen zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft

Quelle: eigene Zusammenfassung aus WBAE 2016.


Die Tabelle zeigt, dass eine Klimastrategie verschiedene Maßnahmen mit unterschiedlichem Reduktionspotenzial umfasst: Vor allem der Schutz von organischen Böden und Mooren (15 Mio. t CO2e im anspruchsvollen Szenario), ein verbessertes Nährstoffmanagement (5,8 Mio. t CO2e) die Reduktion des Konsums von tierischen Produkten (22 Mio. t CO2e) sowie Forstmaßnahmen (56 Mio. CO2e) können in einer solchen Strategie eine große Wirksamkeit entfalten (WBAE und WBF 2016).

Ein erster Maßnahmenkomplex betrifft den Nährstoffeinsatz in der Landwirtschaft: Die Verbesserung der Effizienz des Stickstoffeinsatzes in der Düngung, die Abdeckung vorhandener Gärrestlager und ein verstärkter Einsatz von Wirtschaftsdünger in Biogasanlagen stellen wichtige Maßnahme zur THG-Reduktion in der Landwirtschaft dar. (WBAE und WBF 2016). Ein effizienter Nährstoffeinsatz gehört bereits jetzt zu den Zielen landwirtschaftlicher Betriebe, insofern besteht die Strategie hier in einer Effizienzsteigerung, die im landwirtschaftlichen Interesse liegt, jedoch irgendwann auch an Grenzen stößt.

Die Reduktion des Konsums tierischer Produkte hat mit 22 Mio. t CO2e eine große absolute Wirkung. Eine aktuelle Modellierung von (Clark et al. 2020) stellt heraus, dass selbst unter der Annahme einer vollständigen Rückführung der Emissionen aus fossilen Brennstoffen der sofortige Beginn einer aktiven Ernährungspolitik notwendig ist, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Allerdings ist eine Umstellung von Ernährungsgewohnheiten in der Bevölkerung nur mittel- bis langfristig zu erreichen und daher politisch nicht unumstritten. Gleichzeitig dürften von einer solchen Umstellung sowohl die Nachfrage nach Lebensmitteln als auch die Produktionsentscheidungen in der Landwirtschaft betroffen sein.

Der Schutz von Mooren und die Wiedervernässung von organischen Böden hat eine größere Hebelwirkung und gleichzeitig ein großes absolutes Reduktionspotential. In Deutschland sind 1,46 Mio. ha Moorfläche (0,38 Mio. ha Acker- und 1,07 Mio. ha Grünland) für die landwirtschaftliche Nutzung entwässert, wodurch wiederum jährlich ca. 35,8 Mio.t CO2 emittiert werden (UBA 2020a: S.478). Im Fall einer Wiedervernässung sind die Kosten zur Vermeidung von THG vergleichsweise günstig (Röder und Grützmacher 2012). Die Standorte für potenzielle Wiedervernässungen liegen hauptsächlich in Norddeutschland (Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg) und im Alpenvorland (Bayern). Seit dem 18. Jahrhundert werden in Deutschland Moorflächen entwässert, um den abgebauten Torf als Rohstoff zu verwenden und die Flächen in eine landwirtschaftliche Produktion zu überführen. Für eine Wiedervenrässung müssen Ackerflächen auf organischen Böden in Grünland umgewandelt und wiedervernässt werden. Die Wiedervernässung von Mooren stellt daher eine vollständige Kehrtwende in der Ladnutzungspolitik in dar, weil sie den seit Jahrhunderten geltenden Vorrang der Entwässerung in Frage gestellt wird. Für die Wiedervernässung dieser Flächen ist daher nicht nur die Änderung der Landnutzung, sondern ein vollständiges Umdenken in Politik, Gesellschaft und in der Landwirtschaft erforderlich. Eine mögliche Nutzung von wiedervernässten Flächen kann z.B. über die Haltung von Mutterkühen oder Wasserbüffeln oder druch Paludikultur („palus“ – lat. „Sumpf, Morast“) erfolgen (Wichtmann et al. 2016). Allerdings müssen die Nutzungskonzepte für wiedervernässte Flächen weiterentwickelt werden, sowohl im Fall der Tierhaltung als auch für Paludikulturen. So können Paludikulturen zur Herrstellung von Bau- und Dämmmaterialen verwendet werden aber auch die Produktion Biokunststoffe (z.B. für Verpackungsindustrie), Papier, Futtermittel und Medizinpräparaten wird in Pilotprojekten erprobt. Die Verwendung der Biomasse für die energetische Nutzung ist eine einfache Verwertung von Paludikultur, jedoch schöpft es nicht das Wertschöpfungspotenzial aus. Weitere Maßnahmen könnten in der landwirtschaftlichen Produktion von Lignocellulose (als sog. Kurzumtriebsplantagen (KUP) mit schnell wachsenden Hölzern) sowie in der Reduzierung von Torf als Pflanzsubstrat bestehen. Auch diese Maßnahmen könnten zu einer Reduktion von THG-Emissionen führen.

Politische Strategien für Klimaschutz und -anpassung in der EU

Eine politische Strategie für die Umsetzung von Klimaschutz und -anpassung umfasst unterschiedliche Instrumente: Ordnungsrechtliche Bestimmungen oder Verbote können den Mindeststandard sicherstellen, Förderinstrumente können Anreize für die Umsetzung von Maßnahmen zur THG-Reduktion setzen und Steuern die möglichen Umweltschäden begrenzen. Aus wirtschaftspolitischer Sicht besteht das Ziel darin, dass negative externe Effekte (die Ursache für Umweltschäden) angemessen berücksichtigt, sprich bepreist werden. Erfolgt eine Produktion in der Landwirtschaft ohne angemessene Einpreisung von negativen externen Effekten wie z.B. dem THG-Ausstoß, wird eine volkswirtschaftlich optimale Produktion überschritten bei gleichzeitigen Umweltschäden – dies gilt sowohl national als auch global. Insgesamt verdeutlicht dies auch den Zielkonflikt zwischen landwirtschaftlicher Erzeugung und dem Ziel zur Reduktion der THG-Emissionen.

Sogenannte Verlagerungs-Effekte („Leakage“) verschärfen das Problem: Wenn die Produktionsmenge in der EU aufgrund von höheren Umweltauflagen reduziert wird, kann es sein, dass sich die Produktion über den Weltmarkt in andere Weltregionen verlagert, in denen ähnliche negative Umwelteffekte entstehen. Eine politische Klimaschutzstrategie müsste diesen Effekt mitberücksichtigen. In Industrie wurde als zentrales Instrument zur Einpreisung der Emissionen innerhalb der EU der CO2-Zertifikatehandel etabliert. Durch die Ausgabe und Verknappung von Emissionszertifikaten, die anschließend gehandelt werden, kann eine hohe Lenkungswirkung erreicht werden, (Mersmann und Braun 2013). die Sektoren Landwirtschaft und LULUCF sind bisher nicht in den Zertifikate-Handel eingebunden. Eine Politikmaßnahmen könnte darin bestehen, die Landwirtschaft in den Zertifikatehandel einzubinden. Es ist aus der allgemeinen ökonomischen Literatur bekannt, dass der Zertifikatehandel ein effizienter Mechanismus zur Verteilung der Vermeidungskosten ist (Feess und Seeliger 2013). Ein Problem einer Einbindung der Landwirtschaft in den Emissionshandel besteht darin, dass die Treibhausgase Lachgas, Methan und Kohlendioxid aus recht unterschiedlichen landwirtschaftlichen Quellen emittiert werden und damit auch unterschiedliche Vorgehensweisen in der Erfassung erfordern. Insofern würde diese Option viele praktische Probleme nach sich ziehen (Isermeyer et al. 2019).

Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) bietet die Möglichkeit die Vermeidungsleistungen in der Landwirtschaft zu fördern (Tanneberger et al. 2020). Die GAP ist zwar keine spezifische Klimapolitik, allerdings ist Klimaschutz und -anpassung eines von neun neuen Zielen für die Förderperiode 2021-2027 (EU-Kommission 2018). Der Europäische Rechnungshof hat erst jüngst festgestellt, dass die GAP – trotz nominell hoher Zahlungen für den Klimaschutz – nur geringfügige Wirkungen erzielt (ECA 2021). Die aktuelle Reform bietet mit ihrer Grünen Architektur einen neuen Förderrahmen, der auch klimapolitische Möglichkeiten eröffnet (EU-Kommission 2018). Hierzu gehört der Gute landwirtschaftliche und ökologische Zustand (GLÖZ). Das Kriterium GLÖZ 2 sieht einen „angemessenen Schutz von Feuchtgebieten und Torf-Flächen“ vor, so dass in diesem Kriterium die Voraussetzung für den Moorschutz geschaffen wird. Auch die so genannten Öko-Regeln der I. Säule der GAP und die Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen (AUKM) der II. Säule können Maßnahmen zur THG-Vermeidung gefördert werden. Maßnahmen wie die Umwandlung von Acker- und Grünland, die Reduktion der Stickstoffdüngung, die Wiedervernässung von Mooren oder die Etablierung von Agro-Forstsystemen werden bereits gefördert. Der Anteil der AUKM-Ausgaben für Moor-Renaturierung ist bisher allerdings gering. Für die Förderung der Umwandlung von Acker- in Grünland und die Förderung von Grünland- und Moorvernässung wurden z.B. 2017 in drei deutschen Bundesländern 3,7 Mio. ausgegeben. Mit diesen Mitteln werden deutschlandweit 18.640 ha Flächen gefördert, der Ausgabenanteil in den AUKM liegt bei 0,46% (vgl. Lakner 2021).

Mittelfristig müssen Flächeneigentümer entschädigt werden, wofür die GAP nur teilweise geeignet ist. Perspektivisch ist zu prüfen, ob die Wiedervernässung von Mooren nicht einfacher über einen nationalen Klimafond gefördert werden kann. Die Wiedervernässung von Mooren kann aufgrund der trockenen Bedingungen in Mitteleuropa nicht bis 2027 warten, schon heute ist in einigen Mooren Wasser der knappe Faktor. Auch Investitionen und Technologieförderung oder der Landkauf könnten sich besser über einen solchen Fonds bewerkstelligen lassen.

Zielkonflikte zwischen Klimaschutz und weiteren Zielen des Agrarsektors

In den nächsten Jahren wird neben dem Klimawandel auch das Bevölkerungswachstum eine wichtige globale Herausforderung sein. Die Entwicklung hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft wird sich fortsetzen, so dass stabile Erträge erzielt, und gleichzeitig die Effekte auf den Klimawandel sowie auf andere Umweltmedien (z.B. Biodiversität, Wasser, Bodenfruchtbarkeit) reduzieren werden. Perspektivisch wird der Sektor Landwirtschaft viele unterschiedliche Ansprüche gleichzeitig erfüllen müssen.

Die Landwirtschaft ist durch das Klimaschutzgesetz dazu verpflichtet einen substanziellen Beitrag zur Reduktion von Treibhausgasen zu leisten, es ist somit abzusehen, dass die Änderungen umfassend sein und die konkrete Anbaupraxis landwirtschaftlicher Betriebe betreffen wird. In den vergangenen Jahren wurde deutlich, dass ein grundsätzliches Umdenken in der Landwirtschaft notwendig ist und teilweise schon auf den Betrieben Einzug gehalten hat. Die Bemühungen zur Sensibilisierung und Etablierung von vielfältigeren Anbausystemen und der Aufbau von Bodenfruchtbarkeit sind wichtige Ansatzpunkte. Es gibt daneben weitere Optionen wie die Moorwiedervernässung oder die Steigerung der Düngungseffizienz, die noch stärker umgesetzt werden müssen, um die Reduktionsziele auch im Sektor Landwirtschaft zu erreichen.

Darüber hinaus stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die Landwirtschaft weiterhin berechtigt ist, kostenlos Treibhausgase zu emittieren oder ob es zu einer Einschränkung der impliziten Nutzungsrechte kommt. Die Folge einer solchen Einschränkung könnte die Einbindung der Landwirtschaft in den CO2-Zertifikatehandel sein, auch wenn dies administrativ und technisch anspruchsvoll sein dürfte (Isermeyer et al. 2019).

Die Debatte um die richtige Strategie und den richtigen Politikmix wird inzwischen unter einem gewissen Zeitdruck geführt, da die Erderwärmung fortschreitet und bestimmte Vermeidungsoptionen (wie Moorwiedervernässung oder Aufforstungen) im Zeitablauf aufgrund des sich ändernden Klimas schwieriger werden. Von der Planung über die Umsetzung bis zur Entfaltung der Reduktionspotenziale ist ein langer Vorlauf nötig, auch deshalb drängt die Zeit.

Inhaltlich zeigt sich, dass vor allem über die Moorwiedervernässung wie auch über die Beeinflussung von Ernährungsgewohnheiten ein großer Hebel besteht, hier jedoch intelligente Konzepte entwickelt werden müssen. Von zentraler Bedeutung könnte außerdem die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) sein, darüber hinaus werden nationale Ausgaben notwendig sein, um diese Herausforderungen mit finanziellen Mitteln abzubilden. Eine ambitionierte Klimapolitik erfordert insofern sowohl dem Sektor Landwirtschaft als auch der Gesellschaft insgesamt sehr viel ab. Je länger entsprechende Änderungen aufgeschoben werden, desto drastischer wird der Änderungsbedarf und desto teurer werden die Maßnahmen von Anpassung und Vermeidung.

Literatur

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Sebastian Lakner, Gerald Jurasinski, Pia Sommer

Sebastian Lakner

Prof. Dr. Sebastian Lakner ist Leiter der Professur Agrarökonomie an der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört Produktivitäts- und Effizienz-Analyse im Ökolandbau, Entwicklung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP), Ökonomische und ökologische Auswirkungen der Agrarumweltpolitik der EU (Greening, zweite Säule), Nachhaltigkeit von Landnutzungssystemen, Ökonomik und Strukturwandel im Ökolandbau.


Gerald Jurasinski

Dr. rer. nat. Gerald Jurasinski ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Landschaftsökologie und Standortkunde der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock.


Pia Sommer

Pia Sommer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock.


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