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16.12.2019

Jugendkulturen auf der Suche nach Freiräumen

Die Visionen und Hoffnungen arabischer Jugendlicher treffen auf vielfältige gesellschaftliche Umstände. Wer sich darin Freiräume erkämpft, entwickelt neue Lebensweisen und Lebensgefühle. Von Sportlern, Künstlern und Aktivisten.

Jugendliche sitzen im Jahr 2011 auf einer Mauer im Libyschen Bengasi. (© picture-alliance/dpa)


Sie streben nach einem modernen Lebensstil, sorgen sich um eine berufliche Perspektive und die Finanzierung einer Wohnung. Staaten mit Zukunft sind für sie die Vereinigten Arabischen Emirate, weit vor den USA oder Frankreich. Sie bevorzugen regionale Allianzen vor internationalen politischen Kooperationen. Übergewicht und Diabetes machen ihnen mehr Angst als der Klimawandel und Umweltkatastrophen. Informationen über die Welt und die Nachrichten beziehen sie zu zwei Dritteln aus dem Internet, mit steigender Tendenz. So präsentieren sich die Jugendlichen der arabischen Welt im Arab Youth Survey 2014, den das Unternehmen ASDA’A Burson-Marsteller herausgegeben hat, in ihrer Vielfalt an individuellen Meinungen, Werten und Hoffnungen.

Weltweit haben sich die Lebensentwürfe verändert. Auch dadurch steht der Begriff "Jugend" für ein schwammiges Phänomen. Denn er bezeichnet nicht nur die Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren, sondern auch einen Lebensstil in der Phase des Übergangs aus der Kindheit in den Erwachsenenstatus. Wann dieser Prozess abgeschlossen ist, bleibt allerdings Auslegungssache.

Diese Gruppe wird derweil immer größer: Mehr als 60 Prozent der Gesamtbevölkerung der arabischen Länder ist unter 25 Jahre alt. Die Arbeitslosigkeit ist in vielen dieser Länder hoch und betrifft junge Menschen überproportional stark. Die politischen und sozioökonomischen Unterschiede in der arabischen Welt sind jedoch groß, sodass das Leben einer jungen Berberin aus dem Atlasgebirge in Marokko wohl kaum mit dem einer jungen Libanesin in Beirut vergleichbar ist. So ist auch die Jugendarbeitslosigkeit in Katar (unter zwei Prozent) und im Jemen (knapp 35 Prozent) in völlig verschiedenen Dimensionen angesiedelt.

Jugendliche Lebensläufe in ruralen Gebieten sind deutlich anders als in urbanen Zentren. Die Phase der Jugend und des Erwachsenwerdens ist in Ersteren häufig viel kürzer, der Eintritt in die Erwerbstätigkeit und die Familiengründung erfolgen früher. Als verheiratete Frauen und Männer, oft auch schon als Mütter und Väter, werden junge Menschen zu vollwertigen und erwachsenen Mitgliedern der Gesellschaft. Die jugendliche Phase des Übergangs und des Ausprobierens ist daher oft kurz, besonders wenn Kinder früh zu arbeiten beginnen und ihr Bildungsweg kurz bleibt. Auf der anderen Seite befördert die rasante Urbanisierung das gegenteilige Phänomen: Sie zieht die Phase des Übergangs in vielen Städten in die Länge, vor allem weil gut ausgebildete junge Menschen keine Anstellung in den von ihnen erlernten Berufen finden. Das fehlende finanzielle Auskommen bindet sie an das Elternhaus, womit die Eigenständigkeit in weitere Ferne rückt. So wird die Jugend zur Warteschleife.

Die Stadt als Sportgerät

Welche kulturellen, sozialen und auch politischen Bezüge gestalten das Erwachsenwerden? Die gelebte Antwort auf diese Fragen ist die Jugendkultur. Sie entsteht nicht automatisch da, wo Jugend ist, sondern ist ein Gradmesser für die aktuellen Auseinandersetzungen und Veränderungen, für Möglichkeiten und Hindernisse. Deshalb drückt sie sich häufig in Formen von Widerstand und Rebellion aus. In Gaza zum Beispiel wächst durch die israelische Abriegelung seit 2007 eine Generation heran, die nie etwas anderes kennengelernt hat als das extrem dicht besiedelte, 40 Kilometer lange Gebiet am Mittelmeer, in dem sie geboren und aufgewachsen ist. Hinzu kommt die Kontrolle durch die Hamas-Regierung. Sie hat ihre eigene Bevölkerung in ein Korsett aus Geboten, Verboten und Zwängen gezwängt. Jede Ausdrucksform in der Öffentlichkeit, sei es Sport, Musik, Tanz oder politische Aktivität, wird staatlich reglementiert; Übertretungen werden schnell bestraft. So bleibt kaum Gelegenheit, sich auszuleben.

An dem Ort, an dem der Internetzugang das einzige Tor zur Welt darstellt, haben sich Jugendliche wie der 23-jährige Mohammed al-Jakhbeer von einer globalen Entdeckung inspirieren lassen: Parkour. Mit nichts als Turnschuhen und der eigenen Kraft und Geschicklichkeit wird jedes Hindernis zu einer sportlichen Herausforderung, die es auf geschickte Art zu überwinden gilt. Man springt, balanciert und klettert über Mauern, Dächer, Autos oder Grabsteine. Die Architektur wird neu genutzt und interpretiert, Bewegungsfluss und Körperbeherrschung stehen im Vordergrund. Aus Videos erlernt, verbreitete sich die Sportart schnell unter jungen Männern in Gaza. Dabei ist Parkour zu mehr als einer Sportart geworden: Es ist Ausdruck und Sinnbild für einen stummen Protest der Jugendlichen – gegen einen Ort, an dem ein Friedhof den einzigen Ort für Freiraum und Leichtsinn bietet, gegen die Blockade des Gazastreifens durch Israel, gegen Überbevölkerung, Arbeitslosigkeit und die um sich greifende Perspektivlosigkeit. Parkour ist eine Ausdrucksform, die ein wichtiges Erlebnis bietet: das Wissen, jedes Hindernis überwinden zu können, das Recht, sich keine Grenzen setzen zu lassen und die Aneignung der problembeladenen Stadt Gaza als Sportgerät und Abenteuerspielplatz. In einem Wort: Freiheit.

Gleichzeitig gibt es auch Spielarten von Jugendkultur, deren Inhalte und Ziele explizit gesellschaftliche und politische Veränderungen anstreben. Denn der Arabische Frühling war nicht zuletzt ein Aufbegehren der Jugend gegen Korruption, Arbeitslosigkeit, Gewalt und die Einschränkung von Freiheitsrechten. Auf den Plätzen der arabischen Welt waren es oft junge Menschen, die die Proteste initiierten und anführten. Dabei entwickelten sie neue Protestformen und griffen auf kulturelle Praktiken zurück, mit denen sie vertraut waren: von Graffiti bis Musik, Poesie, Tanz, Theater und Film. Diese künstlerischen Ausdrucksformen, vorher oft über Jahre als Subkultur entwickelt, überdauern die Niederschlagung des Protests und schaffen durch Parolen, Lieder, Videos und Bilder eine Präsenz im öffentlichen Raum.

"Im Geiste des zivilen Ungehorsams machen wir Filme"

Eine Gruppe marokkanischer Jugendlicher entschied sich, Bilder sprechen zu lassen. Internationale Medien berichteten im Jahre 2011 zwar unablässig von der Revolte in Tunis und vom Tahrir-Platz in Kairo, die Rebellion von Teilen der marokkanischen Gesellschaft gegen König Mohammed VI. blieb aber unbeachtet. Unter dem Motto "Kameras sind unsere Waffen" beteiligte sich die Gruppe Guerilla Cinema an der Protestbewegung. Bis heute sind einige Filme entstanden, die sich vor allem mit sozialen und politischen Fragen in Marokko beschäftigen. Sie greifen Themen und Probleme auf, die es offiziell in Marokko nicht gibt, wie zum Beispiel Zwangsheirat oder Korruption.

Die Auseinandersetzung mit filmischen Ausdrucksformen begann für die Gruppe Guerilla Cinema schon vor den ersten Protesten. Gemeinsam entwickelte sie eine eigene visuelle Ästhetik. Alles geschah in Eigenproduktion, finanziert durch engagierte Unterstützer. Versuche, die Gruppe zum Schweigen zu bringen, blieben nicht aus. Aber genau aus diesen Erfahrungen der Zensur und Repression zog die Gruppe auch ihre Legitimität: "Wir sind eine Gruppe des künstlerischen Protests für mehr Ausdrucksfreiheit in Marokko. Wir glauben nicht an Zensur und die marokkanischen Gesetze zur Filmproduktion. Im Geiste des zivilen Ungehorsams machen wir Filme und unterstützen andere darin, Filme ohne Genehmigung als eine Form des Protests zu drehen." Die Öffentlichkeit und Deutlichkeit der Gruppe bringt alle Mitglieder und ihre Arbeit regelmäßig in Gefahr: Youness Belghazi, ein Mitglied der Gruppe, berichtet, dass er und die anderen Mitglieder der Protestbewegung ständig von Verhaftungen bedroht seien. "Die Regierung weiß, wer wir sind und wie wir arbeiten." Dennoch müsse der Kampf, etwa gegen die 2011 beschlossene Verfassung, weitergehen: "Die neue Verfassung erwähnt den König 61-mal. Das Wort 'Volk' kommt nur einmal vor", kritisiert Youness.

Der künstlerische und politische Aktivismus der Filmemacher ist radikaler und offener, als es sich viele Anhänger kritischer Jugendkulturen in anderen arabischen Ländern erlauben können. Die meisten jungen Menschen müssen ihre Botschaften aufwendiger verpacken, um nicht die roten Linien des Sag- und Schreibbaren zu verletzen. Protest kann häufig nur über subversive Umwege stattfinden, denn der öffentliche Raum ist in allen Ländern der arabischen Welt stark reguliert. Versammlungen auf den Straßen finden zwar immer wieder statt, von Marokko bis Bahrain wird ihnen jedoch mit repressiver und massiver Staatsgewalt begegnet. Dennoch hat sich in fast allen arabischen Ländern eine Demonstrationskultur entwickelt, der es an Einfallsreichtum und Kreativität nicht mangelt. So findet Protest auf vielfältige Art und Weise statt und ist dabei auch immer Ausdruck der spezifischen Lebensumstände der Protestierenden selbst. Ob satirischer Online-Aktivismus in Jordanien, Hip-Hop in der Westbank oder Graffiti in Bahrain: Kultur und Subkultur sowie die subversive "Eroberung" des öffentlichen Raums sind ein Teil des Protests geworden. Aber sie sind mehr als das – nämlich ein Mittel, mit dem sich junge Menschen ihren Fragen, Problemen und Hoffnungen nähern. Die Ergebnisse sind so vielfältig wie die arabische Jugend.

Trotz aller Heterogenität gibt es einen Ort, der den Großteil der arabischen Jugend verbindet: Im Internet lässt sich Freiraum am ehesten erkämpfen; fast zwei Drittel der arabischen Jugendlichen sind virtuell aktiv. Ein Profil auf Facebook zu haben gehört von Marokko bis Jemen zum Sozialleben. Und es umfasst die vielleicht am weitesten verbreitete Jugendkultur weltweit: zu chatten, Fotos zu posten und anderer Leute Leben zu kommentieren. Während dies vor allem für die ältere Generation eher Ausdruck von Kulturlosigkeit darstellt, bieten soziale Netzwerke den Raum, in dem sich das Erwachsenwerden ungehindert vollziehen kann.

Dieser Artikel ist erschienen in: Gerlach, Daniel et al.: Atlas des Arabischen Frühlings. Eine Weltregion im Umbruch, Zeitbild, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, S. 96-97.

Amina Nolte

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