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16.12.2019

Energie für Europa

Russische und arabische Öl- und Gas-Exporte

Während früher ein Aufstand in Ägypten oder Libyen eine Energiekrise für Südeuropa bedeutet hätte, verlief der Energieimport während des Arabischen Frühlings reibungslos

Teile einer Pipeline liegen im Wüstensand in der Nähe vom Golf von Suez. (© picture-alliance, dpa-Zentralbild)


Italien ist, wie die meisten Industriestaaten, unverhältnismäßig stark von Energieimporten abhängig. Etwa 80 Prozent seiner primären Energieträger Öl, Gas und Kohle stammen aus dem Ausland. Doch durch das EU-Embargo wurden 2011 auch die syrischen Ölexporte an Italien gestoppt. Lange Zeit war Libyen Italiens größter Öllieferant im Mittelmeerraum. ENI, der staatliche Energieriese und das größte italienische Unternehmen, operiert in Algerien und Libyen, in Libyen ist ENI nach wie vor der größte ausländische Erdölförderer. Zwischen 2006 und 2009 führte Italien aus Libyen bis zu 25 Millionen Tonnen Erdöl jährlich ein, was einem Viertel des gesamten italienischen Energieverbrauchs entsprach. 2011 fiel der libysche Anteil plötzlich auf beinahe null. Auch die Lieferung von Gas über die Greenstream-Pipeline von Libyen nach Italien war zeitweise eingeschränkt, zwischen 2011 und 2015 musste die Pipeline mehrfach kurzfristig geschlossen werden. Schätzungen zufolge wurde ihre Kapazität mit 5,7 Milliarden Tonnen pro Jahr in diesem Zeitraum nur noch zu knapp 50 Prozent ausgeschöpft.

Ein US-Soldat im Irak bewacht einen amerikanischen Konvoi. (© picture-alliance/dpa, EPA)

Vor dem Arabischen Frühling hatte Italien den Sturz Gaddafis gefürchtet, der Regierung und der Wirtschaft Italiens galt der libysche Diktator als Garant für die Zuverlässigkeit der Energielieferungen. Gaddafi wurde 2009 und 2010 nach Rom eingeladen und erhielt die Erlaubnis, sein Zelt in einem zentralen Park der italienischen Hauptstadt aufzuschlagen. Er wurde mit einem pompösen Staatsakt empfangen, eine Schau, die Gaddafis Beliebtheit bei seinem eigenen Volk steigern sollte. Unvergesslich wird wohl für viele Römer sein, wie Gaddafi einige Hundert junge Italienerinnen über seinen Glauben und seine politischen Ansichten belehren durfte. Doch Gaddafi wurde gestürzt und getötet – und der später ebenfalls geschasste italienische Premier Silvio Berlusconi kommentierte: "So vergeht der Ruhm der Welt."

Trotzdem konnte Italien es sich noch im Januar 2014 leisten, Gasimporte aus Algerien um 80 Prozent zu senken, angeblich sei das Gas von schlechter Qualität gewesen und lasse die Leitungen zu schnell rosten. Als die Lieferungen über die Transmed-Pipeline während der hitzigsten Momente der Demonstrationen in Algerien mehrfach unterbrochen wurden, reagierten weder Italien noch die anderen von algerischen Energielieferungen abhängigen europäischen Staaten. Doch wie konnte Italien diesem Energiedesaster standhalten? Die Antwort findet sich in Russland, dass seit den 1970er Jahren sein Gasversorgungsnetzwerk Richtung Europa kontinuierlich ausgebaut hat. Allerdings stehen die Verträge zwischen der russischen Gazprom und ihren ausländischen Kunden normalerweise unter dem Motto "Nimm’s oder zahl trotzdem", denn in ihnen sind Mindestabnahmemengen festgeschrieben. Angesichts des sinkenden Gasverbrauchs in den europäischen Märkten, vor allem im Süden, war es relativ leicht, wenn nicht sogar vorteilhaft, auf die Lieferungen aus dem Mittelmeer zu verzichten und jene aus Russland vorzuziehen, um so die Mindestabnahmemenge einzuhalten und ansonsten drohende Strafzahlungen zu vermeiden. Sicher war es in diesem Moment auch die politische Stabilität Russlands, die das Land zum bevorzugten Energielieferanten Europas machte.

Europa braucht arabisches Gas – nicht nur russisches

Das war allerdings vor Beginn der politischen Krise in der Ukraine ab Herbst 2013, welche die Situation umkehren könnte – die Machtfülle Putins wird zunehmend zum Problem für Europa. Es ist die europäische Abhängigkeit vom russischen Gas, die Putin in der Ukraine einen so großen und aggressiven Handlungsspielraum gibt. Denn das russische Gas zu substituieren würde wohl bedeuten, dass Europa auf teures Flüssiggas zurückgreifen müsste. Wenn keine Pipelines zur Verfügung stehen, muss das Gas verflüssigt und mit Schiffen transportiert werden – was die Kosten verdoppelt, weshalb Flüssiggas derzeit nur 25 Prozent der europäischen Importe ausmacht.

Auf einen großen Verbrauch von Flüssiggas ist bislang vor allem Spaniens Energienetzwerk ausgerichtet. Um dies zu transportieren, braucht der Produzent eine Verflüssigungsanlage, in der das Gas auf minus 162 Grad heruntergekühlt und unter Druck gesetzt wird. Der Importeur wiederum benötigt eine Anlage, in der das Flüssiggas in den gasförmigen Zustand zurückgeführt wird, bevor es in sein Distributionsnetzwerk eingespeist wird. Von 23 europäischen Regasifizierungsanlagen befinden sich sieben in Spanien. Die Regierung in Madrid erklärte sich angesichts des Überschussangebots auf dem Gasmarkt 2014 bereit, Gas für Europa zu importieren, um so Russlands Lieferungen zu ersetzen, falls Russland als Reaktion auf die EU-Sanktionen den Gashahn schließen oder die Lieferungen drosseln sollte, was Vertreter der russischen Energiewirtschaft aber als unwahrscheinlich bezeichnet haben.

Mit dem Öl verhält es sich ähnlich. Russland und Saudi-Arabien steigerten ihre Ölexporte nach Europa, um den Verlust des libyschen Erdöls auszugleichen. In Italien löste Russland 2011 Libyen als wichtigsten Versorger ab. Ähnlich wie Italien ersetzte Griechenland seine nordafrikanischen Importe durch russisches und saudisches Öl. Seit 2011 exportiert Saudi-Arabien mehr Erdöl in die EU als Libyen. Europa wird das Königreich also wieder verstärkt brauchen, um seinen Energiebedarf zu decken. Nichtsdestotrotz wäre keine dieser Veränderungen möglich gewesen ohne den Haupteinflussfaktor der Marktdynamik: den erheblichen Rückgang der Nachfrage. Er betrifft nicht nur den Süden Europas, sondern den ganzen Kontinent. Sicherlich gab es dafür ökonomische Gründe wie die Wirtschaftskrise, aber auch die Politik hat dazu beigetragen, unter anderem durch den Ausbau erneuerbarer Energien wie Sonnen- und Windenergie. Allerdings muss die Versorgung durch fossile Brennstoffe reaktiviert werden, wenn Sonne oder Wind gerade keine Energie liefern, weshalb sichere Verbindungen zu Gaslieferanten wichtig bleiben werden.

Zeitenwende für Energieexporteure

Nicht nur für Europa haben sich die Bedingungen geändert, sondern auch für seine Lieferanten in der MENA-Region. Die MENA-Länder werden voraussichtlich neue Energiemärkte erschließen müssen, darüber hinaus sollten sie ihr Verhältnis zu ihren Ressourcen grundsätzlich überdenken. Die Dynamik des Energiemarktes könnte bedrohlich sein für Volkswirtschaften, die von Energieexporten abhängig sind. Trotz der bewaffneten Konflikte, westlicher Interventionen in der Region und der Krise zwischen dem Westen und Russland ist der Ölpreis seit Juni 2014 kontinuierlich gefallen. Genauso wie der Preis für Gas, der durch verstärkten Einsatz von Fracking in den USA gedrückt wird. Die Zeiten des Geldsegens durch Energieexporte scheinen für die Region auf lange Zeit vorbei.

Was auch nicht außer Acht gelassen werden sollte, sind die Explorationen im Mittelmeer. Um die Gasvorkommen rund um Zypern haben sich bereits die Türkei, Griechenland, Zypern, Libanon und Israel ein Rennen geliefert. Auch in der Adria, östlich von Sardinien und rund um Sizilien wird derzeit nach Öl- und Gasvorkommen gesucht. Italien könnte sich in die Lage versetzen, bis zu 12 Prozent seines jährlichen Ölbedarfs mit heimischer Produktion zu decken – Anfang 2016 war sie nur halb so groß.

Es scheint, als böten die Veränderungen des Energiemarkts auch neue Möglichkeiten für Energieexporteure. Dafür müssten Machtnetzwerke neu strukturiert werden, denn die Erlöse aus den Energieexporten haben gewisse politische und wirtschaftliche Beziehungen hervorgebracht, die sich nicht über Nacht auslöschen lassen. Aber eine verstärkte Produktion von Konsumgütern wäre eine Möglichkeit, die Volkswirtschaften zu diversifizieren und einen vollständig entwickelten Industriesektor zu schaffen. Diese historische Chance auf Veränderung sollten sich die Exporteure der MENA-Region nicht entgehen lassen.

Dieser Artikel ist erschienen in: Gerlach, Daniel et al.: Atlas des Arabischen Frühlings. Eine Weltregion im Umbruch, Zeitbild, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, S. 299-300.

Stefano Casertano

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