zurück 
29.9.2007

Kirche und Religion im laizistischen Staat

Häufig wird Lateinamerika als "katholischer Kontinent" bezeichnet. In Uruguay herrscht dagegen die strikte Trennung von Kirche und Staat vor. Wie geht die Gesellschaft mit dieser ausgeprägten Laizität um?

In Montevideo steht das 30 Meter hohe Kreuz, das 1987 aus Anlass des Papstbesuches errichtet worden war. (© Veit Straßner)

Christliche Feiertage wie Weihnachten, Heilige-Drei-Könige oder Ostern sucht man in den offiziellen Kalendern Uruguays vergebens. Stattdessen finden sich dort Bezeichnungen wie "Familientag" für den 24. Dezember, "Tag der Kinder" für das Drei-Königsfest, und die Karwoche vor Ostern heißt Semana de Turismo – "Reisewoche". Umbenannt wurden diese Feiertage im Zusammenhang mit den intensiv geführten Debatten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts über die Rolle und den Ort der Religion im öffentlichen Leben Uruguays. Hier zeigt sich eine der Besonderheiten im Vergleich zu anderen Staaten Lateinamerikas: Die ausgeprägte Laizität der Gesellschaft, d.h. die strikte Trennung von Kirche und Staat sowie die Verlagerung der Religion in den Privatbereich.














Verteilung der Religionsgruppen in Montivideo.

Uruguay ist mit Abstand das am wenigsten katholisch geprägte Land des oft als "katholischen Kontinent" bezeichneten Lateinamerikas. Bei einer Erhebung zur Religiosität in der Hauptstadt Montevideo aus dem Jahr 2001 gaben nur 54 Prozent der Befragten an, katholisch zu sein. Das Statistische Jahrbuch der katholischen Kirche ging für dieselbe Zeit hingegen von einem Katholikenanteil von rund 87 Prozent in ganz Südamerika aus. Unabhängig von der formalen Religionszugehörigkeit fragten Meinungsforscher des Latinobarómetro 2004 nach der religiösen Praxis der Bevölkerung – und das Ergebnis war eindeutig: Nur 26 Prozent der Uruguayer gaben an, eine Religion zu praktizieren (obwohl 81 Prozent an die Existenz Gottes glaubten). In den 17 Staaten, in denen diese Umfrage durchgeführt wurde, lag der Anteil der religiös Aktiven bei rund 50 Prozent; Spitzenreiter waren Brasilien (53 Prozent); Panama (56 Prozent) oder El Salvador (60 Prozent). Worin liegen die Ursachen und historischen Hintergründe?

Historische Hintergründe

Nachdem 1616 Franziskaner und Jesuiten als erste Missionare in die Region des heutigen Uruguay gekommen waren, vollzog sich der Aufbau kirchlicher Strukturen nur sehr langsam. So wurde beispielsweise die erste katholische Diözese in Uruguay erst 1878 und somit mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Kolonialzeit eingerichtet. Prägend für die ausgesprochene Laizität Uruguays aber waren zum einen die von den Ideen der Aufklärung geleitete Unabhängigkeitsbewegung und zum anderen die starken liberalen und antiklerikalen Kräfte, welche die Entwicklung der noch jungen Republik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten. Der größtenteils staatlich gesteuerte Säkularisierungsprozess zog sich dabei über mehrere Jahrzehnte. Zu den Höhepunkten gehörten die Ausweisung des Jesuitenordens (1859), die Verstaatlichung der Friedhöfe (1861), die zuvor unter kirchlicher Obhut standen, und die Einführung der verpflichtenden standesamtlichen Trauung (1885) und der Ehescheidung (1907). Immer wieder kam es zur öffentlichen Konfrontation zwischen Befürwortern und Gegnern der Säkularisierung: So organisierten etwa antikatholisch-liberale Gruppen regelmäßig am Karfreitag, dem katholischen Fast- und Abstinenz-Tag schlechthin, vor den Kirchen provokante Gratis-Grillfeste, zu denen sie die Bevölkerung einluden. Die Debatten darüber, welche Rolle die Religion in der Gesellschaft spielt, fanden schließlich ihr vorläufiges Ende mit der Verfassungsreform von 1917, mit der die Trennung von Kirche und Staat festgeschrieben wurde. Um alles Religiöse aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, wurden schließlich auch die christlichen Feiertage umbenannt.

Die katholische Kirche zog sich in eine Parallelwelt zurück. Die Bischöfe sahen in der liberal und laizistisch geprägten Lebenswelt eine Gefahr für das "Seelenheil der Gläubigen" und versuchten "ihre Herde" vor diesen Gefahren zu bewahren. Ausdrücklich warnten sie in Hirtenbriefen immer wieder vor den modernen Übeln wie den laikalen Schulen, dem Kino und der an "Sodom und Gomorra erinnernden zügellosen Badekultur". Bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts spielten Religion und Kirche in Uruguay keine öffentliche Rolle.

Im Umfeld des II. Vatikanischen Konzils (1961–1965) wuchs die soziale Sensibilisierung der katholischen Kirche. Die Bischöfe begannen, gesellschaftliche und politische Missstände anzuprangern; die Sorge um die Armen und Ausgegrenzten rückte immer mehr ins Zentrum der kirchlichen Aktivitäten. Mit dem Militärputsch von 1973 wurde die Kirche in ihrem gesellschaftlichen Engagement wieder stark eingeschränkt. Dennoch war es ihr gelungen, sich aus der nach innen gewandten und selbstbezogenen Haltung zu befreien, in der sie seit 1917 verharrt hatte. Die Kirche nahm fortan am gesellschaftlichen Leben teil, ohne aber den laizistischen Grundkonsens in Frage zu stellen und ohne ihrerseits eine aktive Rolle in der Politik einzufordern oder anzustreben.

Erneute Debatten um den Ort der Religion in Uruguay

Zu erneuten und unerwarteten Debatten kam es unter der Regierung des agnostischen Präsidenten Julio María Sanguinetti (1985–1990): Im Jahr 1987 besuchte Papst Johannes Paul II. Uruguay. Aus diesem Anlass fand ein Gottesdienst mit dem Papst unter freiem Himmel statt, dem Tausende von Gläubigen beiwohnten. Als Präsident Sanguinetti überraschend ankündigte, dass das rund 30 Meter hohe Kreuz, das aus Anlass des Besuches eigens errichtet worden war, entgegen der ursprünglichen Pläne als Andenken erhalten bleiben sollte, löste er eine intensive öffentliche und parlamentarische Kontroverse über die Zulässigkeit religiöser Symbole im öffentlichen Raum aus. Eine solche Debatte wäre in nahezu allen anderen lateinamerikanischen Staaten undenkbar, in denen Kreuze, Heiligenfiguren und andere religiöse Symbole zum Straßenbild gehören. Der Vorschlag Sanguinettis wurde schnell zum Politikum und mit großem Engagement in der Presse, im Stadtparlament Montevideos und in den beiden Kammern des nationalen Parlaments diskutiert. Kritiker bezeichneten die Initiative des Präsidenten als eine Verletzung der liberalen und laizistischen Tradition und Identität Uruguays – zumal das Kreuz höher war als der Obelisk und das Denkmal zu Ehren der Nationalfahne, die sich beide am selben Platz befinden und für die nationale Identität eine bedeutende Rolle spielen. In den Debatten ging es aber auch um die Frage, was unter Laizität des Staates zu verstehen ist: generelle Skepsis und Ablehnung von Religion und Spiritualität oder aber öffentliche Toleranz? Mit knappen Mehrheiten blieb das Kreuz erhalten. In der Folge forderten auch andere Religionsgemeinschaften ihr Recht ein, ihre religiösen Symbole öffentlich zu platzieren, weshalb sich heute in Montevideo auch ein Konfuzius-Denkmal und ein Monument des afrobrasilianischen Umbanda-Kultes1 (Beim Umbanda-Kult handelt es sich um eine synkretistische Religion, die in den 1930er-Jahren in Brasilien entstand. Sie vereint afroamerikanische Elemente des Candomblé mit Aspekten des Ahnenglaubens, des indianischen Schamanismus und dem Volkskatholizismus. Der Kult, bei dem Trance und Tanz eine wichtige Rolle spielen, dient vor allem der Lösung von individuellen Alltagsproblemen.) finden.

Zu erneuten Kontroversen um den laizistischen Charakter Uruguays kam es 2005, kurze Zeit nach der Regierungsübernahme des Mitte-Links-Bündnisses Frente Amplio. Auslöser war ein Gottesdienst, der anlässlich des Todes von Papst Johannes Paul II. in der Botschaft Uruguays beim Heiligen Stuhl gefeiert wurde und an dem auch die Ehefrau des Staatspräsidenten Tabaré Vázquez teilnahm. Die Konflikte wurden dadurch verstärkt, dass der Präsident der Bitte des Erzbischofs von Montevideo entsprach, eine Statue Johannes Pauls II. am Fuß des umstrittenen Kreuzes zu platzieren. In dieser erneuten Debatte um die Laizität, das Verhältnis von Kirche und Staat sowie die Rolle der Religion im öffentlichen Raum meldete sich ebenfalls die Federación de Iglesias Evangélicas del Uruguay zu Wort. In einem offenen Brief an den Präsidenten schrieben die protestantischen Kirchen unter anderem: "Die Trennung von Staat und der römisch-katholischen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist und bleibt das herausragendste jener Zeichen, die unserem Land internationales Prestige und Anerkennung gegeben haben. [...] Mit immenser Trauer und Sorge sehen wir, wie anlässlich des Todes von Papst Johannes Paul II. die Trennung von bürgerlicher und religiöser Sphäre hin zu einem konfessionellen Staat verschoben wird." Hinsichtlich des Gottesdienstes in der Botschaft hieß es: "Eine Botschaft gehört zum Staatsgebiet, und sie repräsentiert den Staat. Aus diesem Grund sehen wir in diesem Vorfall eine Respektlosigkeit gegenüber dem uruguayischen Volk – und das umso mehr, als die Initiative für diese partikulare religiöse Aktivität von der Botschaft selbst ausging." In Bezug auf die Papststatue am Fuße des Kreuzes kritisierten die evangelischen Kirchen, dass so ein universelles christliches Symbol konfessionell konnotiert würde.

Wie sehr der Laizismus das Denken und die nationale Identität prägen, zeigt folgende Passage aus dem offenen Brief an den Präsidenten, in dem die evangelischen Kirchen selbst die Entfernung religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum einfordern: "Wir leben in einem laizistischen Staat, weswegen wir unseren Widerspruch deutlich zum Ausdruck bringen müssen, da diese Vorkommnisse eine Verletzung des Respekts und der Laizität darstellen, die alle Uruguayerinnen und Uruguayer möchten. Religiöse Symbole auf öffentlichen Plätzen und außerhalb der Gelände der jeweiligen Kirchen oder Institutionen sind ein Anschlag auf die Gewissensfreiheit und die Laizität des Staates. Sie untergraben auf subtile und zugleich profunde Weise das gesellschaftliche Zusammenleben." Hier sieht man besonders deutlich den Unterschied zu vielen anderen Staaten Lateinamerikas, in denen das gemeinsame religiös-kulturelle Erbe als Grundvoraussetzung für das Zusammenleben gesehen wird. Im Nachbarland Argentinien beispielsweise, wo der Staatspräsident bis 1994 Katholik sein musste, wurde der Katholizismus immer als das identitätsstiftende Element bezeichnet. So wie andere Nationen ihre Identität aus der eigenen religiösen Tradition speisen, definiert Uruguay sein kollektives Selbstbild durch die Laizität.

Religiöser Pluralismus im laizistischen Kontext

Dieser Laizismus ist allerdings nicht mit dem Fehlen von Religiosität gleichzusetzen. Zwar bezeichnen sich in Uruguay wesentlich weniger Menschen als religiös aktiv, als dies in anderen Staaten Lateinamerikas der Fall ist. Dennoch bestätigten bei einer Umfrage in der Hauptstadt von 2001 immerhin 81 Prozent der Befragten, an Gott zu glauben; auf dem Land dürfte dieser Anteil noch höher liegen. In Uruguay vereint sich damit ein dezidierter Laizismus mit privater Religiosität, die allerdings nur wenig Niederschlag in religiösen Praktiken findet. In der Einwanderernation Uruguay findet sich ein beachtlicher religiöser Pluralismus. Mit den Immigranten kamen verschiedene Religionsgemeinschaften ins Land: 1839 nahmen amerikanische Methodisten ihre Missionstätigkeit in Uruguay auf. Mit den italienischen Einwanderern kam 1858 die Waldensische Kirche ins Land. Ferner finden sich Anglikaner, schweizerisch-reformierte Protestanten, Mennoniten, Zeugen Jehovas und armenisch-, griechisch- bzw. russisch-orthodoxe Christen. Im Jahr 2001 bekannten sich rund 11 Prozent zu den protestantischen Kirchen. Daneben finden sich in Uruguay noch kleine Gruppen von Anhängern afrobrasilianischer Religionen, wie beispielsweise des Umbanda-Kultes. In den vergangenen Jahrzehnten fanden aber auch die Pfingstkirchen immer mehr Anhänger.

Literatur

G. Caetano/R. Geymonat: La secularización uruguaya (1859–1919). Catolicismo y privatización de lo religioso (Montevideo 1997).

V. Filardo (coord.): Religiones alternativas en el Uruguay (Montevideo 2005).

R. Geymonat (comp.): Las Religiones en el Uruguay. Algunas Aproximaciones (Montevideo 2004).

V. Straßner: Uruguay, in: J. Meier/V. Straßner (Hrsg.): Kirche und Katholizismus seit 1945. Bd. 7: La­teinamerika und Karibik (Paderborn 2007, i.E.).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 2.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Veit Straßner

Zur Person

Veit Straßner

Veit Straßner, geboren 1975 in Landau/Pfalz, hat Politikwissenschaft, katholische Theologie und Soziologie in Mainz und Santiago/Chile studiert. Im Jahr 2007 promovierte er in Mainz mit einer politikwissenschaftlichen Arbeit über Menschenrechtspolitik und Vergangenheitsbewältigung in Südamerika. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der katholisch-theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln