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10.10.2008

Born in the USA

Die Musik als Spiegelbild amerikanischer Identität

Lieder erzählen Geschichten. Das ist auch in den USA so. Im ethnischen und kulturellen Schmelztiegel Amerika sind die verschiedenen Musik-Stile vom Ragtime über die Country-Musik bis zum HipHop allerdings besonders eng verbunden mit einer grundlegenden Antriebsfeder der vergleichsweise jungen Nation: der Suche nach einer eigenen amerikanischen Identität.

Johnny Cash gelang mit dem von Rick Rubin produzierten Album "American Recordings" zum Ende seiner Karriere ein großer Erfolg auch bei Hörern, die nichts mit Country-Musik anfangen konnten. (© AP)


Der amerikanische Songwriter Bob Dylan widmete sich auf einem Album aus dem Jahr 2001 den unterschiedlichsten Spielarten der amerikanischen Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er nannte das Album "Love And Theft" - "Liebe und Diebstahl": Ein besserer Titel findet sich auch kaum, um die Geschichte der US-Musik zu skizzieren. So schrieb auch der amerikanische Autor und Musikjournalist Nick Tosches in seinem Buch "Where Dead Voices Gather" treffend von "einer Geschichte der Schwarzen, die von Schwarzen stehlen, der Weißen, die von Weißen stehlen, und der Eine stiehlt vom Anderen".

Die Entstehung einer genuin amerikanischen Musik und die Herausbildung einer US-Identität sind eng miteinander verknüpft. Denn ein Großteil der Geschichten, denen diese Identität zugrunde liegt, wird in Songs erzählt. Natürlich ist jede Form von Identität eine Konstruktion. Doch während andere Länder sich auf eine mehr oder weniger gemeinsame Geschichte berufen können, sind die USA eine vergleichsweise junge Nation, deren Bewohner aus den unterschiedlichsten Kulturen stammen. "Amerikaner zu sein", schrieb der Kulturwissenschaftler Leslie A. Fiedler, "heißt genau genommen, sich ein Schicksal vorzustellen, anstatt eines zu erben. Denn wir sind immer, sofern wir überhaupt Amerikaner sind, eher die Bewohner des Mythos denn der Geschichte gewesen."

"Minstrel Shows" als erste Form der Massenkultur

Zu Beginn ihrer Geschichte bestanden die Vereinigten Staaten aus vielen verschiedenen regionalen Kulturen. Erst mit dem Sezessionskrieg und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes Mitte des 19. Jahrhunderts begannen diese Kulturen sich gegenseitig zu beeinflussen. Die erste genuin amerikanische Form der Massenkultur hatte ihren Ursprung im urbanen Norden der USA. In den so genannten Minstrel Shows parodierten zunächst ausschließlich weiße Künstler mit schwarz geschminkten Gesichtern auf burleske Art und Weise die afroamerikanische Kultur ihrer schwarzen Mitbürger. In den größtenteils eigens für diese Shows komponierten Songs verschmolzen schwarze Arbeiterlieder, Spirituals, Redewendungen und Dialekte mit weißen Folksongs und Balladen. So sorgten die Minstrel-Shows nicht nur für eine Vermischung afroamerikanischer und europäischer Musiken, sondern auch für die Entstehung eines neuen Berufsbildes: des Songwriters. Stephen Foster, Verfasser von auch heute noch populären Liedern wie "Old Folks At Home", "My Old Kentucky Home" oder "Hard Times Come Again No More" war der erste Amerikaner, der das Schreiben von Liedern zu seinem Beruf machte. Im Lauf der Zeit traten dann auch afroamerikanische Musiker in den Minstrel-Shows auf. Um zu verdeutlich, dass auch sie ihre Performance auf schwarzen Stereotypen aufbauten, standen sie ebenfalls mit schwarz geschminkten Gesichtern auf der Bühne.

Dieses Spiel mit Masken und ethnischen Klischees beherrscht bis heute die populäre amerikanische Kultur, vom wilden Gebaren eines Little Richard über das Macho-Image der Italo-Amerikaner bis zu den Posen des HipHop. Vermutlich ist eben dieses Spiel mit Identitäten und konstruierten Ursprungsmythen mitverantwortlich für den weltweiten Erfolg amerikanischer Musik. Die Minstrel-Songs wurden damals sehr schnell populäres Liedgut. Im Norden lebende schwarze Musiker spielten ihre eigenen, tanzbaren Versionen dieser Songs, in dem sie sie zu abgewandelten Rhythmen afroamerikanischen Ursprungs vortrugen. So entstand der "Ragtime". Diesen wiederum parodierten weiße Komponisten in so genannten Coon-Songs. Unter ihnen war auch Irving Berlin, der später neben Cole Porter sowie George und Ira Gershwin einer der erfolgreichsten populären Songwriter des "Tin Pan Alley" wurde, des legendären New Yorker Straßenzuges, in dem die großen amerikanischen Musikverlage ansässig waren.

Von den Marching Bands zum Blues

Die aus dem urbanen Norden stammende Minstrel- und Ragtime-Musik wurde wiederum zu einem wichtigen Einfluss für die Musik des ländlichen Südens. Dort waren die afroamerikanischen Spirituals, europäische Folksongs und die Musik der so genannten Marching Bands vorherrschend. Die ersten Marching Bands entstanden nach dem Ende des Bürgerkrieges, als Afroamerikaner bei der Auflösung der Truppen die Instrumente der Armee-Kapellen günstig kaufen konnten. Meist taten sie sich zusammen, um zunächst Marschmusik zu spielen und diese dann bei Hochzeiten und Beerdigungen mit ihren eigenen afroamerikanischen Musiken zu verbinden. So keimten auf den Straßen des Südens zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Jazz und der Blues auf. Bereits in den Minstrel-Shows hatte es frühe Vorläufer des Blues-Songs gegeben. Doch erst die schwarzen Musiker des Südens machten daraus eine eigenständige Spielart amerikanischer Musik.

Im Gegensatz zum religiösen Spiritual galt der Blues als "Musik des Teufels". Doch dies hielt viele Musiker nicht davon ab, Samstag abends in den Bars den Blues und Sonntag morgens in der Kirche Spirituals zu spielen. Einer der einflussreichsten Gitarristen der 1920er und 1930er Jahre, Blind Willie Johnson, vermischte diese beiden Formen: Er sang ausschließlich Lieder mit religiösem Inhalt, bediente sich aber der Techniken des Blues. Eine Aufnahme seines Songs "Dark Was The Night (Cold Was The Ground)" wurde von der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA als wichtiger Repräsentant der amerikanischen Kultur des 20. Jahrhunderts auserkoren und 1977 mit der Voyager-1-Rakete auf eine Reise in ferne Galaxien geschickt.

Mit Country zum "American Idol"

Doch nicht nur afroamerikanische Musiker spielten den Blues. Weiße Künstler mischten ihn mit irischem und englischem Folk, dem Folk der Appalachen und den hawaiianischen Klängen der Steel-Gitarre, und nannten diesen Stil "Country". Während die ersten Blues-Aufnahmen als so genannte Race Music vor allem eine schwarze Käuferschaft fanden, wurde die Country-Musik durch Künstler wie Jimmie Rodgers und die Carter Family auch bei der weißen Hörerschaft immer beliebter. In den unterschiedlichen Spielarten von "Bluegrass" bis "Honky Tonk", nach dem Zweiten Weltkrieg von Künstlern wie Hank Williams, Lefty Frisell oder auch Gene Autry vorgetragen, brachte dieser Musikstil die ersten amerikanischen Popstars hervor.

Der populärste schwarze Musiker war allerdings seit den 1920er Jahren der Trompeter Louis Armstrong. Er machte zusammen mit Sängerinnen wie Bessie Smith oder Ma Rainey den Blues populär und brachte mit treibenden Rhythmen dem Jazz das Tanzen bei. So wurde der "Swing" geboren. Auch im Blues wurden die Rhythmen zunehmend dominanter. Aus dem einzelnen Künstler auf der Bühne wurden Orchester. Der Rhythm & Blues entstand, der schließlich auch unter weißen Hörern populär wurde.

Elvis Presley: Der "King of Rock´n´Roll"

Zu Beginn der 1950er Jahre gab der DJ Alan Freed der beliebten Rhythm-&-Blues-Musik den Namen "Rock´n´Roll". Eine Aufsehen erregende Namensschöpfung, war der umgangssprachliche Begriff unter Afroamerikanern doch eine Bezeichnung für Sex. Zunehmend begannen zu dieser Zeit auch weiße Musiker, ihre eigene Spielart des Rock´n´Roll zu entwickeln: den "Rockabilly", eine Mischung aus Country und Rhythm & Blues, zunächst noch ohne Schlagzeug gespielt. Eine der ersten Rockabilly-Aufnahmen machte 1954 ein weißer Junge aus Memphis, den ein gewiefter Manager zwei Jahre später zum "King of Rock´n´Roll" krönte: Elvis Presley. Presley wurde in den Folgejahren mit Songs wie "Hound Dog" und "All Shook Up" der erste Weltstar dieser neuen Musik. Buddy Holly, Jerry Lee Lewis sowie schwarze Künstler wie Little Richard und Chuck Berry folgten ihm. Somit war die Rassentrennung in der Musik und in den Hitparaden aufgehoben.

Ende der 1950er Jahre geriet der Rock´n´Roll in den USA in eine Krise. Seichte Unterhaltungsmusik eroberte die Radiosender. Vor allem in Universitätsstädten wandte sich die Jugend der vermeintlich unkommerziellen, politisch und sozial bewegten Folk-Musik zu, die Künstler wie Pete Seeger, Joan Baez oder auch Peter Paul & Mary zu einer zweiten Chance verhalfen. Bob Dylan wurde mit Protestsongs wie "Blowin In The Wind", "A Hard Rain´s A Gonna Fall" und "The Times They Are Changing" wohl der berühmteste Vertreter dieses Folk-Revivals. Doch der Sänger war ein unruhiger Geist und wandte sich schon bald persönlicheren Themen zu. Seine Texte wurden poetischer; seine Musik orientierte sich stärker am Beat und Rhythm & Blues britischer Bands wie der Beatles und der Rolling Stones, die Mitte der 1960er Jahre den US-amerikanischen Musikmarkt im Sturm eroberten. Zusammen mit der kalifornischen Band The Byrds, die seine Folksongs wie "Mr. Tambourine Man" und "My Back Pages" in Bandbesetzung spielten, gilt Bob Dylan daher als Erfinder des "Folk Rock".

Auswirkungen des "Motown"-Erbes bis heute

Etwa zur gleichen Zeit, als Elvis Presley seine Karriere begann, verband sich in den Songs des schwarzen Musikers Ray Charles und kurz darauf in den Stücken von James Brown der weltliche Rhythm & Blues mit dem kirchlichen Gospel zum so genannten Soul, der vor allem in den 1960er Jahren durch die gefälligen, überwiegend für ein weißes Publikum produzierten Songs des Detroiter "Motown"-Plattenlabels mit Künstlern wie Smokey Robinson & The Miracles, Stevie Wonder, Marvin Gaye, Diana Ross & The Supremes, The Four Tops und The Jackson Five populär wurde. Von Michael Jackson über Mariah Carey bis zu Beyoncé repräsentieren viele der aktuellen US-Superstars unter dem Label "Contemporary R&B" bis heute das "Motown"-Erbe.

Doch schon in den 1960er Jahren war vielen afroamerikanischen Künstlern diese glatte Form der Popmusik zu wenig "schwarz". Das "Stax"-Label aus Memphis bediente mit Sängern wie Otis Redding oder Isaac Hayes eine rauere Soul-Spielart. Andere Soul-Sänger wie zum Beispiel James Brown und die Band Sly & The Family Stone lösten sich Ende der 1960er Jahre von den eingängigen Songformaten, gestalteten ihre Stücke rhythmischer und expressiver und entwickelten so den "Funk", der wiederum Verbindungen mit dem Rock und dem Jazz einging.

"HipHop": Aus der Bronx in die Charts

Im New Yorker Stadtteil Bronx begannen DJs Anfang der 1970er Jahre die Rhythmen von Funk- und Soulstücken zu isolieren, um statt eines ganzen Songs nur noch die tanzbaren Passagen zu spielen. Diese Technik ging als "Sampling" in die Musikgeschichte ein und sollte in den nächsten Jahrzehnten eine große Rolle in der amerikanischen Popmusik spielen. Die Beats wurden durch verschiedene Techniken variiert und zwischen den DJs führte ein so genannter Master Of Ceremony (MC) als eine Art Animateur durchs Programm. Mit der Zeit stilisierten die MCs ihre Beiträge und passten sie rhythmisch den Beats an. Diese neue Technik wurde wenig später "Rap" genannt. Die Rap und Samplings verbindende Pop-Spielart wurde zunächst unter dem Namen "Disco Rap" bekannt, bis sich schließlich die Bezeichnung "HipHop" durchsetzte.

"Rapper´s Delight" von der Sugar Hill Gang aus dem Jahr 1979 gilt gemeinhin als die erste Single des HipHop. In den 1980er Jahren wurde HipHop dann mit Alben von LL Cool J und Kurtis Blow zum US-Mainstream. Die erste HipHop-LP, die es 1986 bis an die Spitze der amerikanischen Charts schaffte, stammte jedoch von einer weißen Band: "Licence To Ill" von den Beastie Boys. Doch HipHop blieb auch in der Folgezeit das popmusikalische Genre, in dem sich das schwarze Selbstverständnis ausdrückte. Vor allem Bands wie Public Enemy aus New York begannen Ende der 1980er Jahre die Probleme der afroamerikanischen US-Bürger zu thematisieren und sich für ihre Rechte einzusetzen. An der Westküste beschrieben derweil Bands wie NWA mit härteren Beats und mit um Drogen, Sex und Gewalt kreisenden Texten das Leben in den schwarzen Gettos der Großstädte. Zusammen mit dem Sänger Ice-T gelten sie bis heute als Vorreiter des so genannten Gangsta Rap. Mit dem Album "The Chronic" von Dr Dre wurde diese HipHop-Spielart zum musikalischen Allgemeingut.

Auch in den vielen Stimmen Bob Dylans, den immer neuen Inszenierungen Madonnas oder den Masken Eminems, der Anfang des Jahrtausends einen neuen weltweiten HipHop-Boom auslöste, kann man Spuren der alten amerikanischen Musiktradition erkennen. Und egal, ob von weißer oder schwarzer Musik die Rede ist, von authentischem Blues oder von am "Fließband" hergestellter Unterhaltungsmusik, die Ursprünge sind die gleichen. Die Geschichte der amerikanischen Musik, diese lange Erzählung von Liebe und Diebstahl, ist in ihrer ethnischen Vielschichtigkeit und kulturellen Verwobenheit ein Sinnbild der amerikanischen Identität.

Maik Brüggemeyer

empty-image Zur Person

Maik Brüggemeyer

Maik Brüggemeyer, M.A., geb. 1976, hat Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Angewandte Kulturwissenschaften in Münster studiert. Seine Magisterarbeit verfasste er zum Thema "Corporate Identity EU". Seit 2001 arbeitet er als Redakteur beim Musikmagazin "Rolling Stone".


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