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3.7.2020

Gut ausgebildet und arbeitslos: Irans Jugend

Die Arbeitslosigkeit in Iran ist hoch – besonders unter jungen Leuten. Sie waren zuletzt die treibende Kraft bei Protesten gegen das Regime, sagt die Soziologin Azadeh Kian. Doch die eine Jugend in Iran gibt es nicht: Es gibt soziale und politische Gegensätze. Manche haben mehr zu verlieren als andere.

Das Durchschnittsalter in Iran liegt bei rund 30 Jahren. Doch junge Männer und Frauen haben an der politischen Macht kaum teil. Hinzu kommt, dass sie besonders von der wachsenden Arbeitslosigkeit betroffen sind. (© Getty Images/EyeEm)


bpb.de: Junge Erwachsene in Iran sind im Durchschnitt sehr gut ausgebildet. Doch zugleich herrscht im Land eine hohe Arbeitslosigkeit – insbesondere unter jungen Menschen. Sorgt das für viel Frust?

Prof. Azadeh Kian, politische Soziologin (© Privat)

Azadeh Kian: Das größte Problem junger Menschen in Iran ist die Arbeitslosigkeit – und das ist ein anhaltendes Problem. Zwischen 2002 und 2007 habe ich eine groß angelegte Umfrage verantwortet, in der wir über 30.000 Menschen überall im Land befragt haben. Schon damals haben uns junge Menschen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren gesagt, dass Arbeitslosigkeit ihr größtes Problem sei. Seitdem ist die Situation eher schlimmer geworden. Viele junge Leute haben in den vergangenen Jahren im Zuge der miesen Wirtschaftslage ihre Jobs verloren. Und jetzt mit der Corona-Pandemie verschlechtert sich die Situation sogar noch weiter.

Auf meinen Reisen durch Iran habe ich in Dörfern Familien getroffen, in denen die Eltern ungebildet waren, die Kinder aber relativ hohe Bildungsgrade erreicht hatten. Sie hatten einen mittleren Schulabschluss oder besuchten sogar die Universität. Ihre Eltern unterstützten sie dabei, einen guten Bildungsabschluss zu machen. Nun sind die Kinder gut ausgebildet, aber arbeitslos. Das sorgt für viel Frust und Enttäuschung. Schaut man auf junge Frauen, ist die Situation sogar noch schlimmer. Frauen sind häufiger arbeitslos als Männer – das betrifft auch sehr gut ausgebildete Frauen.

Bildung in Iran (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (bpb)


Wie reagieren junge Menschen auf diese schwierige Situation?

Das hängt von der sozialen Herkunft ab. Junge Menschen, die zur oberen Mittelschicht oder Oberschicht gehören, werden von ihren Familien finanziell unterstützt. Diese Familien haben – zumindest bislang – keine Geldsorgen. Die meisten dieser Eltern können ihren Kindern finanziell helfen, falls sie nach Kanada, Neuseeland oder in ein anderes Land migrieren wollen, das gut ausgebildete, ausländische Arbeitskräfte akzeptiert. Auf diese Weise verlassen jedes Jahr rund 150.000 junge und gut ausgebildete Menschen Iran.

Aber junge Erwachsene, die der unteren Mittelschicht oder Arbeiterschicht angehören, können nicht auf die finanzielle Unterstützung von zu Hause zählen. Denn ihre Familien sind arm. Diese jungen, armen Menschen können das Land nicht verlassen und haben keine andere Wahl als im Iran zu bleiben. Sie waren bei den Protesten im Dezember 2017 und im Januar 2018 zu sehen. Und sie waren es auch, die im November 2019 erneut auf die Straße gingen, nachdem die Regierung die Benzinpreise erhöht hatte. Viele dieser jungen Männer machen zumindest ein bisschen Geld, indem sie privat Taxi fahren, ohne Lizenz. Nach der Preiserhöhung hatten sie Angst, dass ihnen diese Gelegenheit, um zumindest etwas Geld zu verdienen, verloren geht. Deshalb riskierten sie während der Proteste, die von den Sicherheitskräften brutal niedergeschlagen wurden, ihr Leben.

Also waren vor allem junge Erwachsene aus ärmeren Haushalten die treibende Kraft hinter den Protesten im November 2019?

Absolut. Das gilt auch für die Proteste zum Jahreswechsel 2017/2018. Junge Erwachsene, die auf die Straße gingen, gehörten zum Großteil der unteren Mittelschicht oder Arbeiterschicht an. Junge Erwachsene aus der oberen Mittelschicht oder Oberschicht waren hingegen sehr aktiv im Jahr 2009 – während der Grünen Bewegung. Das war eine politische Bewegung, die sich nicht auf die wirtschaftliche Situation bezog. Auslöser war ein umstrittenes Wahlergebnis.

Die Proteste 2017/2018 und 2019 waren hingegen in erster Linie soziale Proteste. Dennoch sind die Anti-Regime-Proteste ein wichtiges politisches Indiz: Denn bislang hat die Islamische Republik ihre Unterstützung vor allem aus der unteren Mittelschicht und der Arbeiterschicht bezogen. Das ist nicht länger der Fall.

Proteste wie hier in Shiraz im November 2019 wurden von Sicherheitskräften brutal niedergeschlagen. An den Protesten nahmen viele junge Menschen teil. (© picture-alliance, SalamPix/ABACA)


Sie sprachen über sozialen Frust und Arbeitslosigkeit. Wie politisiert ist Irans Jugend?

Die jungen Erwachsenen sind sehr politisch. Das zeigten die Slogans der Proteste in 2019. Die waren explizit politisch und lauteten zum Beispiel "Wir wollen keine Islamische Republik" oder auch "Weder Gaza noch Libanon. Ich gebe mein Leben für Iran" [Anm. d. Red.: Iran unterstützt militärisch und finanziell Milizen in Gaza noch Libanon. Zuletzt wurde bei Protesten teils gefordert, dass das Regime sein militärisches Engagment in der Region beendet. Mehr zum Thema hier]. Junge Erwachsene haben konservative Regierungen erlebt, ebenso Reformregierungen, aber keine von ihnen hat einen wirklichen Wandel gebracht.

Das Problem ist, dass die frustrierten jungen Menschen in Iran keine gemeinsame Gruppe bilden. Die Klassen- und sozialen Interessen unterscheiden sich. Junge, gut ausgebildete Erwachsene, die zu den besser gestellten Familien gehören, wollen nicht alles verlieren. Im Gegensatz zu jungen Menschen aus der unteren Mittelschicht und Arbeiterschicht: Sie haben nichts zu verlieren und sind sehr radikal. Hinzu kommt, dass Menschen in Teheran andere Interessen haben als die Bevölkerung in mittelgroßen oder kleineren Städten.

Sie haben soziale Unterschiede angesprochen. Lassen Sie uns auch über politische Gegensätze sprechen. Zumindest in den westlichen Medien gibt es das Bild von jungen Erwachsenen in Teheran, die sehr urban und liberal sind. Aber das ist nicht das ganze Bild. Viele junge Leute sind durchaus für das Regime, oder?

Natürlich. Insbesondere die Angehörigen der Mittelschicht profitieren vom Regime – sowohl wirtschaftlich als auch ideologisch. Als Beispiel lässt sich die Basidsch-Miliz nennen. Zu dieser paramilitärischen Freiwilligenmiliz zählen unter anderem mehrere tausend junge Mitglieder. Selbstverständlich unterstützen sie das Regime. Wenn sie den Basidsch-Milizen beitreten, ist das wie ein sicherer Gehaltscheck, und sie gewinnen an Einfluss über andere junge Erwachsene.

Es gibt also soziale und auch politische Gegensätze zwischen jungen Menschen in Iran. Aber es gibt auch eine kulturelle Kluft. Die Mehrheit junger Erwachsener in Iran steht dem Regime kulturell nah. Aber das trifft nicht auf alle zu: Die anderen protestieren gegen kulturelle Einschränkungen und kämpfen für einen liberalen Iran, der sich gegenüber der Welt öffnet.

Gibt es auch eine religiöse Kluft?

Wie der Großteil der Iraner und Iranerinnen, sind auch junge Erwachsene religiös. Aber es gibt eine Kluft zwischen jenen, die den politischen Islam bevorzugen und jenen, die das nicht tun. Aber das ist eine Frage der Politik, nicht der Religion. Die Mehrheit der jungen Erwachsenen in Iran ist religiös, dennoch gegen einen politischen Islam.

Iran ist bezogen auf seine Altersstruktur eine relativ junge Gesellschaft. Die Mehrheit der Bevölkerung sind Erwachsene im Alter von 25 bis 40 Jahren. Sie sind nach der Islamischen Revolution von 1979 geboren, die eine Zäsur im modernen Iran war. Was bedeutet die Revolution heute für junge Erwachsene?

Im Grunde nicht viel. Hinzu kommt, dass viele der Jüngeren nach dem Irak-Iran-Krieg geboren sind, der von 1980 bis 1988 dauerte. Sie haben weder die Revolution noch den Krieg miterlebt.

Sie wollen einfach nur ein normales Leben führen – wie alle jungen Menschen auf der Welt. Sie wollen zur Schule gehen, eine Ausbildung machen, einen Job finden, Geld verdienen, eine Familie gründen. Die Mehrheit der jüngeren Generation ist nicht ideologisch.

Die politische Elite Irans ist mehrheitlich männlich und relativ alt. Wie reagieren junge Erwachsenen auf diese Kluft zwischen den Generationen?

Irans Bevölkerung hat ein Durchschnittsalter von 30 Jahren. Das Durchschnittsalter der politischen Elite liegt bei etwa 70 Jahren. Das bedeutet, dass es eine riesige Generationslücke gibt. Junge Menschen machen darüber Witze in den sozialen Medien. Doch die politische Elite erneuert sich nicht. Die an der Macht sind, wollen sich nicht davon zurückziehen – und viele von ihnen sind bereits seit der Revolution in führenden Positionen.

Doch das öffentliche Misstrauen wächst: Zum Beispiel machten iranische Regierungsquellen nach dem Absturz eines ukrainischen Flugzeugs im Januar 2020 zunächst technische Fehler als Ursache geltend. Später musste die Regierung zugeben, dass das Flugzeug von einer iranischen Rakete getroffen worden war. Solche Fehlinformationen verstärken das Misstrauen.

Sie haben zu Beginn kurz die Corona-Pandemie angesprochen. Der Ausbruch des Virus hat Iran heftig getroffen. Was bedeutet diese Krise vor allem für Irans Jugend?

Die Regierung hat die Pandemie schlecht gehandhabt. Sie hat die Verbreitung des Virus verschwiegen und hat zu langsam die nötigen Maßnahmen ergriffen. Das hat nun zur Folge, dass es der Bevölkerung schwerfällt, der Führung zu vertrauen und die staatlichen Maßnahmen ernst zu nehmen. Gerade junge Erwachsene tendieren dazu, den Autoritäten zu trotzen, indem sie die Gefahren des neuartigen Coronavirus verleugnen.

Das Interview führte Sonja Ernst.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Azadeh Kian für bpb.de

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Azadeh Kian

Azadeh Kian

Azadeh Kian

Azadeh Kian ist eine iranisch-französische Wissenschaftlerin. Sie ist spezialisiert auf Iran- und Nahost-Studien. Azadeh Kian ist Professorin für politische Soziologie und Gender Studies sowie Direktorin des "Center for Gender and Feminist Studies". Sie leitet das Institut für Sozialwissenschaften an der Universität Paris VII (Paris Diderot). Zuletzt erschien auf Französisch ihr Buch "Frauen und Macht im Islam" (2019).


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