zurück 
16.10.2012

Analyse: Mehr als ein Fußballfest – Die EM 2012

Für Polen war die Fußball-Europameisterschaft EURO 2012 ein wichtiger Erfolg. Die Infrastrutur des Landes wurde modernisiert, auch wenn manche Vorhaben nicht erledigt wurden. Die Organisation funktionierte trotz kleiner Pannen. Die innere Sicherheit wurde gewährleistet, ohne dass Polen als Polizeistaat auftrat. Polen präsentierte sich als weltoffenes, gastfreundliches Land.

Das Nationalstadion in Warschau (© picture alliance / Citypress 24 )


Man hatte sich viel vorgenommen und große Erwartungen gehegt. So prognostizierte der Chefredakteur der renommierten Wochenzeitung »Polityka«, Jerzy Baczyński, etwas vollmundig »die größte Veranstaltung in der Geschichte Polens« und auch die bislang größte Anstrengung, »das Bild des neuen Polen« zu prägen. Auch Ministerpräsident Donald Tusk fand starke Worte, als er von der »größten organisatorischen Herausforderung in unserer Geschichte« sprach. Ohne Zweifel stand von Anfang an fest, dass Polen gezwungen war, an seine Grenzen zu gehen, wollte es die Vorgaben der UEFA erfüllen. Die polnischen Medien heizten die Stimmung an, indem sie vor allem die Aspekte ins Visier nahmen, die über den rein sportlichen Rahmen hinausgingen, insbesondere die organisatorischen Vorbereitungen und den Stand des Baus bzw. der Renovierung von Stadien, Bahnhöfen und Straßen. Gut die Hälfte der Bevölkerung wertete es als großen Erfolg, dass Polen und die Ukraine den Zuschlag für die Fußball-EM 2012 bekommen hatten, und je näher das Ereignis rückte, desto besser beurteilten die Bürger den Stand der Vorbereitungen. Waren im Mai 2008 noch 69 Prozent der vom Meinungsforschungsinstitut CBOS Befragten der Auffassung, das Land sei schlecht oder gar sehr schlecht vorbereitet, erklärten im Mai 2012 51 Prozent, Polen sei sehr gut oder zumindest gut vorbereitet. Weniger optimistisch, anders ausgedrückt: eher realistisch, waren die Erwartungen an die eigene Nationalmannschaft. Ebenfalls im Rahmen einer CBOS-Untersuchung meinten 32 Prozent der Befragten, Polen werde die Gruppenphase nicht überstehen, während 30 Prozent glaubten, die Nationalmannschaft werde wohl im Viertelfinale ausscheiden. Die größten Chancen auf einen Sieg wurden Deutschland und Spanien eingeräumt. Reichlich unfair gebärdeten sich diverse ausländische Medien, insbesondere die britische BBC, die vor allem Angstparolen verbreiteten. Da war die Rede vom vorhersehbaren Verkehrschaos, der Ausbeutung der anreisenden Fans durch exorbitante Preise und von Prostituierten unter allen Hotelbetten. Die Fan-Milieus in Polen und der Ukraine wurden als Brutstätten für Gewalttäter, Chauvinismus und Antisemitismus dargestellt.

Infrastruktur: »70 Prozent der Aufgaben erledigt«

Schon ein Spaziergang durch Warschau zeigt, was sich im Zusammenhang mit der EURO 2012 alles verändert hat. So ist der Zentralbahnhof (Warszawa Centralna) durch eine aufwendige Renovierung heller und freundlicher geworden. Die Reisenden freuen sich über das neue digitale Informationssystem in der Halle und auf den Bahnsteigen. Nicht wiederzuerkennen ist der Ostbahnhof (Dworzec Wschodni), wo das alte Ambiente aus primitiven Verkaufsbuden, verrauchten, mitunter zwielichtig wirkenden Cafés, Fahrkartenschaltern aus sozialistischen Zeiten und trister Beleuchtung völlig verschwunden ist. Sowohl die Fassade als auch das Innere des Bahnhofs wurden komplett erneuert. Auch die seit langem geplante S-Bahnverbindung zwischen dem Chopin-Flughafen und dem Stadtzentrum wurde pünktlich zur EM fertiggestellt. Außerdem entstand neben dem neuen Stadion ein S-Bahnhof (Dworzec Stadion), der durch seine Funktionalität und Großzügigkeit (z. B. die sehr breiten Bahnsteige für die Massen der Fans) auffällt. Der wichtigste Blickfang ist natürlich das in den Nationalfarben weiß und rot gestaltete Nationalstadion (Stadion Narodowy) auf der rechten Seite der Weichsel, das in dieser Form auch in München, Dortmund, London oder Mailand stehen könnte. Zwar kann man sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, dieses Stadion, etwa nach deutschem Vorbild, außerhalb des Stadtkerns zu errichten, weil dort mehr Raum für Anfahrtswege und Parkplätze besteht. So musste für die EM-Spiele in diesem Stadion die nahegelegene Poniatowski-Brücke gesperrt werden, wodurch das Verkehrschaos im Stadtzentrum noch vergrößert wurde. Andererseits steht die neue Arena an einem historischen Ort, nämlich auf den Fundamenten des alten Nationalstadions (Stadion Dziesięciolecia), das in den Jahren 1954/55 im Rekordtempo von elf Monaten aus dem Boden gestampft worden war. Auch wenn das alte Stadion aus der Zeit des Stalinismus stammte und im letzten Jahrzehnt durch den dort aufgebauten riesigen Basar verunstaltet wurde, nahm es doch einen wichtigen Platz im Bewusstsein der Bürger ein. Die Warschauer Zeitschrift »Stolica« hat unlängst mit einem lesenswerten Text an die Entstehung der alten Arena erinnert. Auch die anderen neuen Stadien in Danzig (Gdańsk), Posen (Poznań) und Breslau (Wrocław) entsprechen den Prinzipien moderner Fußballarenen und strahlen sogar eine gewisse Ästhetik aus. Zu den Pluspunkten in Sachen Infrastruktur zählt natürlich auch die Fertigstellung der A2 zwischen der deutsch-polnischen Grenze und Warschau, wodurch endlich die seit langem notwendige durchgehende Autobahnverbindung zwischen Berlin und der polnischen Hauptstadt besteht. Allerdings wurde dabei etwas geschummelt. Das Teilstück zwischen Lodz/Stryków und Warschau (Łódź/Stryków–Warszawa) war im Moment der Freigabe nicht wirklich fertig. Noch fehlten Parkplätze, Toiletten, Hinweistafeln und anderes mehr. Gebaut bzw. renoviert wurden auch einige Schnellstraßen in verschiedenen Regionen Polens sowie neue Flughafenterminals, Hotels und andere Infrastruktur- bzw. Dienstleistungseinrichtungen. So ist den polnischen Bürgern ein gewisser Stolz nicht zu verdenken. Die ganze Szenerie des Landes habe sich verändert, hieß es in der Wochenzeitung »Polityka«, und ihr Chefredakteur Jerzy Baczyński behauptete sogar, Polen habe den größten Sprung in der Geschichte hinsichtlich seiner Infrastruktur gemacht. Andererseits liegt noch vieles im Argen. Es fehlen die so dringend notwendigen durchgehenden Autobahnverbindungen zwischen einzelnen Landesteilen, etwa von Danzig nach Warschau und von Krakau (Kraków) zur polnisch-ukrainischen Grenze. Auch die Eisenbahn (Polskie Koleje Państwowe – PKP) hat den Sprung zu einem modernen und leistungsfähigen Dienstleistungsunternehmen noch nicht geschafft. Weiterhin behindern riesige Baustellen im ganzen Land den Straßen- und Schienenverkehr. Vermutlich kam Ministerpräsident Donald Tusk der Wahrheit nahe, als er in einem Interview in der »Polityka« feststellte, man habe etwa 70 Prozent der geplanten Infrastrukturmaßnahmen realisiert. Und Sławomir Nowak, Bau- und Transportminister, stellte in der Tageszeitung »Gazeta Wyborcza« in Aussicht: »Nach der EURO 2012 geht der Bau weiter.« Seit Jahren leidet Polen unter gravierenden Strukturproblemen, die bis heute nicht grundlegend angegangen wurden. Dazu zählen undurchsichtige Ausschreibungen, ein schleppender Grunderwerb, Korruption und die Schwächen der staatlichen bzw. der städtischen Bauaufsicht. Zu den Pluspunkten, die Polen mit der EM 2012 sammeln konnte, gehört die gute Organisation des Fußballfestes. Größere organisatorische Pannen, empfindliche Ausfälle des Verkehrsnetzes oder gar terroristische Anschläge blieben aus. Die »Neue Zürcher Zeitung« gab die diesbezügliche internationale Einschätzung richtig wieder, als sie schrieb, dass das meiste so funktioniert habe, wie es in einer Endrunde funktionieren solle. Wörtlich: »Das klingt nach wenig, ist aber viel, wenn man es an der schwierigen […] Vorbereitung misst.« Auch die große Mehrheit der Polen vertrat diese Ansicht. Aus einer Befragung von CBOS ging hervor, dass 89 Prozent der Befragten die Organisation der EM als sehr gut bzw. eher gut bewerteten. In kluger Voraussicht hatten die Regierung, die Woiwodschaftsbehörden und Stadtverwaltungen sowie Polizei und Militär, natürlich unter maßgeblichem Einfluss der UEFA, schon ein Jahr vor Beginn der Meisterschaft damit begonnen, Lageanalysen und Einsatzpläne auszuarbeiten und deren Umsetzung mit den Beteiligten zu diskutieren. Mehrere tausend Personen, von den Verantwortlichen über die Einsatzkräfte bis zu dem Heer der freiwilligen Helfer, waren im Einsatz. So war es nur recht und billig, dass Ministerpräsident Donald Tusk allen Beteiligten symbolisch die schulische Bestnote, nach polnischer Tradition eine Fünf, zugestand.

Rowdytum am Rande

Nach übereinstimmenden Angaben der polnischen Behörden und der UEFA-Beobachter versammelten sich während der EM 2012 auf den »Fan-Meilen« in verschiedenen polnischen Städten insgesamt etwa 3,5 Millionen Menschen. Dort herrschte ein auf den ersten Blick explosives Gemisch aus Emotionen jedweder Art, aus Spannung und Begeisterung, Lethargie und Trauer. Natürlich waren auch Alkohol und andere Aufputschmittel im Spiel. Zuschauer verschiedener Nationen standen eng beieinander und verfolgten die Spiele auf Großbildwänden. Vor und nach den Spielen zogen Gäste aus Deutschland, England, Irland, Spanien, Italien und anderen teilnehmenden Länder durch die Straßen und riefen ihre Parolen und sangen ihre Lieder. Trotzdem gab es kaum gravierende Probleme und war die innere Sicherheit nie ernsthaft gefährdet. Größere Ausschreitungen blieben aus, ebenso wie Szenen, wie man sie aus anderen Ländern kennt, denkt man nur an die antisemitischen Parolen im Stadion von Ferencváros Budapest, die Prügeleien britischer Fans in Liverpool, Manchester und Glasgow, das Chaos beim Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC. Schließlich kommt es auch bei Spielen in der ersten polnischen Fußballliga regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen Fans und der Polizei, besonders dann, wenn die Anhänger von Legia Warszawa beteiligt sind. Als Verdienst kann man diesen weitgehend ruhigen Verlauf der EM 2012 sowohl den in- und ausländischen Fans als auch den polnischen Ordnungskräften anrechnen. Den Fans war vor allem nach einem internationalen Volksfest zumute, während Polizei und die städtischen Wachdienste (poln.: Straż Miejska) zwar sichernde Präsenz zeigten, nicht aber den Allüren eines allgegenwärtigen Polizeistaats anheimfielen. Wie immer aber bestätigten auch Ausnahmen die Regel. Das gilt besonders für die Prügeleien vor und während des Spiels Polen gegen Russland in Warschau. Das Spiel war noch nicht angepfiffen, da gingen schon Hooligans beider Seiten aufeinander los, insbesondere auf der Poniatowski-Brücke und dem unweit des Nationalstadions gelegenen Rondo Waszyngtona. Auch wenn Schaulustige mit ihren Fotoapparaten anfangs den Einsatz der Ordnungskräfte behinderten, gelang es den bis an die Zähne bewaffneten Polizisten samt ihren Wasserwerfern und Hundestaffeln relativ schnell, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Hooligans und auch nur aufgedrehte Fans beider Seiten wurden, mitunter ziemlich brutal, von breitschultrigen, durchtrainierten Beamten in Zivil abgeführt. Nun war es auch eine äußerst dumme Idee russischer Fans, am Tag des russischen Nationalfeiertags durch Warschau zu marschieren, während polnische Hooligans dies natürlich als willkommene Gelegenheit ergriffen, »Randale« zu machen. Trotz dieser Rangeleien fiel auf, dass die bekannten Gruppen von Fußball-Hooligans insbesondere aus Warschau, Krakau, Posen, Königshütte (Chorzów) und Landsberg an der Warthe (Gorzów Wielkopolski) während der EM 2012 kaum in Erscheinung traten – Gruppen, die zum Teil neofaschistischem Einfluss unterliegen und ihre Sympathie für Hitler und die Nationalsozialisten offen zur Schau tragen (z. B. Hitlers Stimme als Handyklingelton). Dafür gab es im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen interessieren sich diese Hooligans hauptsächlich für den »Kampf« zwischen »ihrem« Verein und den vermeintlich verabscheuungswürdigen Gegnern aus anderen Städten, Prügeleien (»Abrechnungen«) mit eingeschlossen. Zum Zweiten waren die Eintrittspreise bei der EM für die meisten dieser Rowdys unerschwinglich. Fragt man nach dem ökonomischen Erfolg der Meisterschaft für Polen, dann fällt die Bilanz eher gemischt aus. Allerdings gibt es bislang keine verlässlichen konkreten Zahlen für die Kosten. Schwierig ist auch, die engeren Kosten für die Veranstaltung selbst und die weiteren Kosten für die Infrastruktur- und Vorbereitungsmaßnahmen zu unterscheiden. Darüber hinaus ist der finanzielle Beitrag der UEFA bislang nicht öffentlich bekannt, ebenso wenig wie der Gewinn, den der europäische Fußballverband etwa durch die Vergabe der Übertragungsrechte gemacht hat. Ministerpräsident Donald Tusk gab bekannt, dass man für die Modernisierung der Infrastruktur in den Jahren zuvor, insbesondere für den Autobahnbau, etwa 100 Milliarden Zloty (zirka 24,5 Milliarden Euro – d. Red.) ausgegeben habe. Das Nationalstadion in Warschau kostete etwa 500 Millionen Euro (zum Vergleich: Für die Allianz-Arena in München wurden 350 Millionen Euro ausgegeben). Warschauer Ökonomen wie Paweł Borys von der Bank PKO BP gehen davon aus, dass die Investitionen in die Infrastruktur in den Jahren 2009 bis 2012 mit etwa 0,5–1 Prozent zum Anstieg des Bruttoinlandprodukts beigetragen haben, die EM selbst mit ca. 0,3 Prozent. Die ausländischen Gäste haben während der EM etwa 900 Millionen Zloty in Polen ausgegeben. Davon profitierten vor allem die Gastronomie, das Hotelwesen, die Hersteller von Lebensmitteln und Getränken sowie der Handel. Allerdings kamen nur etwa 500.000 Fans nach Polen, während man im Vorfeld mit 1 Million gerechnet hatte. Der Preisanstieg während der Meisterschaft blieb mit durchschnittlich 0,4 Prozent eher moderat. Andererseits hat die EM direkt kaum zur Schaffung neuer Arbeitsplätze beigetragen.

Zwei parallele Veranstaltungen

Vermutlich war es von Anfang an eine Fiktion zu glauben, dass die EM 2012 eine gemeinsame Veranstaltung zweier Länder unter der Obhut der UEFA werden wird. Tatsächlich aber hatte das, was in Polen stattfand, kaum etwas mit dem zu tun, was in der Ukraine ablief, abgesehen von einigen wenigen bilateralen Absprachen bzw. kooperativen Schritten etwa bezüglich der Grenzkontrollen. Es gab zwei getrennte organisatorische Zentren und Abläufe. Nun ist dies keine neue Erfahrung, nur war sie dieses Mal noch drastischer als 2008, als Österreich und die Schweiz auf ihre eigene Weise europäischen Fußball veranstalteten. »Creating History together« – dieser als Trademark gedachte Slogan der EURO 2012 blieb hohl. Das »Gemeinsame« wurde lediglich von der UEFA vorgegeben. Dass zwei getrennte Filme abliefen, wird beispielsweise deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass das ukrainische Organisationskomitee eng mit den Günstlingen von Staatspräsident Viktor Janukowitsch und den politisch bzw. finanziell und organisatorisch einflussreichen Oligarchen besonders im Osten der Ukraine verwoben war. Sie entschieden über Ausschreibungen und Bauvorhaben, Hotel- und Eintrittspreise, Warenströme und Dienstleistungen. »Dieser Filz wurde von der UEFA geduldet und begünstigt«, sagte die sportpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Felicitas Kubala, der »Süddeutschen Zeitung«. Zwar hatten auch in Polen die Regierung, einflussreiche Investoren und korrupte Funktionäre des Polnischen Fußballverbandes (Polski Związek Piłki Nożnej – PZPN) die Finger im Spiel und ging es nicht bei allen Ausschreibungen mit rechten Dingen zu, aber die Verfilzung zwischen Politik, Kommerz und halblegaler bzw. krimineller Szene war nicht so stark wie in der Ukraine. Auch die politisch ziemlich abgekühlten Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine waren einer etwaigen Kooperation nicht förderlich. Immerhin sprach sich die Mehrheit der Befragten in einer Umfrage von CBOS gegen einen Boykott der EM in der Ukraine aus. Zu Recht empfand man in Polen den selbstherrlichen Dirigismus der UEFA gegenüber ihren polnischen Partnern als arrogant. UEFA-Funktionäre traten besonders während der Meisterschaft oft wie Hausherren auf. Ministerpräsident Donald Tusk sprach in einem Interview mit der »Polityka« von »ziemlich rücksichtslosem« Verhalten. Andererseits kann man dem europäischen Fußballverband gewisse Erfahrungen bei der Ausrichtung solcher Großveranstaltungen nicht absprechen. Doch haben sie offensichtlich nicht den richtigen Ton gefunden. Es bleibt die Frage, wie die schönen, neuen und teuren Stadien in Warschau, Danzig, Posen und Breslau künftig genutzt werden sollen und ob diese Nutzung die enormen Bau- und Betriebskosten amortisiert. Abgesehen von Warschau wird dies vermutlich kein großes Problem sein, da die ansässigen Erstligaklubs die Stadien nutzen und die Zuschauerzahlen vor Ort ansteigen, weil die Klubs sportlich attraktiver werden und peu à peu auch in die europäischen Wettbewerbe wie Europaliga und Champions-League vordringen dürften. Schwieriger ist die Lage in Warschau, weil der dortige Erstligaklub Legia Warszawa bereits sein eigenes neues Stadion besitzt. Bislang sind nur einige durchaus attraktive Musikveranstaltungen im Warschauer Nationalstadion geplant. Ob das ausreicht, wird sich zeigen.

Das Elend des polnischen Fußballs

Natürlich war die Enttäuschung bei den polnischen Fußballanhängern groß, als ihre Mannschaft schon in der Vorrunde ausschied. Die Gesänge auf den »Fan-Meilen« verstummten spätestens, als Tschechiens Petr Jirácek vom Bundesligisten VFL Wolfsburg in der 72. Minute das Siegestor für seine Mannschaft schoss. Die Stimmung unter den polnischen Fans reichte von Trauer bis zu blankem Entsetzen. Offenbar waren auch die drei international erfahrenen »Dortmunder«, Robert Lewandowski, Kuba Błaszczykowski und Łukasz Piszczek, nicht in der Lage, ihr Team zum Erfolg zu führen. Die Realisten unter den Fußballanhängern hatten jedoch auch nicht viel mehr erwartet. Wissen muss man allerdings auch, dass sich nur die Hälfte der polnischen Bürger mehr oder weniger für Fußball interessiert. Wie üblich, kam es gleich nach dem Ausscheiden der polnischen Mannschaft zum bekannten Hauen und Stechen. Sportministerin Joanna Mucha legte dem Präsidenten des PZPZ Grzegorz Lato den Rücktritt nahe. Auch aus dem Team wurden Stimmen laut, dass Lato den Kontakt zur fußballerischen Realität in Polen verloren habe. Nationaltrainer Franciszek Smuda dagegen nahm Lato in Schutz, kündigte aber auch seinen Rücktritt an. Die schärfste Kritik kam vom früheren polnischen Nationalspieler Zbigniew Boniek, der in seiner aktiven Zeit unter anderem auch beim italienischen Spitzenklub Juventus Turin gespielt hatte. Er bemängelte, dass es der Mannschaft vor allem an Motivation und Teamgeist gefehlt habe. Boniek wörtlich: »Die Professionalität im polnischen Fußball reduziert sich auf die Handlungsmaxime: Niemandem unangenehm auffallen, etwas Schlaues sagen und nach dem Spiel eine schöne Frisur haben.« In der Tat hatte die polnische Mannschaft wieder einmal, wie schon seit Jahren, als locker verbundene Truppe von Individualisten, nicht aber als schlagkräftiges Team agiert. Hinzu kam, dass Nationalcoach Franciszek Smuda nicht gerade zu den international erfahrenen Trainern gehört, die durch systematisches Studium der gegnerischen Mannschaften im Vorfeld eines solchen Turniers Taktik und Spielweise für ihre Teams vorgeben. Anders als etwa bei deutschen Vereinen gibt es im polnischen Fußball noch sehr wenig gezielte Talentförderung. Und diejenigen jungen Spieler, die wirklich gut sind, zieht es früh in den Westen, weil dort das große Geld lockt. Das größte Problem aber stellt der PZPN dar. Seit zwei Jahrzehnten verwalten Funktionäre wie Grzegorz Lato ihre gut bezahlten Jobs und verschlafen die internationalen Zeichen der Zeit. Von diesem Verband kamen bislang kaum Anstöße So ist es kein Wunder, dass der PZPN seit Jahren in den Bürgerbefragungen ein schlechtes Ergebnis erzielt.

Reifeprüfung

Die EM 2012 war ein Ort der Begegnung. Mehr als 650.000 Fans aus insgesamt 110 Ländern verfolgten die Spiele in den vier polnischen Stadien. Den Besuchern aus der ganzen Welt gegenüber erwies sich Polen als guter Gastgeber, auch nachdem die polnische Mannschaft ausgeschieden war. Es kam zu vielen freundschaftlichen Begegnungen zwischen Polen und Ausländern auf den »Fan-Meilen«, in den Stadien, auf den Marktplätzen und in den Camps, wo die Gäste ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass gut 80 Prozent der Polen die Europameisterschaft lediglich im Fernsehen verfolgt haben und ebenso viele während des Turniers keinerlei Kontakt mit ausländischen Besuchern hatten. Die Fußballtouristen aus dem Ausland haben sich im Großen und Ganzen korrekt verhalten, auch wenn es hin und wieder zu kleineren Rangeleien kam. Die EM 2012 brachte Menschen zusammen, die sich ohne den Fußball wohl nie begegnet wären. Für die meisten der ausländischen Gäste war dies die Reise in einen Teil Europas, den sich bisher nur über Einwanderer im eigenen Land, ihre Putzfrauen, LKW-Fahrer und Barkeeper kannten. So mancher von ihnen registrierte verwundert, dass es auch in Polen attraktive Altstädte, schöne Landschaften und moderne Wellness-Center gibt. Vermutlich werden nicht wenige ausländische Fußballfans als Touristen wiederkommen. Schon vor der EM hatte ein Ire, der einige Jahre in Polen gelebt hatte, einen Reiseführer über das Land für die irischen Fußballfans geschrieben. Viele Erinnerungen werden bleiben. So versammelten sich viele Bürger aus Posen auf dem alten Markt ihrer Stadt, um die irischen Fans zu verabschieden, deren Mannschaft hier zwei Spiele absolviert hatte. Zuvor hatte sich fast die halbe Stadt auf die Suche nach einem jungen Iren gemacht, der nachts in einen Fluss gefallen und ertrunken war. Der überfüllte Marktplatz von Breslau bebte, als 50.000 Fußballbegeisterte aus Tschechien und Polen ihre Mannschaften anfeuerten. Diejenigen Polen, die Skepsis oder gar Abneigung gegenüber Ausländern empfinden, traten während der EM so gut wie nicht in Erscheinung. Offenbar hat es ein Teil der polnischen Nation zum ersten Mal geschafft, sich um ein positives Ereignis herum zusammenzufinden. In der »Polityka« hieß es, bislang hätten Massenversammlungen in Polen fast immer historisch-tragischen bzw. religiös-martyrologischen Charakter gehabt: Jahrestage, Beerdigungen, Proteste. Die EM sei das »Coming-out« derjenigen gewesen, die in der 1989/90 begründeten »Dritten Republik« geboren seien, eine Generation ohne historische Traumata und Komplexe, aber voller Fröhlichkeit und Selbstironie. Viele Polen haben gespürt, dass ihr Land etwas zu bieten hat, dass sie selbstbewusst auftreten können und dass sie in der Welt willkommen sind. Sie haben sich als Europäer gefühlt. Damit ist das Schwanken zwischen Stolz und Minderwertigkeitskomplexen in der polnischen Gesellschaft nicht ein für alle Mal beendet. Das Stereotyp des »armen europäischen Verwandten« ist nicht völlig aus der Welt geschafft. Trotzdem war die EM 2012 ein großer Schritt nach vorn. Der Stolz, den viele Polen deshalb empfinden, ist also berechtigt. Die Regierung von Donald Tusk konnte davon allerdings kaum profitieren. Der Bonus, den sie anfangs in den Umfragen im Zusammenhang mit der EM erhielt, war wegen des Finanzskandals um die Parabank »Amber Gold« bald aufgebraucht. Auch die wieder zunehmenden sozialen Auseinandersetzungen trüben ihr Ansehen. Allerdings benahm sich auch Jarosław Kaczyński, Vorsitzender der Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) sehr ungeschickt, als er die Organisation der EM in Bausch und Bogen kritisierte. Wenn das ganze Land Freude und Stolz verspüre, sei es keine politische Glanzleistung, den Miesepeter zu spielen, schrieb die Tageszeitung »Rzeczpospolita«. Immerhin bewies die britische BBC die Fähigkeit zur Selbstkritik, als sie, ganz im Gegensatz zu ihren anfänglichen Warnungen, Polen für seine Leistungen bei der EM gratulierte.

Reinhold Vetter

Reinhold Vetter

ist Ingenieur und Politikwissenschaftler und lebt als freier Publizist in Warschau und Berlin. Zuletzt sind von ihm erschienen: »Zweite Chance für Tusk. Die Parlamentswahlen in Polen 2011.« In: Osteuropa, Heft 11/2011, S. 27–42, und »Ungarn. Ein Länderporträt.« Berlin: Christoph Links Verlag 2012.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln