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6.11.2013

Analyse: Einsamkeit im Alter? Erwerbsmigration und der Generationenvertrag

Lösen sich durch die Erwerbsmigration, die im vergangenen Jahrzehnt in Polen deutlich gestiegen ist, die intergenerationellen Beziehungen in transnationalen Familien? Der Generationenvertrag unterliegt zahlreichen Modifikationen, aber er wird nicht aufgelöst. Er regelt das Funktionieren des transnationalen Systems der sozialen Sicherheit.

Ein Gastarbeiter aus Nordkorea arbeitet am 27.03.2006 auf einer Werft in Danzig (© picture-alliance/dpa)


Nach den aktuellen Daten der Nationalen Volkszählung 2011 hat sich der Anteil der Menschen in Polen, die das erwerbstätige Alter überschritten haben, von 15 Prozent im Jahr 2002 auf 17 Prozent im Jahr 2011 erhöht. Im Vergleich zur Volkszählung 2002 ist die Zahl der Rentner um über 760.000 gestiegen. Die Daten von Eurostat (2009) zeigen, dass im Jahr 2007 zirka 3 Prozent der Gesamtbevölkerung in Polen 80 Jahre alt und älter waren, im Jahr 2035 können es fast 8 Prozent sein. Eine der breiter diskutierten Fragen, insbesondere in Gesellschaften mit einer nicht ausgeprägten formalen, d. h. "professionellen" und kostenpflichtigen, Betreuungsinfrastruktur, ist der Einfluss des Alterungsprozesses auf die Möglichkeit, eine erfolgreiche informelle Betreuung auszuüben, d. h. die Betreuung älterer Menschen durch Verwandte, Freunde und Angehörige der lokalen Gemeinschaft zu übernehmen. Befürchtungen, die sich häufig zur gesellschaftlichen Panik auswachsen, konzentrieren sich auf die Veränderungen im Bereich der Geburtenzahlen und infolge dessen der Größe der Familie, wovon unter anderem die Verfügbarkeit der Familienmitglieder abhängt, die die emotionale, finanzielle und instrumentelle Unterstützung gewährleisten. Anders gesagt: In alternden Gesellschaften wird es spürbar, wenn informelle Betreuung knapp ist. Die informelle Betreuung älterer Menschen wird zusätzlich noch komplizierter, wenn parallel zu der sich verringernden Anzahl der potentiellen Betreuenden die Dynamik der Erwerbsmigration hoch ist. Mit dieser Situation haben wir es in Polen zu tun. Das kulturbedingte Muss, dass die Kinder Verpflichtungen gegenüber den Eltern persönlich einlösen, wozu auch die Betreuung gehört, ist ein relativ beständiges Element im polnischen normativen System. Es wird zusätzlich durch die schwache öffentliche institutionelle Unterstützung aufrechterhalten. Um moralische Panik zu vermeiden, dass die Migranten ältere Menschen (vor allem die Eltern) ohne Unterstützung zurücklassen, muss unterstrichen werden, dass die intergenerationellen Transferleistungen nicht einseitig und auch nicht immer unabdingbar sind: Auch die Eltern helfen ihren Kinder, die im Ausland arbeiten, häufig, und nicht alle alten Eltern bedürfen intensiver Betreuung. Auch muss an die Dynamik solcher Verpflichtungen in den unterschiedlichen Lebensabschnitten einer transnationalen Familie erinnert werden. Im Falle der Erwerbsmigration und damit verbunden des Kontaktes zu einem anderen Betreuungssystem für ältere Menschen werden die Verpflichtungen gegenüber den Eltern und die Formen der Umsetzung zwar modifiziert, aber sie verschwinden nicht. Im Folgenden konzentriere ich mich auf die Perspektive der Eltern, die in Polen leben und von denen mindestens ein Kind migriert ist (s. Kurzinformation zum Forschungsprojekt auf S. 6). Dabei werden vor allem drei Phänomene der Betreuung der Eltern im Zusammenhang mit der Migration der Polen betrachtet. Erstens werden die Erwartungen der Eltern gewöhnlich über ihre frühere Unterstützung der Kinder legitimiert. Zweitens wird die Hilfe, die die Eltern von ihren migrierten Kindern erhalten, gewöhnlich von ihnen ausgeglichen – auch die Eltern helfen ihren migrierten (sowie auch den nicht migrierten) Kindern. Drittens führt die Migration eines Kindes selten zur sozialen Marginalisierung der Eltern. Im Gegenteil zeigen meine Untersuchungsergebnisse, dass sich die soziale Sicherheit der Eltern häufig erhöht. Dank der Unterstützung von Seiten der migrierten Kinder können sie außerdem den nicht migrierten helfen. So gesehen übernimmt die Migration eine modernisierende Funktion.

Die Erwartungen der Eltern

Mit den unterschiedlichen Lebensphasen einer transnationalen Familie sind unterschiedliche Verpflichtungen verknüpft. Sie werden von den Mitgliedern des verwandtschaftlichen Netzes übernommen und jeder einzelne ist bzw. wird in das System der intergenerationellen Unterstützung einbezogen. Die Eltern der untersuchten Migranten beriefen sich sehr häufig auf die Hilfe, die sie ihren Kindern früher haben zuteilwerden lassen, und begründeten auf diese Weise ihre eigenen Erwartungen gegenüber den Kindern. Die Befragten verwiesen häufig auf ihre Investitionen für die Kinder und zählten darauf, dass sich ihr früheres Engagement für die Verbesserung des Lebensstandards der erwachsenen Kinder positiv in einer Situation existentieller oder gesundheitlicher Probleme auswirken wird. Dabei ist es wichtig, nicht um Hilfe zu bitten, die Erwartungen nicht zu verbalisieren – die Kinder sollten selbst wissen, wann sie Hilfe leisten und wie sie vorgehen sollten. In Bezug auf die Töchter, anders als im Falle der Söhne, werden die Erwartungen der Eltern als selbstverständlich betrachtet und nicht reflektiert. Dies ergibt sich teilweise aus der Regel der Gegenseitigkeit, wonach die Großeltern, vor allem die Großmütter, häufiger den Töchtern als den Söhnen bei der Betreuung der Enkelkinder helfen. Zwischen den Erwartungen gegenüber den Töchtern und den Söhnen treten große Unterschiede auf. Die persönliche Pflege, wozu auch die Hilfe bei der Körperhygiene gehört, wurde fast immer den Pflichten der Tochter zugeschrieben. Bei der praktischen Hilfe im Haus wird die Aufgabenverteilung unter den Geschwistern häufig von den Eltern vorgenommen. Den Gepflogenheiten der polnischen Gesellschaft entsprechend, wird das, was im Haus Frauensache ist, der Tochter zugeteilt und analog dem Sohn das, was der Mann im Haus verrichtet. Wenn die Tochter migriert, werden diese Erwartungen von Seiten der Eltern nicht zurückgenommen. Trotzdem unterstrichen die Eltern in einer solchen Situation häufig, dass der Sohn aufgrund der geographischen Nähe mehr, als es allgemein tatsächlich der Fall ist, im Haus helfen sollte. Berücksichtigt man den Faktor Zeit bei der Analyse der empirischen Daten, lassen sich zwei wichtige Ergebnisse ableiten. Erstens verändern sich die familiären Verpflichtungen im Laufe der Zeit. Der Prozess, dass jemand mehr und mehr auf Hilfe anderer angewiesen ist, dauert gewöhnlich sehr lang; relativ selten ereignen sich kritische Situationen, die sehr schnelle Veränderungen im Familienkreis erfordern. Die Erwartungen der Eltern tauchen nicht plötzlich auf, sondern werden bereits früher zur Sprache gebracht. Zweitens resultieren die familiären Verpflichtungen nicht allein aus den tatsächlichen Problemen der Eltern, sondern auch aus der Bewertung der früheren Beziehungen, worin die Bewertung der Hilfe, die die Eltern den Kindern zukommen ließen, enthalten ist. Frauen (Töchter) bewerten diese Beziehungen und den Umfang der von den Eltern gegebenen Hilfe deutlich besser als Männer (Söhne). Auf der Grundlage dieser Bewertungen lässt sich annehmen, dass die Töchter mit mehr Verpflichtungen den Eltern gegenüber belastet werden als die Söhne. Dies führt manchmal zu Spannungen unter den Geschwistern, wenn die Schwester aufgrund der Migration in ein anderes Land die Erwartungen der Eltern nicht erfüllt. In einer solchen Situation reagiert der Sohn, der sich auf die tatsächliche oder mutmaßliche größere Unterstützung der Tochter von Seiten der Eltern in der Vergangenheit beruft, negativ auf die an ihn gerichteten Erwartungen. Die Eltern finden dann relativ häufig einen Mittelweg, beispielsweise die Beschäftigung einer zusätzlichen Hilfe im Haushalt. Bei der Organisation dieser Art von Hilfe für die Eltern haben die migrierten Kinder sehr häufig Anteil, gewöhnlich kommen sie dafür finanziell auf. Hieraus lässt sich nun ein drittes Ergebnis ableiten, und zwar dass man sich in den intergenerationellen Beziehungen in den Gesellschaften, in denen das Modell Familie verwurzelt ist und als selbstverständlich betrachtet wird, um ein Gleichgewicht im Bereich der Unterstützung bemüht.

Die Hilfe der Eltern für ihre migrierten und nicht migrierten Kinder

Die Hilfe für die migrierten und nicht migrierten Kinder ist für die befragten Eltern nicht nur ein Ausdruck von Fürsorge, sondern auch eine Investition, die sich auszahlen kann, wenn die soziale Sicherheit im fortgeschrittenen Alter bedroht ist. Die qualitativen Untersuchungen zeigen, dass die Praxis, den erwachsenen Kindern zu helfen, ein wichtiger Faktor ist, der die spätere Gestalt der intergenerationellen Beziehungen bestimmt. Die Befragten unterstrichen, dass sie dennoch selten in der komfortablen Situation gewesen seien, allen ihren erwachsenen Kindern in gleichem Maße zu helfen. Dies ruft Spannungen in der Familie hervor. Auf welche Weise helfen nun die Eltern den Kindern, die migriert sind? Auch wenn sie die Entscheidung der Kinder zu migrieren gewöhnlich negativ bewerten, bemühen sich die befragten Eltern, die Motive der Erwerbsmigration zu verstehen, und erklären, dass dies die einzig rationale Lösung sei, die die soziale Sicherheit der Familie gewährleistet. Die Hilfe für die migrierten Kinder ist für die befragten Eltern vor allem Ausdruck der Sorge um deren Wohlstand, sie stellt aber auch mehr oder weniger bewusst die Grundlage für spätere familiäre Erwartungen in Krisensituationen dar. Aus der quantitativen Untersuchung, die unter denjenigen älteren Menschen durchgeführt wurde, die mindestens ein migriertes Kind haben, geht hervor, dass ähnlich wie im Falle der qualitativen Untersuchungen häufiger die Situation auftritt, dass die Tochter, nicht der Sohn, migriert ist. Hier ergeben sich ernste Konsequenzen in Anbetracht des in Polen verwurzelten und als selbstverständlich erachteten Familienmodells der Betreuung älterer Menschen. Unabhängig vom Geschlecht des migrierten Kindes, geben fast 30 Prozent der befragten Eltern an, dass sie in den letzten zwölf Monaten den migrierten Kindern geholfen hätten (s. Tabelle 1, S. 7). Die Unterstützung für die erwachsenen Kinder wurde deutlich häufiger von der jüngeren Respondentengruppe angegeben, die relativ selten angab, dass ihr Gesundheitszustand schlecht sei. Am häufigsten helfen die Befragten den migrierten Kindern bei der Betreuung der Enkelkinder. Generell helfen die Eltern häufiger den migrierten Töchtern als den Söhnen. Etwas über 40 Prozent der Eltern, die angaben, dass sie ihrem migrierten Kind in den vergangenen zwölf Monaten geholfen haben, helfen den Migranten, indem sie das Enkelkind in der Zeit der Migration seiner Eltern (bzw. mindestens eines Elternteils) betreuen. Die Unterschiede bei der Häufigkeit dieser Art von Hilfe gegenüber Töchtern (42 Prozent) und Söhnen (33 Prozent) ergeben sich aus der polnischen Betreuungskultur: In der mother away family wird die migrierte Frau (d. h. die Tochter, die eigene Kinder hat) von ihrer Mutter bei der Betreuung der Kinder in Polen vertreten, auch wenn der Ehemann dort im Haushalt bleibt und nicht migriert ist. Wenn der Sohn, der eine eigene Familie in Polen gegründet hat, migriert (father away family), übernimmt die Betreuungspflichten für die Kinder meistens seine Ehefrau, d. h. die Schwiegertochter, und die Rolle der Mutter des Sohnes beschränkt sich auf sporadische Hilfe. Die Strategie, die Kinder simultan in Polen und im Zielland der Migration aufwachsen zu lassen, nimmt unterschiedliche Formen an und wird in unterschiedlichen Situationen praktiziert. Aus den qualitativen Untersuchungen geht hervor, dass sich die Großeltern vor allem in Polen zeitweilig um die Enkel kümmern, wenn diese Ferien haben. In manchen Fällen wurde das Enkelkind längerfristig in die Obhut der Großeltern gegeben, wenn die Mutter gelegentlich im Ausland arbeitete. Die Benennung, in welchem Land das Kind tatsächlich aufwächst, ist in vielen Fällen schwierig. Die Häufigkeit der Betreuungsmigration der Großmütter in die Migrationsländer und die Länge ihres Aufenthaltes dort ist im Grunde ähnlich wie die der Migration der migrierten Enkelkinder zur betreuenden Großmutter in Polen. Die Möglichkeit, das Kind kostenlos betreuen zu lassen, ist eine wertvolle Ressource, die einen ökonomischen Wert darstellt, weil die Migranten nicht auf eine berufliche Tätigkeit verzichten müssen, um die Kinder zu betreuen. Grundsätzlich sind die intergenerationellen Transferleistungen, in diesem Fall v. a. des Faktors Zeit, einseitig und verlaufen von oben (Eltern) nach unten (erwachsene Kinder). Mit der Zeit aber ändert sich die Richtung, und die erwachsenen Kinder helfen ihren Eltern mehr als diese den migrierten Kindern. In der Phase, in der die Eltern ihren erwachsenen Kindern helfen, kann es zu Spannungen in der Familie kommen. Die migrierten Kinder begründen ihre Erwartungen, dass konkret ihre Kinder von den Großeltern betreut werden, beispielsweise folgendermaßen: Erste Bedingung ist die Berufstätigkeit. Die Frau, die arbeitet, hat nach Meinung der Befragten unabhängig davon, ob sie migriert ist oder nicht, das größere "Recht", sich um die Hilfe der Mutter (Großmutter) bei der Betreuung der Enkel zu bemühen. Zweitens: Falls die Hilfe der Eltern (Großeltern) finanziell anerkannt wird, es also im Familiennetzwerk zu einem relativ einfachen, direkten Ausgleich der Transfers kommt, stellt das in den Augen der befragten Migranten ein wichtigeres Argument dafür dar, dass sie die Hilfe von Seiten der Mutter (Großmutter) erhalten, als ein anzunehmender Ausgleich des Transfers in der Zukunft, wenn das nicht migrierte Kind die Betreuung des älteren Menschen übernehmen wird. Dessen Erwartungen stützen sich gegenüber den eigenen Eltern hinsichtlich einer Betreuung der Enkel zudem "nur" auf die in der unbekannten Zukunft liegende Verpflichtung, dass es die Betreuung der Eltern übernehmen wird, wenn diese sie benötigen sollten. Dennoch ist aus Sicht der Eltern das ungeschriebene Versprechen, dass das nicht migrierte Kind die Betreuung im Alter übernehmen wird, attraktiver als eine sofortige finanzielle Unterstützung von den migrierten Kindern. Interessant ist, dass die Eltern, die an den qualitativen Untersuchungen teilnahmen und die meinten, dass ihr migriertes Kind nicht mehr nach Polen zurückkehren wird, gewöhnlich den nicht migrierten Kindern mehr helfen als den migrierten. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Unterstützung über die Entfernung hinweg sogar dann hoch geschätzt wird, wenn ihr tatsächlicher Wert deutlich geringer ist als der Wert der täglichen Hilfe, die vom nicht migrierten Kind geleistet wird. Bestätigt werden diese Thesen von den Ergebnissen der quantitativen Untersuchungen, die unter älteren Personen durchgeführt wurden, die mindestens ein migriertes Kind haben. Sie zeigen, dass die Eltern den Kindern, die ständig in Polen leben, mehr helfen als denen, die migriert sind. Knapp 30 Prozent der befragten Eltern gaben an, dass sie ihren migrierten Kindern in den letzten zwölf Monaten geholfen haben. 60 Prozent gaben dagegen an, dass sie den nicht migrierten Kindern geholfen haben. Dabei richtete sich die Hilfe häufiger an die Tochter als an den Sohn (s. Tabelle 2, S. 7). Die Art und Weise der Hilfe für die nicht migrierten Kinder unterscheidet sich von der für die migrierten Kinder. Am häufigsten helfen die Eltern den Kindern, die ständig in Polen leben, in Form von finanzieller und praktischer Unterstützung. Dies bestätigt die These der Soziologin Elżbieta Tarkowska, dass ältere Menschen in vielen polnischen Haushalten häufig die einzigen sind, die über ein festes (jedoch geringes) Einkommen verfügen. Das bedeutet, dass die Migration eines Teils der Kinder in einer Situation, in der sich die soziale Sicherheit des familiären Netzes in großem Maße auf die Rentenbezüge der Eltern stützt, aus Sicht des Gesamthaushaltes eine rationale Entscheidung ist. Die Erwerbsmigration entlastet die Eltern nicht nur davon, den migrierten Kindern praktische und finanzielle Hilfe zu leisten. Infolge des Geld- und Sachtransfers von Seiten der migrierten Kinder erhöhen sich zudem die Möglichkeiten der Eltern, den nicht migrierten Kindern zu helfen, von denen sie mehr als von den migrierten Kindern erwarten, dass sie die familiären Pflichten im Bereich der persönlichen Betreuung (z. B. Hilfe bei der Körperpflege) einlösen – können diese doch nur von denjenigen erbracht werden, die in der Nähe wohnen. Die Migranten können den Eltern in diesem Bereich nur indirekt helfen, indem sie Hilfe von außen bezahlen. Dies ist eine der modifizierten Formen intergenerationeller Unterstützung, die sich aus der Erwerbsmigration ergibt.

Die Hilfe der Kinder für die Eltern

Die Untersuchungen zeigen, dass die nicht migrierten Kinder den Eltern etwas mehr helfen (65 Prozent) als die migrierten Kinder (58 Prozent). Je älter die befragte Person, desto häufiger treten natürlich Angaben auf, dass die Kinder (migrierte und nicht migrierte) Unterstützung leisten. In Bereichen, in denen physische Anwesenheit nicht notwendig ist, dominiert die Hilfe von Seiten der Migranten. Dies betrifft insbesondere direkte Geldzahlungen an die Eltern oder die Bezahlung unterschiedlicher Dienstleistungen (s. Tabelle 3, S. 8). Die Migranten bemühen sich, den Eltern indirekt zu helfen, beispielsweise indem sie zusätzliche Arztbesuche und Heilmittel, Rechnungen oder Ausflüge und Urlaube bezahlen. Aus den Untersuchungen ergeben sich unterschiedliche Bedeutungen, die der wirtschaftlichen Unterstützung der Eltern durch die Migranten zugeschrieben werden. Das Geld, ob direkt oder indirekt gezahlt, wird von den Eltern nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht bewertet. Die Geldüberweisungen haben für die Eltern einen großen emotionalen Wert und sind symbolischer Ausdruck der Sorge und Betreuung der migrierten Kinder. Speziell für die Migrantinnen stellt die finanzielle Unterstützung eine Entschädigung für ihre physische Abwesenheit dar, dafür, dass sie bei der körperlichen Pflege der Eltern (besonders der Mütter) nicht helfen können sowie auch nicht im elterlichen Haushalt. Die Kinder, die nicht migrieren, unterstützen die Eltern vor allem über Tätigkeiten, die nicht direkt mit finanziellem Aufwand verbunden sind, bei denen aber Anwesenheit und Zeit wichtig sind. So sind sie vor allem für die praktische Hilfe im Haus verantwortlich (putzen, kochen, alltägliche Einkäufe), für Hilfe bei Behördenangelegenheiten und dafür, dass die Eltern mobil sind. Darüber hinaus gibt es auch solche Formen von Unterstützung für die Eltern, die gewöhnlich nicht dem Status Migration/Nichtmigration der Kinder zugeschrieben werden. Hier geht es vor allem um die begleitende Beobachtung der Lebenssituation der Eltern, die nach Angaben der Eltern der migrierten Kinder mit großem Erfolg dank der neuen Kommunikationstechnologien ausgeübt werden kann. Auch größere Einkäufe sind nicht so direkt an ein konkretes Kind gebunden. Die Migranten bringen häufig bei Besuchen in Polen Reinigungsmittel und haltbare Lebensmittel mit. Während ihres Aufenthaltes in Polen machen sie größere Einkäufe auf Vorrat. Die migrierten Kinder tätigen auch Einkäufe via Internet, die den Eltern ins Haus geliefert wurden. Auch wenn die Aufteilung der Betreuungsaufgaben zwischen den Geschwistern einer transnationalen Familie rational und funktional zu sein scheint, hat man es mit Spannungen, vor allem zwischen den Geschlechtern, zu tun. Wenn die einzige Tochter migriert, übernimmt der Sohn selten die kulturell der Tochter zugeschriebenen Aufgaben, was zu Spannungen und Konflikten führt. Die migrierten polnischen Frauen unterstützen häufiger als die migrierten Männer die Eltern finanziell. Die Einlösung familiärer Verpflichtungen im Kontext von Migration erfordert manchmal viele Verzichtleistungen auf Seiten der Migranten, insbesondere der Frauen. Vor allem wenn sie selbst Nachkommen haben, kommt es zu einer doppelten Belastung. In einer solchen Situation ist es nicht nur notwendig, die schwierige Entscheidung zu treffen, wem und in welchem Bereich geholfen wird, sondern es müssen auch zusätzliche finanzielle Mittel, z. B. in Form von Wohltätigkeitshilfe im Zielland der Migration, erschlossen werden.

Zusammenfassung

Migration ist trotz voranschreitender Individualisierung vieler Gesellschaften sehr häufig nicht der Ausdruck einer egoistischen Haltung, sondern eine Strategie, die gemeinsam mit dem Ziel verfolgt wird, die soziale Sicherheit der Verwandtschaft zu gewährleisten. Deren Schicksal hängt in immer größerem Maße von den transnationalen Verbindungen ab, die die mobilen und relativ immobilen Mitglieder des verwandtschaftlichen Netzes miteinander verbinden. Die Bedürfnisse der einen und der anderen verändern sich im Laufe des Lebens des Einzelnen. In den transnationalen sozialen Räumen unterliegt der Generationenvertrag zahlreichen Modifikationen, aber er wird nicht aufgelöst. Er regelt das Funktionieren des transnationalen Systems der sozialen Sicherheit. Dabei ergeben sich zahlreiche, aber gewöhnlich scheinbare Widersprüche und reale, wenn auch selten offen ausgetragene Spannungen. Sie treten in der transnationalen Realität im Zusammenhang mit der Betreuung der älteren Menschen in Polen auf. Einerseits verbindet sich mit der Erwerbsmigration die Übersiedlung eines erwachsenen Kindes in ein anderes Land, in dem die Möglichkeiten, den Lebensunterhalt zu verdienen, größer sind als im Herkunftsland. Infolge dessen gibt es weniger Menschen, die im Heimatland bleiben und vor Ort die Eltern betreuen können. Andererseits erhöht die Übersiedlung des Kindes gewöhnlich nicht nur seine eigene soziale Sicherheit, sondern auch die der Familie, sowohl der eigenen, wenn es eine gegründet hat, als auch der Herkunftsfamilie. Es sei daran erinnert, dass die Entscheidung für die Migration sehr häufig und in der polnischen Migrationskultur fast immer in einem größeren Personenkreis der engsten Familienmitglieder getroffen wird, für die die Übersiedlung eines Akteurs des Netzwerkes nicht von dessen Auflösung, sondern seiner Erweiterung zeugt. Die staatlichen Einrichtungen hätten es allerdings lieber, dass die Kinder in der Herkunftsgesellschaft bleiben, denn dies garantiere gewöhnlich die Betreuung der Eltern. Gesetzt den Fall, dass kein Familienmitglied transnationale Aktivitäten aufnimmt, kann jedoch der umgekehrte Prozess eintreten: Obwohl alle Kinder in der Nähe der Eltern leben, verfügen sie nicht über die Mittel, um den Eltern Hilfe zu leisten. Hingewiesen werden muss außerdem darauf, dass die Eltern häufig ihren erwachsenen Kindern helfen, sowohl den nicht migrierten (häufiger) als auch den migrierten (seltener). Die intergenerationellen Beziehungen charakterisieren sich hier also nicht über Ausbeutung, sondern gründen sich auf die gegenseitigen Abhängigkeiten der einzelnen Generationen in einer Familie.

Anmerkung

Die vorgestellte Analyse basiert auf quantitativen und qualitativen Daten (2010–2012) eines Forschungsprojektes unter der Leitung und Durchführung von Łukasz Krzyżowski. Das Untersuchungsmaterial umfasst 35 individuelle persönliche Tiefeninterviews, geführt mit älteren Eltern (70 Jahre+) polnischer Migranten, die in Island und Österreich leben. Die große Mehrheit der befragten Eltern hatte die Volksschul- oder eine Berufsausbildung absolviert und lebte auf dem Land und in Kleinstädten in Polen. Außerdem werden Ergebnisse quantitativer Untersuchungen herangezogen, die im statistischen Sinne nicht repräsentativ sind. Der Fragebogen für die quantitativen Untersuchungen wurde nach der Analyse der qualitativen Daten entwickelt. Die quantitativen Untersuchungen in Form von insgesamt 500 Telefoninterviews (März bis April 2012) wurden bei Personen im Alter ab 55 Jahren durchgeführt, die mindestens ein Kind haben, das aus Erwerbsgründen mindestens zwölf Monate migriert ist.

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Łukasz Krzyżowski

Łukasz Krzyżowski

Dr., Soziologe an der AGH Krakau (Akademia Górniczo-Hutniczna im. Stanisława Staszica w Krakowie), forscht im Bereich der Transmigrationssoziologie, der Alters- und der Familiensoziologie. Neben zahlreichen Publikationen hat er 2013 Migranci i ich starzejący się rodzice. Transnarodowy system opieki międzygeneracyjnej [Migranten und ihre alternden Eltern. Das transnationale System der intergenerationellen Betreuung], Warszawa: Wydawnictwo Naukowe Scholar, veröffentlicht.


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