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4.12.2013

Analyse: Der Deutsche heute. Die Wahrnehmung der Anwohner in der Grenzwoiwodschaft Lebuser Land

Welches Bild vom Deutschen haben die Einwohner der grenznahen Gemeinden der Woiwodschaft Lebuser Land? Hat der Beitritt Polens zur Europäischen Union Einfluss auf das Bild der Deutschen in Polen gehabt? Oder dominieren historische Ereignisse, insbesondere der zweite Weltkrieg, die polnische Wahrnehmung? Eine Reihe verschiedener Interviews mit Einwohnern aus dem Woiwodschaft Lebuser Land soll Aufschluss bringen.

"Nirgendwo in Europa hatten es zwei Nationen so schwer, wieder zueinander zu kommen." (© AP)


Die Einstellung der Polen gegenüber den Deutschen als Nachbarn unterlag besonderen Einflüssen, was sich vor allem aus den politischen Konflikten ergab, die im Laufe der Jahrhunderte in unterschiedlicher Stärke auftraten. Der Höhepunkt der Antipathie trat während des Zweiten Weltkrieges und nach seinem Ende im Zusammenhang mit den Grenzverschiebungen, der Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Gebieten und der Übersiedlung der polnischen Bevölkerung aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten und Zentralpolen auf. Hier stellt sich die Frage, inwieweit sich die negativen Erfahrungen auf das Bild des gegenwärtigen Deutschen auswirken. Welches Bild vom Deutschen wird heute im Bewusstsein der Polen gezeichnet, insbesondere derjenigen, die in grenznahen Gemeinden leben? Man könnte meinen, dass die Nähe der Grenze, ihre zeitweise Öffnung vor 1990 und schließlich der Beitritt Polens zur Europäischen Union 2004 und die immer intensiveren Kontakte der kulturellen und mentalen Annäherung von Polen und Deutschen dienen würden. Man könnte annehmen, dass die unmittelbaren Kontakte die Grundlage der Veränderungen in der Wahrnehmung unseres westlichen Nachbarn sind. Unterdessen zeigt die Analyse soziologischer Daten aus unterschiedlichen Quellen, dass die Angelegenheit nicht so eindeutig ist. Dies zeigen die Ergebnisse von Untersuchungen, die das Zentrum für die Untersuchung der Öffentlichen Meinung (CBOS 2011, 2012, 2013), das Institut für Öffentliche Angelegenheiten (ISP) und das Lebuser Zentrum für soziale Forschungen (Lubuski Ośrodek Badań Społecznych) durchgeführt haben. Aus ihnen geht hervor, dass die Deutschen trotz Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Gebieten häufiger als andere Nationen mit einer ablehnenden Haltung von Seiten der Polen konfrontiert werden. Obgleich die Sympathie langsam wächst, hält sich die Antipathie beständig auf demselben Niveau. Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass die Sympathie den Deutschen gegenüber zurückhaltend ist, obwohl Deutschland für die Polen als Reiseziel an erster Stelle steht, und zwar sowohl für Touristen als auch zu Erwerbszwecken. An der Tatsache ändert auch nichts, dass die Polen in den Deutschen immer häufiger einen guten Partner für Zusammenarbeit sehen. Um diese Situation zu erklären, werden hier Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung des Jahres 2011 vorgestellt, die im Rahmen der "Lebuser Gesellschaftlichen Umfrage" durchgeführt und in der nach dem Bild vom durchschnittlichen Deutschen gefragt wurde. Ziel der qualitativen Untersuchung war zu zeigen, ob und wie dauerhaft und unveränderlich (unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation von Einwohnern des Lebuser Land) die Meinungen der Grenzanwohner zum Thema Deutsche in unterschiedlichen Bereichen sind, als da wären das äußere Erscheinungsbild, Nachbarschaft, persönliche Eigenschaften, Arbeit in Deutschland und für Deutsche sowie die Meinungen darüber, wie die Beziehungen anderer Polen zu den Deutschen sind. Aus Platzgründen werden hier nur drei Aspekte dargestellt, das sind das äußere Erscheinungsbild der Deutschen, ihre persönlichen Eigenschaften und die Nachbarschaft, insbesondere hinsichtlich des Aspektes gegenseitiger Hilfe.

Das äußere Erscheinungsbild des Deutschen



Am sichtbarsten und daher auch mit entscheidend für die Charakterisierung eines Individuums ist das äußere Erscheinungsbild. Die Befragten der grenznahen Gemeinden äußern sich gern dazu, wenn ihre Urteile auch meistens wenig schmeichelhaft sind. Interessant ist, dass das Bild des Deutschen aus zwei einander entgegengesetzten Quellen generiert wird. Auf der einen Seite sind dies direkte Erfahrungen, aus denen heraus die Befragten das äußere Erscheinungsbild der Deutschen beschreiben, mit denen sie tatsächlich Kontakt hatten. Auf der anderen Seite wird auf dieses reale Bild ein Begriffsmuster gelegt, das sich aus historischen Vorurteilen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der DDR speist. Im Ergebnis wird das reale Bild der Gestalt des Deutschen durch eine Antipathie modifiziert, die nicht vollständig objektiv begründet ist. Auffällig ist, dass die Gesprächspartner eine deutliche Aufteilung der Deutschen nach Geschlecht vornehmen und die deutschen Frauen als eine eigene, deutlich weniger attraktive Kategorie behandeln. Das heißt, die Befragten beschreiben das Aussehen des deutschen Mannes anders, nämlich weniger kritisch, als das der deutschen Frau. Über den durchschnittlichen deutschen Mann heißt es beispielsweise: "Klar, selbstverständlich. Die Deutschen sind dick. Die meisten sind wirklich dick. Sie haben sehr hässliche Frauen, es gibt keine schönen. […] Sie kleiden sich hässlich. […] Die schönen [Frauen, Anm. d. Red.] sind bei uns. So ist es. Rotblond und blass [der deutsche Mann, Anm. d. Red.]. […] Der Deutsche muss blond sein, blaue Augen wie Hitler (lacht). […] Sie sind selten sonnengebräunt, bestimmt die Mehrheit der Deutschen trägt immer einen Ohrring, die meisten, und irgendwie im Gothic-Stil, weiß nicht, die sind irgendwie emo. Die laufen immer finster rum." (Männlich) "Die wollen zuviel von diesem Kebab (lacht). […] McDonald’s usw., wenn ich das sehe – da laufen die Dickerchen. Und dann essen die noch solche Kebabs, zwei auf einmal trägt er, wenn man das sieht – mein Gott. […] Nicht bei allen, aber wenn er geht, sieht man, dass da ein Deutscher geht. Das sieht man erstens an ihrer Kleidung, zweitens am Gang. Und manche sind, alle, wenn ein rein Deutscher geht, dann meistens ein Rotblonder mit Kastenkopf. Aber hier an der Grenze ist es schon vermischt, der Pole mit einer Deutschen oder Russen – so ist das jetzt." (Männlich, 35–45 Jahre) "Gepflegt und elegant gekleidet. Wenn man einen Polen und einen Deutsche sieht, dann zieht sofort die Aufmerksamkeit an, dass der eine eben der Deutsche ist. Das ist so, dass sie gepflegter sind und besser gekleidet, und Autos haben sie schönere, manchmal wenn man ein elegantes Auto sieht, dann ist klar, das ist ein Deutscher." (Weiblich) Das Aussehen der Deutschen wird meistens negativ beurteilt, wenn die Gesprächspartner auch gleichzeitig unterstreichen, dass die genannten physischen Defizite über Gegenstände, mit denen sich die Deutschen umgeben, wie elegante, gute Kleidung oder Autos, kompensiert werden. Generell sind die Korpulenz der Deutschen, ihr Trübsinn, ihr Teint und die Haarfarbe Gegenstand der Kritik. Dagegen werden die Aspekte des Äußeren (außer der Korpulenz), die für einen hohen Status der Person stehen können, positiv bewertet. Dies scheint auf Vorurteile hinzuweisen, aber weniger auf historisch bedingte, als eher auf solche, die aus einem Komplex der Befragten, das heißt aus dem Gefühl, gesellschaftlich niedriger gestellt zu sein, resultieren.

Die deutsche Frau



Das Aussehen der deutschen Frauen wird deutlich stärker der Kritik unterzogen als das des durchschnittlichen deutschen Mannes. Auch im Vergleich zu polnischen Frauen schneiden sie eindeutig schlechter ab. "Wenn man zum Beispiel deutsche und polnische Frauen nimmt, macht das Äußere, das ist ja bekannt, viel, viel mehr her. Die deutschen Männer, die älteren, sehen noch irgendwie nach was aus, aber die Frauen, meiner Meinung nach ist das eine Katastrophe." (Männlich, 35–45 Jahre) "Wir waren einmal bei einem Tanztreff, aber die deutschen Frauen sind keine Polinnen und man hatte keine Lust, allzu oft dorthin zu gehen. Der Unterschied in der Anmut der Polinnen und der Deutschen war, ist und wird sein. […] Ja, ja, ein großer, großer Unterschied. Ein großer Unterschied und auch eine andere Persönlichkeit. Ihr Polinnen seid zart, kokett und verführerisch. Die Deutschen sind so … die in der DDR waren so indoktriniert, kann man sagen. […] Grob waren die. Na, und das hat ja auch nicht gerade bewirkt… keiner meiner Kollegen hatte eine deutsche Freundin, aber viele Deutsche haben sich in Polinnen verliebt. […]Und früher war da auch ein großer Unterschied bei der Körperfülle, das heißt die Deutschen, besonders die Mädchen, waren dicker als die Polinnen." (Männlich, 35–45 Jahre) "Sie unterscheiden sich über die Autos. Für den Alltag haben sie ein altes Auto und dann ein neues. Das alte nehmen sie jeden Tag, zur Arbeit, für x Kilometer. Das neue Auto nehmen sie für weitere Fahrten. Weil sie sich das ganz einfach leisten können. Nehmen wir mal die Kleidung, vor allem die des weiblichen Geschlechts. Bei ihnen, egal ob Sonntag oder nicht, solche sportliche, halbsportliche Kleidung. In der Stadt ist es klar – Stöckelschuhe müssen sein, denn das sind Angestellte und so." (Männlich, 35–45 Jahre) "In Rostock gibt es sehr viele junge Menschen, ich weiß nicht, was da in Deutschland passiert ist, solche Abgewrackten, sehr viele. Junge dicke Mädchen, solche fetten, sitzen im Rollstuhl, jedes zweite im Rollstuhl oder an Krücken – schockierend." (Männlich, 35–45 Jahre) Selten stößt man auf Aussagen, die das Äußere der Deutschen, insbesondere der Frauen, positiv beurteilen. Hier muss allerdings festgestellt werden, dass diese deutliche negative Tendenz vor allem die Deutschen der ehemaligen DDR betrifft. Die Deutschen, die aus anderen Landesteilen kommen, werden deutlich häufiger positiv bewertet und schlechterdings als eine andere Nation betrachtet. Trotz der so von den Befragten vorgenommenen Kategorisierung der deutschen Gesellschaft lässt sich schwer bewerten, inwieweit es sich um Voreingenommenheit handelt und inwieweit die Grenzanwohner eine wirklichkeitsnahe Einschätzung der äußeren Erscheinung abgeben.

Persönliche Eigenschaften der Deutschen



Das Verhalten ist neben den Äußerlichkeiten der zweite wichtige Aspekt für die Identifizierung der Angehörigen einer Nation. Die Meinungen der Polen über die Deutschen sind hier deutlich milder geworden. Zwar weisen die Befragten auf die Distanz hin, die zwischen ihnen und den westlichen Nachbarn besteht, unterstreichen aber gleichzeitig, dass diese eher kultureller Natur als mentalitätsbedingt ist. Sie heben die Freundlichkeit der Deutschen hervor, ihre Kultur und Toleranz, aber auch ihren Schematismus und ihre Steifheit. Zwar gibt es Situationen, in denen die Deutschen laut auftreten, aber solche Fälle werden immer seltener beschrieben. "Ich denke, dass sie vor allem nicht so offen sind wie wir. Sie sind verschlossener, verhaltener, und ich denke, dass man ziemlich lange arbeiten muss, bis man sich ein Bild von dem betreffenden Freund oder der Freundin oder Bekannten machen kann. Sie sind nicht so überschwänglich, irgendwie beobachten sie sehr lange, zum Beispiel den Polen, und erst wenn sie überzeugt sind, erst dann entsteht Freundschaft, die Freundschaft ist dann super, aber dafür bedarf es viel Zeit. Sie, wie gesagt, sind irgendwie nicht so überschwänglich, sie sind nicht so wie wir Polen, wir sind herzlicher, freundschaftlicher. Die Barriere dieser Kälte richtet sich zwischen uns auf. Das ist nicht so wie allgemein bei den Polen, sie treffen sich nicht, sind zufrieden usw." (Weiblich) "Ich glaube, es wäre noch wichtig, über die Erziehung der Jugend zu sprechen, denn wir organisieren viele Sportlager, eben gerade im polnisch-deutschen Austausch. Was die Disziplin betrifft, sind unsere Kinder diszipliniert. Sie fragen nach vielen Dingen, ob sie vom Tisch aufstehen dürfen, ob sie in den Duschraum oder zur Toilette gehen dürfen, ob sie überhaupt die Anlage verlassen dürfen. Dagegen gibt es so etwas bei unseren Nachbarn überhaupt nicht. Die Kinder bemühen sich, die Regeln einzuhalten, denn es ist ja klar, das ist ein Sportlager, es gelten bestimmte Grenzen, aber es gibt mehr Unfug. Es gibt diese Disziplinierung nicht und häufig wundern sich gerade die Gäste, die Betreuer dieser Lager, dass unsere Kinder nachfragen. Sie fragen sogar, wo der Papierkorb ist, um Papier wegzuwerfen, aber die anderen nicht. Ich glaube, bei uns werden verschiedene schlechte Gewohnheiten noch rigoros angegangen, zum Beispiel in der Öffentlichkeit trinken, rauchen. Aber hier war es so, dass im Alter von 16, 17 Jahren Bier getrunken wurde, Zigaretten geraucht wurden, in der Gegenwart des Betreuers. Bei uns ist das nicht erlaubt." (Weiblich, 35–45 Jahre) "Sie haben eine kultiviertere Art Auto zu fahren mitgebracht, vor dem Zebrastreifen anhalten, um Fußgänger hinüberzulassen. Früher war das in Polen unvorstellbar, im Landesinneren gibt es das natürlich nicht. Wozu vor dem Zebrastreifen anhalten. Aber hier in den Orten an der Grenze, Słubice, Küstrin (Kostrzyn) ist das schon ganz normal, dass die Leute am Zebrastreifen anhalten. Eben so eine ruhige, kultiviertere Art zu fahren, andere Autos vorlassen, das scheint mir… ich erinnere mich, dass es am Anfang Irritationen gab – 'Was machen die Deutschen, was soll dieses Anhalten?', aber jetzt machen die Polen das auch. Natürlich nicht alle. Das ist ein sehr, sehr positiver Einfluss." (Weiblich, 35–45 Jahre) "Wenn man zum Beispiel im Geschäft in der Schlange steht, dann bleiben sie ruhig […] – das ist normal. Sie haben es nie eilig. Wir dagegen sehen zwei Personen vor uns mit Einkäufen, und schon fängt es an: 'Mein Gott, wo ist die zweite Kasse, und warum ist die hier zu' – sofort Aufregung, aber bei ihnen ist das nicht so. Das heißt, ich weiß nicht, ob es so ist, aber ich sehe das so." (Männlich, 35–45 Jahre) "Man kann sagen, dass die Deutschen verständnisvoller sind als die Polen. Man kennt das ja, wenn man so durch den Park geht, ich gehe meistens durch den Park, wir fahren da mit den Fahrrädern – immer ist es so, dass, wenn ein Deutscher da lang geht, egal ob älter oder jünger, er immer 'hallo' oder 'guten Tag' sagt oder so was. Und in Polen, ich weiß nicht, ich habe nicht gesehen, dass irgendein Pole 'hallo' oder so gesagt hätte. Man kann einfach sagen, dass die Deutschen mehr – ich weiß nicht, mutiger sind, kann man sagen." (Männlich, 35–45 Jahre) "Zum Beispiel als die Kinder kleiner waren, sind wir öfter zu McDonald’s gegangen, jetzt machen wir das selten, sporadisch, aber manchmal geht man noch – die lärmen viel rum, sehr laut sind sie, sie sitzen zusammen am Tisch, aber verhalten sich auf eine Art – ich würde sagen provokant. Als ob alle merken sollten, dass sie aus Deutschland sind." (Weiblich, 35–45 Jahre) "Ich bewundere ihre Sparsamkeit, ihre Ordnung, ihre Organisation. Da ist immer alles pünktlich, so wie es sein soll, man kümmert sich, man macht. Ich bewundere diese Eigenschaft, das ist ganz in meinem Sinne. Sie tun mir leid, dass sie in keinster Weise kreativ sind. In unserer Nation ist es so, dass, wenn sie uns, ich weiß nicht, ein Knäuel Schnur geben und zwei Schrauben, wir dann in der Lage sind, daraus einen Traktor zu machen. So ist das im Leben. Wenn sie etwas machen, machen sie das sehr sorgfältig und solide. Es darf nicht nachlässig gemacht werden, in Eile, schief usw. Das habe ich selbst erlebt, als unser Bekannter hier beim Bau geholfen hat. Obwohl er sich schrecklich beeilt hatte." (Weiblich) So sehr auch das Äußere der Deutschen einer scharfen Kritik von Seiten der Grenzanwohner unterzogen wird, so sehr äußern sie sich doch mit Bewunderung über deren persönliche Eigenschaften. Es scheint, dass die Zeit der Ängste und des kritischen Blicks auf die Deutschen langsam vorbei ist. Man kann eine deutliche Objektivierung der Einstellungen gegenüber dem westlichen Nachbarn beobachten sowie eine gewisse Reflexion über seine nationale Mentalität.

Nachbarschaft



Der Begriff der Nachbarschaft nimmt im Falle der hier analysierten Einwohner einen metaphorischen Charakter an und verbindet sich vor allem mit einer räumlichen Nähe, aber nicht mit einer Reihe von Verhaltensweisen, die traditionell dieser Begriffskategorie zugeschrieben werden, wie Kontakte, bei Besorgungen helfen, andere Arten von Hilfe o. ä. Die räumliche Nähe schafft nur die Voraussetzung dafür, dass sich engere Beziehungen entwickeln können. Aus den Antworten der Befragten geht hervor, dass gerade diese Nähe das positive Bild des Deutschen und des Polen bestätigt. "Nehmen wir an, meine Mutter sieht hier Deutsche – sie hat ihre Meinung völlig geändert. Denn die Deutschen hat sie immer mit einem Besatzer assoziiert, mit Hitler und überhaupt, und hier hat sie ihre Meinung geändert, denn die Deutschen sind genau solche Menschen wie wir – genau solche Frauen, genau solche Männer, es sind genau solche Menschen, nicht wahr? Es sei denn, dass jemand innerlich noch ein Trauma von vor 50 Jahren oder mehr mit sich trägt. Dann kann das sein – aber bei uns nicht." (Weiblich) "Als die Grenze offen war [in den 1970er Jahren, als die Einwohner der grenznahen Gemeinden unter Vorlage des Personalausweises die Grenze passieren konnten, Anm. d. Autorin] hatten wir viele persönliche Kontakte, auch meine Eltern haben sich mit zwei Familien befreundet. Eine aus Guben, Krüger, und die andere, Schultz, aus Groß Drewitz. Im Prinzip haben wir mit der Familie Schultz bis heute Kontakt, diesen Sonnabend waren wir zum Geburtstag von Getrud, nein, Elfriede, Elfriede Schultz, Elfriede wurde 74 Jahre alt, und bald Eberhard, ihr Mann, im Oktober wird er 80 Jahre. Im Grunde behandeln sie uns wie Angehörige, die Schultzes, das ist die Großfamilie Schultz, und im Grunde bestanden in jenen Jahren sehr enge Kontakte mit diesen beiden Familien. […] Heinz Krüger fuhr ganz einfach gleich nach der Grenzöffnung zu uns in die ulica Gdańska (Danziger Straße), denn sein Opa hatte in demselben Haus wie meine Eltern gewohnt. […] Er kam hierher, nach Hause. Er war von Natur aus ein Spaßvogel, vom ersten Treffen an entstand schon so eine Sympathie. Er erzählte über das Haus, wo und was, auch was der Opa gemacht hatte usw. Meine Eltern wohnten in der ulica Gdańska in Gubin und im Grunde bestand diese Bekanntschaft von Anfang an. Und sein nächster Bekannter war eben Eberhard Schultz, der in Zielona Góra geboren worden war, das heißt in Grünberg, hier, der sich auch irgendwie dafür interessierte, und wir haben diese beiden Familien kennengelernt und es waren sehr enge Kontakte, Kontakte mit den Kindern. […] Und ich bin in dieser Aura von im Grunde familiären Kontakten aufgewachsen, wir haben uns ausgetauscht, sind mit den Kindern an den Pinnower See gefahren. Eberhard Schultz hatte viele Kinder, zwei Söhne leben nicht mehr, und Krügers hatten auch zwei Kinder, Udo und Ute. Und im Grunde war das ein Kreis familiärer Kontakte." (Männlich) Die Einwohner des Lebuser Land unterstreichen, dass sich eine stärker ausgeprägte Form von Nachbarschaft in Ausnahmesituationen und bei Schwierigkeiten zeigt. Dann wird das schlafende Nachbarschaftspotential mobilisiert. So war es während des letzten Hochwassers, als die Grenzanwohner direkte Hilfe von den Deutschen erfahren haben. "Ich sage mal so, in jenem Jahr war bei uns das Hochwasser – hier ist an manchen Stellen noch zu sehen, dass es überschwemmt war, und die Deutschen waren sehr mitfühlend, sie kommen sogar bis heute und zeigen Interesse. Das heißt, man kann sagen, dass sie sehr menschlich sind." […] "Gab es irgendeine Art von Zusammenarbeit nach dem Hochwasser? Irgendeine Hilfe von der einen oder anderen Seite?" "Was Hilfe angeht – Handtücher und so etwas – so eine Form von Hilfe. Eher von Seiten der Deutschen für die Polen." (Weiblich) »Die Leute haben die deutsche Hilfe sehr gelobt, die deutsche Caritas sogar, sie haben Trockengeräte, Kleidung, andere Sachen, Fliesen gespendet, das alles erhielten die Leute, scheint mir, sogar mehr als aus Polen." (Männlich, 35–45 Jahre) Die Aussagen der Befragten zur Nachbarschaft zeigen deutlich, dass sich das Bild des Deutschen wesentlich zum Positiven wendet, was nicht nur die Postmigrationsgenerationen betrifft, die bereits nach der Übersiedlung aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten im Lebuser Land geboren wurden. Infolge der direkten positiven Erfahrungen überprüft auch die älteste Generation, die früher die deutsche Besatzung unmittelbar erlebt hatte, ihre Meinung.

Ergebnisse



Generell kann man für die Einwohner der grenznahen Gemeinden, also derjenigen, die mehr oder weniger direkt die Gegenwart des westlichen Nachbarn wahrnehmen, von einer Veränderung der Meinung der Polen über die heutigen Deutschen sprechen. Sichtbar wird dies insbesondere mit Blick auf die letzten 20 Jahre. Gleichzeitig ist es schwierig mit der Entschiedenheit, mit der die immer noch vorhandene Antipathie gegenüber dem westlichen Nachbarn aufrechterhalten wird. Bei der Bewertung der Deutschen tritt ein deutlicher Unterschied zwischen der Migrations- und der Postmigrationsgeneration auf. Letztere ist eindeutig weniger von historischen Ereignissen belastet und beruft sich viel häufiger auf direkte Erfahrungen, die in hohem Maße über die Beurteilungen des westlichen Nachbarn entscheiden. Die Veränderung des Deutschenbildes verläuft nicht ganzheitlich, sondern in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich. Traditionell betreffen Wahrnehmungsklischees vor allem das Aussehen der Deutschen. Hier kann man von einer gewissen Heterogenisierung des Bildes vom Deutschen sprechen, welches im Übergang zwischen dem Stereotyp und dem an die Realität angepassten Bild aufgrund von direkten Erfahrungen entsteht. Dies führt zu einer Dualität der Beurteilungen der Deutschen. Zum einen sind sie konkret und werden von einem Individuum, das konkrete Kontakte mit dem westlichen Nachbarn hat, abgegeben – diese sind bemerkenswert positiv. Zum zweiten verbinden sie sich mit dem verallgemeinerten Anderen, hier dominieren die Vergangenheit und begriffliche Übertragungen. Die Ergebnisse der Befragung können nicht in Gänze die Tendenzen widerspiegeln, die in der Gesamtbevölkerung der Polen sichtbar sind, denn hier wird der positive Einfluss sichtbar, den die direkte Erfahrung von Kontakten der Einwohner der grenznahen Region mit den Deutschen auf das Deutschenbild hat. Obgleich die Meinungen recht kritisch sind, lassen sich in ihnen ebenso wachsende Sympathie gegenüber der Nachbarnation feststellen.

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Dr. Żywia Leszkowicz-Baczyńska

Dr. Żywia Leszkowicz-Baczyńska

Dr. Żywia Leszkowicz-Baczyńska, Soziologin, arbeitet am Institut für Soziologie der Uniwersytet Zielonogórski (Universität Grünberg). Zurzeit forscht sie im Rahmen der Forschergruppe der »Lebuser Gesellschaftlichen Umfrage«, die sich seit 2005 mit Fragen der polnischen Westgrenze beschäftigt. Ihre weiteren Forschungsschwerpunkte sind Gender (die Situation des Mannes heute) sowie das Alter und alte Menschen.


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