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20.3.2020

Analyse: Besser geht’s nicht? Die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen nach 1990

Die wachsende Bedeutung der deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen lässt sich nicht nur an den Zahlen ablesen. Es gibt auch immer mehr Formate, um über Wirtschaftsfragen zu diskutieren – z. B. das kürzlich gegründete Deutsch-Polnische Wirtschaftsforum –, sowie zahlreiche neue Initiativen auf Regierungsebene.

Eine deutsche und eine polnische Flagge wehen zusammen an einem Mast. (© dpa)


Zusammenfassung

Die wachsende Bedeutung der deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen lässt sich nicht nur an den Zahlen ablesen. Es gibt auch immer mehr Formate, um über Wirtschaftsfragen zu diskutieren – z. B. das kürzlich gegründete Deutsch-Polnische Wirtschaftsforum –, sowie zahlreiche neue Initiativen auf Regierungsebene. Trotz großer politischer Differenzen sprechen Vertreter der Wirtschaftsressorts in beiden Staaten gern von ihren gemeinsamen Überzeugungen, wenn es um Industriestrategien, neue Technologien und europäische Wettbewerbspolitik geht. Und es ist nicht vermessen zu behaupten, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen sehr eng und vermutlich nie besser gewesen ist.

Aller Anfang ist schwer

Es hat eine ganze Generation gedauert, um an diesen Punkt zu gelangen. Noch vor dreißig Jahren hielt der durchschnittliche Westdeutsche das Chaos aus Hyperinflation, Misswirtschaft und Rückständigkeit jenseits der Oder für den Inbegriff der "polnischen Wirtschaft" – ein Stereotyp, das in den Briefen Georg Forsters zweihundert Jahre zuvor erstmals Erwähnung fand. Polen war Gegenstand von Vorurteilen und Witzen, weckte mitunter Schuldgefühle (deutsche Kriegsverbrechen) oder Sympathien ( Solidarność -Bewegung), Polen galt jedoch nie als ein Land mit einer soliden Wirtschaft, mit dem man Geschäfte machen konnte.

Der Blick von der anderen Seite hätte nicht gegensätzlicher sein können. Für die Polen war die Bundesrepublik Deutschland ein unerreichbares Vorbild an ökonomischer Rationalität, Ordnung und Organisiertheit. Der Kontrast zur verfallenden Volksrepublik war umso krasser als die Bundesrepublik Ende der 1980er Jahre ein "kleines Wirtschaftswunder" erlebte und sich eines großzügigen Sozialstaats und einer starken D-Mark erfreute. Nicht die fernen USA waren Bezugspunkt und Sehnsuchtsort, sondern die Bonner Republik mit dem 123er Mercedes-Benz, den Aldi-Konsumtempeln und der oft illegalen Saisonarbeit. Damals bedurfte es einer gehörigen Portion Fantasie, um sich Polen als zukünftigen Partner für diese wohlhabende Welt vorzustellen.

Zu denjenigen, die über ein solches Vorstellungsvermögen verfügten, gehörte zweifelsohne der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident der Republik Polen, Tadeusz Mazowiecki, der auf der Suche nach einem "polnischen Ludwig Erhard" auf Leszek Balcerowicz und dessen radikale marktwirtschaftlichen Reformen setzte. [1] Eine schmerzhafte Therapie: Viele Firmen und Branchen gingen bankrott, die Folge war Arbeitslosigkeit, was wiederum hohe gesellschaftliche Kosten verursachte. Doch der freie Markt begann zu funktionieren – als Erstes im Handel. Dank der offenen Grenzen florierten in Deutschland die "Polenmärkte", während sich die Aldi-Ware von Słubice bis Biłgoraj auf den Straßenmärkten stapelte. Die Schocktherapie zwang auch größere Unternehmen, die nun ohne staatliche Subventionen und "gegenseitige Wirtschaftshilfe" [2] auskommen mussten, neue Absatzmärkte zu suchen. Als Ersatz bot sich die Bundesrepublik an – zumal der Handel mit dem westlichen Nachbarn bereits vor 1989 im Wachsen begriffen war. Westdeutschland war nah und groß als Markt, galt aber auch als ein schwieriges Pflaster für die marktwirtschaftlich unerfahrenen polnischen Unternehmen.

Deutschland selbst setzte anfangs eher auf Tschechien und Ungarn. [3] Auf den Wandel in Polen reagierte man zunächst ungläubig und vorsichtig. Dies hatte nicht nur mit negativen Stereotypen zu tun. Belastet wurden die Beziehungen zu Polen auch durch die enormen Auslandsschulden, die noch aus Giereks Zeiten stammten. Jeffrey Sachs, einer der Väter der Schocktherapie in Polen, verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass sich Deutschland lange Zeit geweigert habe, einer Restrukturierung der polnischen Verpflichtungen zuzustimmen, da man keinen Präzedenzfall schaffen wollte. Nachdem 1994 ein Teil der Schulden erlassen worden war, begann das Vertrauen in Polen zu wachsen. Westliche Banken und Großunternehmen wurden jenseits der Oder aktiv. Nur eine Fahrstunde von Berlin entfernt entstand ein großer, aufnahmefähiger Markt mit niedrigen Kosten und gut ausgebildeten Arbeitskräften. Die Zusammenarbeit intensivierte sich: Betrug der Handelsaustausch 1990 noch 7,5 Milliarden Euro, so waren es acht Jahre später bereits über 20 Milliarden Euro.

Triebkräfte

Die marktwirtschaftliche Transformation war in den 1990er Jahren der Motor der deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen. Die Ausweitung des Handels wurde aber auch durch die europäische Integration befördert – zunächst durch die Schaffung einer Freihandelszone mit der EU, später durch die Vollmitgliedschaft. Der immer konkreter werdende gemeinsame Wirtschaftsraum überzeugte schließlich auch die Skeptiker auf deutscher Seite davon, dass die Zusammenarbeit mit Polen nicht nur vorübergehender Natur war, sondern Gelegenheit für langfristige Investitionen, Produktionsverlagerungen und dauerhafte Wirtschaftskooperationen bot. Den Polen wiederum gab der EU-Beitritt Selbstsicherheit auf dem deutschen Markt – insbesondere den Bauern und kleineren Firmen. Mit der Mitgliedschaft verbunden waren zudem EU-Zuschüsse in Milliardenhöhe, woraufhin in Polen die Nachfrage nach hochwertigen Investitionsgütern förmlich explodierte. Niemand war besser auf diesen Boom vorbereitet als die deutschen Firmen, die seit Jahrzehnten auf Maschinen, Baudienstleistungen und Autos spezialisiert waren. Dies führte dazu, dass der Handelsumsatz (Im- und Exporte zusammen) zwischen beiden Ländern, der sich 2004 auf knapp 35 Milliarden Euro belief, vier Jahre später bereits mehr als 66,5 Milliarden Euro betrug. Deutschland erwirtschaftete dabei einen beträchtlichen Handelsüberschuss.

Die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen profitierten – auch wenn das paradox klingen mag – von der Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa nach 2008. Angesichts der sinkenden Nachfrage mussten deutsche Firmen ihre Produktionskosten senken und ihre Lieferketten rationalisieren. Infolgedessen wurden teure Zulieferer, zum Beispiel im Süden Europas, durch billigere, aber keineswegs schlechtere Anbieter östlich der Oder ersetzt. Mit anderen Worten: Die Krise trieb der polnischen Wirtschaft auf Kosten Italiens, Spaniens und Portugals neue Kunden zu. Unter südeuropäischen Wirtschaftsexperten wird bis heute die Ansicht vertreten, eine der schwerwiegendsten Folgen der Krise sei der Verlust deutscher Handelspartner und Investoren gewesen, die ihre Geschäfte in den Osten der EU verlagert hätten. Das spiegelt sich in den Zahlen wider: Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Polen stieg 2016 auf über 100 Milliarden Euro. Die Krise machte sich in den Jahren nach 2008 nicht nur in der Statistik bemerkbar, sondern wirkte sich auch auf die Wahrnehmung Polens aus. In Deutschland wurde aufmerksam registriert, dass sich Polen, vor dem Hintergrund allgemeiner Stagnation in Europa, durch ein solides Wachstum, stabile öffentliche Finanzen und sinkende Arbeitslosenzahlen auszeichnete. Die "polnische Wirtschaft" wurde für jüngere deutsche Manager mehr und mehr zu einem unverständlichen Stereotyp.

Interessengemeinschaft

Die wachsende Verflechtung beider Volkswirtschaften wirkte sich auch auf die gegenseitigen Interessen aus. Es bildeten sich in hohem Maße gemeinsame Vorstellungen heraus, wie Wirtschaftspolitik im Zeitalter fortschreitender Integration, technologischen Wandels und zunehmender Globalisierung aussehen sollte.

Erstens, beide Länder wurden, bei Fragen nach internationalem Freihandel und offenen Märkten, zu Verbündeten. Der Grund liegt auf der Hand: Die Bundesrepublik Deutschland exportierte 2018 Waren im Wert von insgesamt mehr als 1,3 Billionen Euro – das entspricht 40 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts. Die polnische Exportabhängigkeit war mit Ausfuhren im Wert von 204,3 Milliarden Euro, umgerechnet etwa 43 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, sogar noch etwas größer. Deutschland und Polen beobachten daher in einträchtiger Sorge den Handelskrieg zwischen den USA und China, der eine neue Ära des Protektionismus einläutet. Ablehnend stehen beide auch dem Konzept eines "Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten" gegenüber, das z. B. in Frankreich und im Süden der EU beliebt ist. Eine flexible Integration käme einer Einladung gleich, den offenen Europäischen Wirtschaftsraum zu zerstückeln. Der Brexit lässt Deutschland und Polen weiter zusammenrücken, denn der Austritt des liberalen Großbritanniens aus der EU schwächt die Anhänger des Freihandels – in dieser Situation schließt man besser die Reihen.

Zweitens, Polen und Deutschland haben ähnliche Vorstellungen von Finanzdisziplin und Geldwertstabilität. Dies lässt sich durch die traumatischen Erfahrungen mit der Hyperinflation in beiden Ländern erklären, hat aber sicherlich auch mit Handelsinteressen zu tun. Eine unberechenbare makroökonomische Politik führt leicht zu Preisschwankungen und damit zu Verzerrungen der terms of trade  – was für Exportnationen wie Deutschland und Polen wiederum schnell zu einem ernsten Problem werden kann. Das hohe Maß an Übereinstimmung in diesem Bereich hatte für beide Länder auch einen politischen Nutzen. Polen konnte sich mit seinem relativ niedrigen Defizit und seiner moderaten Staatsverschuldung als Teil des stabilen "Nordeuropas" präsentieren und so das ungeliebte Etikett "Emerging Market" loswerden. Während Deutschland im Streit mit Frankreich und dem Süden der EU darauf verweisen konnte, dass es in seiner Prinzipienfestigkeit in puncto Ausgabendisziplin nicht allein dastand.

Drittens, es liegt im Interesse Polens und Deutschlands, dass an der Strukturpolitik und den Transferzahlungen an die weniger wohlhabenden EU-Mitgliedsstaaten festgehalten wird. Für Polen – ein Empfängerland – ist es eine Chance, die Modernisierung zu beschleunigen und den Lebensstandard auf dem Land anzuheben. Die EU-Strukturpolitik ist für den deutschen Steuerzahler zwar kostspielig – Deutschland ist Nettobeitragszahler –, fördert zugleich aber auch die Nachfrage nach deutschen Produkten. Von jedem in den EU-Haushalt eingezahlten Euro fließen mindestens 80 Cent in Form von Aufträgen an die deutsche Wirtschaft zurück. Beide Seiten haben also gute Gründe, diese Politik zu verteidigen.

Und viertens, Deutschland und Polen bilden – zusammen mit den Visegrád-Staaten – ein starkes Wirtschaftscluster, das von deutschen Industriekonzernen und dessen mitteleuropäischen Zulieferern angeführt wird. Wir alle sitzen im gleichen Boot: Wenn "Made in Germany" sich nicht mehr verkauft, sinken automatisch auch die Aufträge für "Made in Poland". Die wachsende Technologiemacht Chinas und die digitale Dominanz der USA, die europäische Firmen im internationalen Wettbewerb zunehmend an den Rand drängen, müssen sowohl Deutschland als auch Polen Sorgen bereiten. Beide Länder stehen vor neuen Herausforderungen, z. B. vor der schwierigen Frage, wie große, international wettbewerbsfähige Firmen "europäische Champions" schaffen können, ohne den Wettbewerb innerhalb der EU zu beeinträchtigen.

Asymmetrie und Politik

Angesichts des hohen Verflechtungsgrades und der gemeinsamen Interessen kann man sicherlich – wie Niklas Becker, Leiter von "Germany Trade & Invest" in Warschau, es formulierte – von einem "neuen Niveau in den Wirtschaftsbeziehungen" zwischen Deutschland und Polen sprechen. Trotz der Freude über das Erreichte – vor dreißig Jahren hätte man davon nicht zu träumen gewagt –, darf man die Probleme, offene Fragen und Risiken nicht vergessen. Wie man mit diesen umgeht, wird für die zukünftige Gestalt der deutsch-polnischen Beziehungen von entscheidender Bedeutung sein.

Als belastend für die Wirtschaftsbeziehungen könnten sich die enormen Asymmetrien erweisen, die sich in der Handelsstruktur zeigen: Einerseits dominieren Halbfertigprodukte aus Polen, andererseits fertige Hightechware aus Deutschland. Noch auffälliger sind die Unterschiede bei den Direktinvestitionen. Während deutsche Firmen in Polen 35 Milliarden Euro investierten (Stand Ende 2017), erreichte das polnische Engagement auf dem deutschen Markt gerade einmal ein Volumen von einer Milliarde Euro. Manche führen dies auf die rasche Öffnung des polnischen Marktes für Auslandskapital nach 1989 zurück, ein Grund dafür dürften aber auch die begrenzten Kapitalressourcen und das geringe Forschungs- und Entwicklungspotential der polnischen Unternehmen sein. In einem 2019 veröffentlichten Ranking der innovativsten Volkswirtschaften nimmt Deutschland den achten Platz ein, der Rückstand auf die führenden Skandinavier ist allerdings nicht allzu groß. Polen dagegen steht seit Jahren konstant an viertletzter Stelle, hinter ihm rangieren nur noch Kroatien, Rumänien und Bulgarien.

Die Ansicht, ein derartiges Ungleichgewicht sei für Polen auf Dauer schädlich, da es sämtliche Merkmale einer abhängigen Entwicklung aufweise, hat unter den wirtschaftlichen und politischen Eliten Polens viele Anhänger. Es drohe eine "Kolonisierung" des heimischen Markts, der Transfer enormer Gewinne ins Ausland, die Zementierung eines Wettbewerbsmodells, das sich lediglich auf Niedriglöhne stützt, und schließlich eine politische Abhängigkeit. Verstärkt werden diese Befürchtungen dadurch, dass Deutschlands Bruttoinlandsprodukt mit 3,4 Billionen Euro sieben Mal so groß wie Polens Wirtschaft ist – und dass der Abstand in den letzten Jahren nicht kleiner wird, sondern wächst.

Eine naheliegende Reaktion wären wachstumsfördernde Reformen mit dem Ziel, die Innovationskraft der polnischen Volkswirtschaft zu stärken, um auf diese Weise eine größere Symmetrie in den deutsch-polnischen Beziehungen herzustellen. Aufgrund von historischen Ressentiments und Ängsten vor einer politischen Dominanz Deutschlands könnte man aber versucht sein, einen anderen Weg einzuschlagen, der darauf zielt, eine größere wirtschaftliche Unabhängigkeit von Deutschland anzustreben, einzelne Branchen zu "repolonisieren" und die Bindung an andere Wirtschaftsmächte zu stärken. Leider befördert Deutschland selbst derartige Gedankenspiele, indem es z. B. den Bau der Erdgaspipeline "Nordstream 2" forciert. In Polen betrachtet man dieses Projekt nicht nur als rein wirtschaftliche Kooperation mit Russland, unter Nichtbeachtung der Partner in der Region, sondern auch als einen Schritt, um bei der Energieversorgung in diesem Teil Europas dauerhaft zum dominierenden Akteur zu werden. Der Ausbau der Zusammenarbeit mit den USA und die Drei-Meere-Initiative können in diesem Kontext als Versuch interpretiert werden, ein Gegengewicht zur wirtschaftlichen Abhängigkeit von Deutschland zu schaffen.

Andere Prioritäten

Eine Vertiefung der ökonomischen Beziehungen kann zusätzlich durch unterschiedliche Prioritäten in der Wirtschaftspolitik erschwert werden. Besonders deutlich wird dies bei Klima- und Energiefragen. Während Polen betont, an der Kohleförderung festhalten zu wollen, und nur zögerlich auf erneuerbare Energien umstellt, erklärt Deutschland – trotz seiner Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen – die "grüne Transformation" zu einem langfristigen, strategischen Ziel staatlichen Handelns. Der Preis für CO2-Emissionen wird sicherlich steigen, wodurch sich deutsche Produkte verteuern, die mit Hilfe fossiler Energieträger hergestellt werden. Werden Importe aus Polen, wo der Kohleanteil bei der Energieerzeugung weiterhin hoch sein wird, auf dem deutschen Markt wettbewerbsfähig bleiben? Doch dies ist nicht das einzige Problem. Die unterschiedlichen Positionen beim Klimaschutz werden möglicherweise bei den Verhandlungen über den mehrjährigen EU-Finanzrahmen für die Jahre 2021–2027 zwischen beiden Ländern für Zündstoff sorgen. Denn Deutschland wird darauf drängen, dass mehr EU-Gelder in die Dekarbonisierung der Wirtschaft fließen – zu Lasten traditioneller Mittelverwendungen, wie z. B. die Verbesserung der Infrastruktur in den ärmeren Mitgliedsstaaten.

Der nächste Punkt betrifft den Zweifel, wie weit der deutsch-polnische Konsens überhaupt reicht, wenn es um Regeln des freien Markts und des Wettbewerbs geht. Man hat den Eindruck, dass er vor allem für den Freihandel gilt, und es in anderen Bereichen der Wirtschaftspolitik wesentlich schlechter um ihn bestellt ist. In den letzten Jahren beschwerten sich polnische Unternehmen immer häufiger über das Ausmaß der Regulierung und protektionistische Praktiken in Deutschland. Die Autoren des Berichts "Neue Interdependenz" ("Nowa współzależność"), dessen Publikation vom polnischen Ministerium für Unternehmertum und Technologie gefördert wurde, listen zahlreiche Handelshemmnisse auf dem deutschen Markt auf: Beschränkungen in der Transportbranche, das Mindestlohngesetz und die Entsenderegeln für Arbeitnehmer. Dies kommt nicht von ungefähr. In Deutschland wächst die Akzeptanz für Interventionismus, und diese Tendenz wäre noch stärker spürbar, würde es der Wirtschaft momentan nicht so gut gehen. Ein "weicher" Protektionismus gewinnt auch im polnischen Kapitalismus an Popularität, wovon die lebhaften Diskussionen über die "Repolonisierung" wichtiger Branchen und die Schaffung "nationaler Champions" sowie die Kritik an der marktwirtschaftlichen Logik auf dem Arbeitsmarkt zeugen. Warum ist das so wichtig für die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen? Die Logik von Politik und Protektionismus – auch wenn es sich nur um eine "weiche" Spielart handelt – verdrängt die Vertrags- und Marktlogik, was das Streit- und Konfliktpotential erhöht, vor allem wenn die günstige Konjunktur mal zu Ende geht.

Uneinigkeit herrscht zwischen Deutschland und Polen auch bei der Frage nach der Zukunft der europäischen Integration, insbesondere bei der Frage nach der Mitgliedschaft in der Eurozone. Die Polen sind mehrheitlich gegen eine Übernahme der Gemeinschaftswährung (55 Prozent), und wenig deutet darauf hin, dass sich daran in den nächsten zehn Jahren etwas ändern sollte. Anders die Deutschen: 81 Prozent sind mit dem Euro zufrieden, und die Regierung hat in den vergangenen Jahren viel Energie darauf verwendet, die Währungsunion zu stärken und zu reformieren. Es ist nicht auszuschließen, dass es in absehbarer Zeit einen gemeinsamen Finanzminister, einen großen Haushalt und eine europäische Arbeitslosenversicherung für die Eurozone geben wird. Das würde bedeuten, dass diese in Zukunft mehr und nicht weniger gemeinsame Initiativen ergreifen wird, und über die wichtigsten Wirtschaftsfragen in der EU die Mitglieder des gemeinsamen Währungsraumes entscheiden werden. Infolgedessen wird sich die Aufmerksamkeit Deutschlands stärker auf die Angelegenheiten der Eurozone konzentrieren – auf Kosten jener Mitgliedsstaaten, die nicht zum "harten Kern" der EU gehören. Es ist also durchaus denkbar, dass sich Deutschland wirtschaftspolitisch enger mit den baltischen Staaten, der Slowakei und Slowenien abstimmen wird als mit Polen – zumal es auf deren Stimmen angewiesen ist, um günstige Regulierungslösungen durchzusetzen. Diese Länder werden daher eher Grund haben, von einem "neuen Niveau in den Beziehungen" zu Deutschland zu sprechen.

Schwarze Schwäne

Es sind jedoch nicht nur die asymmetrischen Verhältnisse und die divergierenden Interessen, die den Ausbau der ökonomischen Zusammenarbeit behindern. Eine weitere Herausforderung für die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen sind die sogenannten "schwarzen Schwäne", schwer vorhersehbare Ereignisse, deren Folgen noch unvorhersehbarer sind.

Ganz oben auf der Liste der hypothetischen "schwarzen Schwäne" steht eine mögliche Weltwirtschaftskrise, die das von Auslandsmärkten abhängige Deutschland ins Mark treffen könnte. Dass ein solches Szenario nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigte sich im ersten Halbjahr 2019, als die Bundesrepublik, unter dem Einfluss von Handelskriegen und einer wachsenden globalen Unsicherheit, ein negatives Wirtschaftswachstum verzeichnete. Falls dieser Abschwung anhalten sollte und sich zu einer Rezession auswüchse, würden davon auch Polen und Ostmitteleuropa betroffen sein: Die Folgen wären weniger Aufträge und Investitionen, zudem wird die wachsende Arbeitslosigkeit in Deutschland die Arbeitskosten senken, wodurch der Kostenvorteil der polnischen Unternehmen geringer ausfallen würde. Auch die Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik würde sich möglicherweise in eine für Polen ungünstige Richtung entwickeln. Stagniert die Wirtschaft, wird Deutschland eher dazu neigen, zu protektionistischen Maßnahmen zu greifen, was polnischen Firmen und Arbeitnehmern den Zugang zum deutschen Markt erschweren dürfte. Erneut – wie schon in der Krise Anfang der 2000er Jahre – würden Politiker Unternehmen scharf kritisieren, die ihre Produktion an kostengünstigere Standorte ins Ausland verlagern, unter anderem nach Polen. Und falls sich darüber hinaus die Situation der öffentlichen Finanzen verschlechterte und die sagenhaften deutschen Handelsüberschüsse sich in Defizite verwandelten, würde die Bundesrepublik nicht mehr so ohne Weiteres gewillt sein, Milliardenbeträge in den EU-Haushalt einzuzahlen.

Auch der technologische Fortschritt ist ein potenzieller "schwarzer Schwan". Es ist nicht auszuschließen, dass Deutschland bei der Digitalisierung, den neuen Informationstechnologien und der Elektromobilität den Anschluss an die USA und China verliert und aus der Gruppe der führenden Wirtschaftsmächte ausscheidet. Ein eng mit Deutschland verflochtenes Polen würde dies schmerzlich zu spüren bekommen: Denn sobald deutsche Produkte weltweit weniger nachgefragt werden, verbuchen auch Partnerunternehmen und Zulieferer Einbußen. Doch auch das gegenteilige Szenario, dass Deutschland eine technologische Revolution durchmachen und weiter internationale Spitze bleiben wird, birgt Risiken für Polen. Angenommen es käme im Rahmen dieser Revolution zu einer Umstellung der Industrieproduktion auf 3D-Druck, würde die Fertigung nahe am Endkunden in automatisierten FabLabs stattfinden, in denen die Arbeitskosten nur noch eine marginale Rolle spielen. Billige polnische Zulieferer wären dann überflüssig.

Dieser Prozess wird natürlich eine Weile dauern, aber am Ende kann er gravierende Folgen für die bisherigen Wirtschaftspartner der Bundesrepublik Deutschland haben. Es ist fraglich, ob wir in Zukunft in demselben Umfang wie bisher Handel treiben werden, wenn Kühlschränke, Autoteile oder ganze Fahrzeuge – je nach Ort der Bestellung – in der Nähe von Richmond, Kapstadt oder Moskau "ausgedruckt" werden können. Möglicherweise wird sich der Handel im Industriezeitalter 4.0 auf 3D-Drucker, Druckmaterialien und Computerprogramme für das Drucken von Gütern, nicht aber auf die Güter selbst konzentrieren. In diesem Fall wird das bisherige Modell der deutsch-polnischen Zusammenarbeit mit einem hohen Anteil an "hartem" Warenaustausch schon bald der Vergangenheit angehören.

Ein notwendiger Anker

Die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen der letzten dreißig Jahre sind eine Erfolgsgeschichte. Deutschland erschloss sich neue Märkte, schuf neue Gewinnmöglichkeiten durch Investitionen und bekam preiswerte und hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte, was die Wettbewerbsfähigkeit seiner Unternehmen auf dem Weltmarkt erhöhte. Polen dagegen erhielt Zugang zum deutschen Markt, Kapital und Technologie, und seine Firmen konnten an den Geschäften deutscher Konzerne mitverdienen und auf dem internationalen Markt Erfahrungen sammeln. Aus diesen Verflechtungen erwuchsen gemeinsame Interessen: Man tritt für eine offene Weltwirtschaft ein, für Ausgabendisziplin in der EU und für eine Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit.

Doch das Erreichte macht Appetit auf mehr. Im Idealfall sollten Deutschland und Polen ein Bündnis mit gemeinsamen wirtschaftspolitischen Zielen schließen, mit Hightech-Standorten beiderseits der Oder sowie mit einem ähnlichen Lohnniveau und Lebensstandard. Es gibt viele Gründe, weshalb es dazu vielleicht nicht kommen wird – angefangen von den zutiefst asymmetrischen Beziehungen bis hin zu möglichen Krisen. Aber es ließe sich auch einiges tun, damit es vielleicht doch geschieht.

Zum Beispiel könnte man gemeinsam ein Großprojekt anschieben, das aufgrund seines Umfangs auch eine politische Dimension hätte – ähnlich wie die Airbus-Kooperation mit Frankreich oder der Pipeline-Bau mit Russland (Nordstream). In den Beziehungen zwischen Deutschland und Polen fehlt es an einem solchen Prestigeprojekt. Man mag einwenden, die Schaffung eines neuen Technologiekonzerns in der Elektromobilbranche, die Gründung einer großen Forschungseinrichtung oder ein regionales Infrastrukturprojekt wären Ausdruck eines kostspieligen Staatsinterventionismus. Das stimmt, allerdings hätten diese Projekte auch das Potential, Vertrauen zu schaffen, wodurch das politische Problem der asymmetrischen Beziehungen reduziert würde. Solche ehrgeizigen Unternehmungen könnten zudem neue Kompetenzen, Wissen und gemeinsame Interessen generieren und somit das bisherige Schema "deutsches Zentrum – polnische Peripherie" aufbrechen. Ihr Erfolg wäre ein starker Anker für die Wirtschaftsbeziehungen beider Staaten – ein nützlicher Anker in unsicheren Zeiten.

Übersetzung aus dem Polnischen: Andreas Volk

Dieser Text erscheint in "Jahrbuch Polen 2020: Polnische Wirtschaft", herausgegeben vom Deutschen Polen-Institut, Wiesbaden: Harrasowitz Verlag 2020. Für weitere Informationen zum Jahrbuch 2020 siehe Seite 18.

Lesetipp

Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer AHK: Wirtschaftsprofil Polen. Land, Leute, Geschäfte. https://ahk.pl/fileadmin/AHK_Polen/OA/Publikationen/Wirtschaftsprofil_Polen.pdf (abgerufen am 12.03.2020).
Gemeinsam herausgegeben werden die Polen-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Fußnoten

1.
Siehe "Man muss kämpfen …" (Gespräch mit Leszek Balcerowicz), Jahrbuch Polen 2020 Polnische Wirtschaft, S.165–184, Wiesbaden 2020.
2.
Der Rat der Gegenseitigen Wirtschaftshilfe, auf den hier angespielt wird, 1949 gegründet, koordinierte den Außenhandel der ehemaligen Ostblockstaaten. Er wurde 1991 infolge der politischen Umwälzungen in den Mitgliedstaaten aufgelöst (Anm. d. Red.).
3.
Siehe Jan Opielka: "Ein Vergleich, kein Vergleich – Die transformierte Ökonomie in Polen und Tschechien", Jahrbuch Polen 2020 Polnische Wirtschaft, S.185–192, Wiesbaden 2020.

Sebastian Płóciennik

Zur Person

Sebastian Płóciennik

Sebastian Płóciennik, promovierter Ökonom und Jurist, leitet seit 2014 das Forschungsprogramm EU und Weimarer Dreieck am Polnischen Institut für Internationale Angelegenheiten (PISM). Er ist zudem Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Vistula University in Warschau. Zu seinen Forschungsgebieten zählen deutsche Wirtschaftspolitik, die Eurozone und Institutionenökonomik.


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