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3.9.2009

Radio Maryja

"Um unserem Vaterland zu helfen"

Rassistische und antisemitische Inhalte sind bei Radio Maryja an der Tagesordnung. Doch trotz zahlreicher Klagen kam es bisher zu keinem Ermittlungsverfahren. Andererseits werden ironische Bemerkungen über den Papst mit hohen Geld- und Freiheitsstrafen geahndet.

Eine Nonne geht entlang des Hauptquartiers des katholischen Radios Maria in Torun entlang. (© AP)


Der polnische katholische Radiosender Radio Maryja besitzt eine recht zweifelhafte Popularität, denn das Radio bringt sich vor allem durch seinen Nationalismus sowie antisemitische und rassistische Inhalte in die Schlagzeilen. Erst wieder vor kurzem machte Tadeusz Rydzyk, Leiter und Gründer des Radios, von sich reden, als er im Wallfahrtsort Tschenstochau einen togolesischen Franziskanermönch mit den Worten begrüßte: "Noch ein Schwarzer. Oh Gott, der hat sich noch nie gewaschen!" In der Vergangenheit ließ sich Rydzyk über die "talmudistische" Verlogenheit der liberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza aus, beschimpfte den Staatspräsidenten Lech Kaczyński als Betrüger, der sich der jüdischen Lobby füge und empfahl der Präsidentengattin sich als erste der Euthanasie zur Verfügung zu stellen, da sie sich nicht strikt gegen Abtreibung ausspricht. Die polnische Kultur sei bedroht von Juden, Freimaurern und einem einheimischen Antipolonismus, so der Tenor des Radios. Verschwörungsszenarien und der Ausverkauf Polens – wahlweise durch Freimaurer, Juden, Kommunisten oder die EU – sind die beiden Motivfelder, die das Radioprogramm beherrschen.


Wenn auch zuletzt wiederholt gegen Tadeusz Rydzyk und andere Feuilletonisten seines Radios Klage eingereicht wurde, kam es bislang zu keinerlei rechtlichen oder personellen Konsequenzen. So wies zuletzt die Staatsanwaltschaft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens ab. Bei der Äußerung über den Franziskanermönch habe es sich nicht um Rassismus, sondern eher um einen "unangebrachten Scherz" gehandelt. In anderen Fällen reagierte man allerdings weitaus rigider: So wurde gegen einen Obdachlosen Haftbefehl erlassen, weil er in betrunkenem Zustand den Präsidenten beleidigt haben soll, oder verurteilte den ehemaligen Regierungssprecher und Herausgeber des satirischen Wochenblatts Nie, Jerzy Urban, zu einer Geldstrafe von umgerechnet rund 5.000 Euro, weil er sich ironisch über den Gesundheitszustand von Papst Johannes Paul II. geäußert hatte. Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft zusätzlich eine Haftstrafe von 10 Monaten auf Bewährung gefordert.

Radio Maryja ist eine Bewegung der katholischen Basis. Unter dem Namen Familie Radio Maria ist sie heute vielerorts fester Bestandteil der Gemeindestrukturen – übrigens auch der deutschen polnischen Gemeinden. Man könnte das Phänomen um Pater Rydzyk also als eine zu vernachlässigende Angelegenheit innerhalb der katholischen Kirche betrachten. Dieser Blickwinkel ändert sich allerdings, wenn man verfolgt, wie die Akteure ein wichtiger Teil des politisch-gesellschaftlichen Lebens in Polen geworden sind. Durch direkte Wahlempfehlungen und personelle Verflechtungen auf parlamentarischer Ebene ist das Radio zu einer nicht zu unterschätzenden politischen Kraft geworden.

Das Radio

Das polnische Radio Maryja besteht seit 1991. Die Idee stammt aus Italien; mittlerweile existieren weltweit eine Vielzahl von »Radio Marias«. Die polnische Variante allerdings entwickelte sehr schnell eine Eigendynamik, so dass sie heute weit mehr ist als nur ein kircheninternes Kommunikationsorgan. Die Sendelizenz hält der Orden der Redemptoristen in Warschau. Und so untersteht Radio Maryja im Unterschied zu anderen katholischen Sendern keiner Diözese, sondern der polnischen Provinz der Redemptoristen und damit dem Generalat des Ordens in Rom – und letztlich dem Papst. Der Orden ist außerhalb Polens über das Radio äußerst gespalten, im Land selbst allerdings werden die Aktivitäten des charismatischen Paters sowohl von seinem Orden als auch von der polnischen Bischofskonferenz mitgetragen.

Neben Gebeten, Meditationen oder Übertragungen von Messen nehmen Sendungen zur Tagespolitik und politische Feuilletons den größten Raum ein. Gerade im Nachtprogramm, das zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens ausgestrahlt wird, stößt man auf besonders viele xenophobe Äußerungen. Es wird allein von Hörerbeiträgen strukturiert (in die sich Pater Rydzyk gerne telefonisch einschaltet); die moderierenden Patres pflichten dann gerne den Anrufern bei oder lassen die Beiträge unkommentiert stehen. Während Radio Maryja und seine Anhänger Kritikern den Versuch der Zensur vorwerfen, praktiziert das Radio direkte Zensur bei Hörermeinungen – bspw. als eine Hörerin erzählt, abgetrieben zu haben. Sie wird technisch durch den Einbau eines Delays erreicht und ermöglicht es, die bei Satellitenübertragungen übliche Verzögerung dazu zu nutzen, unerwünschte Redebeiträge zu unterbrechen.

Die unternehmerischen Aktivitäten Radio Maryjas und seines Direktors sind vielfältig. Zu seinem "Wirtschaftsimperium" gehören neben dem Radio ein Satellitenfernsehen, eine private Journalistenhochschule, ein Gymnasium, mehrere Stiftungen und Aktiengesellschaften, eine im Bau befindliche Erdwärmeanlage sowie seit jüngstem auch ein eigenes Mobilfunknetz mit dem Namen inderFamilie. Eng mit dem Radio verbunden ist außerdem die national-katholische Tageszeitung Nasz Dziennik. Und schließlich entsteht auf dem Gelände der Hochschule, das den Namen Centrum Polonia in Tertio Millennio trägt, ein ehrgeiziges Projekt mit tropischen Gärten, Heilbädern, Sanatorium, Amphitheater sowie einem zweistöckigen monumentalen Kirchenbau, der über 3.000 Gläubige fassen soll. Allein die Kosten für die Kirche sollen sich auf umgerechnet fast 25 Mio Euro belaufen.

Symbiose aus Religion und Politik

Die spezifische Brisanz des Radios liegt in der symbiotischen Verbindung von Religion und Politik. Besonders augenfällig wurde dies unter der Regierung der Kaczyński-Zwillinge. Fast täglich traten damals führende Regierungsmitglieder in Radio Maryja oder seinem Fernsehableger, TV Trwam, auf. Durch die hohe Regierungspräsenz erfuhr Radio Maryja eine starke Aufwertung und informelle Institutionalisierung als "Hofberichterstatter". So waren es Radio und Fernsehen Pater Rydzyks, die 2006 exklusiv und vor allen anderen Medienvertretern über das Zustandekommen der damaligen Regierungskoalition informiert wurden. Ein bislang beispielloser Vorgang.

Der Funkturm des Radio-Senders Maria in Torun. (© AP)

Mit dem Regierungswechsel 2007 ist der politische Anspruch des Radios und seines Umfelds keineswegs erloschen. Polen und der Kampf um die "richtige" nationale Identität bilden das zentrale Anliegen von Radio Maryja. Für die letzten Wahlen zum EU-Parlament wurde mit der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) der Brüder Kaczyński eine gemeinsame Liste gebildet. Im Umgang mit Radio Maryja geht es also auch um die Pflege bestimmter Wählerschichten. Es ist eine Klientel der "Modernisierungsverlierer", Menschen aus strukturschwachen ländlichen oder industriellen Problemregionen. Die Dienste des Radios werden offenbar im rechtskonservativen Lager als unverzichtbar angesehen. Die größte Hörergruppe des Radios findet sich dabei in der Altersklasse der über 60-Jährigen, darunter überdurchschnittlich viele Frauen.

Eines der großen Rätsel ist die Frage, woher das Kapital für die vielfältigen unternehmerischen Aktivitäten Pater Rydzyks stammt. Die Finanzgeschäfte des Senders sind äußerst undurchsichtig mit unterschiedlichen Aktiengesellschaften des Vertrauten und Mitbruders Pater Król, die Begleichung von Kaufsummen mit Koffern voller Bargeld und zweifelhaften Börsenspekulationen. Als konfessionell gebundene Körperschaft finanziert sich Radio Maryja nach eigenen Angaben allein aus freiwilligen Spenden seiner Hörer. Ihre Höhe und Herkunft bleibt aber weitgehend im Dunkeln. Ein wichtiger Sponsor ist jedoch offenbar der in Uruguay lebende Millionär Jan Kobylański, eine zentrale Figur der lateinamerikanischen Polonia und einstiger Vertrauter des 1989 gestürzten paraguayischen Diktators Alfredo Stroessner.

Paradoxien

Das "Phänomen Radio Maryja" begleiten eine ganze Reihe von Paradoxien. So kann man dem Radio eine Randständigkeit als katholischer Tendenzbetrieb und Plattform antisemitischer Verschwörungstheorien attestieren. Zugleich aber kann es sich erfolgreich als politische Kraft behaupten: als bevorzugtes Medium der letzten Regierung, mit Politikern als regelmäßigen Talkgästen des Senders und einer gemeinsamen Liste zum EU-Parlament mit der derzeit zweitgrößten Partei Polens. Soll eine der Stiftungen auf der einen Seite um über 7 Mio Euro verschuldet sein, erlebt man auf der anderen Seite eine ungebremste wirtschaftliche Expansion mit dem Bau der Erdwärmeförderanlage, des gigantischen Kirchenprojekts oder dem eigenen Mobilfunknetz. Und schließlich handelt es sich um ein Agieren am Rande oder auch jenseits der Legalität und zwar sowohl nach Kirchen- als auch nach polnischem Recht.

Die dringendste Frage ist, weshalb der Sender und sein Leiter einerseits verlacht werden, andererseits die Tätigkeit Tadeusz Rydzyks als überaus erfolgreich bezeichnet werden muss. Dabei lässt sich zum einen beobachten, wie dadurch eine besondere Art eines zivilgesellschaftlichen Journalismus entstanden ist mit arbeitsaufwändigen privaten Homepages, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Licht in das Dickicht um den Sender zu bringen, Internetparodien und Blogs zu Radio Maryja. Zum anderen sagt es etwas aus über eine Gesellschaft und ihre Judikative, dass der Sender bislang keine Konsequenzen zu fürchten hatte, auch wenn sicherlich nur ein kleinerer Teil der polnischen Bevölkerung hinter dem von Radio Maryja propagierten xenophoben und antisemitischen Weltbild steht.


Der Artikel basiert auf einer Untersuchung zu Populismus und Antisemitismus in Radio Maryja: "Im Apostolat der Medien" – Antisemitismus und Nationalismus im polnisch-katholischen Sender Radio Maryja. In: Richard Faber / Frank Unger (Hg.) 2007: Populismus in Geschichte und Gegenwart. Wiesbaden, 105-129 (mit weiteren Quellenangaben und Beispielen). Eine Kurzfassung erschien in den Polen-Analysen 16/2007.

Bettina-Dorothee Mecke

Zur Person

Bettina-Dorothee Mecke

Studium der Germanistik und Slawistik. Sie ist Lektorin und Übersetzerin und arbeitet an einer Dissertation zum Polnischen Fernsehen.


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